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DER SPIEGEL

BISMARCK-FEIERNReiten können

Fürst Otto von Bismarck, nach 1945
von Liberalen, Sozialisten, Welfen, Bajuwaren und rheinisch-westfälischen Katholiken neben Martin Luther und Fridericus Rex als dritter Vorreiter Adolf Hitlers denunziert, wird am Donnerstag dieser Woche bundesamtlich rehabilitiert.
Die Volksvertreter des freien Restes von jenem Deutschland, das der märkische Junker einst in den Sattel setzte ("reiten wird es schon können"), wollen sich endlich in Trab setzen, um ihre nach dem Krieg verdrängte Geschichte wiederzufinden: In einer Gedenkstunde im Deutschen Bundestag wird am 1. April der 150. Geburtstag des Reichsgründers gefeiert werden. Im selben Jahr, in dem
- laut Kabinettsbeschluß - der bedingungslosen Kapitulation nicht mehr gedacht werden soll, haben die Deutschen ihren größten Staatsmann der neueren Geschichte wiederentdeckt.
Ein Kanzler, den noch niemand eisern gescholten hat, soll nun im Plenarsaal den Eisernen Kanzler loben.
Ein Postminister des Bundes aus Bayern gibt eine Briefmarke zu Ehren des einst gefürchtetsten aller "Sau-Preißen" heraus.
Und ein "Deutsches Kulturwerk" des einstigen NS-Lyrikers Herbert Böhme, das sich in seinem Namen "Europäischen Geistes" rühmt, stiftete eine Bismarck -Plakette, die "kein aufrechter Deutscher am 1. April zu tragen vergessen darf" (in Bronze zwei Mark, Silber zehn Mark).
In den Bonner Amtsstuben war Bismarck bislang eher suspekt. Auf dem Flur des Ministerflügels im Auswärtigen Amt, dem Ressort Bismarcks, glänzen die Bronzebüsten des Weimarer Außenministers Stresemann und seines ersten Bonner Amtsnachfolgers Adenauer. Bismarck-Bilder hingegen hängen im Amtsarchiv.
Weltbeweger Winston Churchill hatte dieser Rangordnung zwar schon im Dezember 1953 widersprochen: "Bundeskanzler Adenauer ist seit Bismarck der bedeutendste deutsche Staatsmann, bedeutender als Stresemann." Aber die Angst, nicht für demokratisch gehalten zu werden, ließ den Bismarck-Bann in Bonn noch fortbestehen.
Bismarck-Verehrer und Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier, in dessen Diensträumen ein Bismarck-Bild in Lenbach-Öl hängt und der gern gesehener Gast auf Schloß Friedrichsruh seines Fraktions-Kollegen Fürst Otto von Bismarck ist, hat nun die Quarantäne durchbrochen und die Parlamentsfeier für Donnerstag angesetzt; die Familie Bismarck feiert den Geburtstag erst am Sonnabend im Sachsenwald.
Inzwischen hat bereits ein zweites Werk des Bismarck-Porträtisten Lenbach im Arbeitszimmer des Regierungssprechers und General-Sohns von Hase Platz an der Wand gefunden.
Und nach Lenbachs Vorlage entwarf jetzt auch der Graphiker Rudolf Gerhardt für den bayrischen Bundespostminister Stücklen die "Bismarck -Gedenkmarke".
Ursprünglich hatte Bismarck auf einer Einheitsmarke größeren Formats den ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert (SPD) und den ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss (FDP) als Rechtsaußen flankieren sollen. Doch der "Beirat für die künstlerische Formgebung der amtlichen Graphik der Deutschen Bundespost" verwarf die Dreifaltigkeit.
Aber auch gegen Bismarcks Solo -Kopf auf bundesrepublikanischen Postwertzeichen erhob sich Protest. Der Welfenbund, der dem von Bismarck 1866 entthronten hannoverschen Königshaus treu anhängt, empörte sich in einem offenen Brief an den Bonner Postminister über die "Reklame-Marke für das Wiedererwachen preußischer Großmannssucht unter der Devise 'Macht geht vor Recht'".
Wiedererwacht ist indes ganz etwas anderes: Wunsch und Willen der westdeutschen Politiker, im Wahl- und Verjährungsjahr 1965 keine Gelegenheit zu missen, sich national zu gebärden. Darum wurde der preußische Reichskürassier, der einst die deutsche Einheit erzwang, von den Bonner Demokraten wiederentdeckt, denen die deutsche Teilung auferlegt ist.
Bismarck-Verehrer Gerstenmaier
Zwanzig Jahre nach der Kapitulation ...
Bismarck-Gedenkmarke
... den Reichsgründer wiederentdeckt

DER SPIEGEL 14/1965
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