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DER SPIEGEL

KRIEG / VIETNAM / OFFENSIVETapfere Täter

Die Offensive begann auf dem Friedhof, Waffen kamen aus den Gräbern.
Eine geheimnisvolle Epidemie schien in den letzten Tagen des buddhistischen Schaf-Jahres die südvietnamesische Hauptstadt Saigon befallen zu haben: Öfter als sonst bewegten sich Leichenzüge durch die Metropole, öfter als sonst bestellten trauernde Vietnamesen Särge.
Doch die vermeintliche Trauer war Haß, in den Särgen lagen keine Leichen.
Als Saigon in der Nacht zum vorletzten Dienstag mit einem Feuerwerk das neue "Jahr des Affen" begrüßte, öffneten geheimnisvolle Gestalten Gräber wie Särge und stahlen sich mit dem Inhalt davon: mit gut geölten Maschinenpistolen und mit Munition.
Auch Pagoden und Privathäuser waren Waffenarsenale -- so die An-Quang-Pagode im Chinesenviertel Cholon, so das Haus Nummer 266 in der Tran Qui Cap, nur einige Häuserblocks neben dem Quartier des obersten US-Soldaten in Vietnam, General William C. Westmoreland.
Kaum waren die Waffen verteilt, begann der rote Sturm in Vietnam.
50 000 südvietnamesische Vietcong (Kurzform für Vietnam Cong-San = vietnamesische Kommunisten) berannten 30 von 44 Provinz-Hauptstädten, eroberten Behörden und Betriebe, verschanzten sich in Hotels und Hinterhöfen.
Sie hißten die rot-blaue Fahne ihrer Revolution auf der Zitadelle der alten Kaiserstadt Hué, sie fielen in Städte ein, die als absolut sicher galten, und machten Saigon zur gefährlichsten Stadt des geteilten Landes. "Ich glaube, (das US-gebombte) Hanoi ist diese Woche sicherer als Saigon", vermutete ein Kanadier aus der Internationalen Kontrollkommission für Indochina.
In der Nacht zerschossen 19 Vietcong die Schutzmauer der festungsartigen US-Botschaft in Saigon. Erst nach sechsstündigem Kampf eroberten die Amerikaner das Gelände zurück. Vietcong in japanischen Toyota-Limousinen rollten vor das Gebäude von Radio Saigon und besetzten den Sender. Auf den Flughafen gingen Raketen nieder.
Kein Platz war sicher vor den Vietcong. Sie zwangen US-General Westmoreland, Unterschlupf in einem fensterlosen Bunker zu Suchen. Sie trieben US-Botschafter Ellsworth Bunker in ein sicheres Vorort-Versteck. Sie machten Vietnam auch für jene 350 000 von über 500 000 Vietnam-GIs zum Schlachtfeld, die bislang fern von Schüssen in der Etappe lebten.
In einer einzigen Woche fielen 416 US-Soldaten -- mehr, als die USA in Vietnam jemals in sieben Tagen verloren. In dieser "Woche der Überraschungen" (US-Brigadegeneral Chaisson) schien Vietnam in Blut und Asche zu versinken und Amerika an den Rand einer militärischen Niederlage gedrängt.
Zwar können die Vietcong eine halbe Million erstklassig ausgerüsteter US-Soldaten nicht physisch vom hinterindischen Festland vertreiben -- und wahrscheinlich erwarten sie dies auch nicht. Die Vietnam-Kommunisten bauen vielmehr darauf, daß Amerikas Politiker an Amerikas allzu optimistischen Generälen verzweifeln und daß Amerikas Bevölkerung ihren Präsidenten zum Abbruch des aussichtslosen Vietnam-Abenteuers drängt.
Die Amerikaner waren auf einen Schlag dieser Stärke nicht vorbereitet, Zwar hatte General William ("Westy") Westmoreland seinen Kommandeuren zwei Wochen vor dem roten Sturm eine "allgemeine und große Offensive des Vietcong und der Nordvietnamesen vor, während oder gleich nach dem Neujahrsfest" angekündigt; zwar erklärte der südvietnamesische Katholikenführer Nguyen Gian Hien später: "Unsere Generäle wußten, daß der Vietcong Saigon angreifen würde, die Leute auf der Straße wußten es, ich wußte es" -- aber als Generalleutnant Frederick C. Weyand, Chef der US-Truppen in den elf Provinzen rund um die Hauptstadt, nach dem ersten Vietcong-Angriff seine Truppen sammelte, standen ihm nur knapp 300 GIs zur Verfügung. Die anderen waren -- wie die meisten Südvietnamesen -- auf Neujahrsurlaub.
