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DER SPIEGEL

FÜHRERSCHEINAlle Augen zu

Es war kurz vor Mitternacht, als am Dorfausgang von Wittorf (Niedersachsen) die beiden Polizeimeister Salomon und Ketter auf die Landstraße sprangen und mit den Armen wedelten. Sie wollten einen Volkswagen anhalten, den - wie sie wußten - der Bauer Bakker ohne Führerschein steuerte.
Erst wenige Tage zuvor hatte der Bauer aus dem Heidedorf Bretel in der Lokalzeitung inseriert: "Achtung, Achtung! Für jeden Polizeibeamten, der mich beim Fahren ohne Führerschein anhält, halte ich eine gute Zigarre in meinem Wagen bereit."
Ob die beiden Polizisten nun ihre Zigarren eintreiben oder lediglich des Bauern habhaft werden wollten - Bakker hielt sich nicht an sein Versprechen, sondern gab Gas und drängte die Gesetzeshüter in die Gosse.
Diese Straftat, die jedem anderen Kraftfahrer den Verlust des Führerscheins eingebracht hätte, stimmte den führerscheinlosen Heidebauern heiter: Für ihn bedeutete der Vorfall so viel wie eine bestandene Fahrprüfung.
Denn: Zehn Jahre lang - seit ihm wegen einer "phasisch auftretenden Gemütserkrankung" die Fahrererlaubnis entzogen worden war - hatte Hermann Bakker, 57, die Polizei vergeblich zu provozieren versucht.
Da wegen einer strafbaren Handlung nur verurteilt werden kann, wer - so Paragraph 51 des Strafgesetzbuches - "das Unerlaubte der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln" fähig und mithin normal Ist, dachte sich Bakker höchst ungewöhnliche Kapriolen aus, um in den Genuß einer Strafe und damit auch wieder seines Führerscheins zu kommen.
In der ständigen Hoffnung auf Festnahme knatterte der Bauer unverdrossen mit seinem Volkswagen führerscheinlos durch die Heide und zeigte sich, als alles nichts nutzte, schließlich selbst an.
Doch auch der Amtsrichter In Rotenburg hatte kein Einsehen. Bakker: "Ich wurde freigesprochen und galt weiterhin als verrückt." Der Bauer chauffierte ungehindert weiter: "Alle Polizisten drückten die Augen zu, wenn sie mir begegneten."
Die Gesetzeshüter saßen in der Klemme: Weil Bakker als unzurechnungsfähig galt, durfte er einerseits keinen Führerschein besitzen; andererseits konnte er auch nicht belangt werden, wenn er ohne Führerschein am Steuer saß.
Da Bakker sein Kraftfahrzeug zudem so virtuos lenkte, daß niemand zu Schaden kam, mußte die Staatsanwaltschaft auch darauf verzichten, das Auto einzuziehen.
Indes, die nächtliche Szene am Wittorfer Dorfausgang, von den Seitensprüngen der Polizeimeister Salomon und Ketter belebt, trug lediglich noch formellen Charakter. Wenige Tage zuvor hatte der verzweifelte Bakker mit seinem Auto bereits einen Radfahrer aus dem Sattel gestoßen.
Nur um ganz sicher zu gehen, preschte der Bauer nun auch noch mit Vollgas auf die Polizeisperre los, was ihm prompt - neben der Anklage wegen fahrlässiger Körperverletzung eines Radfahrers - eine Anklage wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt einbrachte.
Endlich war Bakker am Ziel: Das Landgericht in Verden verurteilte ihn Ende vergangenen Monats zu drei Monaten Gefängnis, die allerdings zur Bewährung ausgesetzt wurden.
Bakker, wieder zurechnungsfähig: Jetzt verklage ich den Staat auf Herausgabe meines Führerscheins."

DER SPIEGEL 47/1962
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