Zum Sterben gibt's keine Devisen
Englands galoppierende Dollarschwindsucht warf Schatzkanzler Sir Stafford Cripps aufs Krankenbett. Etwa gleichzeitig in die Meldung vom erfolgreichen Abschluß der Commonwealth-Konferenz über die Dollarkrise platzte eine als Sensation empfundene Erklärung von Premierminister Attlee, Cripps werde sich zu einer sechswöchigen Kur in die Schweiz begeben.
Binnen Stunden waren die wildesten Gerüchte im Umlauf. Man sprach davon, daß mit dem Urlaub Cripps' sein Ausscheiden aus dem Amt vorbereitet werden solle. Attlee selbst, der während der Abwesenheit Sir Staffords das Schatzamt übernimmt, widerlegte diese Kombinationen. Er werde genau die gleiche Finanzpolitik durchführen, die Cripps vergangene Woche im Unterhaus verkündet habe, erklärte er. Außerdem soll Cripps zusammen mit Außenminister Bevin an den im September in Washington stattfindenden anglo-amerikanischen Ministerbesprechungen teilnehmen.
Der britische Schatzkanzler ist tatsächlich krank. Er leidet seit langen Jahren an einer chronischen Darmerkrankung, die sich in den letzten Wochen erheblich verschlechtert haben soll. Viele Engländer glauben nicht so recht an die amtlichen Versicherungen, daß es sich bei dem Dickdarmkartarrh von Sir Stafford um nichts Ernstliches handle. Denn das Finanzministerium ist bei der Zuteilung von Devisen für eine Auslandstour sehr streng. Cripps selbst kennt die Regeln sehr genau, die sein für solche Fragen eingesetzter medizinischer Beirat aufstellte.
Bei seiner auch von der Opposition anerkannten Integrität ist es unvorstellbar, daß er seinen Krankheitsfall Attlee unterbreitet hätte, wenn es wirklich nur um eine Ruhekur oder um eine gewöhnliche Behandlung im Zürcher Sanatorium Bircher-Benner*) ginge. Für solche Zwecke bewilligt der Beirat keine Devisen.
Eine andere Kategorie von Fällen, in denen der Beirat hart bleibt, wenn es sich um hoffnungslos unheilbare Krankheiten handelt. "Zum Sterben braucht man keine Devisen", argumentierte eins seiner Mitglieder einmal.
Diesmal bewilligte Attlee persönlich die erforderlichen Devisenbeträge für den Schweizer Kuraufenthalt des Schatzkanzlers. Regierungsanhänger und Opposition fanden sich zu gemeinsamem lauten Beifall. Noch wenige Minuten vorher hatten sie Cripps' Wirtschaftspolitik heftig angegriffen.
Cripps holte sich seine chronische Darmkrankheit als Ambulanz-Chauffeur im ersten Weltkrieg. Seitdem ist er Vegetarier. Das erste Anzeichen einer Verschlimmerung vor wenigen Wochen war - nur im engen Kreise bemerkt - das Einstellen des Pfeifenrauchens. Er stand nicht mehr um vier Uhr früh auf wie sonst und arbeitete auch nicht mehr bis spät in die Nacht.
Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit zeigte Cripps sich jetzt auch manchmal
ungeduldig. Es fiel beispielsweise auf, als er letzte Woche Churchill im Unterhaus mit den für ihn höchst ungewöhnlichen Worten abfertigte: "Ich hoffe, die Hitze hat Sie, im Gegensatz zu Ihren Manieren, nicht angegriffen".
Die Londoner Zeitung "Sundey Express" behauptet, Cripps habe in den letzten drei Jahren wiederholt heimlich in dem südenglischen Sanatorium Roffey Park bei Horsham mehrere Tage Ruhe gesucht, zuletzt im Februar. Roffey Park ist eine Nervenklinik, die während des Krieges zur Heilung von Neurosen eingerichtet wurde. Die meisten Patienten unterziehen sich dort einer Behandlung durch elektrischen Schock und eine Art Narkose mit Hilfe von Rauschmitteln, die zwei bis drei Tage lang jede geistige Gereiztheit beheben.
Cripps hat in der letzten Zeit nicht nur seiner Gesundheit Opfer gebracht. Auch von seinem persönlichen Vermögen wurde einiges abgezwackt. Durch seine eigene Besteuerungspolitik. Wie alle kapitalbesitzenden Engländer mußte er sich zu der von ihm selbst dekretierten einmaligen Kapitalsabgabe verstehen. Cripps gehört neben dem Versorgungsminister George Strauß, der vom ehemaligen Metallhändler zum Millionär aufstieg, zu den vermögendsten Mitgliedern der Labour-Regierung.
