Schrift:
Ansicht Home:
DER SPIEGEL

„Dein armer J. Stalin“

1. Fortsetzung Der Selbstmord von Stalins Frau
Was Mama von ihren Eltern ererbt hatte, war, ebenso wie das Milieu ihrer Kindheit und ihrer Erziehung, für die Bildung ihres Charakters bestimmend.
Der Vater meiner Mutter (Sergej Jakowlewitsch Allilujew*) stammte aus einer Bauernfamilie im Gouvernement Woronesch. Seine Großmutter war Zigeunerin gewesen, von den Zigeunern wohl erbten alle Allilujews das südländische, beinahe exotische Aussehen: die schwarzen Augen, die blendendweißen Zähne, die dunkle Haut und die schlanke, hagere Gestalt.
Wahrscheinlich kam Großvaters unbändiger Freiheitsdrang und die Sucht nach Ortsveränderungen auch von seinen Zigeunervorfahren. Obwohl er eigentlich ein Bauer war, versuchte er sich schon frühzeitig in allen möglichen Handwerkszweigen; da er über ein besonderes technisches Geschick verfügte, wurde er Schlosser und fand als solcher Arbeit in den Eisenbahnwerkstätten von Transkaukasien.
Er wurde bereits 1898 Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei
In Kursivschrift: Erläuterungen der Redaktion.
Rußlands. Großvater war nie ein Theoretiker oder in irgendeiner Weise ein prominenter Parteifunktionär gewesen -- er war ein Soldat der Partei.
In Petersburg bewohnte er mit seiner Familie eine kleine Vierzimmerwohnung -- der Wunschtraum unserer Universitätsprofessoren von heute. Seine Kinder gingen in Petersburg aufs Gymnasium und wuchsen als echte russische Intelligenzler auf. Nach der Revolution arbeitete Großvater auf dem Gebiet der Elektrifizierung.
Als alter Bolschewik war er eng verbunden mit der alten revolutionären Garde; er kannte alle, und alle kannten ihn, er war sehr beliebt. Er war erstaunlich freundlich und vertrug sich mit jedem; aber gleichzeitig -- es verschmolz bei ihm zu einer Einheit -- war er innerlich stark, stolz, unbestechlich und bewahrte bis zu seinem Ende (er starb 1945 im Alter von 79 Jahren) sein eigenes "Ich", die Seele eines Revolutionär-Idealisten der alten Zeit.
Großvater lebte "bei uns (auf der Datscha) in Subalowo, wo alle seine zahlreichen Enkel ihn vergötterten. In seinem Zimmer hatte er eine Drehbank und alle möglichen Werkzeuge, eine Menge wunderbarer Eisenstangen und Drähte -- herrliche Dinge, die uns Kinder in Begeisterung versetzten. Wir durften immer in diesem Kram wühlen und alles nehmen, was wir wollten.
Ewig bastelte Großvater an irgend etwas herum, lötete, drechselte, hobelte, richtete im Haus alles, was es zu richten gab, behob Schäden an der Lichtleitung und anderes.
Mamas Tod (im November 1932) zerbrach Großvater; er verließ lange Zeit kaum sein Zimmer. Eines Tages fing er zu kränkeln an. Wahrscheinlich war es vor allem seine Seele, die krank wurde, und von daher kam alles andere.
Im Jahre 1938 starb Paul Allilujew, Mamas Bruder. Das war ein neuer Schlag. 1937 war Stanislaw Redens, der Mann von (Großvaters Tochter) Anna Sergejewna, verhaftet worden, und nach dem Krieg, im Jahre 1948, kam Anna Sergejewna selbst Ins Gefängnis. Aber Gott sei Dank erlebte Großvater diesen Tag nicht mehr, er starb im Juni 1945 an Magenkrebs.
Als ich ihn kurz vor seinem Tod im Krankenhaus sah, erschrak ich sehr. Er konnte nicht mehr sprechen, sondern bedeckte seine Augen mit der Hand und weinte lautlos; er verstand, daß alle kamen, um von ihm Abschied zu nehmen.
Sein Sarg stand im großen Saal des Revolutions-Museums; es kamen viele Menschen, viele alte Bolschewiki. Auf dem Friedhof sprach der alte Revolutionär Litwin-Sedoi Worte, die ich damals nicht ganz verstand, die ich aber für mein Leben im Gedächtnis behalten habe und deren Sinn ich heute so gut verstehe: "Wir, die alte Generation der idealistischen Marxisten ..."
Großvater war ein junger Arbeiter In den Fabriken von Tiflis, als Großmutter, noch nicht vierzehnjährig, aus dem Haus ihrer Eltern floh: Sie warf ein Bündel mit Kleidern und Wäsche aus dem Fenster und lief mit dem Großvater davon.
Unsere Großmutter Olga Jewgenjewna, mit dem Mädchennamen Fedorenko, war das Produkt einer merkwürdigen Mischung von Nationalitäten. Ihr Vater Jewgenij Fedorenko, der einen ukrainischen Namen trug, war in Georgien aufgewachsen. Verheiratet war er mit einer Deutschen, Magdalena Eichholz" aus einer deutschen Kolonistenfamilie. Diese Urgroßmutter gebar neun Kinder (das jüngste war Olga, unsere Großmutter) und führte sie in die evangelische Kirche.
Auch Großmutter glaubte an Gott. Wenn wir Kinder uns über sie lustig machten und fragten·. "Wo ist denn Gott?" oder: "Wo befindet sich die Seele des Menschen?", wurde sie sehr böse und sagte: "Werdet erst einmal erwachsen, werdet alt, dann werdet ihr es schon verstehen. Laßt mich in Ruhe! Mich könnt ihr nicht umerziehen!"
Sie war imstande, plötzlich in lautes Geschrei und Gezeter über die "unredlichen Hausleute" auszubrechen, über alle unsere staatlichen Köche, Kommandanten und Diener, von denen sie als "verrückte Alte" bezeichnet wurde.
Ihre vier Kinder waren Anna, Fjodor, Pawel (Paul) und Nadeschda., alle wurden im Kaukasus geboren; auch sie waren Menschen aus dem Süden. Alle in der Familie waren liebenswürdig, herzlich und gütig, das waren allgemeine Familieneigenschaften. Ich glaube, daß Mama die energischste, stärkste und widerspenstigste war; sie besaß viel innere Festigkeit und Geradlinigkeit. Alle anderen waren weitaus weicher.
Großmutter war, wie man erzählte, so verführerisch, daß sie sich ihrer Verehrer kaum zu erwehren vermochte. Sie verliebte sich leicht und stürzte sich von Zeit zu Zeit in Abenteuer, einmal mit einem Polen, ein anderes Mal mit einem Ungarn, einmal sogar mit einem Türken oder Bulgaren. Sie liebte die Menschen des Südens und behauptete manchmal im Arger: "Die russischen Männer sind Gesindel."
