ERFINDUNGENWie Schneewittchen im Glassarg
Das Bunge-Helio-Boot ist heraus. Beim Simseer Seefest rauschte es plötzlich durchs Schilf. Es sah aus, als käme Schneewittchen im Glassarg daher.
Aber das täuschte. Im "Gläsernen Boot" saß Evelin, des Konstrukteurs bühnen-, film- und photofreudiges Töchterlein. Durch die durchsichtige Bordwand konnten die überraschten Seefestgäste das blaue Badehöschen, die weißen Strandschuhe und die roten Zehennägel erkennen.
Hinter Evelin paddelte Mama Vera. Auch sie fuhr Premiere. Nach einigen Rundfahrten kehrten die Bunges in ihren heimatlichen Pachthafen zurück.
Harry H. Bunge war nicht böse, als wenige Tage später ein Ü-Wagen des Bayrischen Rundfunks vor seinem Simsee-Häuschen stand und ein Reporter sich anschickte, den Eindruck vom "Gläsernen Boot" aufs Tonband zu bringen.
Der gewesene Berliner Vollkaufmann, spätere CIC-Assistent, Gerichts- und Polizeidolmetscher, Teilhaber einer Autoverwertungsgesellschaft, Leiter des Rosenheimer US-Jugendheimes und Herausgeber englischer Sprachführer ist an die Oeffentlichkeit gewöhnt. Mit seinem "Bunge-Helio-Boot" versucht er, auch das bislang verborgen bleibende Innere eines Paddelbootes der Oeffentlichkeit zugänglich zu machen. Es ist ein "gläsernes Boot". Aber:
"Der Schein trügt", sagt Bunge. "Es ist in Wirklichkeit kein Glas, sondern eine Elaston-Haut." Während des Krieges schon kam ihm die Idee, ein Boot zu konstruieren, das auch die Paddler-Beine braunbrennen lasse.
"In allen Paddelbooten herrscht eine unangenehme Temperatur. Der Boden ist kühl, während sich die Sonnenhitze obenauf staut. Die Folge davon ist, daß die Paddler Schweißfüße bekommen."
Ursprünglich hatte er an Plexiglas gedacht. Aber da wären die Boote zu teuer gekommen. "Das Boot soll nicht teurer werden als ein Fahrrad", betonte er und dachte dabei an eine Art Jedermann-Boot.
Dann versuchte er es mit einer Vinnol-Haut, die ihm die Münchner Wacker-Werke mischten. Wochenlang hatte er einzelne Fetzen davon dem Wind, der Sonne und dem Wasser ausgesetzt, um die Widerstandsfähigkeit zu prüfen. Aber das Vinnol blieb auf die Dauer nicht elastisch genug, und auch die Durchsicht wurde nach längerem Gebrauch getrübt. Außerdem roch es schauderhaft.
Bunge fuhr nach Kreiburg in Bayern zu den Elaston-Werken, mit Vinnol-Grundstoffen in der Tasche. Die Elastoner machten sie weich und nahmen ihnen den Geruch. Bunge hatte endlich die richtige Haut.
"Die Durchsichtigkeit des Bootes ist nicht der einzige Vorteil", doziert er. "Die Elastonhaut läßt auch die ultravioletten Strahlen durch. Dadurch bräunt der ganze Körper des Paddlers, und außerdem gibt es garantiert keine Schweißfüße mehr. Uebrigens wachsen Pflanzen unter einem Elaston-Dach dreimal schneller als im Gewächshaus."
Das Bunge-Boot kann auch nicht kentern. Es besitzt am Bug und am Heck zwei Luftkammern, die ein Absaufen verhüten. Frau Bunge läßt ihr Boot an besonders heißen Tagen absichtlich voll Wasser laufen, setzt sich dann hinein und paddelt auf den See hinaus wie in einer Badewanne.
Unbewässert hat das "gläserne Boot" fast keinen Tiefgang. Dank der Luftkammern und des geringen Eigengewichts von 19 kg läßt es sich auch mit den bloßen Händen mühelos vorwärtsbewegen.
"Bei meinen Versuchsbooten habe ich noch Eschenholz für das Gerippe benutzt", berichtet Bunge. "Aber es ist mir noch zu schwer. Bei den Serienbooten werde ich auch Flugzeugkiefer verwenden. Die ist leichter und noch elastischer."
So gläsern-zerbrechlich das Boot auch aussieht, es ist doch sehr widerstandsfähig. Sollte die Haut bei einer Kollision oder durch Draht oder Glas einmal lädiert werden, kann sie wieder geflickt werden, wie ein Fahrradschlauch.
In dieser Woche verlassen die ersten Serienboote die Werft, die Dr. Werndl in Rosenheim seiner Möbelfabrik angegliedert hat. Für 175 DM werden sie, in leichten Spezialkisten verpackt, dem Käufer ins Haus geliefert.
"Man könnte mit der Elaston-Haut natürlich auch ein Faltboot konstruieren", bemerkt Bunge. "Aber daran denke ich vorerst nicht. Mein Boot ist nicht für Wildwasserfahrer gedacht, sondern für Leute, die in der Nähe eines Sees oder Flusses wohnen. Es ist in erster Linie ein Boot, mit dem man gemütlich und ohne Kraftanstrengung spazierenfährt."
Rosenheims Faltbootpionier Klepper und sein ideenreicher Mitarbeiter Dr. Seidl sehen dem Treiben am Simsee nicht ganz uninteressiert zu. Sie haben selber nach dem Kriege mit Vinnol experimentiert, sind dann aber doch bei ihrer Naturkautschuk-Haut geblieben. Der Elaston-Stoff blieb ihnen unbekannt und ist außer Bunge keinem zugänglich. Er hat die Mischung patentamtlich angemeldet.
"Wir fürchten keine Konkurrenz", behaupten die Klepper-Leute. Im Frühjahr 1950 wollen sie ihr neues Boot herausbringen: ein Luftkanu mit einer Bootsrandwulst, der das Kentern verhindert. Das soll ein Weltschlager werden.
