BÜHNE UND FILMFilmfest bis zum K. o.
Zweihundert journalistische Gäste hatten sich in die Hotellisten des belgischen Badeortes Knokke-le-Zout eingetragen: für das erste der sieben internationalen Filmfestspiele dieses Jahres, das zweite belgische nach dem vorjährigen Festival in Brüssel. Im Großen Kasino gab es 42 Kilometer Film. Die Engländer, die das größte Kontingent der Presseleute stellten, gaben die Parole vom "K.o.-Festival" heraus.
Auf staatliche Unterstützung in Preisen und bei der Jury mußten die Veranstalter verzichten. Eine zuständige neue Regierung war nach den Wahlen noch nicht zustande gekommen. Das Stimmungs- und Wetterbarometer stand anfangs tief, beinah auf Sturm. Es stieg erst im Verlauf des Festivals auf höhere Grade. Als es richtig heiß wurde, war alles zu Ende.
Stars, Darsteller und Regisseure ließen sich nur sporadisch sehen, um ihre Filme zu zeigen und schleunigst wieder abzureisen. Unter den ersten, die sich verabschiedeten, war der Italiener Vittorio de Sica. Er wartete gar nicht den Ehrenpreis für seine "Fahrraddiebe" ab, sondern fuhr mit der Kopie gleich zu den anschließend beginnenden Filmfestspielen in Locarno.
De Sica ist Italiens prominentester Nachkriegsregisseur nach Roberto Rosselini und huldigt wie dieser dem Neo-Realismus. Er ist jünger als Rossellini und sieht gut aus. In Deutschland sah man ihn in Lilian Harveys letztem Film "Ins blaue Leben".
Mit wenig Geld wagte er nach seinen ersten Erfolgen - darunter "Sciuscia", ein Film von den Schuhputzerjungen - im vorigen Jahr in aller Stille einen Streifen mit Laienspielern. Den Hauptdarsteller, der ungenannt bleibt, suchte er unter den Arbeitern der Mailänder Breda-Werke aus. Im Vertrag war ausgemacht, daß er nach Drehschluß wieder an seine Werkbank gehen und das Filmen vergessen müsse. Bisher tut er das.
Der "Fahrraddieb" Lamberto ist ein junger, stellungsloser Arbeiter, der einen Job als Plakatkleber bekommen kann, wenn er ein Fahrrad hat. Mit großen Opfern bringt er sein Fahrrad in Schuß, und in Erwartung des baldigen Verdienstes kauft die Frau auf Pump das erstemal seit langem ein richtiges Abendbrot.
Morgens, als Lamberto auf der Leiter steht und sein erstes Plakat klebt, muß er zusehen, wie ihm sein Rad gestohlen wird. Mit seinem kleinen Sohn macht er sich, wieder stellungslos, auf den Weg durch die Stadt, um das Fahrrad zu finden, von dem seine und seiner Familie ganze Existenz abhängt.
Er entdeckt es auf dem Trödelmarkt. Aber die Menge bedroht ihn, als er es zurückhaben will. Schließlich stiehlt er selbst ein Rad, wird dabei erwischt und von der Polizei verhaftet. Der Film blendet aus mit dem Blick, den Lamberto seinem Jungen zuwirft, ehe er abgeführt wird.
Aus dieser alltäglichen Geschichte machte de Sica einen Film, der seine zwanzig internationalen Konkurrenten in Knokke mühelos aus dem Felde schlug. Es gab echte Erschütterung im Großen Kasino und den ersten Preis für de Sica.
Einem anderen erfolgreichen Außenseiterfilm hatten die Amerikaner ins belgische Rennen geschickt: "Das Fenster". Produzent: Dore Schary von RKO, Darsteller: neben dem 12jährigen Bobby Driscoll nur unbekannte. Der Film ist in New York gedreht, zum Teil in den Straßen der Handlung, im Ostteil Manhattans. Er hat wenig gekostet und viel Atmosphäre.
Der kleine Bobby aus dem Hinterhaus hat die Angewohnheit, Geschichten zu erfinden, die ihm kein Mensch glaubt. Als er einen wirklichen Mord miterlebt, glaubt ihm auch diesmal niemand seinen Bericht. Das Mörderpaar kennt Bobbys Geschwätzigkeit und verfolgt ihn bis zum Ende des mit aller amerikanischen Kriminalfilmfinesse gedrehten Streifens.
Der kleine Hauptdarsteller hat vorher nur Kinderrollen in zwei Disney-Filmen gespielt. Jean Cocteau, der französische Filmdichter, vergoß Tränen über seine Darstellung im "Fenster".
