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DER SPIEGEL

Sieg über die Sieger

Die Regierung läßt die Kriegsverbrecher von Procida frei!" So lauteten die Schlagzeilen der italienischen Presse. Die Zeitungen aller Richtungen varen sich einig wie selten. Alle stimmten dem eigenmächtigen Gnadenakt der De-Gasperi-Regierung zu, der diplomatische Verwicklungen bringen kann. Die 22 Kriegsverbrecher aber haben mit ihrem einwöchigen Hungerstreik über die Sieger des letzten Krieges gesiegt.
Auf der Insel Procida, zwischen Neapel und Ischia, liegt Italiens größtes und bekanntestes Zuchthaus. Dort wurden nach Kriegsende alle überlebenden Vertreter des verflossenen Regimes konzentriert. Minister und Marschälle, Gauleiter und Brigadeführer. Bis auf den einstigen Jugendführer Renzo Ricci und den langbärtigen Ex-Afrikaminister Terruzzi haben sie längst alle die Insel verlassen, sind freigesprochen oder amnestiert.
Nur 22 Gefangene fielen unter keine Amnestie. Kein Gericht konnte ihre Prozesse wieder aufrollen. Das römische Justizministerium erklärte sich für unzuständig. Der Oeffentlichkeit sagten ihre Namen nichts, und ihre einstigen Richter waren unerreichbar weit. Die Sieger hatten die 22 Kriegsverbrecher vergessen, und die Verlierer wagten sich nicht an das heiße Eisen.
Denn die 22 sind in der unmittelbaren Nachkriegszeit von alliierten Kriegsgerichten als Kriegsverbrecher verurteilt worden. Ehe die Sieger abzogen, verpflichteten sie Italien im Friedensvertrag, alle von ihnen gefällten Urteile anzuerkennen. So blieben auch die 22 Italiener auf Procida zurück. Ohne Richter oder Verteidiger, in einem italienischen Zuchthaus, ohne daß auch nur ein einziger Italiener sie für Verbrecher hielt.
Am wenigsten tat das die italienische Regierung, die alle Größeren längst hatte laufen lassen. Die fünf Offiziere, die fünf Unteroffiziere und die zwölf Soldaten aber, die hinter den weißgekalkten Mauern auf Procida saßen, hatten nur das getan, was die meisten anderen an ihrer Stelle auch getan hätten.
So der Soldat Ido Turchi, der auf dem Flugplatz von Grosseto einen notgelandeten alliierten Flieger erschoß, nachdem er gerade zugesehen hatte, wie dort 72 Kinder von feindlichen Tieffliegern mit MG-Garben tödlich getroffen wurden. Oder der Oberst Turco, der den zypriotischen Anführer einer Meuterei in einem Kriegsgefangenenlager niederschoß, als er von ihm mit einem Beil bedroht wurde.
Oder der Polizeiwachtmeister Paraquallo, der für die bloße Aufnahme eines Protokolls von der Ermordung eines alliierten Fallschirmjägers durch einen Zivilisten mit zehn Jahren Gefängnis bestraft wurde.
Oder die übrigen Offiziere und Soldaten, die entsprechend ihren Befehlen auf flüchtige Kriegsgefangene schossen oder auf solche, die während alliierter Luftangriffe Lichtzeichen gaben. In einer Urteilsbegründung heißt es, daß man nicht die Person des Angeklagten, sondern das durch ihn vertretene System strafen wollte.
Alle 22 Gefangenen haben jetzt zwischen drei und vier Jahren ihrer Strafen verbüßt. In dieser Zeit machten sie zahllose Eingaben an die italienischen Behörden, an Truman und den englischen König, sandten Telegramme an den amerikanischen General Clark und die Prinzessin Elisabeth und versuchten, die Prinzessin Margaret Rose auf Capri für sich zu interessieren. Es war alles vergeblich. Jeder erklärte sich für unzuständig oder hüllte sich in Schweigen.
Da griffen die 22 als Kriegsverbrecher abgestempelten und archivierten Gefangenen zum letzten Mittel: sie traten in den Hungerstreik. In der Strafanstalt von Procida waren sie alle in derselben Zelle untergebracht. An den Wänden entlang standen die 22 Betten, in der Mitte ein großer Tisch Ihn bedeckten die Gefangenen mit einer italienischen Fahne, stellten darauf das Bild eines von den Engländern vor drei Jahren erschossenen Generals, legten sich ins Bett und streikten geschlossen.
Ein Tag nach dem andern verging. Der Hungerstreik der Kriegsverbrecher kam in die Presse, vor das Parlament und die Regierung. Trotz Fernschreiben und Blitztelefonaten arbeitete die Bürokratie im Schneckentempo.
Langsam verzehrten sich die Kräfte der Gefangenen. Doch immer wieder rief sie der ranghöchste Zelleninsasse, Oberst Turco, zum Durchhalten auf Neapels berühmteste Rechtsanwälte setzten sich für sie ein.
Endlich, am siebten Tag des Hungerstreiks, kam der erlösende Funkspruch. Der italienische Justizminister gab den 22 Gefangenen die Freiheit zurück. Eine "bewachte Freiheit" allerdings. Denn die Befreiten müssen weiter auf Procida bleiben, wo sie vom Zuchthaus in eine Schule übersiedeln. Sie müssen schwören, die Insel nicht zu verlassen, solange die jetzt von der Regierung vorbereitete Revision ihrer Prozesse nicht beendet ist.
Niemand weiß genau, ob die italienische Regierung zu diesem Eingriff in die alliierte Rechtsprechung berechtigt war. Doch die Regierung hat ein reines Gewissen und weiß das Volk hinter sich.
Die 22 zu bewachter Freiheit begnadigten Kriegsverbrecher genießen inzwischen in den Straßen von Procida die mit langjährigem Kerker und einwöchigem Hungern teuer erkauften Strahlen südlicher Sonne. Sie warten auf eine Freiheit ohne Anführungszeichen.

DER SPIEGEL 30/1949
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