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VOGELGRIPPE

Das Rätsel des sterbenden Schwans

Virologen und Politiker sind überrascht, wie schnell die gefürchtete Vogelgrippe deutschen Boden erreicht hat. Nun streiten die Experten, wie sich ein Übergreifen der Tierseuche auf die Geflügelbestände noch verhindern lässt: Hausarrest für Hühner - oder Massenimpfung? Von Traufetter, Gerald

Am Mittwochmorgen, dem 25. Januar, sieht es für Irmgard Blindow nach einem ganz normalen Arbeitstag aus. Am Fähranleger Schaprode auf Rügen ist ihr ein Singschwan aufgefallen, der eine blaue Manschette um den Hals und einen Ring am Fuß trägt.

Die Forscherin von der Biologischen Station Hiddensee weiß, was zu tun ist. Sie liest die Beringungsnummer ab: "Riga EE...984". Dann meldet sie ihren Fund an Ulrich Köppen von der Beringungszentrale Hiddensee; der trägt ihn in seine Datenbank ein - und dann passiert erst einmal nichts.

Doch drei Wochen später ist der Schwan tot. Er gehört zu den ersten gefiederten Opfern der gefürchteten Vogelgrippe auf deutschem Boden.

Köppen erfährt den alarmierenden Befund durch einen dringenden Anruf aus dem Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems. Virologen in Überdruckanzügen haben den Vogel, der tot im Eis vor der Insel Rügen steckte, analysiert - und sind dabei auf das gefürchtete Virus vom Subtyp H5N1 gestoßen.

"Der Fund ist ein sehr wichtiges Indiz", sagt Ornithologe Köppen. Denn der Vogel "Riga EE...984" könnte helfen, das Rätsel zu lösen, das seit voriger Woche ganz Deutschland beschäftigt: Wie kam die Todesmikrobe H5N1 ins Land?

Mit ein paar Clicks am Computer hat der Vogelzugexperte die Herkunft des Tiers ermittelt. Der Singschwan stammt aus dem Naturschutzgebiet Liepaja-See in Lettland. "Ich gehe davon aus, dass der Vogel das Virus von dort mitgebracht hat", sagt Köppen. Singschwäne brüten vorzugsweise in Schweden, Finnland, Nordrussland und im Baltikum. Und wenn es ihnen im Osten zu kalt wird, fliegen sie gen Westen (siehe Grafik).

Der gefürchtete Erreger könnte also auf sanften Schwingen schon Mitte Januar deutschen Boden erreicht haben.

Behörden und Politik sind alarmiert, die Nation ist in Aufregung. Die Tierkrankheit, an der in Asien, Europa und Afrika bereits 92 Menschen und Millionen Hühner gestorben sind, hat sich seit Beginn des Jahres ungewöhnlich schnell ausgebreitet.

"Dass sie kommt, war nicht unerwartet, aber diese Rasanz hat uns dann doch völlig überrascht", gesteht der oberste deutsche Seuchenschützer Reinhard Kurth, Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI). Bundesverbraucherschutzminister Horst Seehofer (CSU) hält die Lage für sehr ernst: "Das wird nicht auf Rügen beschränkt bleiben, das Virus wird in weiteren Regionen auftauchen."

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) indes bemühte sich, aufkommende Panik einzudämmen: "Menschen brauchen sich im Moment keine Gedanken zu machen." Dennoch waren die eilig eingerichteten Hotlines der Behörden schnell überlastet. Tausende Bürger riefen an und fragten, ob sie jetzt Katzen und Hunde im Haus einsperren oder das Schwalbennest über ihrem Schlafzimmerfenster abnehmen müssten.

Unter Seuchenexperten und Politikern bahnte sich indes Ende der Woche ein Streit darüber an, mit welcher Strategie der Erreger am besten zu stoppen ist. Hilft wirklich nur eine strikte Stallpflicht für Freilandgeflügel? Und wenn ja: für wie lange? Oder wäre ein alternativer Weg der Seuchenbekämpfung sinnvoller, wie er vor allem von den Niederländern und Franzosen beschritten wird?

