Wir sind keine Unteroffiziere
Das ist keine Demokratie. Ich gehe", protestierte mit korsischem Akzent der bisherige gaullistische Fraktionschef in der französischen Kammer, Paul Giacobbi. Mit ihm verlor das "Rassemblement du Peuple Francais" (RPF) des Generals de Gaulle mehr als ein Mitglied (vergl. Spiegel 29, Panorama). Es verlor eine entscheidende Schlacht um Frankreich.
Der Korse Giacobbi, ehemaliger Minister de Gaulles in Algier und im ersten Nachkriegskabinett in Paris, ist ein alter, treuer Anhänger des langen Generals. Er gehört der radikalsozialistischen Partei an und war bis zu dem Augenblick, da er die Tür hinter sich zuknallte, Präsident der parlamentarischen "Intergruppe" des gaullistischen "Rassemblements".
Das "Rassemblement" ist keine Partei im geläufigen Sinne, sondern eine "Sammlungsbewegung". Es war deshalb bisher möglich, einer der alten politischen Parteien anzugehören und gleichzeitig eine führende Rolle im "Rassemblement" zu spielen. Durch diese "politische Bigamie" konnte de Gaulle mit Erfolg die bürgerlichen Parteien durchsetzen.
Doch seit jeher besteht ein latenter Konflikt in de Gaulles RPF zwischen den Parlamentariern und den extremistischen "Militanten". Die folgen unter Führung von Soustelle, Malraux und Baumel blind und ehrfürchtig ihrem Chef und träumen von der absoluten Macht, der Diktatur des Generals. Die anderen, parlamentarisch geschult, bedächtig, an Kompromisse gewöhnt, suchen den Ausgleich zwischen dem General und der Republik.
De Gaulle selbst, der die Parlamentarier braucht, sie aber im Grunde seines Herzens verachtet - auch für ihn ist, nach berühmtem Vorbild, ein Parlament nichts als eine "Schwatzbude" - , hält es mit den Militanten. Für ihn ist der RPF nichts als eine Armee, die ihm zur Machtergreifung verhelfen soll.
Die Parlamentarier haben in de Gaulles Bewegung keinerlei Autorität. Keiner von ihnen sitzt im neugegründeten Direktionskomitee. Vergeblich verlangten sie bisher, an der Spitze Giacobbi und der stark rechts orientierte Barachin, der dem RPF die ehemaligen faschistischen Feuerkreuzler (PSF) des Obersten La Rocque zuführte, einen Platz an der gaullistischen Sonne.
Ein an sich unbedeutender Zwischenfall lieferte den Zünder für die offene Parteirevolution. Vier gaullistische Parlamentarier unterstützten bei den letzten Kantonal-Wahlen einen dem RPF nicht genehmen, unabhängigen Kandidaten.
Dieser Disziplinbruch ging den Militanten de Gaulles über die Hutschnur. Die vier Schuldigen wurden aus der Sammlungsbewegung ausgeschlossen. Doch nun trat Giacobbi als Präsident der parlamentarischen Gruppe auf den Plan. Er erklärte dem General: "Wenn diese Leute ausgeschlossen werden, gehe ich."
De Gaulle, an absoluten Gehorsam gewöhnt, hielt seine Entscheidung aufrecht. Worauf Giacobbi mit Jacques Soustelle, dem ersten Vertrauensmann des Generals, telefonierte: "Nennt ihr das Demokratie, wenn man Männer maßregelt, ohne sie überhaupt angehört zu haben? Je m'en vais."
Darauf erklärte sich auch die gesamte parlamentarische Gruppe des RPF mit ihrem Chef Giacobbi solidarisch. "Wir sind keine Unteroffiziere, die sich von Generälen herumkommandieren lassen", schimpfte der Abgeordnete Montel.
Die Demission des korsischen Ex-Ministers ist endgültig. Mit den anderen versucht Soustelle noch ins reine zu kommen. Aber der Bruch in den Reihen der gaullistischen Sammlung kann kaum noch gekittet werden. Die Bewegung fällt allmählich auseinander.
Giacobbi ist nicht irgendwer. Mit ihm büßt de Gaulles Sammlung auf dem linken Flügel die zahlreichen radikalsozialistischen Parteigänger ein. Mit Barachin splittern auf dem rechten Flügel die Leute der PRL (Parti Republicain de la Liberté) und die ehemaligen Feuerkreuzler ab. So verliert de Gaulle mit einem Schlage die Republikaner in seinen Reihen und die faschistischen Elemente. Es bleiben die gaullistischen Gottesanbeter und die Militärfanatiker.
Der unzugängliche General spürt, daß ihm die Felle davonschwimmen. Er hat seinen Anhängern die unmittelbare Machtergreifung so oft angekündigt, daß nun eine Ernüchterung unvermeidlich ist. Fanatiker darf man nicht allzu lange warten lassen.
Charles de Gaulle setzte auf drei Karten, die ihm die Massen zutreiben sollten: 1. den finanziellen Zusammenbruch, 2. den konstitutionellen Zusammenbruch und 3. den Krieg. Er setzte falsch.
Frankreichs Finanzen besserten sich wesentlich. Die Verfassung ist auch in den Augen vieler gemäßigter Franzosen reformbedürftig, aber entgegen den Voraussagen des Generals gibt es nicht alle drei Wochen eine Regierungskrise. Und der Krieg, auf den de Gaulle am meisten spekulierte, scheint ebenfalls in weite Ferne gerückt.
Der General kann noch eine vierte Karte spielen, die bei dem augenblicklichen Stand der Wirtschaft nicht unterschätzt werden darf: die drohende Arbeitslosigkeit. Sie ist nach Meinung der Gegner de Gaulles eine große Gefahr für die Republik. Denn Arbeitslose sind leicht zu fangen.
