LITERATURGelächter im Nebenzimmer
In London ist eine literarische Sensation für die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts angekündigt worden: Hundert Jahre nach dem Tode des heute 56jährigen Literaten Sir Osbert Sitwell sollen ein oder zwei weitere Bände seiner Erinnerungen erscheinen. Mit allerhand Dingen, deren Veröffentlichung heute indiskret wäre.
Sir Osbert sagt das so nebenbei am Ende des vierten Bandes seiner Autobiographie, der bei Macmillan, Preis 18 Schilling, erschien, unter dem Titel "Laughter in the next room", "Gelächter im Nebenzimmer". In Amerika steht das Buch in der Liste der Best-Sellers obenan.
Ein verheißener fünfter Band ist nur als Anhang gedacht; er wird Skizzen anderer Künstler enthalten. Außerdem will Sitwell noch eine separate Reihe weiterer Memoiren verfassen.
Er macht dem Ruf der Sitwells als Vielschreiber wieder Ehre. Aber er hat mit der Autobiographie spät angefangen. Sein jüngerer Bruder Sacheverell brachte seine Erinnerungen - "All summer in a day" - bereits im Alter von 29 Jahren heraus.
Als literarisches Phänomen tauchten die drei Sitwells zuerst 1916 auf. Edith, die älteste der drei Geschwister, veröffentlichte damals den ersten Band von "Wheels", einer Anthologie moderner Gedichte des laufenden Jahres. Weitere Folgen erschienen alljährlich bis 1921. Alle drei Sitwells waren darin prominent vertreten.
Damals wurden sie verlacht, wegen ihrer "absurden" Modernität. Heute bescheinigt die gesamte Literaturkritik Osbert, daß seine Autobiographie bleibenden Wert hat, ja, schon jetzt klassisch genannt werden darf.
Als voriges Jahr ein Sammelband von Gedichten Sacheverells erschien, erklärte "Times Literary Supplement" ihn als Dichter erstrangiger Bedeutung. Margaret und Bonald Bottrall nahmen in ihre nach dem Kriege veröffentlichte Anthologie englischer Dichtung von den Anfängen bis heute nur eine lebende Dichterin auf - Edith Sitwell.
Seit dem Tode seines Vaters, des Sonderlings Sir George Sitwell, heißt der älteste Sohn Sir Osbert Sitwell, Baronet. Die Baronets, weniger als Barone, sind der niedrigste Grad des englischen Erbadels, ohne Sitz im Oberhaus.
Die Sitwells sind eines der uralten Gutsherren-Geschlechter Englands. Ein Teil von Renishaw Park, des zu dem Stammsitz in Derbyshire gehörigen Parks, befindet sich seit über 600 Jahren ununterbrochen in ihrem Besitz.
Die Familie ist auf die eine oder andere Weise mit unzähligen anderen Adligen Englands verwandt. Die Sitwells und Winston Churchill zum Beispiel, ein Sprößling der Familie des Herzogs von Marlborough, haben gemeinsame Ahnen.
Churchill galt übrigens eine der ersten Satiren Osberts, des einstigen Eton-Schülers und Gardeoffiziers. Er hatte den Krieg mitgemacht, dabei einen fanatischen Haß gegen den Militarismus entwickelt, und als Churchill 1919 eifrig Interventionen gegen die Bolschewiken predigte, ließ Osbert ein Bändchen "The Winstonburg Line" erscheinen, die Winstonburg-Linie.
Schon der Titel sollte Parallelen zwischen Churchill und dem Mann, den England damals als einen Hauptvertreter des preußischen Militarismus betrachtete, hervorheben.
Die Broschüre, erzählt der Autor jetzt in seinen Memoiren, wurde in solchen Mengen verkauft, daß sie mehrere Jahre hindurch sein bestbekanntes Werk war. Nur Geld brachte sie nicht ein. Osbert hatte sich nicht um einen Kontrakt gekümmert.
