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DER SPIEGEL

VERBRECHEN / EISENBAHN-ANSCHLÄGEHat mei Bomb gezünd

In Zimmer 11 der Hamburger Staatsbibliothek hockte ein Kriminalpolizist über angestaubten "Bild"-Zeitungen. Er las im dienstlichen Auftrag einen Fortsetzungs-Krimi. Titel: "Teufel am Telephon".
Mit der Trivial-Lektüre hoffte -- am vorletzten Donnerstag -- der ins Archiv abkommandierte Kripo-Rechercheur, Deutschlands "Staatsfeind Nr. 1" ("Bild") auf die Spur zu kommen: einem Mann, der sich "Roy Clark" nennt und mit Attentaten die Bundesbahn bisher um 1,9 Millionen Mark zu erpressen versucht hat.
Für das "Hamburger Abendblatt" ist der Unbekannte der "gemeingefährlichste Erpresser und Bombenleger der Nachkriegszeit", für die "Hamburger Morgenpost" eine "Bestie in Menschengestalt".
Die Polizei weiß von der Bestie mit Gewißheit nur eines: daß sie seit lan-
* Von links: Schließfächer im Hamburger Hauptbahnhof; Bahnstrecke Hamburg-Harburg; Triebwagen 3377.
gem die "Bild-Zeitung" liest. Denn der Name "Roy Clark" stammt aus dem Thriller "Teufel am Telephon den "Bild" vom 23. Februar bis zum 25. März 1959 veröffentlicht hat.
Wie der Roman-Roy mit selbstgebastelten Nitroglyzerin-Bomben die USA in Schrecken versetzt, terrorisiert "Bild"-Leser "Roy Clark" mit selbstgebastelten Trinitrotoluol-Bomben Deutschland. Hamburgs Kripo-Chef Dr. Erhard Land: "Für diesen Fall gibt es in der bundesdeutschen Kriminalgeschichte kein Beispiel."
Seinen ersten Anschlag hatte der Unbekannte ein Vierteljahr nach Erscheinen der letzten Roman-Folge in einem in Pforzheim aufgegebenen Brief "An die Bundesbahndirektion Hamburg 50" angekündigt.
In krakeligen Großbuchstaben und mit offenbar absichtlich unorthodoxer Orthographie forderte Roy Clark II. "300 000 DM" -- andernfalls "Zug entgleist in volle Tempo und bleibt nix wie Scrot und viele Tote und Kruepel". Der Anschlag blieb aus.
Erst nach sieben Jahren meldete sich "Roy Clark" wieder: Am 15. Oktober 1966 verlangte er in einem Brief aus Buxtehude 50 000 Mark. Doch die Bundesbahner reagierten wieder nicht.
In der Adventszeit vorigen Jahres machte "Roy Clark", der sich auch "Fantom" nennt, schließlich Ernst: Am 8. Dezember rief der "Teufel am Telephon" die Hamburger Redaktion von "Bild" an: "In 15 Minuten explodiert im Hauptbahnhof eine Bombe."
Als die Feuerwehr zum Bahnhof raste, waberte in der Wandelhalle schon dichter grauer Qualm: Im Gepäckschließfach 134 war eine Zeitzünderbombe verpufft.
Tags darauf kritzelte der Bomben-Bastler wieder einen Brief an die Bahn (Poststempel: Hamburg): "Jez verlang ich 120 000 Mark. Und wenn diese Bombe auch nix hilft, dann kommt ... noch eine größere Bombe." Ähnlich hatte "Roy Clarks" Vorbild nach seinem ersten Anschlag im "Bild"-Roman gedroht: "Ich will hunderttausend Dollar. Sollte ich das Geld nicht bekommen, wird eine zweite, viel größere Bombe explodieren."
"Roy Clark", im Roman "ein kleiner, glatzköpfiger, untersetzter Mann von 50 Jahren", in Wirklichkeit laut Schriftgutachten des Hamburger Psychiaters Dr. Werner Immig "etwa 45 Jahre alt", ließ nach dem ersten Anschlag ein halbes Jahr verstreichen: In der Nacht zum 13. Mai dieses Jahres setzte er seinen "teuflischen Krieg gegen die Bundesbahn" ("Bild") fort.
Mit einer Winde hob der Attentäter auf der Bahnstrecke zwischen Bremerhaven und dem niedersächsischen Bederkesa einen Schienenstrang um 30 Zentimeter an und schob Balken darunter. Der Anschlag galt einem mit rund 100 Arbeitern besetzten Triebwagen, der -- so ein Bahn-Sprecher -- an der Schienen-Schanze "wie eine Rakete in die Luft geschossen wäre".
Doch "Roy Clark" hatte sich im Fahrplan geirrt: Statt des Triebwagens nahte ein langer, von einer 50 Tonnen schweren Diesellok gezogener Güterzug, der das Hindernis niederdrückte. Das Attentat mißlang.
Die Bundesbahn erklärte sich nunmehr bereit, auf seine letzte Forderung -- in einem Brief, den er in einer Plastiktüte an der Triebwagen-Falle hinterlassen hatte -- einzugehen und 200 000 Mark zu zahlen, falls er fünf ihm durch "Bild" vermittelte Fang-Fragen beantwortete -- etwa: "Wo ist die Winde vom letzten Attentat?"
Doch "Roy Clark" durchschaute den Trick und entgegnete eine Woche später brieflich aus Bremen: "Versucht nicht, mich aufs Kreuz zu legen. Ihr hättet noch eine sechste Frage stellen können: "Wo wohnen Sie?'"