Amerikas Vietnam-Generäle starrten währenddessen gebannt nach Norden, wo die roten Brüder des Vietcong zum großen Schlag rüsteten: 40 000 nordvietnamesische Soldaten in olivgrünen Uniformen bedrohten mit sowjetischen Panzern, Raketen, 152-Millimeter-Geschützen und Flammenwerfern den US-Stützpunkt Khe Sanh. Dort wollen sie den Amerikanern ihr Dien Bien Phu bereiten.
Doch der große Schlag auf Khe Sanh kam noch nicht. Statt dessen kamen die Vietcong. Seit Wochen schon hatten sie sich zu zweit oder zu dritt -- insgesamt 5000 Mann stark -- in die Hauptstadt eingeschlichen, seit Wochen schon hatten sie überall im Lande ihre Offensive vorbereitet.
Nun, im Tanz und Trubel der Neujahrsnacht, schlugen sie zu. Sie nisteten sich in Ruinen und Rohbauten ein, eroberten ganze Stadtteile -- wie das Chinesenviertel Cholon in Saigon verwandelten Amtsstuben und Pagoden in Schießstände für ihre Scharfschützen.
In Dalat stürmten sie einen amerikanischen Militärpolizei-Posten und besetzten die Innenstadt. In Pleiku übernahmen sie sogar die Provinz-Regierung: Während der Provinzchef die Verteidigungsanlagen gegen die Vietcong inspizierte, besetzte sein Gegenspieler, der Schatten-Provinzchef der Vietcong, das Regierungsgebäude.
Überall im Lande waren die Vietcong im Vormarsch -- US-General Westmoreland jedoch bewertete ihre Offensive als "kostspieligen Fehlschlag" und versteifte sich wie schon einmal auf die Behauptung, nunmehr werde "dem Vietcong endgültig der Dampf ausgehen".
Dem obersten Vietnam-Soldaten der USA schien es unvorstellbar, daß barfüßige Dschungelkrieger mit Handfeuerwaffen jene Militärmaschinerie lahmlegen könnten, die Amerika in den letzten zweieinhalb Jahren in Vietnam aufgebaut hat.
"Der Feind wird immer und immer wieder scheitern", hatte Lyndon B. Johnson seinen Landsleuten versichert, "denn wir Amerikaner werden niemals nachgeben."
Und tatsächlich hatte der Feind in den vergangenen Jahren Zehntausende verloren, waren seine Dschungel-Verstecke von achtstrahligen B-52-Bombern und doppelschall-schnellen Phantom-Jägern pausenlos angegriffen, waren Männer, Frauen und Kinder von Napalm verbrannt worden. Die Amerikaner zählten die Toten -- zählten dabei oft zu viele -- und glaubten, derartige Verluste könne auch eine Partisanen-Armee auf die Dauer nicht hinnehmen.
Doch asiatische Mentalität und kommunistischer Revolutionsgeist verbanden sich im Vietcong zu einer für zivilisierte Staaten fast unbegreiflichen und für Bomberverbände unaufweichlichen Einheit.
Nordvietnams Verteidigungsminister General Giap: "In jeder Minute sterben überall auf der Welt Hunderttausende von Menschen. Leben oder Tod von hundert, tausend oder Zehntausenden von Menschen bedeuten in Wirklichkeit sehr wenig -- selbst wenn es sich um unsere Landsleute handelt."
Die deutsche Wehrmacht hatte ihren Partisanenkrieg in Rußland mit unzureichenden Kräften führen müssen, ohne Hubschrauber und Hovercraft. Die Amerikaner vertrauten auf die Macht des Materials. "Was heißt Beweglichkeit?" fragte 1963 ein US-Berater. "Beweglichkeit heißt Fahrzeuge und Flugzeuge ... Die Vietcong haben keines von beiden. Wie können sie da beweglich sein?