Einig sind sich die nationalen Seuchenbekämpfer, dass das Krisenmanagement auf Rügen, dem Epizentrum, mehr als dilettantisch war - was die Insulaner erwartungsgemäß bestreiten; sie verweisen auf mangelnde Hilfe vom Land.

Ulrike Lucas, die stellvertretende Landrätin und Leiterin des dortigen Kriseneinsatzes, steht auf schwarzen Pumps im Matsch und wird von den Fragen der Reporter nur so bombardiert: "Stimmt es, dass Rügen nicht auf den Notfall vorbereitet war? Liegen immer noch tote Vögel herum? Warum haben die Untersuchungen so lange gedauert?"

Zusammen mit zwei Veterinären ist sie zum Stall eines Hobbyzüchters gekommen, der nur wenige Kilometer vom ersten Fundort der toten Schwäne entfernt wohnt. 13 Hühner hält er, "das spart schon ein bisschen Geld beim Einkaufen".

Jetzt müssten seine Vögel in den Stall, das bekommt er von der Vize-Landrätin gesagt, deren demonstrativer Aktionismus von zwei Dutzend Fotografen, Kameraleuten und Reportern festgehalten wird.

574 Kilometer Küstenlinie müsse man nun absuchen, sagt Lucas, und die Ufer seien häufig vereist: "Da ist kein sicheres Rankommen." Die Felder wiederum seien vom tauenden Schnee völlig vermatscht, "da bleiben die Fahrzeuge stecken". Jetzt ist der eilig herbeibeorderte Hubschrauber endlich da; doch im dichten Februarnebel wird auch der nicht wirklich etwas ausrichten können.

Verbraucherschutzminister Seehofer kann über diese Ausreden nur den Kopf schütteln. Er schimpft darüber, dass Tage nach Ausbruch die Seuchenzone noch immer nicht hermetisch abgeriegelt ist: "Jeder darf rein- und rausfahren und an Füßen und Reifen das Virus verschleppen!" Besonders regt ihn auf, dass Journalisten, die zuvor noch um die toten Schwäne herumgerannt sind, vom Landratsamt zum Pressetermin eingeladen wurden - ausgerechnet vor einen Hühnerstall.

"Die EU-Kommission beobachtet ganz genau, wie die Behörden die Krise handhaben", warnt Seehofer. Wenn man in Brüssel den Eindruck bekomme, dass das vor Ort nicht richtig laufe, dann könnte ein Exportverbot für jegliches deutsche Geflügel verhängt werden: "An dem Verhalten der Behörden vor Ort hängen wirtschaftliche Risiken in Milliardenhöhe."

RKI-Chef Kurth kritisiert vor allem das Schleichtempo, mit dem die ersten toten Schwäne untersucht wurden. Es sei "schwer nachvollziehbar", warum fast eine Woche vom Auffinden der ersten toten Schwäne bis zur Diagnose verging.

Schon am 8. Februar hatten Touristen die toten Tiere gemeldet, zwei Tage später wurden die Kadaver nach Rostock ins Labor gebracht. Dann war Wochenende, und die Proben blieben liegen. Erst am vorigen Dienstag wurden sie dann zum Bundesforschungsinstitut nach Riems gebracht. Dort steht das Influenza-Referenzlabor mit der deutschlandweit wohl modernsten Analysetechnik. Um 14 Uhr setzten sich die Forscher an die Untersuchung - um 19 Uhr gab es Gewissheit: H5N1.

So verstrichen wertvolle Tage, in denen man tote Tiere hätte einsammeln können. Denn jeder Kadaver birgt die Gefahr weiterer Infektionen - und damit wird das Horrorszenario der Seuchenschützer wieder ein Stück wahrscheinlicher: Das Grippevirus nistet sich unter Wildvögeln ein, wo es kaum auszurotten ist; dann infiziert sich Geflügel in den Ställen. Einzelne Menschen werden befallen, und das Virus mutiert zu einer Killermikrobe.