Trotzdem brachte es der Schmerz um Mamas Tod, den jeder von ihnen auf seine Weise empfand, mit sich, daß sich Großvater und Großmutter in späteren Jahren voneinander trennten und In verschiedenen Wohnungen lebten. Wenn sie sich Im Sommer bei uns in Subalowo am gemeinsamen Mittagstisch trafen, zankten sie sich dauernd wegen irgendwelcher Kleinigkeiten.
Wenn sie auch unter ihrer Einsamkeit litten, so wollte doch keiner in den letzten Jahren des Lebens seine Freiheit aufgeben. "Die Freiheit, die Freiheit liebe ich, die Freiheit!", rief Großmutter oft, und darunter war eindeutig zu verstehen, daß es Großvater gewesen war, der ihr diese Freiheit entzogen und überhaupt "ihr Leben zugrunde gerichtet" hatte.
Man muß sagen, "daß Großvater und Großmutter absolut unpraktisch waren. Beide trugen ihre vorrevolutionären Kleidungsstücke weiter, ihre Mäntel mußten an die zwanzig Jahre Dienst tun, Großmutters "neue Gewänder" wurden aus den eigenen alten Fähnchen umgeschneidert; aus drei alten Kleidern entstand ein anständiges neues.
Die Verwandten anderer Parteigrößen nutzten dagegen ihre Stellung aus, indem sie ein luxuriöses Leben führten. Viele empfanden den mangelnden Erwerbssinn der Großeltern geradezu als Beleidigung: Man zerriß sich den Mund über diese "armseligen" Alten: "Der Schwiegersohn wenigstens hätte sie doch besser anziehen können!"
Aber der Schwiegersohn (Stalin) trug selbst im Sommer einen halbmilitärischen Anzug aus Baumwollstoff, im Winter einen ähnlichen aus Wolle; sein Mantel war ungefähr 15 Jahre alt, und seinen Pelzmantel, einen merkwürdigen kurzen Pelzmantel aus Polarhirschfell, gefüttert mit Elchhörnchen, hatte er sich vermutlich gleich nach der Revolution "bauen" lassen. Er trug ihn während des Winters -- mit einer "Uschanka" (der Pelzmütze mit Ohrenklappen) -- bis ans Ende seiner Tage.
Vater kannte die Familie Allilujew schon sehr lange, bereits seit dem Ende der neunziger Jahre. Es gibt in unserer Familie eine Überlieferung, wonach Vater im Jahre 1903, damals noch ein ganz junger Mann, Mamas Leben rettete.
Das geschah in Baku; sie war zwei Jahre alt. Sie spielte am Kai und fiel ins Meer, und er zog sie heraus. Für Mama, die so romantisch und empfindsam veranlagt war, gewann ein solches Vorspiel sicherlich ungeheure Bedeutung, als sie später, als 16jährige Gymnasiastin, Vater wiedersah, der als 38jähriger Revolutionär und alter Freund der Familie aus der sibirischen Verbannung zurückgekehrt war.
Die Großeltern haben Mutters Tod nur sehr schwer verwunden, aber sie verstanden nur zu gut, wie schrecklich es auch für Vater war. Vielleicht war das der Grund, warum Vater, als unser Heim sich auf löste und die Begegnungen immer seltener wurden, einem Zusammentreffen mit Großmutter und Großvater beharrlich auswich.
Großvater besuchte uns auch in unserer Wohnung im Kreml, und es kam vor, daß er lange in meinem Zimmer saß und auf Vaters Erscheinen zum Essen wartete. Gewöhnlich wurde das Essen um sieben oder acht Uhr abends eingenommen, wenn Vater nach einem Arbeitstag aus seinem Büro zurückkehrte.
Meist aß er nicht allein, und Großvater hatte im besten Fall die Möglichkeit, mit ihm an einem Tisch zu sitzen, ohne ein Wort zu reden. Manchmal machte sich Vater über Großvaters Memoiren lustig, aber trotzdem achtete er den alten Mann und erlaubte sich nie, grobe Witze über ihn zu machen. --
Manchmal, wenn Vater zu viele Menschen mitbrachte, sagte Großvater seufzend: "Nun, ich gehe heim. Ein anderes Mal schaue ich wieder herein." Aber das "andere Mal" kam erst in einem halben oder einem vollen Jahr.
Großvater war so über alle Maßen zurückhaltend, daß er sich nie nach dem Verbleiben seines Schwiegersohnes -- (des 1937 liquidierten Geheimpolizei-Funktionärs) Redens -- erkundigte, obwohl ihn das Schicksal seiner eigenen Tochter Anna, ihr zerstörtes Leben und das ihrer Söhne schwer bekümmerte.
Großmutter war in dieser Hinsicht einfacher, natürlicher, primitiver. Bei ihr hatte sich gewöhnlich eine Anzahl von Beschwerden und Wünschen angesammelt, die meist praktischer Natur waren und mit denen sie sich in geeigneten Momenten bereits an Lenin gewandt hatte und die sie später meinem Vater vortrug: "Ach, Jossif, stellen Sie sich vor, ich kann nirgends Essig bekommen!" Vater lachte laut, Mama ärgerte sich, und alles wurde rasch geregelt.
Auch Großmutter fühlte sich nach Mamas Tod in unserem Haus nicht mehr wohl. Sie lebte entweder in Subalowo oder im Kreml, in ihrer ordentlichen, kleinen Wohnung. Ich. kam gerne zu ihr auf Besuch. Bei ihr war es still, gemütlich, warm, aber unendlich traurig.
Ihre Gesundheit und ihre Liebe zum Leben waren dagegen unverwüstlich. Als sie über siebzig war, sah sie noch immer hervorragend aus.
Ihre schmerzlichen Gedanken drehten sich im Kreis; sie konnte das nicht verstehen: Warum und wofür war ihre Tochter Anna ins Gefängnis gekommen?
Sie schrieb Briefe an Vater, übergab sie mir -- und verlangte sie dann wieder zurück. Sie starb 1951, im Vorfrühling, ganz überraschend an einem Herzanfall. Sie war 76 Jahre alt geworden.
Allen ihren Kindern ohne Ausnahme war ein tragisches Geschick beschieden.
Mamas Lieblingsbruder Pawluscha
Gegen Ende der zwanziger Jahre entsandte man Onkel Pawluscha als sowjetischen Militärattaché in das damals noch nicht faschistische Deutschland. Ab und zu schickte er Mama irgend etwas, was jeder Frau Freude bereitet: ein Kleid oder gute Parfüms. Damals lebten alle asketisch und dachten wenig an dergleichen Dinge. Der Vater jedoch war gegen den ausländischen Luxus ganz puritanisch eingestellt und konnte den Geruch von Parfüm nicht leiden.