Und auf eine Anfrage nach seinem Bomben-Rezept: "Woraus meine Bomben bestehen, werdet Ihr merken, wenn Ihr mich dazu bringt, meinen Trumpf hochgehen zu lassen."
Der Bahn-Bumser, der sich in seinen Briefen zu allen Anschlägen bekennt, trumpfte seitdem viermal auf
> Am 16. September spannte er eine zwölf Meter lange, einen Zentner schwere Stahltrosse zwischen zwei Starkstrommasten über die Hauptstrecke Hamburg -- Harburg; doch Züge zerfetzten das Seil.
> Am 17. September um 1.45 Uhr detonierten im Schließfach 236 auf dem Hamburger Hauptbahnhof zwei Zeitzünderbomben; ein Schließfachblock wirbelte empor, ein Passant wurde verletzt.
> Am 25. September kappte der Attentäter zwischen Bremen und Osnabrück auf einem 500 Meter langen Streckenabschnitt sämtliche Kabel; alle Signale fielen aus, doch der Anschlag wurde entdeckt.
> Am 2. Oktober um 23.37 Uhr zündete der Höllenmaschinist auf einer Eisenbahnbrücke bei Bremen unter dem Triebwagen 3377 eine Primitiv-Bombe; Eisensplitter durchschlugen Boden und Dach des Waggons und verletzten einen 43jährigen Postoberschaffner.
Der "Bild-Zeitung" teilte "Fantom" anderntags -- wieder in seinem Tarn-Kauderwelsch -- aus Bremen mit: "Schätze heut hat mei Bomb gezünd, war für (den Fernschnellzug) Merkur gedacht, 21.38. War leider Bateri nicht richtig angeschlossen."
"Bild"-Korrespondent "Roy Clark" weiter: "Hab ich noch genug Sprengstoff, das ich kann ... Bahnhof Bremen oder Hamburg i Luft jagen."
Nun entsannen sich Hamburgs Bundesbahner einer alten Bedingung des Erpressers: Wenn die Bahn die geforderten 300 000 Mark zahlen wolle, müsse sie es ihm durch ein Geheimzeichen in "Bild" mitteilen.
Am vorletzten Freitag erschien das gewünschte Zahl-Signal der Bundesbahn. Auf der Frontseite der "Bild-Zeitung", über dem roten Titel-Kopf, stand in winzigen Ziffern: "300 000".
"Roy Clark" biß an: Am Montag letzter Woche schrieb er in einem Brief aus Bremerhaven der Bahn detailliert vor, wie er die 300 000 Mark zu erhalten wünscht. Und drei Tage später wurde auch die Stimme eines unbekannten Anrufers, der sich "Roy Clark" nannte, von der Polizei auf Tonband aufgenommen.
Während letzte Woche Hunderte von Bahn- und Polizeibeamten auf der Lauer lagen und ständig mit dem Auftauchen und der Festnahme des "Fantoms" rechneten, sannen die Fahndungs-Führer -- 22 Top-Detektive aus dem Bundeskriminalamt und aus den vier Küstenländern -- darüber nach, ob "Roy Clark" ein Irrer sei.
Der Hamburger Psychiater und Chefarzt Dr. Immig hält das nach der Lektüre von "Fantom"-Briefen für unwahrscheinlich: "Das ist eher ein Mann, der von seiner Umwelt mit Berechtigung als ein Normaler angesehen wird -- kein Geisteskranker, zumindest nicht im Sinne einer Psychose."
Der Hamburger Polizeipräsident Dr. Jürgen Frenzel meint, es sei denkbar, daß "Roy Clark" ein Bahnbediensteter ist, der sich dafür rächen will, "daß er bei Vorgesetzten irgendwann einmal in Ungnade gefallen ist".
Zumindest ein Indiz spricht für die Vermutung, daß "Roy Clark" Eisenbahner ist: Seine Bremer Bombe bastelte er aus einem Dieselmotor-Zylinder des Typs Deutz FA 6 L 714, der in Lokomotiven und stationäre Motoranlagen der Bundesbahn eingebaut wird. Bemalt war die Höllenmaschine mit derselben gelben Farbe, die für den Anstrich von Bundesbahn-Baumaschinen verwendet wird.
Ob Rache oder nicht: Der Roman "Teufel am Telephon" war für "Roy Clark" jener "tatauslösende Faktor", der -- so Kriminalwissenschaftler Hans Langemann <"Das Attentat") -- der "Ausgangspunkt zu dem nunmehr beginnenden "Hineinspielen' in die an sich selbst gewollte, aber bis dahin noch durchaus verschwommene Tatsphäre" war. Dabei trat laut Langemann allmählich die Eitelkeit in den Vordergrund -- das Gefühl, "geschickter, technisch vollkommener, fehlerloser sein zu können als der beispielgebende Vortäter und daher auch unentdeckbarer zu sein".
Hinzu komme, meint der Mainzer Kriminologe Professor Armand Mergen, bei "Roy Clark" wie bei allen Attentätern der Wille, sich selbst die eigene Macht zu demonstrieren.
Im übrigen bringen sich, so Mergen, Eisenbahn-Attentäter mit ihren Anschlägen, hierin ähnlich Brandstiftern, in sexuelle Erregung -- und sie wiederholen ihre Taten. Professor Mergen zum SPIEGEL: "Man kann sich ausrechnen, daß es bald wieder kracht."

DER SPIEGEL 43/1967
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