Schrift:
Ansicht Home:
DER SPIEGEL

MEDIZINKünstliche Herzen springen ein

Professor Crafoord in Stockholm hatte eine Idee. Professor Thomas in Paris hatte eine Idee, und es war ein- und dieselbe Idee, aber sie wußten es nicht. Jeder für sich, durch mehrere 1000 Kilometer voneinander getrennt, machten sich beide an die Arbeit: ein "künstliches" Herz zu schaffen.
Das war vor einigen Jahren. Inzwischen führten beide Forscher ihre Bemühungen fast gleichzeitig zu Ende, jeder auf seine Weise: Clarence Crafoord, Professor der Chirurgie am Stockholmer Carolinen-Institut, mit dem "Plexiglas-Herz", Sorbonne-Professor André Thomas mit der "Lebensmaschine".
Das "Plexiglas-Herz" ist ein mechanisches Herz, das genau funktioniert wie ein menschliches. Es ermöglicht Herzoperationen, die bis vor kurzem als undurchführbar galten.
Um einen Herzklappenfehler oder eine Herzdeformation operativ zu beheben, muß der Chirurg das Herz vorübergehend außer Betrieb setzen. Ein auch nur vorübergehendes Aufhören der Herzfunktion aber war bis vor kurzem gleichbedeutend mit Tod. Das Plexiglas-Herz macht sich nun anheischig, vorübergehend für das organische Herz "einzuspringen".
Es hat dies bereits bei mehr als 40 Tieroperationen getan. Manchmal dauerte es länger als eine halbe Stunde, bis der Operateur fertig war und das "reparierte" Herz wieder eingeschaltet werden konnte. Bei keinem der Versuchstiere zeigten sich schädliche Nachwirkungen.
Die Idee eines künstlichen Herzens ist an und für sich nicht neu. Der Amerikaner Dr. A. Carrel hat schon 1935 ein mechanisches Herz zu schaffen versucht. Aber diese Arbeiten kamen nicht richtig vom Fleck und wurden schließlich eingestellt. Die Neuerung des Schweden besteht darin, daß er zum künstlichen Herzen eine künstliche Lunge hinzufügt: das Blut wird nicht nur gepumpt, sondern auch gereinigt und aufgefrischt.
Der Apparat Dr. Crafoords arbeitet so: Das Blut fließt aus den Adern des Patienten in einen breiten, waagerechten Plexiglas-Zylinder, der etwa die Dimensionen eines mittleren Brotlaibs hat. In seinem durchsichtigen Inneren wird das Blut mit reinem Sauerstoff in Berührung gebracht.
Dann muß das Blut einen Filter passieren, der etwaige Gerinnsel zurückhält, und ein Glasgefäß, das etwaige Luftbläschen abfängt. Hier wird außerdem eine Zuckerlösung zugesetzt, um den Glukosegehalt konstant zu halten.
Die nächste Etappe ist das eigentliche "Herz". Es besteht aus zwei kleinen Pumpen, die abwechselnd arbeiten. Der "Blutdruck" wird automatisch von einer photoelektrischen Zelle kontrolliert und reguliert. Elektrische Glühlampen erwärmen die Flüssigkeit auf Körpertemperatur.
In der Praxis wird das künstliche Herz zunächst mit dem Blut eines Blutspenders gefüllt. Daraufhin wird ein Kreislaufsystem außerhalb des Körpers hergestellt, ganz ähnlich wie bei einer gewöhnlichen Bluttransfusion, und das Blut des Patienten mit dem fremden Blut vermischt. Dann tritt das künstliche Herz in Funktion, während das "richtige" Herz ausgeschaltet wird.
Dr. Crafoord hat herausgefunden, daß der "schwache Punkt" im Blutkreislaufsystem das Gehirn ist. Der restliche Körper könne sich eine halbe Stunde (und sogar noch länger) ohne Blutzirkulation behelfen, ohne dauernde Schäden zu erleiden, aber nicht das Gehirn. Solange dieses normal durchblutet sei, bestehe für den Patienten keinerlei Gefahr.
Die Blutversorgung des Gehirns übernimmt nun bei Herzoperationen das Plexiglasherz. Eine halbe Stunde reicht in den allermeisten Fällen aus, um die kompliziertesten Eingriffe in einem Operationsfeld durchzuführen, das bisher "tabu" war: dem Herzen.
Bei den bisherigen Herzoperationen dienten Hunde als Versuchstiere. Sie wurden noch monatelang unter Beobachtung gehalten, wiesen jedoch keinerlei Anomalien auf.
Die "Lebensmaschine" Professor Thomas' geht noch einen Schritt weiter als das Plexiglas-Herz. Aeußerlich einem harmlosen, weiß emaillierten Schränkchen gleichend, aus dem zwei Röhrenenden hervorragen, stellt sie gleichsam eine vollständige physiologische Kopie des Menschen dar, mit regulierbarem Pulsschlag (von 35 bis 160 in der Minute) und Blutdruck.
Im Prinzip ist die Maschine dem künstlichen Herzen Crafoords sehr ähnlich. Aber sie kann die Blutversorgung des ganzen menschlichen Organismus übernehmen, nicht nur die des Gehirns.
Mit seinen bisherigen Versuchen hatte Professor Thomas erstaunliche Erfolge. In gewissen Grenzfällen vermag der Apparat sogar "Tote" wieder ins Leben zurückrufen, etwa bei Patienten, deren Herz infolge eines Operationsschocks zu schlagen aufgehört hat - vorausgesetzt, daß das Ersatzherz schnell genug in Funktion tritt.
Man meint, mit der "Lebensmaschine" werde es möglich sein, erkrankte Organe, die operativ entfernt wurden, in Funktion zu erhalten, indem man sie an das Zirkulationssystem des Apparates anschließt. Man rechnet damit, so das Wachstum der Krebszellen, eines der großen ungelösten Geheimnisse der Medizin, viel genauer verfolgen zu können, als man es am lebenden Körper vermag.

DER SPIEGEL 30/1949
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.