Also durfte sich Mama dieser Geschenke nur "illegal" erfreuen, wenn auch die Parfüms allmählich doch in Gebrauch kamen und sich in meinem kindlichen Gedächtnis für immer mit ihrer Person verbanden. Manchmal kam sie abends in mein Zimmer, wenn ich bereits im Einschlafen war; sie fuhr mir mit der Hand zärtlich über das Haar, und dann schnupperte ich noch lange vor dem Einschlafen an meinem Kissen -- der rätselhafte Duft blieb lange daran haften.
Auch mir stellte der Vater das ganze Leben lang immer wieder mit mürrischem Gesicht die Frage: "Ist das, was du da anhast, aus dem Ausland?" Und er strahlte, wenn ich erwiderte, das sei nicht der Fall, es sei heimische Produktion.
Später kam Onkel Pawluscha
Im Jahre 1938, nachdem (Stalins Schwager) Alexander Swanidse samt seiner Frau und Anna Sergejewnas Gatte Redens bereits verhaftet worden waren, kam Onkel Pawluscha mehrmals zu meinem Vater, um sich für den einen oder anderen seiner Arbeitskameraden -- Militärs, die ebenfalls in die gigantische Verhaftungswelle geraten waren -- einzusetzen. Doch das blieb leider ergebnislos.
Als er im Herbst 1938 vom Urlaub zurückkehrte, fand er in seinem Amt keinen einzigen Mitarbeiter mehr vor. Es hatte viele Verhaftungen gegeben. Onkel Pawluscha wurde auf der Stelle von einem Unwohlsein befallen und starb in seinem Arbeitszimmer an einem Herzkrampf.
Berija dachte sich später verschiedene Versionen über Paul Allilujews Tod aus, die er meinem Vater hartnäckig einzureden versuchte; ja, er ging so weit, daß er behauptete, Onkel Pawluschas Witwe Jewgenija Alexandrowna stehe im Verdacht, ihren Gatten vergiftet zu haben.
1948, zehn Jahre nach Onkel Pawluschas Tod, wurde dessen Witwe von Berija in den Kerker geschickt, wo man sie -- abgesehen von den üblichen Verdächtigungen der Teilnahme an "Spionageaffären" -- des Giftmordes an ihrem Gatten beschuldigte. Sie wurde ebenso wie Anna Sergejewna, die Witwe des zehn Jahre vorher erschossenen Redens, zu zehn Jahren Einzelhaft verurteilt. Erst im Jahre 1954 entließ man sie aus dem Gefängnis.
Anna Sergejewna stand Mama zwar nicht so nahe wie der Bruder, doch waren die beiden gleichwohl sehr intim miteinander. Anna Sergejewna war von ganz anderer Natur, von völlig anderem Charakter als Mama. Sie war immer die Verkörperung der Güte, jenes idealen konsequenten Christentums, das allen und alles verzeiht. Der Vater konnte sich über dieses christliche Allesverzeihen furchtbar ärgern, er bezeichnete die Tante als "prinzipienlos", als "Närrin" und erklärte, ihre Güte sei ärger als jede Gemeinheit.
Sie war einst sehr schön gewesen. Früh verheiratet, wurde sie bald stärker und kümmerte sich dann nicht mehr um ihre Person, vernachlässigte ihr Äußeres. Dabei betete "Anitschka" ihren Gatten Stanislaw Franzewitsch Redens an, einen polnischen Bolschewiken und alten Kampfgefährten des Tscheka-Begründers Dserschinski. Sie hielt Redens für den allerbesten, gerechtesten und anständigsten Menschen auf Erden.
Von Redens sagte man, daß er grob, hochmütig und unduldsam gewesen sei. Nach dem Bürgerkrieg war er ein maßgebender Tschekist in der Ukraine. Dann wurde er zur Tscheka Georgiens versetzt; dort stieß er zum erstenmal mit Berija zusammen. Die beiden gefielen einander nicht.
Damit kehre ich noch einmal zu der Person zurück, die durch ein teuflisches Band mit unserer Familie verbunden war und gut die Hälfte derselben vernichtete: Lawrentij Berija.
Wenn nicht die sonderbare Unterstützung von seiten meines Vaters wirksam geworden wäre, der er sieh geschickt zu bedienen wußte, dann hätten weder führende Männer der Partei wie Sergej Kirow und Grigorij Ordschonikidse seinen Aufstieg geduldet, noch auch jene Menschen, die Transkaukasien und den Verlauf des dortigen Bürgerkriegs genau kannten. Es waren diejenigen, die er als erste vernichtete, weil er sonst kaum die Möglichkeit gehabt hätte, seinen Aufstieg zur Macht zu vollenden.
Der Einzug Berijas ins NKWD* Moskaus im Jahre 1938 bedeutete nichts Gutes für Redens, er begriff das auch selbst,. Man kommandierte ihn unverzüglich zum NKWD Kasachstans ab, und er reiste mit seiner Familie nach Alma-Ata. Dort blieben sie nur kurz Zeit. Sehr bald berief man ihn nach Moskau zurück, er fuhr schweren Herzens dorthin und ward nie mehr gesehen.
In der letzten Zeit hatte er sich ebenso wie Onkel Pawluscha eifrig bemüht, mit dem Vater zusammenzukommen, um sich für verschiedene Personen einzusetzen; es gab deswegen, nach Anna Sergejewnas Worten, sogar einen Streit zwischen den beiden. Der Vater konnte es nicht leiden, wenn man sich in seine Beurteilung von Menschen einmischte.
Hatte Vater jemanden, der ihm gut bekannt war, fallengelassen, ihn aus seinem Herzen gestoßen und in seiner Seele bereits in die Kategorie der "Feinde" eingereiht, dann war es unmöglich, die Rede auf diesen Menschen zu bringen. Eine "Kehrtwendung" zu machen, den Betreffenden aus der Kategorie der Feinde, das heißt der angeblichen Feinde, zurückzuholen. dazu war er nicht imstande.
Er trennte sich von jedem (seiner Verwandten, die sich für Liquidations-Opfer eingesetzt und sein Mißtrauen erregt hatten) und betrachtete sie, nachdem er sie zum letztenmal gesehen hatte, als potentielle persönliche Gegner, als Feinde.
Nach der Verhaftung von Redens übersiedelte Anna Sergejewna mit den Kindern nach Moskau. Man hatte ihr zum Unterschied von anderen ihr Quartier gelassen; sie gab jedoch ihre Besuche bei uns in Subalowo auf, und ich, damals ein elfjähriges Mädchen, konnte gar nicht verstehen, wohin alle gekommen waren.
