TIERE
Musik der Wölfe
Der Schriftsteller lack London verglich die "grausamen und unbarmherzigen" Tiere mit "Haifischen auf dem Lande". In Märchen und Legenden, Reisebeschreibungen und Kamingesprächen wurden sie seit Jahrhunderten als blutgierig und hinterhältig geschildert: Wölfe, so die fast einhellige Überlieferung und Meinung, sind gefährliche Killer.
Nun aber, seit sich in den letzten Jahren die Verhaltensforscher -- nach Graugänsen, Reihern und Schimpansen -- mit dem Stammvater aller Hunderassen beschäftigen, wurde deutlich: Die Mär vom Wolf als wildem und räuberischem Menschenfeind ist falsch.
Sechs Jahre lang beobachtete beispielsweise Gordon C. Haber, Zoologie-Doktorand an der University of British Columbia im kanadischen Vancouver. Wölfe in freier Wildbahn. 900 Stunden verbrachte der Forscher damit, einem Wolfsrudel im Mount McKinley National Park (US-Staat Alaska) zu folgen und das Verhalten der Tiere zu studieren.
"Wolfsrudel" so resümierte Haber in einem Forschungsbericht, "sind keine heulenden Horden selbstsüchtiger Ungeheuer." Vielmehr handele es sich bei jedem Rudel um eine "hochorganisierte, disziplinierte Gruppe", in der alle einzelnen Tiere "freundlich und tatkräftig zusammen arbeiten".
Zu einem ähnlichen Urteil über die soziale Ordnung bei Wölfen gelangte auch der schwedische Verhaltensforscher Erik Zimen. Fast drei Jahre lang beobachtete, filmte und photographierte Zimen Rituale und Rangordnungskämpfe, aber auch das Demuts-, Imponier- und Aggressionsverhalten bei insgesamt zehn Wölfen, die er in Zwingern der Försterei von Rickling im holsteinischen Kreis Segeberg gefangenhielt.
Ebenso wie Haber widerlegt auch der schwedische Forscher in seiner Studie, die jetzt im Piper-Verlag erschien, die Raubtier-Fama". "Je nach Standpunkt und Bedarf", so Zimen, seien dem Wolf Eigenschaften zugeschrieben worden. "die mit seinen tatsächlichen Verhaltensweisen kaum etwas gemein" hätten.
Auffälligstes Merkmal eines Wolfsrudels ist nach den neueren Forschungen dessen hierarchischer Aufbau. An der Spitze steht der "Alpha"-Wolf, der, wie Haber in Alaska beobachtete, offenbar "das stärkste, klügste und erfahrenste" Tier des Rudels ist und dem sich -- wenn erst einmal die Rangfolge durch Kämpfe der stärksten Tiere gesichert ist
alle anderen bedingungslos unterwerfen.
Unter der Führung des "Alpha"-Tieres geht das Rudel (Durchschnittsstärke: etwa zehn Tiere) auf Nahrungssuche, meist auf Eiche oder Rentiere. Das
* Erik Zimen: "Wölfe und Königspudel", R. Piper & Co. Verlag. München; 258 Seiten; 26 Mark.
lebensnotwendige Beutemachen ist bei Wölfen kein gezieltes Jagen, sondern eher ein rastloses Wandern, gleichsam in der Hoffnung, durch Zufall auf Rene oder Rotwild zu stoßen.
Zweiter in der Rudel-Hierarchie ist der "Beta"-Wolf, eine Art "Alpha"-Stellvertreter, der die Routine-Arbeiten im Rudel übernimmt oder beaufsichtigt" so etwa im Frühjahr, wenn die "Alpha"-Wölf in Junge geworfen hat. Dann fällt dem "Beta"-Wolf die Rolle des stellvertretenden Ehemannes zu -- freilich nur bei der Aufzucht der "Alpha"-Jungtiere. Das Zeugen ist dem Chef vorbehalten.
Um die Welpen kümmern sich jedoch auch die anderen Wölfe des Rudels, meist einjährige oder auch weibliche Tiere, die in der Rangordnung unterhalb der "Alpha" -Wölfin stehen. "Leichten Herzens" (Haber) verläßt denn auch die Wolfsmutter gelegentlich ihren Wurf, um mitzujagen oder sich auszutoben.