Eine Pandemie kann dann, wie das Beispiel der Spanischen Grippe 1918/19 zeigt, Millionen Menschen rund um den Erdball das Leben kosten. "Wir haben derzeit aber noch keine triftigen Indizien, dass sich das Virus verändert", sagt RKI-Präsident Kurth. Es sei auch durchaus möglich, dass es zu einer solchen Mutation überhaupt nicht komme - oder dass ein Erreger entstehe, der gar nicht hochansteckend oder tödlich für den Menschen sei.

Doch als Seuchenschützer muss sich Kurth auf den Pandemie-GAU vorbereiten. Und das heißt für den Virologen: "Wir müssen die Wahrscheinlichkeit für eine Mutation reduzieren, indem wir die Ausbreitung des Virus schon unter den Tieren stoppen."

Die derzeitige Entwicklung gibt den Epidemiologen aber wenig Grund zur Hoffnung. Die Zahl der in Deutschland an Vogelgrippe gestorbenen Tiere lag bis Ende voriger Woche bei 13.

Mehrmals täglich erhält die Virusdiagnostik am Friedrich-Loeffler-Institut auf Riems neue Kadaver, und der Leiter Martin Beer muss mit seinem Team unter Hochdruck daran arbeiten, die an Vogelgrippe verendeten Tiere von jenen zu unterscheiden, die in der kalten Jahreszeit an Unterernährung oder Entkräftung sterben. Als die ersten Vögel positiv getestet wurden, rief ihn der Präsident des Instituts an und bat ihn, seinen Urlaub abzubrechen.

"Wir werden in der nächsten Zeit noch weitere positive Proben finden", erklärt Beer auf dem Weg ins Duschhaus. So heißt das Gebäude, in dem die Wissenschaftler sich in die sterilen Schutzanzüge zwängen und vor Verlassen der Sicherheitsschleusen mehrere Minuten unter einer Spezialdusche stehen müssen.

Ein Lastwagen hat schon wieder vier Dutzend toter Wildvögel aus Rügen abgeladen. Zunächst wird ihnen Hirn und Lunge herausgeschnitten. "Dort ist die Konzentration der Viren am höchsten", erläutert Beer. Die molekularbiologischen Analysen ermöglichen mittlerweile binnen wenigen Stunden nicht nur eine sichere Diagnose des Virustyps. Weitere Tests lassen auch Rückschlüsse über dessen Herkunft zu.

So kann Virologe Beer mit einem Blick auf die Daten sagen: "Der gefundene Erreger ist mit jenem Typ verwandt, der im Frühling 2005 am Qinghai-See in China für ein Massensterben unter Wildvögeln gesorgt hat."

Von dort lässt sich seine molekulargenetische Fährte bis in die Provinz Guangdong verfolgen, wo das Virus Mitte der neunziger Jahre das erste Mal aufgetaucht war. "In dieser Region Chinas liegt wohl der Ursprung des Erregers", erklärt Beer. "Hier ist er mittlerweile fest unter den Wildvögeln verbreitet und greift regelmäßig auch auf die Nutztierbestände über."

Eine solche Situation könnte sich in Deutschland ebenfalls einstellen, befürchtet der Virologe. Um ein Übergreifen zu verhindern, hat Seehofer angeordnet, jegliches domestizierte Federvieh in die Ställe einzusperren. Doch wie lange soll der Hausarrest für die Hühner bestehen bleiben?

Für Virologen wie Albert Osterhaus, einen der führenden Influenza-Experten vom Erasmus Medical Center in Rotterdam, sind Freilandhühner das entscheidende Einfallstor für den Erreger in die Geflügelställe. Das hat man für den großen Vogelgrippeausbruch in den Niederlanden vor drei Jahren rekonstruiert.

