Hamlet auf Stromlinie
Das Vorwort stammte von Harry S. Truman persönlich. Er schrieb in das Programmheft zu Robert Breens "Hamlet"-Inszenierung: "Hamlet ist heute so modern wie zu dem Zeitpunkt, als er geschrieben wurde."
Produzent Blevins Davis, Regisseur und Hamlet-Darsteller Robert Breen und ein aus Broadway-Mimen und Mitgliedern von Amerikas einziger halbstaatlicher Bühne, dem "Barter-Theatre" aus dem Staate Virginia, gemischtes Ensemble bewiesen die Gültigkeit der Präsidenten-These auf ihre Art: Sie spielten "Hamlet" auf amerikanisch im dänischen Helsingoer wie im deutschen Wiesbaden und München.
Die dänischen Kritiker bei den alljährlichen Hamlet-Wochen auf Schloß Kronborg waren nicht überzeugt, daß dies die gültige Hamlet-Version unserer Tage sei.
Die wenigen geladenen Münchener Kritiker, die von stämmigen MP's zu ihren bescheidenen Plätzen (Rang ganz links) in einer "special-services"-Vorstellung in den Kammerspielen geleitet wurden, verhielten sich neutral. Sie sahen sich fragend an, als ihre amerikanischen Nachbarn ihrer Begeisterung über Robert Breens amerikanisch frisierten Hamlet ungeniert Luft machten.
Dabei läßt Robert Breen sein Shakespeare-Drama keineswegs in Frack und Smoking spielen. Die Kostüme sind zeitlos. Genauer gesagt: sie sind allen Zeitaltern entliehen. Nur nicht dem Jahrhundert Hamlets, dem späten Mittelalter.
Ophelia und ihre Gespielinnen sind wie für eine Cocktail-Party gekleidet. Prinz Hamlet selbst kommt dem Kadetten- und Offiziersideal der napoleonischen Zeit am nächsten: Wespentaille, federnder Gang, engansitzende Beinkleider.
In der amerikanischen Hamlet-Version gibt es zwei Gegenspieler: den Prinzen und den Lautsprecher. Von Musik kräftig untermalt, dringt auch des ermordeten Königs Geisterstimme über Schallplatte und Membrane an das Ohr des Prinzensohnes.
Von da an ist Hamlet nur noch berechnender Rächer. Er spielt seinen Irrsinn selbstgefällig bis zum Gag aus. Die amerikanischen Backfische, die "teenagers" im Kammerspielparkett, juchzten jedesmal hell auf, wenn Robert Breen, alias Hamlet, den pavian-gesichtigen Polonius mit erzwungen einfältiger Miene aufs Glatteis der Worte und Gedanken führte.
Hamlet beherrscht die Spielfläche, gegen die permanente Begleitmusik muß er monologisch ankämpfen. Er spielt sich selbst auf der Blockflöte zum Tanze auf; er hält den Pistolenläufen von Rosenkrantz und Güldenstern ein Lächeln entgegen, das Theo Lingen in seinen besten Theophanes-Minuten erreichte.
Erst kurz vor dem tödlichen Duell gewinnt Robert Breens Dänenprinz auch seinen tödlichen Ernst zurück. Aber dann ist dieser im Hollywooder Spar-durch-Eile-Tempo inszenierte "Hamlet" schon zu Ende. Nach genau zweieinhalb Stunden, mit einer Pause.
Der Vorhang fällt nur zweimal, das Bühnenbild, ein karger Treppenaufbau mit einigen zeitlos-expressionistischen Säulen als Seitenumrahmung, bleibt unverändert. Viele Stellen, wie die Totengräberszene, fallen ganz weg, andere wurden radikal auf Stromlinie gebracht.
Die Amerikaner sehen darin eine moderne "Hamlet"-Interpretation. Vorbelastete Europäer eher die Interpretation eines modernen "Hamlet", der mit Shakespeare gerade noch das Rohgerüst der Worte und der Handlung gemein hat.
Als "letztes Wort" regt das Programmheft die "special-services"-Besucher zu eigener (?) Ueberlegung an: "Sehen Sie diese? ???? als einen verstaubten Klassiker an, den Sie seit Ihren Schultagen hassen. Sehen Sie es sich an und denken Sie ein wenig darüber nach, ob es sich nicht als Grundlage für einen thriller unserer Tage eignet."