Die Cripps' waren immer vom Glanz des Reichtums umgeben. Ihr Wohlstand wurde durch Sir Staffords Heirat, die zu einer langen glücklichen Ehe führte, noch vergrößert.
Als Sir Stafford 1889 geboren wurde, verdiente sein Vater, Sir Charles Alfred Cripps (der spätere Lord Parmoor), als Rechtsberater und Verteidiger jährlich viele Tausende. In weniger als zehn Jahren machte Sir Charles weit über 100000 Pfund Sterling. Gemessen an den Schätzungen seines Sohnes über den augenblicklichen Wert des Pfundes, würde diese Summe heute immerhin 250000 Pfund Sterling entsprechen.
Auch der junge Stafford neigte schon früh dazu, Geld zu verdienen. Sein Bruder Freddie verriet kürzlich, er habe schon als Kind kapitalistische Neigungen gezeigt. Stafford und der dritte Bruder Leonard richteten damals im Kinderzimmer einen Tee-Ausschank ein. Sie lauerten den Gästen der Eltern auf und verkauften ihnen eine Tasse Tee für 6 Pence. Da der Tee heimlich aus der Speisekammer gestohlen wurde, war das Geschäft für die beiden "Gastwirte" recht einträglich.
Einige Jahre später war Sir Stafford damit beschäftigt, für seinen Vater in einer Redaktion in High Wycombe konservative Literatur versandfertig zu machen. Dort traf er die 19 Jahre alte Isabel Swithinbank. Sie verliebten sich und heirateten im Jahre 1919.
Miss Swithinbank war eine Fruchtsalz-Erbin. In den 1860er Jahren betrieb ihr Großvater, James Crossley Eno, eine kleine Drogerie in Newcastle-on-Tyne. Viele seiner Kunden waren Seeleute. Sie kamen zu ihm, um ihre Verdauungsbeschwerden heilen zu lassen. Mr. Eno bereitete ihnen ein besonderes Pulver. Es wirkte prächtig, und der Name "Eno's Fruchtsalz" wurde bald ein fester Begriff.
Die Verkäufe stiegen ins Ungemessene. Die Seeleute nahmen die Päckchen mit ins Ausland. Bald war "Eno" in Tokio und Peking genau so bekannt wie in London und Birmingham. Das Fruchtsalz brachte Eno das größte Vermögen ein, das je ein Hersteller von Patentmedizinen verdiente.
Als Mr. Eno 1915 87jährig starb, wurde sein Besitz auf fast zwei Millionen Pfund Sterling geschätzt. Den größten Teil des Geldes erbten seine beiden Töchter. Eine dieser Töchter, Amy, war mit Mr. H. W. Swithinbank verheiratet, einem Direktor des Eno-Betriebes. Eine ihrer drei Töchter war Isabel, die jetzige Lady Cripps
Als Swithinbank 1929 starb, hinterließ er den Crippsens 146000 Pfund Sterling. 1942 starb Mrs. Swithinbank. Ihr Besitz wurde auf 215000 Pfund eingeschätzt und zu gleichen Teilen unter Lady Cripps und ihren Geschwistern aufgeteilt.
Inzwischen hatte auch Sir Stafford als Rechtsanwalt ein Einkommen, das selbst das seines Vaters übertraf. Mit 40 Jahren wurde er 1930 Generalanwalt der sozialistischen Regierung. Die Annahme dieses mit über 6000 Pfund Sterling im Jahr dotierten Postens bedeutete für ihn, wie er sagte, ein finanzielles Opfer von wenigstens 5000 Pfund jährlich.
1939 brachte ihm seine Tätigkeit zwischen 30000 bis 35000 Pfund ein. Doch trotz dieses hohen Einkommens und trotz der verschiedenen lukrativen Erbschaften lebten die Cripps' recht bescheiden. Er selbst entwickelte sich zum Asketen und begnügte sich mit rohen Früchten und Gemüse, saurer Milch und Schwarzbrot. Er trank keinen Alkohol. Und jetzt mußte er auch noch auf sein einziges Laster, den Tabak, verzichten.
Cripps erklärte kürzlich einmal, "die Politik der hohen Besteuerung ist äußerst erfolgreich, und jeder ist damit einverstanden". Für die meisten Engländer ist es allerdings nur ein schwacher Trost, daß Sir Stafford selbst von seiner eigenen Medizin einen kräftigen Schluck genommen hat.
*) Das Sanatorium, in dem Cripps schon verschiedentlich Erholung suchte, wurde von dem inzwischen verstorbenen Schweizer Arzt Dr. Maximilian Oskar Bircher (Benner) gegründet. Bircher vertrat lange vor der modernen Vitaminlehre eine Ernährung und Ernährungsbehandlung, die besonders auf Rohkost Wert legt. Von ihm stammen u. a. das Bircher-Müsli und das Bircher-Brot