"Jetzt sieht es so aus, als könnte sich unter den Wildvögeln in Deutschland der Erreger festsetzen", sagt Osterhaus, und deshalb dürfe man die Tiere eigentlich auf viele Monate nicht mehr ans Tageslicht lassen - und zwar selbst dann nicht, wenn die Zugvögel in den nächsten zwei Monaten durchgezogen sind.

Doch ist eine Stallpflicht auf Dauer wirklich durchsetzbar? Das niederländische Landwirtschaftsministerium bezweifelt das und vertritt deshalb jetzt eine neue Strategie im Kampf gegen die Geflügelpest - die von den deutschen Behörden bislang abgelehnt wird: die Massenimpfung. Ende vergangener Woche stellte Den Haag einen entsprechenden Antrag bei der EU-Kommission.

In den Niederlanden würde das allein 5,5 Millionen Hühner betreffen. "Wir würden am liebsten sogleich mit dieser Maßnahme beginnen", erklärt ein Ministeriumssprecher in Den Haag. Auch für Stallhühner werde die Impfung erwogen.

Doch ohne Zustimmung der EU werden die Niederländer nicht beginnen. Andernfalls drohen wirtschaftliche Einbußen in Milliardenhöhe. Denn ein Land, das seine Hühner ohne Zustimmung gegen Grippe impft, wird derzeit noch mit einem Exportverbot bestraft. Die Begründung: Geimpfte Hühner seien nicht von solchen zu unterscheiden, die sich mit dem echten Erreger infiziert hätten.

Zudem bestehe die Gefahr, dass sich die geimpften Tiere dennoch ansteckten, wegen des Impfschutzes jedoch nicht ernsthaft daran erkrankten - und den Erreger weitergäben, so dass sich die Seuche unentdeckt ausbreiten könnte. Seehofer: "Meine Experten haben mir aus diesem Grunde dringend davon abgeraten, die heute zur Verfügung stehenden Impfstoffe einzusetzen."

In den Niederlanden sehen das die Experten anders. Guus Koch vom Zentralinstitut für Tierseuchenkontrolle in Lelystad hat den auf dem Markt verfügbaren Impfstoff an Labortieren getestet und dabei "eine ausreichend hohe Wirksamkeit" festgestellt. Die Mehrzahl der geimpften Tiere habe sich zwar infiziert, so Koch, sei aber nicht erkrankt und habe praktisch auch keine Viren ausgeschieden - im Ernstfall könne der Seuchenzug dadurch gestoppt werden.

Um eine verdeckte Ausbreitung zu verhindern, so der Forscher, könne man auch jeweils einige Tiere eines Bestands ungeimpft lassen. "Wenn diese Vögel sterben, weiß man, dass die Vogelgrippe im Stall ist", erläutert Koch.

Eine Befürworterin des niederländischen Modells ist die Grünen-Politikerin Bärbel Höhn, ehemalige Verbraucherschutzministerin aus Nordrhein-Westfalen. "In Deutschland und bei der EU hat man sich auf die Strategie Töten statt Impfen verbohrt", klagt die Grünen-Politikerin, "in Brüssel verfolgt man damit knallharte wirtschaftliche Interessen."

Doch Verbraucherschutzminister Seehofer will zunächst dem Ratschlag seiner Fachleute folgen. Und diese empfehlen abzuwarten, bis es einen besseren Impfstoff gibt, der mit Hilfe eines genetischen Markers schnell eine Unterscheidung zwischen geimpften und infizierten Hühnern ermöglicht.

"Ich will aber durchaus dazulernen, wenn es andere Expertenmeinungen zu diesem Thema gibt", sagt Seehofer, "wirtschaftliche Interessen dürfen nicht über wissenschaftliche Erkenntnisse siegen."

Das Bundesinstitut auf Riems hat den Prototyp eines moderneren Impfstoffs bereits Anfang des Jahres fertiggestellt und an verschiedene Pharmafirmen weitergeleitet.

Für den aktuellen Ausbruch kommt das Vakzin zu spät - eine Zulassung könnte noch drei bis vier Jahre dauern. GERALD TRAUFETTER

DER SPIEGEL 8/2006
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