Vorletzte Woche dagegen gestand ein US-Offizier in Saigon: "Ich wünschte, Charlie stünde auf unserer Seite."
Charlie -- so nennen die Amerikaner den Vietcong -- ist kein vom Abenteuer angelockter Freischärler. Er ist diszipliniert, fanatisch und gewohnt zu leiden; denn seit einer Generation lebt er mit dem Krieg. Er gehört -- zumindest in vielen Kampfeinheiten -- zu den besten Soldaten der Welt.
Ihren Aufstand gegen die Regierung in Saigon führten die Vietcong nach der Drei-Phasen-Lehre, die Guerilla-Meister Mao Tse-tung für den Partisanenkrieg aufgestellt hatte. In der ersten Phase, dem "defensiven Rückzug", beschränkten sie sich auf Überfälle und Sabotageakte, die "Moral, Kampfgeist und das militärische Leistungsvermögen des Gegners brechen sollen" (Mao). Diese Phase begann 1956, zwei Jahre nach dem Abzug der Franzosen.
Vietcong-Krieger bewegten sich auf Schleichpfaden durch den Dschungel, in Sampans auf Flüssen, in Blumen- und Gemüsetransporten. Sie fuhren aber auch -- unerkannt -- in Linien-Omnibussen über Land.
Ihre Handgranaten explodierten in den Cafés der Hauptstadt wie auf den Reisfeldern des Mekong-Deltas. Regierungssoldaten tappten in kunstvoll angelegte Fallgruben, Spreng- und Minenfelder, wurden mit vergifteten Pfeilen beschossen, in Bärenfallen gefangen oder durch Selbstschüsse getötet.
Um die Saigoner Regierungsautorität zu beseitigen, töteten die Vietcong in 15 000 Dörfern 13 000 Dorfälteste und Beamte, exekutierten sie so viele Lehrer, daß die Regierung zwischen 1959 und 1961 insgesamt 636 Schulen schließen mußte. An die Stelle der Getöteten traten Vertrauensleute der Vietcong. Die Bauern erhielten den Grund und Boden der Landlords und faßten Vertrauen oder fügten sich.
Die Vietcong wurden Ordnungsmacht in einem chaotischen Land. Sie konnten sich im Volk bewegen wie "Fische im Wasser" (Mao). Sie gründeten ihre politische Organisation, die Nationale Befreiungsfront (FNL). Maos zweite Partisanen-Phase konnte beginnen.
In dieser Zeit, von Mao "wachsames Ringen" genannt, gelang es den Vietcong-Verbänden, den Gegner ununterbrochen in Atem zu halten, ihn zu ermüden und "bis zur tödlichen Erschöpfung zu zermürben", so wie Mao es empfohlen hatte.
Ende 1964 wagte sich kaum noch eine Regierungs-Patrouille bei Nacht hinaus aufs Land; Südvietnam wurde bis auf die Städte vom Vietcong kontrolliert. Der Zeitpunkt der dritten Mao-Phase -- Offensive mit regulären Streitkräften -- schien nicht mehr fern. Deshalb übernahm nun derselbe Mann, der einst bei Dien Bien Phu die Franzosen besiegt hatte, die strategische Führung des Vietcong: Hanoi-General Vo Nguyen Giap, heute 56.
Ebenso fanatisch wie intelligent, war Giap, den die Franzosen bereits im Alter von 18 Jahren wegen kommunistischer Untergrundarbeit verhaftet hatten, seit 1941 einer der engsten Gefolgsleute des heutigen nordvietnamesischen Präsidenten Ho Tschi-minh. Leidenschaftlich bewundert er Napoleon (er kann alle napoleonischen Schlachten aus dem Gedächtnis skizzieren), leidenschaftlich haßt er alle Kolonialherren, ob sie nun aus Frankreich, China oder Amerika kommen. Giap: "Vernichtet eure Feinde! Löscht die Kolonialmächte aus!"
