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DER SPIEGEL

BAYERNGefühl im Gesäß

Deutschlands größtes Bundesland, bekannt für den höchsten Bierkonsum, die meisten Kropf-Kranken und die wenigsten Abiturienten, strebt nach neuen Rekorden. Anfang Oktober bewies das Statistische Landesamt in München: Bayern sind bessere Autofahrer als fast alle anderen Deutschen.
Bei höchster Kraftfahrzeugdichte im Bundesgebiet (217 Kraftfahrzeuge auf 1000 Einwohner gegenüber 193 im Bundesdurchschnitt) kamen in Bayern nur 90 Verkehrsunfälle auf 1000 Kraftfahrzeuge (Bundesdurchschnitt: 97) - einschließlich unfallbeteiligter Durchreisender und landfremder Urlauber. Niedrigere Unfallquoten wurden lediglich für Hamburg und Niedersachsen errechnet.
Doch nicht nur die einheimischen Statistiker bestätigten den Bajuwaren ihre Fahrkünste. Auch Preußen zollten ihnen unerwartetes Lob. Berlins Polizeivizepräsident Georg Moch: "Von den Bayern könnten die Berliner in puncto Autofahren noch etwas lernen." Und ein niedersächsischer Regierungsbeamter wunderte sich: "Sie fahren Auto wider jegliche Verkehrsregel und hupen laut - aber seltsamerweise passiert nichts."
Daß auf Bayerns Straßen so wenig passiert, führen Verkehrsexperten auf die Vorliebe der Freistaatler für Prophylaxe und Psychologie zurück:
- Bereits im Januar 1955 wies das bayrische Innenministerium alle Verwaltungsbehörden an, bei Zweifeln an der Fahrtauglichkeit von Führerscheininhabern und -bewerbern stets ein Gutachten der Psychologisch-Medizinischen Untersuchungsstelle (PMU) einzuholen. (Andere Bundesländer begnügen sich in Zweifelsfällen oft schon mit einem fach- oder amtsärztlichen Tauglichkeitsnachweis.)
- Seit März 1961 dürfen in Bayern
als - bis heute - einzigem Bundesland Berufskraftfahrer nur noch von PMU-Psycologen und -Ärzten geprüft und überwacht werden.
- Seit Januar 1963 muß sich jeder
Führerscheinbewerber in Bayern einem Sehtest unterziehen - eine Neuerung, die seither andere Bundesländer nachgeahmt haben. So wurden 1964 von 40 000 psychologisch-medizinischen Untersuchungen im gesamten Bundesgebiet allein 42,5 Prozent von Bayerns PMU durchgeführt. Und PMU-Chef Dr. Gerhard Munsch, 54, hält es für möglich, daß die dabei getroffene Auslese einer der Gründe für die relativ geringe Unfallhäufigkeit in Bayern ist.
Bei der Untersuchung von rund 90 000 guten und schlechten bayrischen Kraftfahrern hat der aus Hamburg stammende Psychologe Munsch in zehnjähriger Arbeit überdies eine Vorstellung vom Typ des idealen Kraftfahrers gewonnen. "Der ideale Kraftfahrer", so erläuterte der ehemalige Wehrmachtspsychologe seine Erkenntnisse, "ist nicht unbedingt differenziert im Denken... Er kann nicht geordnet darstellen, verständlich berichten, er kann oft kaum seinen Namen schreiben, aber er spürt, wenn (im Verkehr) etwas anders wird."
Wer diesen "spezifischen Verkehrssinn" besitzt, legt - laut Munsch unabhängig von seinen sonstigen Charaktereigenschaften die rechte Verkehrsmoral an den Tag. Munsch: "Ein Lkw-Fahrer, der seine Frau prügelt und nie zur Kirche geht, muß einfach anhalten, wenn er an einem Unfall vorbeikommt. Manch geistig Gebildeter aber denkt so lange nach, bis er an der Unfallstelle vorbeigefahren ist."
Munsch-Fazit: "Gefühl im Gesäß ist wichtiger als Verstand"; und: "Die weiße Weste des guten Bürgers nützt im Verkehr gar nichts."
Unbeantwortet läßt der in Bayern tätige Hanseat die Frage, ob die relativ geringe Unfallhäufigkeit in Bayern darauf zurückzuführen ist, daß Freistaatler dem Idealtyp des Kraftfahrers näherkommen als -andere Bundesbürger. Immerhin räumt der Psychologe ein: "Die Bayern sind wesentlich ... urwüchsiger als die Menschen in anderen deutschen Landen, und das könnte schon zu ihrem besseren Abschneiden (im Verkehr) beitragen."
Seine Erfahrung, daß urwüchsige Naturen im allgemeinen bessere Autofahrer sind als intellektuell und moralisch differenzierte Gemüter, sieht Munsch auch durch die Tatsache bestätigt, daß es "allein in Bayern drei Dutzend geistliche Herren beider Konfessionen gibt, die aus eigenem Verschulden einen Menschen totgefahren haben".
Verkehrspsychologe Munsch
Von Bayern lernen?

DER SPIEGEL 45/1965
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