Die drei Geschwister, von denen nur Sacheverell verheiratet ist und dafür gesorgt hat, daß die berühmte Familie nicht ausstirbt, hatten und haben allerlei gemeinsam: den Sinn für das Wort, die Abneigung gegen die englische Sportleidenschaft, überhaupt eine Vorliebe zu eigenen, nicht gerade populären Ansichten und zu klugen, ironischen Protesten, ein bewußtes Europäertum mit besonderer Hinneigung zu der lateinischen Welt.
Osbert vermerkt über sich selbst im englischen "Who's Who": "In den letzten dreißig Jahren hat er im Verein mit seinem Bruder und seiner Schwester eine Reihe von Scharmützeln und Handgefechten gegen die Philister geführt. Obwohl zahlenmäßig unterlegen, ist es ihm gelungen, die Linie einzukerben, wenn auch nicht ohne Schaden für sich selbst.
"Befürwortet obligatorische Freiheit überall, Abschaffung der ÖFFENTLICHEN MEINUNG im Interesse der FREIEN REDE, und die Rationierung des Gehirns, da es ohne diese Neuerung keine wahre Demokratie geben kann."
Eines der bekanntesten Scharmützel der Sitwells war "Facade". Unter diesem Titel hatte Edith eine Folge von Gedichten geschrieben, die ein vielversprechender junger Komponist, William Walton, heute einer der führenden Musiker Englands, vertonte.
Das Werk sollte durch vollkommene Verschmelzung von Wort und Ton wirken, Klangfarbe war alles. Damit die Person des Rezitators dem Wort nicht ungebührliche Bedeutung verleihe, wurden die Gedichte hinter dem Vorhang gesprochen. Auf dem prangte eine enorme Menschenmaske, in deren offenem Mund ein Megaphon besonderer Art versteckt war, durch das gesprochen wurde.
Damals tobte die Oeffentlichkeit. Heute gefällt ihr das Werk. Edith wendet sich energisch dagegen, es als dadaistisch oder surrealistisch bezeichnet zu hören. "Ich schrieb äußerst schwierige technische Uebungen, während die Dadaisten von Technik nichts verstanden hätten."
Edith hat, abgesehen von Gedichten, viele Essays über Belletristik, romanähnliche Werke und ein Buch über englische Sonderlinge geschrieben. Sacheverell (es ist der Nachname eines alten, mit den Sitwells liierten Geschlechts, der zum Vornamen geworden ist) verfaßt kunsthistorische und ästhetische Reisebücher, um nicht ständig ein Gefangener der Poesie und ihrer Wallungen zu sein. Eines seiner Werke befaßt sich mit der Skulptur des deutschen Barock.
Osbert hat mehrere Romane und Erzählungen geschrieben. In einem Nachwort zu "The man who lost himself" - Der Mann, der sich selbst verlor - erklärt er, Gott sei ihm im Traum erschienen und habe die Verantwortung für diesen Roman abgelehnt.
Die Geschwister machen gern füreinander Reklame. Edith - die übrigens hochgewachsen ist wie ein Gardegrenadier und sich mittelalterlich in Seide und Brokat kleidet - sagte öffentlich über Bruder Sacheverell: "Mr. Sitwells technische Leistung als Dichter gehört sicherlich zu den größten der letzten 150 Jahre."
Man muß bestätigen, daß viele andere Kenner ihn gleichfalls hoch schätzen. "Times Literary Supplement" fuhr über seinen Sammelband fort: "Alles wird mit der Stimme des Zentauren gesagt, oder in den seltsamen, unaussprechlichen Tönen, die aus den Masken in klassichen Schauspielen quollen."
Sir Osbert seinerseits sagt in seiner Selbstbiographie von seiner Schwester, ihr blasses Gesicht habe in der Jugend einen gespannten Ausdruck getragen, als lausche sie auf einen fernen, leisen Klang, der aus der Zukunft zu ihr drang ...
"Noch ahnte sie nicht den Rhythmus, der von all den Millionen Menschen englischer Zunge ihr allein geschenkt war und ihr eines Tages dienen sollte, die unendliche Klangfülle englischer Dichtung um eine neue, liebliche Melodie zu bereichern."