Der Londoner "Economist" hält ihn für einen der "bedeutendsten Taktiker unserer Zeit, vergleichbar einem anderen taktischen Genie, dem Wüstenfuchs Erwin Rommel". Giap gab dem Vietcong durch die Verbindung mit Nordvietnam das organisatorische Rückgrat.
Die Truppen des Vietcong rekrutierten sich bis 1964 nur aus Freiwilligen. Während Saigon seine Rekruten dank US-Hilfe mit 108 Mark im Monat besoldete, konnte Giap seinen Partisanen nur 1,50 bis zwei Mark im Monat zahlen. Aber Ehrentitel zeichnen den "Zum Sieg entschlossenen Kämpfer" oder den "Tapferen Töter von Amerikanern" aus. Die "Befreiungsmedaille" jedoch wird einem Vietcong nur mit Zustimmung seiner Kameraden verliehen.
Der Zulauf der Vietnamesen war so groß" daß Giap trotz kärglicher Besoldung sogar noch Qualitätsansprüche an seine Soldaten stellen konnte: Sie mußten mindestens 1,47 Meter groß sein.
Anfang 1965 war die von Amerika gestützte Regierung in Saigon am Ende. Verhandlungen mit dem Vietcong schienen der letzte Ausweg. Da machte US-Präsident Johnson den vietnamesischen Bürgerkrieg endgültig zum amerikanischen Krieg: Als das buddhistische Jahr der Schlange zu Ende ging, waren über 180 000 US-Soldaten zwischen dem 17. Breitengrad und dem Mekong-Delta stationiert.
Überall in Südvietnam entstanden amerikanische Basen. Mit der -- zunächst noch gebremsten -- Kraft der gigantischen amerikanischen Militärmaschinerie sollten Giaps Guerillas zerschmettert werden.
Was den schlecht ausgerüsteten Franzosen in mehr als acht Jahren nicht gelungen war, sollten Amerikas Soldaten in ein paar Monaten schaffen. Denn sie brachten Gerät und Selbstbewußtsein mit. Die Bitternis der Niederlage kannten sie nicht.
Geblendet vom Glauben an die Unbesiegbarkeit Amerikas, jubelte "Time" im Oktober 1965: "Es ist gerade drei Monate her, daß die todbringenden kleinen Männer in den schwarzen Pyjamas nach Belieben kreuz und quer durch Südvietnam zogen, raubten, plünderten, mordeten ... Das Land stand kurz vor dem Zusammenbruch.
"Heute birst Südvietnam vor Stolz und Kraft ... Jetzt, da die gewaltige amerikanische Feuerkraft die kommunistische Stärke erschüttert, sind aus den einst so mutigen Jägern ängstliche Gejagte geworden."
Präsident Johnson versprach seinen Landsleuten: "Amerika gewinnt die Kriege, auf die es sich einläßt. Daran gibt es keinen Zweifel." Und zunächst schien er recht zu behalten.
Mit einer Armada von Hubschraubern trieben die Amerikaner Giaps Truppen zurück, die Ende 1965 zur Partisanen-Kriegsstufe drei übergingen und sich bei Plei Me zur offenen Schlacht stellten: Über 1500 Giap-Soldaten fielen. Ihr General schaltete auf Stufe zwei zurück.
Die Vietnamesen, die von Natur aus Angst vor der Nacht haben, lernten, daß die Nacht ihr Freund sei: Die Weißen können dann nichts sehen, ihre Flugzeuge nicht starten.
In den Boden wühlten die Vietcong ein weitverzweigtes Tunnelnetz. Ihre Rucksäcke nähten sie aus gestohlenen amerikanischen Mehlsäcken, die oft noch die Aufschrift trugen: "Ein Geschenk "des amerikanischen Volkes".
Ihre Nylon-Hängematten fertigten sie aus erbeuteten Fallschirmen. An ihren Gürtel hängten sie eine Feldflasche, ein Päckchen Reis und ein paar Handgranaten, von denen geheime Fabriken im Dschungel je bis zu 5000 Stück im Monat produzierten.
Sogar über die Pläne des Gegners waren die Vietcong fast immer im voraus unterrichtet: Das amerikanische Militär-Telephonnetz "Tiger" wird von vietnamesischen Telephonistinnen bedient.