Anna Sergejewna glaubte nicht eine Minute lang daran, daß ihr Mann ein Feind, ein schlechter, unehrenhafter Mensch sein könne; sie glaubte auch nicht daran, daß er erschossen worden sei, obwohl mein Vater ihr das noch vor dem Krieg unbarmherzig mitgeteilt hatte. Irgend jemand riet ihr, ihre Memoiren zu schreiben, ihre persönlichen Eindrücke über das Leben der Familie Allilujew, über die Revolution aufzuzeichnen sowie ihre Erlebnisse und Eindrücke, die sie als, junge Gymnasiastin gehabt hatte.
Sie wäre wohl kaum imstande gewesen, das selbst zu schreiben, dazu
* Abkürzung für "Narodny Kommissariat Wnutrennych Del" Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten.
hätte ihr das literarische Vermögen gefehlt. Das, was sie zu erzählen hatte, bearbeitete als Redakteurin Nina Bam, und so erschienen die Memoiren 1947. Sie riefen bei meinem Vater einen schauerlichen Zorn hervor.
Wahrscheinlich ist die vernichtende Rezension Fedossejews in der "Prawda", wie aus einzelnen scharfen Formulierungen hervorgeht, nach Vaters eigenen Worten verfaßt worden; sie war unzulässig grob, ungerecht, und ihre angemaßte Unfehlbarkeit war geradezu erschütternd. Alle waren wahnsinnig erschrocken -- außer Anna Sergejewna.
Sie schenkte dieser Rezension nicht die geringste Aufmerksamkeit. Die Tatsache, daß der Vater erzürnt war, schreckte sie nicht, sie kannte ihn viel zu gut, er war für sie ein Mensch mit Schwächen und Irrtümern, warum sollte er sich nicht irren? Sie lachte nur und sagte, sie würde ihre Erinnerungen fortsetzen.
Das gelang ihr allerdings nicht. 1948, als eine neue Welle von Verhaftungen einsetzte, als man diejenigen, die seit 1937 ihre zehn Jahre Haft abgesessen hatten, wieder ins Gefängnis oder in die Verbannung schickte, wurde auch sie nicht verschont. Zusammen mit dem Akademiemitglied Lina Stern, mit Solomon Losowski, mit der Frau Wjatscheslaw Molotows, Mamas alter Freundin Polina Semjonowna Schemtschuschina wurde auch Anna Sergejewna verhaftet.
Erst im Frühjahr 1954 kam sie nach Hause zurück, nachdem sie einige Jahre in Einzelhaft, den größeren Teil
* Links: Katja (aus der zweiten Ehe), rechts: Josef (aus der ersten Ehe), 1955.
ihrer Strafe aber im Gefängnislazarett verbracht hatte. Eine Neigung zur Schizophrenie, zurückgehend auf eine schlechte Erbanlage von seiten ihrer Großmutter, machte sich bemerkbar.
Gespräche über den "Personenkult" versetzten sie in Aufregung, ließen sie außer sich geraten." Sie übertreiben, bei uns wird immer alles übertrieben", sagte sie erbost, "jetzt wälzen sie alles auf Stalin. Doch Stalin hat es ebenfalls schwer gehabt, wir wissen es, wie schwierig sein Leben war. Man darf seine Verdienste nicht vergessen."
Anna Sergejewna starb im August 1964 in einem Moskauer Krankenhaus. Seit dem Ende ihrer Kerkerzeit litt sie an Klaustrophobie. Ungeachtet ihrer Bitten schloß man sie eines Abends in einem Krankenzimmer ein. Am anderen Morgen fand man sie tot.
Sonderbar, von seinen acht Enkeln kannte mein Vater nur drei -- meine beiden Kinder und die Tochter von (meinem Bruder) Jascha. Und wenn er gegen Jascha auch immer ungerecht kalt war, Jaschas Tochter Galotschka erweckte in ihm ungeheuchelte Zärtlichkeit. Und was noch sonderbarer war, mein Sohn (Josef), der Halbjude. der Sohn meines ersten Mannes, den Vater nicht einmal kennenzulernen wünschte, erweckte in meinem Vater die gleiche zärtliche Liebe.
Ich erinnere mich daran, wie ich mich vor der ersten Begegnung des Vaters mit meinem "Oska" gefürchtet habe. Der Kleine war kaum drei Jahre alt, er war ein
reizendes, echt südländisches Kind, halb Jude, halb Georgier, mit großen strahlenden semitischen Augen und langen Wimpern. Mir schien es unvermeidlich, daß das Kind in meinem Vater unfreundliche Gefühle hervorrufen müsse.
Es war einer seiner schon sehr seltenen Besuche nach dem Krieg in dem menschenleeren, so veränderten stillen und traurigen Subalowo, wo damals nur noch mein Oska und zwei Kinderfrauen wohnten. Der Vater spielte ein Stündchen mit ihm, schlenderte dann rings um das Haus (genauer: er lief, denn er ging bis zu seinem letzten Tag stets mit raschen, leichten, jugendlichen Schritten) ·und reiste wieder ab.
Ich war wie im siebenten Himmel. Der Vater sah Oska noch zweimal, zum letztenmal vier Monate vor seinem Tod, als der Kleine schon sieben Jahre alt war und in die erste Klasse ging. "Was für nachdenkliche Augen", sagte der Vater, "ein kluges Kerlchen!"
Merkwürdig, daß offenbar auch Oska sich an diese letzte Begegnung erinnerte. Mit eigener Hand stellte er das Porträt des Großvaters auf seinen Schreibtisch, und dort steht es nun seit mehreren Jahren schon.
Mein Sohn ist bereits achtzehn, er hat sich von allen möglichen Berufen den menschlichsten gewählt, den des Arztes. Ich bin so froh darüber.
Doch meine Katja, meine Tochter, hat ungeachtet dessen, daß mein Vater ihren Vater, meinen zweiten Mann, ebenso wie alle Schdanows liebte, in ihrem Großvater keine besonders zarten Gefühle erregt. Er hat sie nur ein einziges Mal gesehen. Sie war damals zweieinhalb Jahre alt, ein bezauberndes, rotbäckiges Knöspchen mit großen dunklen Kirschenaugen.
Er lachte laut auf, als er sie sah, und gab sich dann den ganzen Abend Mühe, so zu tun, als lachte er. Es war der 8. November 1952, der zwanzigste Jahrestag von Mamas Tod. Ich nahm an diesem Tag meine Kinder und fuhr zum Vater auf die Datscha; das war nicht so leicht durchzuführen, denn in den letzten Jahren war es schon recht schwierig geworden, mit Vater eine Begegnung zu vereinbaren.
Es war das vorletzte Mal, daß ich ihn vor seinem Tode sah -- vier Monate bevor er starb. Er war, wie mir schien, über unseren Besuch befriedigt. Wir saßen wie auch sonst immer am Tisch, auf dem allerlei appetitliche Sachen standen: frisches Gemüse, Obst, Nüsse und dergleichen.