Auch eine andere Eigenart der Wölfe, die möglicherweise die Schauerlegenden mitverursacht hat, glauben die Verhaltensforscher mittlerweile erklären zu können: das charakteristische Heulen. Die Lautäußerungen sind, wie der amerikanische Zoologe John B. Theberge herausfand, weder Klage- noch Drohgeheul; sie dienen ausschließlich der Verständigung der Tiere untereinander.
Finde etwa ein Wolf nach nächtlichen Jagdausflügen nicht zum Rudel zurück, so stimme er oft "spontan ein Geheul" an, erläutert Theberge. Die anderen Tiere antworten auf die gleiche Weise und leiten ihn so zur Gruppe zurück, wo der Verirrte "minutenlang überschwenglich begrüßt" werde.
Darüber hinaus dient die "Sprache und Musik der Wölfe" (so der Titel einer Langspielplatte mit Wolfsgeheul. aufgenommen von Theberge) den Tieren aber auch innerhalb des Rudels als Informationssystem, dessen "außerordentliche harmonische Strukturen". wie der US-Forscher meint, durchaus der menschlichen Stimme vergleichbar sind.
Die streng hierarchische Gruppenstruktur und Arbeitsteilung, aber auch Babysitting und eine Art Primitiv-Sprache erinnern nach Ansicht der Forscher fast schon an eine soziale Ordnung, wie sie in der Frühgeschichte der Menschheit Großfamilien und Gruppen das Überleben unter wechselnden Umweltbedingungen ermöglichte.
Doch alle Forschergewißheit über die Harmlosigkeit von Wolfsrudeln könnte nun zu spät kommen. Denn die Wölfe, ehemals in nahezu allen Tundren und Wäldern der Welt heimisch, sind von der Ausrottung bedroht.
Zwar werden Wolfsrudel von begrenzter Kopfstärke in einigen Naturschutzgehegen und -parks gehalten, so auch im Bayerischen Wald. In freier Wildbahn hingegen stellen Trapper, Eskimos oder Sportjäger den Wölfen wie schon seit Jahrhunderten nach. Dabei arbeiten die Verfolger der Tiere, wie es unlängst der amerikanische Biologe John Hillaby formulierte, nachgerade "mit diabolischen Methoden" -- mit Ködern etwa, die mit Strychnin und Zyanid getränkt sind, mit ausgeklügelten Fallen oder aber mit Scharfschüssen von tieffliegenden Flugzeugen aus.
Tiefverwurzelte Angst gegenüber dem Wolf ist nach Meinung vieler Wissenschaftler der Hauptgrund für den weitverbreiteten Haß und die Jagd auf das Tier. "Man muß sie alle töten", war beispielsweise die einzige Motivation, die ein kanadischer Ranger für seinen Jagdeifer angeben konnte. Und als vorletzte Woche Passanten auf der verschneiten Moskauer Leninski-Straße die Spuren zweier Wölfe ausmachten, wurden die Tiere verfolgt, gestellt und in einer Parkanlage getötet.
Dabei kassieren die Schützen und Fallensteller in einigen Ländern sogar noch stattliche Prämien. Die Regierung des kanadischen Bundesstaates Ontario zahlte vor sechs Jahren noch 60000 Dollar Kopfprämien für insgesamt 2753 erlegte Wölfe.
"Niemals in den vergangenen hundert Jahren", so resümierte denn auch US-Biologe Hillaby, "ging es den Wölfen so schlecht wie heute" -- und das, obwohl in Nordamerika noch niemals ein Mensch von einem Wolf angegriffen worden sei.
100 Dollar, so berichtet Hillaby, wollte der Herausgeber einer Zeitung im kanadischen Sault St. Marie demjenigen zahlen, der authentisch berichten könnte, er sei -- obwohl er sich selbst passiv verhielt -- von Wölfen angefallen worden.
Die 100-Dollar-Prämie. schon vor einigen Jahren ausgeschrieben, ist immer noch zu haben.