Die Autobiographie Sir Osberts erregte gleich zu Anfang Aufsehen, als der erste Band erschien: "Left hand, right hand", ein Titel, der dann auf das ganze Werk übertragen wurde. Der zweite und dritte Band heißt "The scarlett tree" (Der scharlachrote Baum) bzw. "Great morning" (Großer Morgen).
Der erste Band ist jetzt auch ins Deutsche übersetzt worden: "Linke Hand, rechte Hand."*) "Daily Telegraph" schrieb darüber: "Es ist das Werk eines großen Künstlers, ein Stück Gesellschaftsgeschichte von mehr als vorübergehender Bedeutung."
Der Geschichte seiner Kindheit, die Sir Osbert in "Linke Hand, rechte Hand" erzählt, schickt er eine verhältnismäßig kurzgefaßte Genealogie, die Porträts einiger Ahnen voraus. Er faßt sich im allgemeinen weniger kurz und liebt die Fußnoten. Es werden ein paar Dutzend Seiten, wenn er z. B. erzählt, wie der Modemaler Sargent die Familie Sitwell malte.
In das breit hingesetzte Panorama englischen Adelslebens in den letzten Jahren der Queen und der frühen Regierungszeit Edwards V., einer großen englischen Umwandlungsepoche, stellt der Selbstbiograph die Bildnisse der Menschen mit den feinen Pinselstrichen einer verlebendigenden Schilderung. Es sind interessante, bemerkenswerte und merkwürdige Gestalten darunter.
Vor allem der Vater, Sir George, tritt plastisch in Erscheinung: ein gotisierender Sonderling, der aus ästhetischen Gründen weiße Kühe mit chinesischem Muster blau bemalen ließ. Und der alle seine Gäste warnte:
"Ich muß jeden, der dieses Haus betritt, ersuchen, niemals mir zu widersprechen oder irgendwie von mir abzuweichen, da dies die Magensäfte stört und mich nachts nicht schlafen läßt."
Allen Kritikern hat die schonungs-, aber nicht lieblose Schilderung des Vaters weitaus am besten gefallen. Die Galerie englischer Sonderlinge ist damit um eine prachtvolle Figur bereichert worden.
Sir Osbert ist letzthin elegisch geworden. Einst waren seine Satiren vom Feuer der Reformlust durchglüht. Sein vor einigen Wochen erschienener "Emperor Demos" (Kaiser Demos) klagt über die Verflachung der Zeit. Der Spott sitzt nicht recht.
In "Laughter in the next room" schreibt er, "ein Bürger des Sonnenuntergangs-Alters", erschütternd über die "große Dunkelheit" die jetzt für die Welt einsetze. Künftige Generationen würden vielleicht über die heutigen Menschen nicht viel mehr wissen als diese über die verschollene Zivilisation, deren einzige Ueberreste die Ruinen von Angkor Vat in Hinterindien sind.
Damit sie doch ein wenig mehr wissen, hat er seine Autobiographie verfaßt. Daß sie schon jetzt mit solcher Achtung aufgenommen worden ist, hat für den Neuerer von einst sein Peinliches. Nur Frederick Laws vom "New Chronicle" hat für solche Gefühle Verständnis gezeigt, als er über Sir Osbert schrieb:
"Er braucht sich keine Sorgen zu machen. Niemand kann ihn beschuldigen, gereift zu sein. Er ist so verachtungsvoll, so koboldhaft und so unangenehm aufrichtig wie immer."
Eine Büste Sir Osberts von der Hand Frank Dobsons steht in der Londoner Tate-Galerie. Als der Schriftsteller dies Museum eines Tages besuchte, war er überrascht, von einem Angestellten schneidig gegrüßt zu werden. Als dieser sein Erstaunen bemerkte, erläuterte er wohlwollend:
"Meiner Seel, wir sind alte Freunde. Jeden Mittwoch scheuere ich Ihren Kopf, wirklich."
Insofern ist ganz England ein alter Freund der Sitwells. Denn seit dreißig Jahren scheuern sie ihnen den Kopf. Wirklich.
*) Osbert Sitwell "Linke Hand, rechte Hand". Wolfgang-Krüger-Verlag, Hamburg. 408 S.