Den guten georgischen Landwein ließ Vater, der darin Bescheid wußte, nur in winzigen Gläschen reichen. Obwohl er selbst keinen einzigen Schluck nahm, mußte Wein in großer Auswahl auf den Tisch kommen, es stand immer eine ganze Batterie Flaschen da. Die Kinder delektierten sich an Früchten, und das bereitete Vater Vergnügen. Er liebte es, wenn die andern aßen, er selbst konnte ruhig dabeisitzen und zuschauen.
Es war vielleicht überhaupt das einzige Mal, daß ich mit dem Vater und meinen beiden Kindern zusammen war, das erste und das letzte Mal. Es war prächtig; er bewirtete die Kinder mit Wein, ein kaukasischer Brauch, sie zuckten nicht zurück, zeigten sich nicht launisch, sie benahmen sich ausgezeichnet, und alle waren zufrieden. --
Da sitzen wir nun in unserer kleinen Veranda. Mein Sohn büffelt Physik, meine Tochter liest einen wissenschaftlich-utopischen Roman, und nebenan schnurrt der Kater Mischka. Es ist heiß. Und still. Der Wald ringsum dröhnt vom Gesumm der Bienen und Wespen; die Linden stehen in voller Blüte. Erschöpfende Hitze brütet über allem. Die Natur ist ruhig, herrlich, vollkommen.
Lieber Gott, wie schön ist deine Welt, wie vollkommen -- jedes Gras, jede kleine Blume, jedes Blatt! Wie furchtbar, daß es so viele Wahnsinnige gibt. Wie furchtbar, wie ungerecht ist es, daß sich diese Wahnsinnigen ein bestimmtes Ziel gesetzt haben, um dessentwillen sie es für erlaubt und möglich halten, alles irdische Leben zu zerstören.
Eine arme, barfüßige Bäuerin in irgendeinem Lande weiß, daß man so etwas nicht darf, daß es unzulässig ist. Zivilisierte Menschen dagegen halten das für durchaus möglich. Menschen, die sich Marxisten nennen -- die Kommunisten Chinas -, sind der Meinung, daß das nicht nur möglich, sondern sogar notwendig sei ...
In der Welt hat sich ebensoviel Wahnsinn, Böses und böser Wille angesammelt wie Fortschritt, Vernunft, Wissen, Menschlichkeit und Menschenfreundlichkeit -- das eine und das andere hält sich die Waage. In diesem teuflischen Gleichgewicht leben wir alle, unsere Kinder, unsere Generation, unser Jahrhundert. Alle müßten an die Macht des Guten und des guten Willens glauben.
Ich glaube, daß jetzt, in unserer Zeit, der Glaube an Gott der Glaube an das Gute ist, der Glaube daran, daß das Gute mächtiger ist als das Böse und früher oder später über dieses triumphieren, es besiegen wird.
Als ich fünfunddreißig wurde und bereits manches erlebt und erfahren hatte, reihte ich mich, die ich von Kindheit an durch Gesellschaft und Familie zum Materialismus und Atheismus erzogen worden war, dennoch unter diejenigen, für die es sinnlos ist, ohne Gott zu leben. Und ich bin glücklich, daß es mit mir so gekommen ist. --
Alexander Swanidse, ein Bruder der ersten Frau meines Vaters (und bekannt unter seinem parteiinternen Decknamen "Aljoscha"), war einer der ältesten georgischen Bolschewiki und beinahe Altersgefährte meines Vaters, kaum drei Jahre jünger.
Dieser alte Marxist von europäischer Bildung wurde nach der Revolution in seiner georgischen Heimat einer der ersten Volkskommissare für Finanzwesen und Mitglied des Zentralkomitees. Onkel Aljoscha war ein schöner Mann, ein Georgier von swanetischem Typ*. In der Heimat verheiratete er sich bald mit Marija Anissimowna. Sie hatte die Höhere Frauenschule in Petersburg und das Konservatorium In Georgien absolviert und war bereits an der Tifliser Oper aufgetreten.
Tante Marusja war sehr schön. Sie gehörte einer reichen jüdischen Familie namens Korona an; die Koronas stammten aus Spanien. Sie war ein
* Swanen: ein Volksstamm im Nordwesten Georgiens.
kräftiges, vollschlankes Weib, heiter, duftend nach Frische und Sauberkeit.
Ich erinnere mich der beiden, als sie zu uns nach Subalowo zu Besuch kamen; sie kamen zu Fuß aus Subalowo 2, wo sie und ihre ganze Familie in einem Flügel des Hauses wohnten. Dieses Haus war dicht bevölkert. Die Söhne Mikojans, die Tochter Gamarniks, die Kinder Woroschilows und Schaposchnikows, sie alle werden sich wohl noch an dieses gastfreundliche, heitere Haus erinnern.
Dort gab es sogar ein Kino, damals allerdings nur für Stummfilme. Gelegentlich brachte einer auch ein Grammophon mit. Es gab auch einen Tennisplatz, den jung und alt benutzten; und schließlich gab es dort auch ein russisches Bad, in welchem sich die Liebhaber von Dampfbädern versammelten, unter ihnen auch mein Vater.
In diesem Subalowo 2 wuchs auch der Sohn der Swanidses auf, der von seinen Eltern sonderbarerweise "Dschonrid" genannt wurde, zu Ehren des bekannten amerikanischen Journalisten John Reed**. Als er noch klein war, nannten ihn alle nur "Dschoni" oder "Dschonik", jetzt ist er zu einem Iwan Alexandrowitsch geworden.
Onkel Aljoscha hatte seine eigenen Erziehungsmethoden: Als er eines Tages erfuhr, daß Dschonik aus Spaß ein Kätzchen in den brennenden Kamin gesteckt und angesengt hatte, packte er unter lautem Fluchen seinen Sohn am Arm, zog ihn zum Kamin und steckte Dschoniks Hand ins Feuer. Das Kind heulte vor Schmerz, doch Onkel Aljoscha schrie in einem fort: "Ihm hat"s auch weh getan, dem Kätzchen hat"s auch weh getan!"
Vater liebte die Swanidses beide, besonders Onkel Aljoscha; sie standen
* Rechts: Unbekannte Person. Jenukidse wurde 1937 nach einem Prozeß erschossen.
** John Reed (1887 bis 1920), berühmt durch seine Reportage über die Oktoberrevolution ("Zehn Tage, die die weit erschütterten"), starb als Kommunist und wurde an der Kremlmauer begraben.
mit uns in engem Verkehr. Hatte es bei ihnen etwa Meinungsverschiedenheiten politischen Charakters gegeben? Ich weiß nichts Genaues darüber.
