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DER SPIEGEL

BÜHNE UND FILMUm nicht aus der Uebung zu kommen

So etwas hat Bermatingen noch nicht gesehen", seufzt die Wirtin des Gasthauses "Zum Bären" erschöpft. Seit die Autobusse der Münchener "Merkur"-Filmgesellschaft morgens um acht Uhr anrollen und der Wirtshausvorplatz zum Aufnahmegelände wurde, gibt es im "Bären" kaum noch ein sauberes Glas hinter der Theke.
Mittelpunkt von Bermatingen ist der weißhaarige Monsieur Grock. Um ihn dreht sich alles, auch der Film. Die Atmosphäre der Filmgesellschaft ist so international wie Grock und sein Leben. Der Film, dessen Titel noch zwischen "Merci, Monsieur Grock" und "Adieu, Monsieur Grock" schwankt, ist eine Gemeinschaftsproduktion der französischen "Trident"- und der Münchener "Merkur"-Gesellschaft.
Atelieraufnahmen wurden in Frankreich gedreht, die Außenaufnahmen in Deutschland, am Bodensee. In Frankreich bezahlt die "Trident", in Deutschland die "Merkur". In der Schweiz, wo Grocks verfilmtes Leben eigentlich hätte beginnen müssen, wären die Drehtage zu teuer gewesen.
Kurzentschlossen verlegte Regisseur Pierre Billon Grocks Elternhaus einige Grade nordöstlich, nach Bermatingen, und die Jugendjahre nach Meersburg und Ueberlingen.
Monsieur Billon brachte den besten Beleuchtungsmeister mit, den er auftreiben konnte, den Russen Toporkoff. Der hat schon 165 Filme gedreht und Väterchen Zar gefilmt. Toporkoff ist einer der wenigen Franzosen in Bermatingen, der fließend deutsch spricht. Auch Monsieur Grock machen die Sprachen keine Schwierigkeiten. Er spricht die englische, französische, deutsche und italienische Fassung seines Films selbst.
Der Stoff zu dem neuen Film ist nicht neu. Schon 1930 wurde in den Berliner Ateliers ein Grock-Film gedreht. Er sollte damals das offizielle Ende der Laufbahn des Musical-Clowns werden. Grock verlor sein gesamtes Vermögen dabei.
Der neue Film soll ein finanzieller Erfolg werden. Aber auch ein neues Fiasko könnte dem 69jährigen heute nicht mehr schaden. Man sieht ihm seinen Reichtum allerdings nicht an. Mit seinen derben Schuhen gleicht er eher einem deutschen Nachkriegsbürger als einem Millionär. Nur ein paar erbsengroße Brillanten an den Händen Madame Wettachs und ein 2,3 Liter Mercedes, den Grock meist mit Riesengeschwindigkeit fährt, überzeugen von der finanziellen Sicherheit.
Es war ein weiter Weg: von dem jungen Charles Adrian Wettach, der im Zirkus die ersten Salti schlug, bis zu dem Clown, der mit den zwei Worten "nit möööglich" die Menschen bezauberte.
Viele Jahre lang war Charles Adrian Hauslehrer, Schlangenmensch und Clown. Kurz vor dem ersten Weltkrieg wurde er "Grock". Sechs Jahre später sind sein Repertoire mit viel Mimik, Musik und wenig Worten und seine Maske zum Schlager geworden. In New York, London, Paris, Berlin und Rom gibt es kein Varieté, in dem Grock nicht auftritt. Seine Gagen erreichen schwindelnde Höhen.
Die meisten Gags fand Grock durch Zufall. Auch die Idee zu der winzigen Geige im Baßgeigenkasten. Eines Tages, so erzählt Grock heute, öffnete er in der Garderobe seinen Riesenkoffer, in dem er seine Requisiten aufbewahrte. Der Koffer war leer bis auf eine vergessene Geige. Sie wirkte so verloren in all der Leere, daß Grock zu einem Gag angeregt wurde.
Am nächsten Tag, als während der Vorstellung plötzlich eine Nummer ausfiel, erinnerte sich Grock der Geige. Er brachte sie im Baßgeigenkasten auf die Bühne. Die Menschen schrien vor Vergnügen.
Unfreiwilliger Anlaß zu einer weiteren Zugnummer war Grocks Partner. Auf der Probe stritten sich die beiden. Wütend hob Grock den Deckel vom Flügel und drohte damit. Grock nahm die Szene in sein Repertoire auf. Er verlängerte sie, indem er den Deckel schräg an den Flügel stellte, seinen Hut hinunterrutschen ließ und selbst in seinen weiten Hosen und übergroßen Schuhen nachrutschte.
Auch in kleinen Dingen bewies er eine geschickte Hand. In seinem 40-Zimmer-Schloß "Villa Bianca" an der italienischen Riviera gibt es keine Handwerker. Grock macht alles selbst. In seiner Werkstatt bastelt er für seine Freunde kleine Geschenke, selbstgedrechselte Zigarettenspitzen, die durch einen Druck auf einen Knopf die Kippen entfernen.
Im Nebenberuf ist der Musical-Clown, der meisterhaft fast alle Instrumente spielt, Industrieller. Seine Fabrik "Perfecton" stellt Plattenspieler mit Spezialmotor her. Das Patent stammt von einem technisch begabten Neffen. Die Amerikaner wollten ihm das Patent abkaufen. Aber Grock wird sich nicht untreu: "Nit möööglich!"
In den letzten Jahren tritt der Mann mit dem Gelehrtengesicht nur noch auf, "um nicht ganz aus der Uebung zu kommen." Offiziell hat er sich seit 1939 zurückgezogen.
Im Krieg spielte er für verwundete deutsche Soldaten in einem Berliner Lazarett. Damals versicherte der Oberarzt, Grock habe in einer Stunde mehr für die Kranken getan, als er, der Arzt, in Wochen.
Frankreich und die Schweizer Heimat nahmen das übel. "Was wollen Sie?" sagte Grock damals zu einem Franzosen. "Ich bin international. Verwundete Soldaten sind keine Feinde."
Vor fünfzehn Jahren schien es fast, als ob Grock akademische Würden bekäme. Irgendjemand verbreitete die Nachricht, Grock sei Ehrendoktor der Philosophie an der Universität Budapest geworden. Europäische Zeitungen brachten die Meldung groß heraus. Budapest dementierte.
Grock wurde kein Doktor der Philosophie. Seine Freunde halten ihn trotzdem für den großen Philosophen des Humors.

DER SPIEGEL 30/1949
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