"Als die Amerikaner einmarschierten", sagte Nguyen Hun Too, der Chef der Nationalen Befreiungsfront, "als sie begannen, den Krieg mit ihren eigenen Leuten zu führen, da standen unsere Leute dort, wo wir sie haben wollten. Wir hielten alle strategisch wichtigen Punkte besetzt, und es blieb ihnen nichts anderes übrig, als nach unseren Bedingungen Krieg zu führen."
Mochten die GIs die Städte und Basen beherrschen, das flache Land mit seinen etwa zehn Millionen Bauern blieb fest in der Hand der Vietcong. Es gelang den Amerikanern nicht, die Zahl
> der vom Vietcong beherrschten Dörfer,
> der vom Vietcong außerhalb seines Einflußbereichs rekrutierten Soldaten,
> der vom Vietcong getöteten Vietnamesen
zu vermindern.
Die Amerikaner schickten noch mehr Soldaten und vor allem noch mehr, noch. besseres Gerät ins Land: Sie wollten nicht glauben, daß Partisanen mi,t Handfeuerwaffen der größten Konzentration kämpfender Truppen seit dem Zweiten Weltkrieg widerstehen könnten, deren Feuerkraft mehr als achtmal so groß ist wie die der Uno-Alliierten im Korea-Krieg.
Doch der unheimliche asiatische Krieg machte selbst Erfolge der Amerikaner zunichte. Im Bombenhagel amerikanischer Flugzeuge, im Feuer amerikanischer Artillerie und Raketen fielen Zehntausende -- aber nicht nur Partisanen. Mit jeder Bombe, die ein Dorf traf, mit jedem toten Zivilisten wuchs das Mißtrauen, die Empörung der Südvietnamesen gegen die ausländischen Soldaten.
Als die alliierten Beschützer von Saigon und Hué in der vorletzten Woche Bomben auf einzelne Stadtteile anforderten, flogen deshalb auch nicht die Amerikaner die Einsätze. Aus Angst, noch mehr Zivilisten zu töten, bestanden sie darauf, daß südvietnamesische Piloten Bomben, auf südvietnamesische Städte warfen.
Wo aber der Vietcong seinerseits Terror übte, wirkte dieser Terror psychologisch gegen Amerika: Solange die Fremden im Land sind, gibt es keinen Frieden -- so mußte es den Vietnamesen erscheinen. In Stadt und Land gewannen die Vietcong neue Soldaten.
Nach Angaben des amerikanischen Brigadegenerals Sidle aus dem Stab von Westmoreland stritten im November 1967 insgesamt rund 248 000 Mann für die Vietcong:
> 118 000 Mann in regulären Einheiten,
> 90 000 örtliche, aber operative Guerillas,
> 40 000 Mann in Verwaltung und Versorgung.
General Sidle zählte nicht zur Vietcong-Streitmacht:
> 85 000 Kader, Dorf älteste und Steuereintreiber sowie
> 50 000 Milizionäre, die keine Operationen unternehmen, sondern nur ihre Dörfer verteidigen.
Nach Angaben aus Hanoi bilden sämtliche Vietcong -- also einschließlich der Kader und Milizionäre sieben Divisionen und sieben Brigaden. Viele ihrer Offiziere kämpften schon gegen die Franzosen. Sie stammen aus Südvietnam, ihre Ausbildung aber erhielten sie in Giaps nordvietnamesischer Armee.
Zugleich erschlossen die Giap-Guerillas neue Einnahmequellen: Hotels und Bars, die von Vietcong-Attacken verschont bleiben wollten, mußten monatliche "Sicherheiten" zahlen. Und bei vielen vietnamesischen Mädchen, die kriegsmüden GIs ihre Gunst gewährten, kassierte der Vietcong mit.
Die Landwirtschaft in den vom Vietcong kontrollierten Gebieten wird am wirksamsten besteuert. Zwischen 15 und 40 Mark pro Hektar, dazu zwei bis vier Prozent Verkaufsteuer müssen die Bauern jährlich an den Vietcong-Kassierer abführen. Kämpft ein Familienmitglied für die Vietcong, so gelten die niedrigen Sätze. Für jeden Sohn in der Saigon-Armee indessen wird die Abgabe zur Strafe erhöht.
