Schrift:
Ansicht Home:
DER SPIEGEL

„DEN KAISER KÖNNEN WIR NICHT ÄNDERN, LEIDER“

Die Journalisten Will Schaber und Dr. Walter Fabian haben in einer Dokumentation zur 200 Jahre alten Historie des Leitartikels eine Auswahl von Pressekommentaren zusammengestellt, die politische, wirtschaftliche und geistesgeschichtliche Wendepunkte der Geschichte widerspiegeln. Der Sammlung ("Leitartikel bewegen die Welt", Cotta Verlag Stuttgart, 475 Seiten, 19,80 Mark) sind die folgenden Beiträge entnommen.
Nachteilige Veränderungen
in den auswärtigen
Beziehungen Deutschlands
Drei Monate nach der Entlassung des Reichskanzlers Otto von Bismarck am 18. März 1890 lief der Neutralitätsvertrag zwischen dem Deutschen Reich, Österreich -Ungarn und Rußland ab. Als der neue Kanzler Leo von Caprivi diese "Rückversicherung" trotz russischen Drängens nicht erneuerte, brach Bismarcks Bündnispolitik zusammen. Schon damals befürchtete der Altreichskanzler, das Reich könne in einen Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Rußland über Orient- und Balkonfragen verwickelt werden, eine Situation, die 1914 tatsächlich eintrat. Seine Kritik an den außenpolitischen Entscheidungen Caprivis diktierte Bismarck im Sachsenwald dem leitenden Redakteur der "Hamburger Nachrichten", Hermann Hofmann, der den Aufsatz am 24. Januar 1892 veröffentlichte.
Der Vertrag von 1879 (über das deutsch - österreichische Bündnis) bezog sich Rußland gegenüber lediglich auf dessen etwaigen Angriff gegen die Verbündeten. Es wurde dementsprechend von deutscher Seite in Wien stets die Auffassung vertreten, daß das Bündnis nur die österreichisch - ungarische Monarchie decke, nicht auch deren Orientpolitik gegen Rußland; für diese war seitens Deutschlands Österreich immer geraten worden, Schutz durch Sonderabkommen mit gleichinteressierten Staaten wie England und Italien zu suchen.
Auf dem Boden dieser vertragsmäßigen Auffassung war Deutschland in der Lage, sich stets mit Rußland zu verständigen und dadurch erfolgreich auf Österreich einzuwirken, falls dieses Neigung zeigen sollte, seiner Orientpolitik eine unerwünschte Wendung zu geben.
Diese vorteilhafte Lage, deren Aufrechterhaltung an das diplomatische Geschick allerdings erhebliche Anforderungen stellte, wurde später für zu kompliziert erachtet; zugleich führten persönliche Verstimmungen zur Preisgabe der guten Petersburger Beziehungen und dafür zur russisch-französischen Annäherung.
Die Situation, in welche Deutschland hierdurch geraten ist, kann nicht als eine günstige angesehen werden. Lag es früher in Deutschlands Hand, sich jederzeit mit Rußland zu verständigen, und zwar, wie wir annehmen müssen, auf Grund bestimmter, jetzt nicht mehr vorhandener Abmachungen, die neben dem Vertrag mit Österreich bestanden, so ist infolge der zwischen Deutschland und Rußland eingetretenen Entfremdung jetzt Österreich in die Möglichkeit versetzt,
eventuell auf Deutschland Pression zu üben, indem es sich nach Petersburg wendet, was ebenfalls geschehen kann, ohne den Vertrag mit Deutschland zu brechen.
Für Abmachungen Österreichs mit Rußland ohne Vorwissen Deutschlands ist die bekannte Reichstädter Konvention (1876) charakteristisch, durch welche Österreich sich Bosnien zusichern ließ, bevor der russisch-türkische Krieg begann, was dann unter anderem zur Folge
hatte, daß die öffentliche Meinung in Rußland sich mit Entrüstung gegen Deutschland wandte, weil dieses angeblich auf dem Berliner Kongreß (1878) Rußland um die Früchte seines Sieges gebracht und sie Österreich zugewandt habe!
Einstweilen mag die Gefahr, daß Österreich über Deutschlands Kopf hinweg Verständigung mit Rußland sucht, nicht groß sein; aber es fragt sich, ob die jetzige Lage dauernd aufrechtzuerhalten ist, ohne daß Deutschland die Orientpolitik Österreichs gegenüber Rußland unterstützt und damit den Zwecken des Dreibunds wie seinen eigenen Interessen entgegenhandelt.
Wenn nicht alles täuscht, so liegen schon jetzt Anzeichen dafür vor, daß die Haltung der deutschen Politik nicht mehr die völlig neutrale in den orientalischen Dingen ist, die sie früher zum Vorteile Deutschlands war. Auf diesem Wege aber würde Deutschland allmählich in ein Abhängigkeitsverhältnis zu. Österreich geraten, das seiner Machtstellung und seiner nationalen Würde wenig angemessen wäre; es würde schließlich Gut und Blut für die Wiener Balkanpolitik riskieren und außerdem noch auf dem Wege der Handelsverträge Tribut zahlen müssen.
Das ist eine Perspektive, angesichts deren man es verstehen wird, weshalb Fürst Bismarck immer und immer wieder davor warnte, es mit Rußland ganz zu verderben; man wird auch die Kurzsichtigkeit derer erkennen, die jeden verständigen Politiker, der gegen die maßlosen antirussischen Verhetzungen der deutschen Presse Stellung nahm, quasi als Landesverräter behandelten.
Die Änderung der europäischen Lage zu Deutschlands Nachteil kann mit dem Hinweise auf die Macht des Dreibundes nicht entschuldigt werden. Der Dreibund bestand auch früher und erhielt erhöhte Bedeutung gerade dadurch, daß Deutschland in ihm freie Hand und die Führung in Europa besaß.
Wir fürchten, die Festigkeit des Bundes hat seitdem nicht zugenommen und wird auch nach den Handelsverträgen nicht zunehmen. Eine Krisis in Italien, ein Thronwechsel in Österreich und ähnliche Ereignisse können die Grundlage des Bundes derart erschüttern, daß seine Aufrechterhaltung trotz aller geschriebenen Verträge unmöglich wird; dann aber wäre es für Deutschland erst recht bedenklich, wenn ihm, um nicht isoliert zu sein, keine andere Wahl bliebe, als mit Österreich im Orient durch dick und dünn zu gehen.
Deutschland könnte dann ins Schlepptau einer Macht geraten, die zwar die Gestaltung der Dinge in Preußen und Deutschland akzeptiert und sich ihr unterworfen hat, von der aber niemand wissen kann, ob nicht alter Groll in ihr
erwachen und nach Betätigung suchen würde, falls das Kriegsglück oder auch nur der Druck der europäischen Verhältnisse sich gegen das neue Reich kehrte, dessen Suprematie in Österreich bei aller Vertragstreue doch nur widerwillig ertragen worden ist.
Bismarck
Bismarck-Karikatur des "Kladderadatsch" (1888)
Von Otto von Bismarck

DER SPIEGEL 44/1964
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung