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DER SPIEGEL

BÜHNE UND FILMDie Verwandlungen des von Rhoden

Bei 31 Grad im Schatten und vor einer knappen Hundertschaft von Erlanger Zuschauern erschien "Das gefährliche Leben" von Hannes Razum zum ersten Mal auf der Bühne, der Studiobühne der Universität. Die Erlanger kennen den Autor gut. Als Regisseur des Markgrafentheaters verschaffte er der Universitätsstadt avantgardistischen Ruf. Man sprach in deutschen Theaterkreisen von seinen "Räubern" in Wehrmachtsblusen.
Sein "Gefährliches Leben" ist nicht von der vorbildfreien Art seiner Regie. Der Verfasser erweist sich als Literaturkenner, schon im Programmheft. Es ist angefüllt mit Spruchweisheit von Ovid, Giordano Bruno, Voltaire, Friedrich dem Großen bis zu Schnitzler, Morgenstern und Carossa. Diese Zitate sind zusammengefaßt unter der Sammelüberschrift: "Zum Problem der Wiederverkörperung".
Razums Stück ist ein neuer Beitrag zu diesem uralten Thema. "Das gefährliche Leben" handelt von den Metamorphosen des Herrn von Rhoden.
Als Hauptmann im ersten Weltkrieg jagt er mit Vehemenz dem Tode nach, ohne ihn zu erreichen. Er gewinnt stattdessen immer neue Erfolge, Orden, Beförderung.
Die Handlung blendet zurück auf den Tag, da er todessüchtig wurde. Aus dem Hauptmann wird der Rittergutsbesitzer Arthur von Rhoden. Der Gutsherr befindet sich in der dramaturgisch nicht gerade ungewöhnlichen Situation, zwischen zwei Frauen zu stehen, zwischen Julia, seiner Gattin, und Christina, der Schwester seines Freundes.
Julia will verzichten, um Christina selbstlos mit Arthur zusammenzubringen, "in dem sie sich so herrlich vollendet". Sie selbst greift zur Pistole. Am "schönsten Tag ihres Lebens", wie sie kurz vor dem Abgang versichert.
Ihr Opfertod war umsonst. Ohne dem verdutzten Publikum ausreichende Erklärungen zu ihrem unerwarteten Schritt abzugeben, trennen sich Arthur und Christina.
Im zweiten Auftritt versucht Hauptmann von Rhoden, dem angestrebten Tod in Ehren aus eigener Kraft nachzuhelfen. Es reicht nur zur schweren Verwundung.
Im Fieberwahn erlebt er eine neue Metamorphose. Aus dem pommerschen Hauptmann Arthur von Rhoden aus dem Jahr des großen Krieges 1916 wird der französische Edelmann Henry de Tinville aus dem Revolutionsjahr 1789. Die Haltung des von Roden alias de Tinville ist die gleiche: Herr und Kavalier. Die Konstellation auch: ein Mann zwischen zwei Frauen, die jetzt Julie und Germaine heißen.
Schloßherr Henry rettet Gräfin Germaine vor bluthungrigem Pöbel. Schloßfrau Julie opfert sich in entsagender Liebe dem Revolutionsproleten Callot. Der wiederum will Henry und Germaine aufs Schaffot bringen.
Henry und Germaine rüsten sich zur Flucht. Julie/Julia aber, von Germaine geschmäht, beschließt diesmal die Vernichtung der Rivalin. Sie liefert Germaine/Christina an Callot aus. Um dann selbst prompt zusammenzubrechen.
Aus diesem Rückblick in ein vergangenes Dasein schöpft der schwerverwundete Hauptmann von Rhoden wieder Lebensmut. Und Christina ist - als Rote-Kreuz-Helferin - termingerecht zum happy end zur Stelle. Da kann sich der von Rhoden des großen Wortes nicht enthalten: "Das Leben ist schön".
Das Stück ist auch sonst nicht arm an vokabelreichen Spruchsprechern. "Dies ist mein schönster Tag" wird sechsmal beteuert, und immer wieder: "Ich liebe das Leben". Es ist viel von "Schicksal" und "Geschick" die Rede, vom "Erfülltsein" und vom "Unbegreiflichen".
Unbegreiflich fanden auch viele der Zuschauer vieles an dem Stück. Das studentische Scharren hielt sich jedoch in disziplinierten Grenzen. Auf der Studiobühne standen vier schauspielende Studenten alle Verwandlungen des von Rhoden tapfer durch. Sie wurden mit dem Schlußbeifall ihrer zuschauenden Kommilitonen belohnt.

DER SPIEGEL 30/1949
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