Ich erinnere mich ganz genau, wie Aljoscha Swanidse zum letztenmal zu uns kam, traurig, niedergeschlagen. Anscheinend ahnte er schon, was vor sich ging; in Georgien, der Heimat Berijas, wurden bereits Menschen verhaftet.
Onkel Aljoscha saß lange in meinem Zimmer und wartete auf Vater, er spielte mit mir, küßte mich und ließ mich auf den Knien schaukeln.
Dann kam Vater. Er kam sehr selten allein, gewöhnlich kamen alle mit, die bei ihm in seinem Büro gewesen waren. Onkel Aljoscha war es wohl kaum angenehm, vor diesen vielen Menschen mit Vater zu reden.
Vater lehnte fast demonstrativ alle Gespräche über Familienangelegenheiten, über Verwandte und ihm nahestehende Menschen ab. Ich glaube, daß Mamas Tod ihm einen schrecklichen Schlag versetzte; er hat seinen Glauben an die Freunde ausgelöscht.
Eben diese Zeit wußte sich Berija ungemein geschickt zunutze zu machen. Vom Ersten Sekretär des ZK von Georgien bis nach Moskau war der Weg für Berija nicht mehr weit. 1938 begann Berija in Moskau zu herrschen; von da an war er täglich mit Vater beisammen, und sein Einfluß auf Vater hörte bis zu dessen Tod nicht auf.
Nicht zufällig spreche ich von seinem Einfluß auf Vater, Und nicht umgekehrt. Ich meine, daß Berija schlauer, treuloser, heimtückischer, unverschämter, zielbewußter, härter und infolgedessen auch stärker war als Vater.
Mein Vater hatte schwache Seiten, er konnte zweifeln, er war vertrauensseliger, schroffer, heftiger, er war natürlicher, und es war für einen schlauen Fuchs wie Berija leicht, ihn hinters Licht zu führen. Er kannte Vaters Schwächen, und er goß immer mehr Öl in das bösartige Feuer und entfachte es, soweit er konnte, während er dem Vater gleichzeitig mit echt östlicher Schamlosigkeit schmeichelte.
Ich habe schon gesagt, daß in vielen Fällen beide, Vater und Berija, gemeinsam schuldig waren. Ich möchte nicht die Schuld des einen auf den anderen schieben. Der Einfluß dieses grauenhaften, bösartigen Dämons auf meinen Vater war zu stark und hatte eine unwiderstehliche Wirkung.
Die Schatunowskaja (eine alte kaukasische Bolschewikin) erzählte mir, daß Berijas Rolle während des Bürgerkrieges im Kaukasus äußerst zweideutig gewesen sei. Er war der geborene Spitzel und arbeitete einmal für die Daschnaken*, dann wieder für die Roten -- je nachdem, wer gerade an der Macht war.
Die Schatunowskaja versichert, daß Berija einmal von unseren Soldaten verhaftet wurde. Er war beim Verrat ertappt worden und wartete auf seine Aburteilung -- und daß ein Telegramm von Sergej Kirow kam (der damals den Oberbefehl über die Operationen in Transkaukasien hatte), in welchem die Erschießung des Verräters verlangt wurde.
Sie hatten aber keine Zeit, diesen Befehl auszuführen, gerade einsetzende Kampfhandlungen verhinderten es, man hatte andere Sorgen. Aber von diesem Telegramm wußten damals in Transkaukasien alle alten Bolschewiken, und auch Berija wußte davon. Sollte nicht vielleicht hier das Motiv für die viele Jahre später erfolgte heimtückische Ermordung Kirows liegen?
Nach der Ermordung Kirows im Jahre 1934 trat Berija immer mehr in den Vordergrund, sein unaufhaltsamer Aufstieg, immer höher und höher hinauf begann. Wie hat Mama ihn gehaßt und sich vor ihm gefürchtet! Und alle ihre Freunde, die beiden Swanidses, auch deren Schwester Manko Swanidse und Mamas Taufpate Awel Jenukidse waren die ersten, die umkamen.
Sergej Mironowitsch Kirow war seit langer Zeit ein treuer Freund unserer Familie, wahrscheinlich noch aus dem Kaukasus her. Er kannte auch die Familie meines Großvaters sehr gut und hatte meine Mutter besonders gern.
Im Jahre 1937 wurde Redens verhaftet. Es war der erste gegen unsere Familie, gegen unser Haus gerichtete Schlag. Bald darauf verhaftete man Onkel Aljoscha und Tante Marusja.
Wie konnte Vater das tun? Ich weiß nur das eine: Ihm selbst, ihm allein wäre derlei nie eingefallen. Doch wenn es ihm jemand schlau und fein eingab, wenn ein hinterlistiger Schmeichler ihm eingeflüstert hatte, daß diese Menschen "dagegen" seien, daß "kompromittierendes Material" vorliege, daß gefährliche Verbindungen bestünden, Reisen ins Ausland und so weiter, dann war Vater imstande, es zu glauben.
Man konnte ihm einflößen, daß dieser oder jener Mensch nicht so gut sei, wie man es viele Jahre von ihm ge-
* Armenische Nationalisten, die eine Befreiung ihres Heimatlandes von russischer Herrschaft anstrebten und sich von 1918 bis 1920 gegen die Bolschewisten behaupteten.
glaubt habe, daß er schlecht, daß er ein Schädling sei und es nur den Anschein gehabt habe, als wäre er gut, während er in Wirklichkeit ein Feind. ein Gegner sei, der schlecht über einen rede, und daß da auch Material gegen ihn vorliege: Tatsachen; X und Y hätten gegen ihn ausgesagt.
Daß aber diese X und Y alles beliebige angeben und beweisen würden in den Gefängnissen des NKWD, dem ging der Vater nicht nach. Wenn die Tatsachen ihn einmal überzeugt hatten, daß ein ihm von früher her gut bekannter Mensch sich als Schädling erweise, dann kam es bei Vater zu einer Art psychologischer Metamorphose.
Die Vergangenheit war für ihn ausgelöscht -- und daraus kam eben auch die ganze Unerbittlichkeit, Härte und Grausamkeit seines Wesens. Das Vergangene, das gemeinsam Erlebte, der gemeinsame Kampf für die eigene Sache, die langjährige Freundschaft, das alles war, als ob es ·nie gewesen wäre; es wurde durch irgendeine innere, unbegreifliche Geste ausgelöscht, ausgestrichen, und der Mann war verurteilt, verloren.
"So, du hast mich verraten", sprach ein furchtbarer Dämon, der sich seiner Seele bemächtigt hatte, "nun, dann will auch ich dich nicht mehr kennen!" Ihn beherrschte nur noch das tückische Interesse daran: Wie wird sich N. jetzt benehmen? Wird er seine Irrtümer und Fehler zugeben?
