Jary Drobny dankt für Karten
Ihm fehlt das nötige Verantwortungsbewußtsein, er spielt Tennis um des Spiels willen, er müßte es lernen, daß er bei seinen Spielen mehr vertritt, als nur den Herrn Drobny!" Diesen Ausspruch seines letzten Lehrers, des einstmals großen Karel Kozelun, beherzigte Jaroslav ("Jary") Drobny nicht. Als er es satt hatte, als staatlich protegiertes Aushängeschild herumkommandiert zu werden, mit dem Tennisschläger in der Hand, sprang er von der Volksrepublik Tschechoslowakei ab.
Drobnys Vater ist Platzwart auf dem LTC-Tenniscourt gewesen. Der kräftige, etwas kurzsichtige, linkshändige Junge wurde 1945 als hoffnungsvoll nachwuchsspielender Heimkehrer aus deutscher Zwangsarbeit gebührend begrüßt, 1946 mit englischen Pfunden fürs Wimbledonturnier ausgestattet. Alles sprach damals nur von Jack Kramer, dem Unwiderstehlichen, der dem noch unbekannten Drobny mit verbundener Hand gegenübertrat und von ihm geschlagen wurde.
Drobny brachte die alte kontinentale Schule mit, die mit dem weißen Ball spielt und nicht wissenschaftlich oder mit athletischem Ehrgeiz hantiert. Er war gegen die Ueberseeischen ein ewig lächelnder Verlierer, und er liebte das ungebundene Turnierleben mit seinen Annehmlichkeiten.
Er liebte auch noch einen zweiten Sport, das rassige Eishockey. 1948 wurde er zum ersten Male als Aushängeschild gezwungen, eine ausgedehnte überseeische Tennisreise abzubrechen, um mit der tschechoslowakischen Eishockeyelf für Olympia zu trainieren. Er kam auch, schoß im ersten Spiel gegen Italien pflichtgemäß drei der 22 Tore und emigrierte nicht, wie sechs andere tschechische Spieler, sondern ging aus Liebe zu seinen Eltern zurück.
Nach seinem Davis-Pokalerfolg mußte man ihn lange mit dringenden Telegrammen und Botschaften zur Rückkehr drängen. Ministerpräsident Zapotocky und die den Sport der Tschechoslowakei übernehmende Sokol- (slawische) Jugendorganisation schickten ihn zu Schau-Spielen nach Moskau.
Die 1949er Saison begann wenig glücklich, schon in der Davispokalvorrunde unterlag er in Paris dem ehrgeizig auf Sieg spielenden Pariser Handelsmann Bernard. In Wimbledon hatte er den Sieg gegen den Kam-Sah-Siegte-Amerikaner Ted Schröder sozusagen in der Tasche, verschlug aber leichtsinnig todsichere Bälle. Die sonst vaterländisch schäumende Prager Presse wahrte das Gesicht, als ahnte sie, daß Drobny nach dem Tode seiner Mutter keine feste Bindung mehr nach Prag hatte.
Drobny und sein ewiger Kumpan der letzten Jahre, der in Prag glücklich verheiratete Wladimir Cernik, wollten sich von der Hitze dieses Sommers in den Berner Alpen beim Gstaader Turnier erholen. Nach einer Woche kamen zwei Botschaftsherren auf den Tennisplatz. Ja, sagte Drobny für beide, sie würden nicht mehr spielen, um ja nicht gegen den francospanischen Meister Massip oder gar gegen deutsche Konkurrenz einen Aufschlag zu verlieren. Als die zwei Prager Herren der Berner Gesandtschaft wiederkamen, um Flugkarten nach Prag zu bringen, dankten Drobny und Partner.
Sie nahmen die Rackets wieder in die Hand und schlugen die Deutschen Göpfert und Beuthner in einem klassischen Blitzturnier unter Polizeischutz. Nun warten beide auf das USA-Visum.