Die Vietcong tauchten immer dort auf, wo gerade keine Amerikaner waren, sie zwangen General Westmoreland, seine Truppen immer wieder zu verlegen -- getreu der Mao-Lehre, daß der Gegner in der zweiten Phase des Partisanenkriegs zermürbt werden muß.
Vietnams Ho Tschi-minh hatte 1946 eine kämpferische Fabel erzählt: "Es wird ein Krieg zwischen Tiger und Elefant. Wenn der Tiger auch nur einen Augenblick lang stillhält, nimmt ihn der Elefant auf seine Stoßzähne. Aber der Tiger springt den Elefanten an und reißt ihm immer mehr Fetzen aus dem Rücken, bis der Elefant schließlich am Blutverlust stirbt."
Sein General Giap formulierte es weniger poetisch: "Der Feind steht vor einem Problem. Wenn er seine Truppen nicht über das ganze Land verteilt, kann er niemals die Gebiete besetzen, die wir kontrollieren. Verteilt er sie aber über das ganze Land, dann gerät er selbst in Schwierigkeiten."
Denn: "Der Gegner mag insgesamt ruhig zehnmal so stark sein wie wir. Aber wenn wir ihn zwingen, seine Truppen weit über das Land zu verstreuen, dann können wir dort, wo wir ihn angreifen wollen, zehnmal so stark sein wie er."
In der dritten Partisanen-Kriegsphase hatte Amerikas Hubschrauberflotte die zur offenen Schlacht übergegangenen Vietcong erfaßt. Nach Rückschaltung auf Phase zwei entwischte der Feind meist, bevor die Hubschrauber einfielen.
Er war so stark und blieb so beweglich, daß Amerikas Vietnam-Verteidiger Westmoreland immer mehr GI aus den USA anfordern mußte. Heute sind es über 500 000.
Amerikas Steuerzahler müssen im Jahr über 100 Milliarden Mark -- weit mehr als der Umfang des Bonner Staatshaushalts -- für die Finanzierung eines Krieges aufbringen, der bis heute nicht erklärt worden ist und in dem die Aussichten für einen militärischen Sieg schlechter sind als je zuvor.
Denn jetzt schickt Nordvietnams Ho Tschi-minh sogar komplette Divisionen via Laos nach Südvietnam. Die neueste nordvietnamesische Division tauchte in der vorletzten Woche südlich der US-Basis Da Nang auf, also nahe der Küste, weit entfernt von der eigentlichen Nordvietnam-Front an der Demarkationslinie.
Und als amerikanische Bomber begannen, Ho Tschi-minhs Land umzupflügen, organisierten die Ostblockländer eine Hilfsaktion für die roten Genossen.
Bis 1965 hatten die Sowjets -- so warfen ihnen die Albaner vor -- nur Medikamente, 200 Fahrräder und fünf Ziehharmonikas an die Vietnamesen geliefert. Im vorigen Jahr jedoch wandte Moskau vier Milliarden Mark auf. Piloten und Flugschüler werden in der Sowjet-Union ausgebildet, zerstörte Sam-Raketen oder Mig-Düsenjäger immer wieder ersetzt.
Nordvietnamesische Piloten bildet auch die DDR (in Zwickau und Dessau) aus. In Hanoi verbinden hundert Ärzte aus Ulbrichts Reich ihren vietnamesischen Genossen die Wunden.
Die Flächenbombardements auf Nordvietnam und die Zerstörung vermeintlicher Nachschubwege schadeten den Vietcong noch weniger als den regulären roten Divisionen. Denn Sowjets und Nordvietnamesen liefern den Partisanen zwar Waffen und Munition, aber nicht so viel, wie Amerikas Generale auf der Suche nach neuen Bombenzielen glauben.
Mehr als die Hälfte aller Waffen, die im Süden auf die Amerikaner und ihre Verbündeten gerichtet werden, haben niemals den 17. Breitengrad überquert. Das enthüllte jetzt der Politologe Richard J. Barnet, unter Kennedy Diplomat im State Department. Die Vietcong haben diese Waffen vielmehr erbeutet, selbst hergestellt oder auf dem schwarzen Markt in Saigon gekauft.