In diesem Punkt war der Vater gegenüber den Machinationen Berijas machtlos; es "ist verwunderlich, bis zu welchem Grade er diesem abscheulichen Monstrum gegenüber hilflos war! Es genügte, daß Papiere, Protokolle vorgelegt wurden, in denen stand, daß N. seine Schuld bekannt habe, oder daß andere an seiner Stelle "gestanden" hätten, oder daß N. nicht "·gestanden" habe -- und das war noch ärger.
Onkel Aljoscha war ein starker Mensch, und so gestand er nichts. Er hat auch nicht um Gnade gebeten, das heißt, er hat sich nicht in Briefen an Vater um Hilfe gewandt. Im Februar 1942 wurde er, 60 Jahre alt, erschossen.
Damals kam es zu einer Welle von Erschießungen; eine Menge Menschen, die bis dahin nur zu Zwangsarbeit, zur Verbannung verurteilt worden waren, wurden in den Lagern füsiliert. Ob der Verlauf des Krieges (die Wendung bei Stalingrad war noch nicht erfolgt, die Lage schwierig) einen Einfluß darauf hatte? Ich kenne den eigentlichen Anlaß nicht.
Man teilte Tante Marusja das Urteil mit, das man über ihren Gatten gefällt hatte. Sie hörte es und starb an einem Herzschlag.
Nun aber zu Mama. Jetzt macht man aus ihr entweder eine Heilige oder eine Geisteskranke oder ein unschuldiges Opfer. Aber sie war weder das eine noch das andere noch das dritte. Sie war ganz einfach sie selbst. Von Kindheit an bildete sich ihr fester, gerader Charakter aus.
Mama ist in Baku geboren; sie hat ihre ganze Kindheit im Kaukasus verbracht. So wie sie sehen Bulgarinnen, Griechinnen oder Ukrainerinnen aus: regelmäßiges ovales Gesicht, leicht auf gestülpte Nase, dunkler Teint. sanfte graue Augen, schwarze Augen-brauen, lange schwarze Wimpern.
Aus Mamas Jugendbriefen an die Freunde ihrer Eltern, Alissa Iwanowna und Iwan Iwanowitsch Radtschenko, erkennt man sofort das lustige, zärtliche, gutmütige Mädchen, das sie damals war.
Am 27. Februar 1917 schickt sie eine Postkarte:
Wir langweilen uns fürchterlich, denn seit vier Tagen gibt es in Petrograd keine Verkehrsmittel mehr. Aber nach diesen langweiligen Tagen ist endlich ein Festtag gekommen, und was für ein großer -- der 27. Februar! Im Moment sind nur Papa und ich zu Hause, alle anderen sind "per pedes" in die Stadt gefahren. Papa ist bester Stimmung und steht den ganzen Tag am Telephon. Heute kam Awel Jenukidse an und geriet ganz unerwartet vorm Nikolai-Bahnhof mitten in das Fest, Ich wünsche Euch vorderhand alles Beste! Küsse. Nadja.
So kam der Festtag -- die Februarrevolution von 1917! Zur selben Zeit befand sich mein Vater in der sibirischen Verbannung, er schrieb von dort Briefe an Olga Jewgenjewna, unsere Großmutter. Und die ganze Familie Allilujew schickte ihm Pakete.
Doch allmählich beginnen einige Ereignisse auch das Mädchen zu interessieren, wie der Brief vom 30. März zeigt:
In dieser Zeit hat sich viel Neues ereignet. Am 13. März gingen wir alle zum Begräbnis der Gefallenen, Die Ordnung war großartig; wir mußten zwar sieben Stunden lang auf einer Stelle stehen, aber wir haben ununterbrochen gesungen, so verging die Zeit wie im Flug. Als wir um zehn Uhr abends auf dem Marsfeld ankamen, wurden wir von der Schönheit des Bildes überwältigt: Ringsum brannten Fackeln, die Musik schmetterte, der Anblick war einfach herrlich! Wir kamen naß und erschöpft nach Hause, aber irgendwie ermutigt, und die Stimmung war gehoben. Unser Papa führte eine Hundertschaft an, er trug eine rote Schärpe um die Schulter und In der Hand eine weiße Fahne.
Am 19. Oktober 1917 schreibt Mama an die Familie Radtschenko: "In Piter (Petersburg) geht das Gerücht um, daß am 20. Oktober eine Aktion der Bolschewiki erwartet wird, aber mir scheint, das ist Unsinn." Aber die "Aktion der Bolschewiki" fand doch statt: die kommunistische Oktoberrevolution.
Bald darauf heiratete meine Mutter Josef Stalin und kam mit ihrem Mann nach Moskau. Hier arbeitete sie im Sekretariat von Lenin, bei (dessen Chefsekretärin) Lydia Alexandrowna Fotijewa.
Mama war mit uns Kindern streng. Manchmal war sie unerbittlich und gar unnachgiebig. Das kam nicht etwa aus einem Mangel an Gefühl, aus einer Härte des Herzens, nein, sondern aus einer inneren Haltung sich selbst und uns Kindern gegenüber, die hohe Anforderungen stellte.
Ich entsinne mich Mamas als einer sehr schönen Frau. Ihres Gesichtes erinnere ich mich. allerdings nicht mehr genau, doch der allgemeine Eindruck, der mir blieb, war der eines eleganten, sich leicht bewegenden, wohlriechenden Wesens.
Sie liebkoste mich nur sehr selten, während Vater mich immer auf dem Arm trug, mich gern laut schmatzend küßte und mir Kosenamen gab wie "kleiner Spatz" oder "kleine Fliege".
Einmal hatte ich ein neues Tischtuch mit der Schere zerschnitten. Lieber Gott, wie schmerzhaft schlug mir da Mama auf die Finger! Ich heulte so laut, daß Vater herzukam, mich auf die Arme nahm, tröstete, küßte und mich irgendwie wieder beruhigte; mehrmals schon hatte er mich auf diese Weise vor Senfpflastern und anderem Ungemach gerettet -- er konnte das Geschrei und das Weinen von Kindern nicht ertragen.
Hier ist der einzige Brief Mamas an mich, der noch erhalten ist. Er ist aus dem Jahre 1930 oder 1931: Ich grüße Dich, Swetlanotschka!
