Bock in Uniform
Der Schlüssel einer Zellentür des Wiener Landesgerichts drehte sich geräuschvoll im Schloß. Der Insasse, Häftling Dr. Heynal, ein ungarischer DP, angeklagt wegen öffentlicher Gewalttätigkeit und Zollhinterziehung, blickte interessiert auf. Ein Besucher trat ein und stellte sich als Funktionär der österreichischen Zollbehörde vor.
Der Besucher kam gleich zur Sache: "Sie kennen doch alle prominenten Schieber! Und die suchen wir. Merken Sie was, Menschenskind? Wir brauchen Sie, kommen Sie zu uns!"
So wurde der Häftling Dr. Heynal ein Lockspitzel (Dr. Heynal: "Agent provocateur, wenn ich bitten darf!"). Der Strafantrag wegen öffentlicher Gewaltanwendung fiel geheimer Gewalt zum Opfer und verschwand, die Zollhintergehung wurde ihrerseits hintergangen
Dr. Heynal verließ die gastliche Zelle. "Auf Wiedersehen", sagte der Wärter aus purer Gewohnheit. Dr. Heynal fand das abscheulich. Hingegen fand er seine neue Zollbeamten-Uniform reizend. Das sanfte Grün des Tuches war die rechte Farbe für einen Dress der Gärtnergilde, die vom Bocke kommt. Und was dem Gärtner die Sense, war Dr. Heynal die Pistole, die man ihm offiziell an der Hüfte befestigte.
Dr. Heynal wurde einem Team zur Bekämpfung des Zigaretten-Schleichhandels zugeteilt. Mit den drei echten Zollbeamten Weninger, Wonder und Geißler und einem Lockspitzel-Lehrling namens Omat ging er auf die Pirsch. Bei Schwechat, in der Nähe von Wien, machten sie einen fetten Fang. Ein Lastwagen mit zwei Millionen Zigaretten wurde beschlagnahmt. Handelswert: 750000 DM.
Die drei echten Zollbeamten schmunzelten und dachten an Beförderung. Dr. Heynal klärte sie auf: "Unter- oder Ober-Beamter, alles Unsinn. Geld allein macht glücklich, sonst nichts. Titel sind leerer Wahn. Wir zweigen eine Million Zigaretten für uns ab, die andere Million wird abgeliefert."
Dr. Heynals größerer Intellekt siegte mühelos. Das Team ließ die Schleichhändler ungeschoren entweichen und lagerte eine Million Zigaretten in einer Garage ein. Das war ein Fehler. Denn die um ihr Gut geprellten Schleichhändler schlichen in die Garage und klopften mit dem Pistolenknauf so lange auf den Kopf des Wächters, bis der die Zigaretten-Million herausgab.
Der Wächter hielt den Klopfgeistern bei der späteren Verhandlung keine üble Nachrede. "Sie hätten ärger zuschlagen können", konstatierte er zufrieden.
Etwas später arbeitete das Team, inzwischen vermehrt um einen weiteren Lockspitzel, einen entsprungenen Häftling, auf der Serpentinen-Straße des Rieder-Berges, wenige Kilometer westlich von Wien. Dort war von jeher ein Treffpunkt der Wegelagerer. Echte Zollbeamte, falsche echte Zollbeamte und falsche Zollbeamte lauerten dort in den Büschen auf Opfer.
Es kam dem Team gerade recht, als der Motor eines den Berg hinaufkeuchenden Lastwagens aussetzte, der Chauffeur aussteigen und ihm auf den Rücken tupfen mußte. Das Team war rasch zur Stelle und beschlagnahmte 400000 Zigaretten. Dr. Heynal teilte sie brüderlich auf. "Glatte Rechnung, gute Freunde", dozierte er. "Der Staat kriegt nichts, denn der ist nicht unser Freund."
Aus irgendeinem dummen Grund flog das Team schließlich auf. Mit allen Reservespielern. Und mit der Jugendmannschaft. So drückten jetzt 18 Mann vorm Wiener Landesgericht die Anklagebank Niemand kannte sich recht aus, wer Schieber, wer Spitzel, wer Zollbeamter war. Im Auditorium saß ein luxuriös ausgestattetes Publikum: Schleichhändler, undressiert in Freiheit.
Der Staatsanwalt war peinlich berührt und verlangte Ausschluß der Oeffentlichkeit. Der Senat lehnte ab. Die Oeffentlichkeit habe ein Recht zu erfahren, ob Lockspitzel offiziell verwendet würden. Die Oeffentlichkeit erfuhr, daß tatsächlich offiziell Lockspitzeldienst am schweren Kunden betrieben wird. Ein Verteidiger bemühte in diesem Zusammenhang die Zoologie und erklärte, daß der Fisch von oben stinke.
Bei der Urteilsverkündung des Senats kam Dr. Heynal am schlechtesten weg. Er wurde zu zehn Monaten schweren Kerkers und 30000 Schillingen verurteilt. Begründung: das sei gerade sein Verdienst an der Schwechater Zigarettenmillion, da ein Lockspitzel für eine aufgebrachte Zigarette drei Groschen erhalte. Pikiert stellte Dr. Heynal fest, daß er aus dem Schwechater Coup 33333 Schillinge und 33 Groschen zu erhalten habe. Sein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl zwinge ihn, diesen Einwand zu machen.
Einer der Verteidiger forderte abschließend den Senat auf, den österreichischen Rechtsurwald gründlich zu säubern und das Lockspitzel-Unwesen prinzipiell zu verurteilen. Der Senat erklärte sich für nicht zuständig.