Barnet widerlegte auch, was amerikanische Diplomaten seit Jahren behaupten: daß Südvietnams Vietcong und Nationale Befreiungsfront politisch von Hanoi dirigiert würden. "Die FLN", so behauptete der damalige stellvertretende US-Außenminister George W. Ball 1966, "ist eine von Hanoi errichtete Fassade, um die Legende zu stützen, der Aufstand in Vietnam sei keine von außen gelenkte Revolte."
Tatsächlich aber ist die FLN eine selbständige -- wenn auch mit Hanoi eng verbündete -- politische Kraft. Im zersplitterten Südvietnam mit seinen zahlreichen politischen Gruppierungen ist sie die vermutlich größte und geschlossenste Einheit. Sie unterhält Vertretungen in allen Ostblockstaaten und in einigen Ländern der dritten Welt -- und verficht ein politisches Programm, das sich in wesentlichen Punkten von Ho Tsch-minhs Zukunfts-Fahrplan für Vietnam unterscheidet.
Ho möchte ganz Vietnam zu einem kommunistischen Staat mit sozialistischer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung vereinen, sobald die Amerikaner abziehen ("Unsere Kinder werden dann singen und Blumen streuen").
Für die FLN dagegen steht die Wiedervereinigung des Landes erst an fünfter Stelle ihres Programms hinter Frieden, Unabhängigkeit, Demokratie und politischer Neutralität. "Wir leben im Süden, wir machen eine Politik für den Süden", versichern die Führer der FLN. Sie möchten vermeiden, nach dem Sieg ein Satellit von Hanoi zu werden.
Den ungleichen Brüdern in Hanoi und in den Reisfeldern des Südens, die im geteilten Land auch geteilten Kommunismus praktizieren, ist freilich eines gemeinsam: das Aufbegehren gegen die amerikanische Präsenz in Vietnam. Und in diesem Kampf lassen sich die Vietcong auch von Hanoi, genauer: vom Verteidigungsminister Giap, führen.
Die dritte Phase des Partisanenkrieges, die große Gegenoffensive probten Giap und seine Berater monatelang im Sandkasten -- die Amerikaner wiegten sich in Sicherheit.
Die US-Generale hatten bei Dak To nach tagelangem Kampf einen Teil-Erfolg errungen, hatten Gefechte gewonnen und glaubten, der Feind bereite sich langsam auf ehrenhafte Friedensverhandlungen vor.
Hinter dem Schild ihres gewaltigen Waffenarsenais warteten sie auf die letzten Atemzüge des Gegners und ließen sich von Überläufern Schauermärchen über die schlechte Moral der Vietcong-Verbände auftischen.
"Das Ende des Krieges ist in Sicht", verhieß General Westmoreland. Sein Pazifizierungschef Komer rühmte die fortschreitende Befriedung des Landes. 67 Prozent von Südvietnam, so wurde den Amerikanern klargemacht, seien vietcongfrei.
Westmoreland erwartete im Süden eine letzte Offensive der Vietcong. Doch Giap konzentrierte 40 000 Nordvietnamesen vor Khe Sanh. Die Amerikaner mußten starke Truppenverbände an die Nordgrenze verlegen. In die entstandenen Lücken im Süden schleuste Giap seine Vietcong. Das Neujahrsfeuerwerk gab den Startschuß zur größten konzertierten Aktion des Krieges.
Mit dem Sturm auf die Städte errang Giap "einen hervorragenden politischen Sieg" (US-Senator Edward Kennedy): Er lieferte den Beweis, daß der Vietcong zuschlagen kann, wann und wo immer er will. Er führte den Bauern vor Augen, wie fragwürdig der Schutz ist, den Amerika dem flachen Land gewähren kann, wenn es nicht einmal, in der Lage ist, die Städte zu halten.
Die US-Militärs sprachen von einer "Verzweiflungstat" und zählten mehr als 25 000 gegnerische Tote -- in privaten Gesprächen aber gaben sie zu, es seien nur 5228 gegnerische Waffen erbeutet worden, und diese Zahl deute auf eine wesentlich niedrigere Verlustziffer. Die restlichen Toten seien wohl Zivilisten gewesen.
