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POP

Die Last der Marke

Pink Floyd ist längst Geschichte. Doch Ex-Band-Chef David Gilmour belebt mit einem neuen Soloalbum und einer Tournee die Legende. Von Dallach, Christoph

In seiner Garderobe, die aussieht wie eine Ausnüchterungszelle mit ein paar Campingmöbeln, hängt David Gilmour, 60, in einem durchgesessenen Plastiksessel und streicht über seine grauen Bartstoppeln. In zwei Stunden muss er auf die Bühne des Hamburger Congress Center, und nun fragt er sich, ob es sich lohnt, sich extra dafür zu rasieren: "Früher war so etwas egal, weil ich mit Pink Floyd nur in Stadien auftrat, so dass die meisten Menschen mich ohnehin nur durch ein Fernglas erkennen konnten. Aber auf dieser Tournee bin ich viel näher dran. Das könnte peinlich werden." Also weg mit den Stoppeln.

Seit mehr als 30 Jahren ist Gilmour im Geschäft der Superlative, deshalb muss er sich erst mal daran gewöhnen, in kleineren Dimensionen zu denken. Während er früher in leicht surrealer Atmosphäre "50 000 Menschen auf einem Haufen" in Begeisterung versetzte, sucht er nun die "Konfrontation mit einem überschaubaren Publikum".

Der Sänger und Gitarrist von Pink Floyd stellt sein gerade erschienenes neu-

es Soloalbum "On an Island" an vergleichsweise intimen Orten mit einigen tausend Zuschauern vor. Dem Erfolg der Platte hat das nicht geschadet, sie knüpft an die kommerziellen Triumphe von Pink Floyd an. Immerhin ist das Album in England auf der Spitzenposition der Verkaufscharts gelandet und belegt auch in Deutschland einen beachtlichen dritten Platz.

Der Grund dafür ist allerdings einfach: Gilmours Album klingt nach Pink Floyd, und zwar mehr als die letzten Werke der Band selbst. So erinnert die Musik mit ausschweifenden Gitarrensoli und sanftem Elektrogewaber an verträumte Bestseller der siebziger Jahre wie "Wish You Were Here" - ohne allerdings deren Klasse zu erreichen.

Nur in der ersten Hälfte seiner Konzerte trägt Gilmour ausschließlich seine neuen Lieder vor, im zweiten Teil erfüllt er die Erwartungen der Fans mit einem Satz alter Pink-Floyd-Heuler wie "Shine on You Crazy Diamond", "Echoes" und "Comfortably Numb".

Die Popularität der Marke Pink Floyd ist ungebrochen. Ihr letztes Album liegt zwar mehr als zehn Jahre zurück, aber Klassiker wie "The Wall" oder "The Dark Side of the Moon" verkaufen sich immer noch bestens.

Dass die Band für Bob Geldofs internationales "Live 8"-Spektakel in London kurzzeitig wiedervereint auf die Bühne trat, galt als Höhepunkt der Veranstaltung und als geschickte Vorbereitung für Gilmours neues Werk. Den frischen Schwung der Popularität will auch der ehemalige Pink-Floyd-Mitstreiter Roger Waters nutzen und im Sommer mit seiner eigenen Band durch Europa touren. Warum dann nicht gleich den ganzen Zirkus unter dem Namen Pink Floyd präsentieren? "Die Last der Marke ist einfach zu gewaltig", sagt Gilmour, "als David Gilmour habe ich mehr Freiheit."

Aber die reicht offenbar nicht für einen neuen kreativen Sound, auch mit seinem aktuellen Soloalbum bleibt Gilmour dem alten Stil treu. "Ich habe auf fast allen Platten gesungen und habe den Sound der Band maßgeblich mitgeprägt. Warum sollte ich mir in meinem Alter noch etwas Neues einfallen lassen?", erklärt der Sänger. Vorbei ist vorbei heißt Gilmours Motto, eine Fortsetzung der Pink-Floyd-Geschichte sei für ihn nicht vorstellbar. Und weil er längst einer der 500 reichsten Briten ist, können ihn auch Millionen-Offerten für eine Wiedervereinigung der legendären Band kaum reizen.

Dabei liegt die Entscheidung über das Pink-Floyd-Schicksal ausschließlich bei ihm. Seit dem Abgang von Roger Waters vor gut zwei Jahrzehnten ist Gilmour der alleinige Chef einer der erfolgreichsten Rockbands der Musikgeschichte. Um diese Position hatte er sich mit Waters lange erbittert gezankt. Dabei ging es um das Recht am Band-Namen ebenso wie um verletzte Eitelkeiten. Zeitweilig verkehrten die beiden nur noch über Anwälte. Gilmour gewann den Streit; Waters gönnte sich den Trost kleingeistiger Rache, indem er Toilettenpapier anfertigen ließ, auf dem das Antlitz seines Ex-Partners zu sehen war.

Dass die beiden sich für den "Live 8"-Auftritt ausnahmsweise noch mal zusammenrauften, war deshalb ein Ereignis. Das Konzert half damit nicht nur der Völkersolidarität, sondern auch der zwischenmenschlichen Beziehung. Seitdem streiten die beiden nicht mehr, auch wenn sie nicht wieder Freunde geworden sind: "Beziehungen enden irgendwann. Das ist ein natürlicher Vorgang", sagt Gilmour. "Zwei Menschen, die immer recht haben wollen, passen auf Dauer nicht zusammen."

Das klingt versöhnlich und altersmild. Nach dieser Europatournee wird Gilmour sich wohl wieder in sein Landhaus oder auf sein Hausboot auf der Themse zurückziehen. Er hat acht Kinder aus zwei Ehen, und die sind ihm längst wichtiger als neue Songs oder alte Hits. Im Grunde ist Pop für ihn nur noch ein nettes Hobby. "Ich gehe zwar manchmal in mein Heimstudio, aber spätestens um fünf Uhr am Nachmittag ist Schluss. Dann muss ich die Hausaufgaben kontrollieren und mich ums Abendessen kümmern."

Vermutlich wird er sich für dieses kleine, private Publikum auch immer ordentlich rasieren. CHRISTOPH DALLACH

* Mit Phil Manzanera und Guy Pratt am 11. März im Hamburger Congress Center.

DER SPIEGEL 12/2006
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