In Washington forderte der einstige Kennedy-Intimus Arthur Schlesinger die Abberufung Westmorelands -- mitten in der Schlacht: "Ich bin traurig, wenn ich daran denke, daß das Leben Tausender junger Amerikaner täglich einem Manne mit der Urteilskraft Westmorelands anvertraut ist."
Doch Westys Urteil blieb optimistisch, auch was Khe Sanh angeht: Zwar ist der Feind fünfmal so stark wie die Stützpunkt-Verteidiger, aber die US-Basis kann er nur erstürmen, nachdem er eine "tiefe, morastige Schlucht durchquert hat, die Khe Sanh umschließt. Stecken die Roten erst im Schlamm. wollen die Amerikaner sie aus der Luft bombardieren und zerschlagen.
Freilich: Die Nordvietnamesen brauchten Khe Sanh gar nicht zu erstürmen, sie könnten es zusammenschießen. Ihre 152-Millimeter-Geschütze tragen fast 20 Kilometer weit -- über Schlamm und Dschungel hinweg. Schon unter gemäßigtem Beschuß verloren die Belagerten am letzten Donnerstag 21 Mann.
Den wichtigen Stützpunkt Lang Vei, sieben Kilometer vor Khe Sanh, überrannten die Roten bereits in der vorigen Woche -- so wie die Vietminh 1954 den Vorposten "Beatrice" vor Dien Bien Phu im ersten Ansturm nahmen. Erstmals im 22 Jahre alten Vietnamkrieg ließ Stratege Giap Panzer rollen -- neun sowjetische PT-76.
In den Städten des Südens nagelten Vietcong-Scharfschützen unterdessen immer noch GIs und Verbündete fest. Über der Zitadelle von Hué flatterte immer noch die Fahne des Vietcong. In Saigons Chinesen-Viertel Cholon tobte immer noch der Straßenkampf.
Amerikas Strategen hatten nur noch die Wahl, mit massiertem Einsatz die Städte freizuschießen oder alle Kräfte zum Entsatz von Khe Sanh zu versammeln.
Ratlos standen die südvietnamesischen Militärs der großen Offensive ihrer Landsleute im Untergrund gegenüber. Wer von einem Vietcong gezwungen werde, ihn zu beköstigen, so rieten sie schließlich, solle ihm ein Schlafmittel ins Essen tun und den Gegner dann entwaffnen.
Auf der Landebahn des US-Luftstützpunktes von Da Nang detonierten "unterdessen feindliche Geschosse. Der Besitz des Flugplatzes ist Voraussetzung für das Durchhalten der 5000 seit Mitte Januar eingeschlossenen Amerikaner in Khe Sanh. Denn aus Da Nang schaffen US-Maschinen täglich Medikamente, Waffen und Munition heran.
Sie bringen auch Bomben. Aber ein Teil der Bomben fällt auf amerikanische Stellungen -- wie in Dion Bien Phu auf französische. Denn "die Hauptkampflinie von Khe Sanh umschließt ein Gebiet von nur zwei Quadratkilometern.
Der Monsun läßt zudem Versorgungsbomben wie Fallschirmjäger leicht beim Gegner landen -- wie bei Dien Bien Phu.
Doch Amerikas Militärs sind fest davon überzeugt, daß sie in Khe Sanh kein zweites Dien Bien Phu erleben. Sie sind so fest davon überzeugt, daß sie es ihrem Oberbefehlshaber sogar schriftlich gaben: Von Johnson bedrängt, garantierten die Vereinigten Stabschefs durch ihre Unterschrift. daß Khe Sanh zu halten sei.
Westmoreland, von Johnson mehrfach persönlich angerufen, gab die Zusicherung telephonisch. Der Präsident in der vorletzten Woche: "Ich will kein verdammtes Dien Bien Phu!"
Khe Sanh lag zu diesem Zeitpunkt gerade seit 15 Tagen unter Beschuß. Der Kampf um Dien Bien Phu dauerte 169 Tage.
* US-Militärpolizisten beim Straßenkampf in Saigon.
** US-Soldaten feuern im Schutz einer von Vietcong errichteten Barrikade.

DER SPIEGEL 7/1968
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