Wasja hat mir geschrieben. daß das Mädchen irgendwie Unfug treibt. Es ist schrecklich peinlich, solche Briefe über das Mädchen zu erhalten. Ich dachte, daß ich ein großes, vernünftiges Mädchen zurückgelassen hätte, aber es zeigt sich, daß sie doch noch ganz klein ist und daß sie -- was die Hauptsache ist -- sich noch nicht wie eine Erwachsene zu benehmen weiß. Ich bitte Dich, Swetlanotschka, besprich Dich mit (der Erzieherin) Natalia Konstantinowa, wie Du alle Deine Angelegenheiten in Ordnung bringen sollst, so daß ich in Hinkunft nicht mehr solche Briefe empfangen muß. Besprich Dich unbedingt mit ihr und schreibe mir, gemeinsam mit Wasja oder Natalia Konstantinowa, einen Brief darüber, wie ihr Euch über alles ausgesprochen habt. Als Mama abreiste, versprach das Mädchen sehr, sehr viel; es zeigt sich jedoch, daß sie wenig davon zu halten vermag. Antworte mir also unbedingt, wie Du Dich weiter betragen willst, ab Du es ernst nehmen willst oder nicht. Denke gehörig darüber nach; das Mädchen ist schon groß und kann auch denken. Liest Du irgend etwas in russischer Sprache? Ich erwarte Antwort Von dem Mädchen.
Deine Mama
Der Vater schrieb mir andere Briefe. Sie enden mit: "Ich küsse Dich" oder: "Kuß", wie es Vater immer gern tat, solange ich noch nicht erwachsen war. Er nannte mich bis zu meinem sechzehnten Lebensjahr immer "Setanka" -- so hatte ich mich selbst genannt, als ich noch ganz klein war. Er nannte mich aber auch "Herrin" oder "Hausfrau".
Und dann sagte er auch gern, wenn ich ihn um etwas bat: "Na, warum bittest du? Du brauchst doch nur zu befehlen, und wir alle werden alles, was du befiehlst, ausführen." Daher auch die Spielerei mit dem "Befehlen", die noch lange Zeit zwischen mir und dem
* 2. v. l.: Politbüromitglied Andrejew, 1935.
Vater weiterging, genauer gesagt, bis zu meinem sechzehnten Lebensjahr.
Außerdem aber gab es noch ein "ideales Mädchen" namens Lelka, das mir immer als Vorbild hingestellt wurde, -- sie machte immer alles so, wie es sein sollte, und ich haßte sie deshalb.
Ich erinnere mich sehr gut, wie ich eines Tages meine Kinderfrau fragte: "Warum ist denn das so -- von den beiden, Großmutter und Großvater, liebe ich Großvater mehr, aber von den Eltern, von Papa und Mama, liebe ich Mama mehr?" Meine Kinderfrau schlug die Hände zusammen.
Mama war mit uns Kindern nur sehr selten beisammen. Sie war ständig von Vorlesungen, Arbeiten, Dienst, Parteiaufträgen und gesellschaftlichen Verpflichtungen in Anspruch genommen; sie war meistens außer Hause. Aber auch wir waren beschäftigt mit unseren Lektionen, mit Spaziergängen.
1931 hatte sie erst ihr dreißigstes Lebensjahr vollendet. Sie besuchte die Industrie-Akademie, studierte an der Fakultät für Kunstfaser, damals ein ganz neues Gebiet.
Als Sekretär der Parteizelle fungierte damals der junge Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, der aus dem Kohlenrevier am Don in die Akademie gekommen war. Nach Beendigung der Studien wurde er hauptberuflicher Parteifunktionär. Mama selbst hätte ebenfalls gern selbständig gearbeitet; ihre Stellung als "Erste Dame des Reichs" bedrückte sie.
Mama war, abgesehen von uns Kindern, die jüngste in unserem Haus. Mein ältester Bruder Jakob war nur sieben Jahre jünger als sie. Es machte auf Mama einen niederschmetternden Eindruck, als Jascha einen Selbstmordversuch unternahm. Zum Glück verletzte er sich nur. Aber der Vater nahm auch das noch zum Anlaß, den Sohn zu verspotten "Haha danebengeschossen!" Mama war erschüttert.
Viele Photographien unseres Heims haben sich noch erhalten; doch je länger ich diese Photographien betrachte, um so trauriger wirken sie auf mich, zumal die aus der späteren Zeit. Schon auf den Porträts blickt Mama recht melancholisch.
Unter ihnen gibt es ein Bild: eine Madonna, die über alles irdische Getümmel erhaben scheint; das Gesicht verschlossen, hoheitsvoll, voll Kummer. Ein einziger Blick aus diesen Augen hätte es allen Menschen sofort sagen müssen, daß diese Frau da, wenn man ihr nicht hilft, dem Untergang geweiht ist.
Mamas Schwester, Anna Sergejewna, sagte mir, Mama habe sich in den letzten Jahren ihres Lebens öfter mit dem Gedanken getragen, sich von Vater zu trennen. Anna Sergejewna behauptete immer wieder, daß Mama an Vaters Seite das Dasein einer Märtyrerin geführt habe, daß Vater sich ihr gegenüber viel zu schroff, viel zu grob und undelikat benommen habe, was Mutter, die ihn sehr liebte, tief verletzte.
Schon 1926, als ich erst ein halbes Jahr alt war, zerstritten sich die Eltern aus irgendeinem Grunde, und Mama reiste mit mir, meinem Bruder und der Kinderfrau nach Leningrad zu Großvater, in der festen Absicht, nicht mehr zurückzukehren.
Vater rief jedoch aus Moskau an und wollte nach Leningrad kommen, um sich mit Mama zu versöhnen und uns wieder mit sich nach Hause zu nehmen. Mama jedoch entgegnete ihm am Telephon (nicht ohne Bosheit): "Wozu mußt du fahren, das wird dem Staat viel zu teuer kommen, ich reise lieber allein." Und wir kehrten alle heim. Anna Sergejewna sagt, daß sich Mama in den allerletzten Wochen mit dem Plan getragen habe, zu ihrer Schwester nach Charkow zu fahren.
Mama war es peinlich, mit dem Auto bei der Akademie vorzufahren; sie vermied es auch, dort zu sagen, wer sie sei; auch Vater ging noch zu Fuß durch die Straßen wie alle anderen Menschen, allerdings war er schon immer gerne mit dem Wagen gefahren.
Meine Kinderfrau meinte auch, daß Mama in der letzten Zeit vor ihrem Tode ungewöhnlich traurig und leicht erregbar gewesen sei.
Als eines Tages eine von ihren ehemaligen Mitschülerinnen aus dem Gymnasium zu Besuch kam und die beiden sich unterhielten, hörte die Kinderfrau, wie Mama immer wieder sagte, sie habe alles satt, sie sei lebensüberdrüssig geworden und nichts freue sie mehr. Da fragte die Freundin: "Nun, und deine Kinder?" "Alles, auch die Kinder", versicherte Mama.
Mama hätte eigentlich wegen ihrer schwachen Nerven überhaupt keinen Wein trinken dürfen. Er wirkte zu stark auf sie, darum mochte sie auch nicht, wenn andere tranken. Der Vater erzählte mir einmal, wie schlecht ihr nach einer Abendunterhaltung in der Akademie geworden sei; sie kam ganz krank nach Hause, weil sie ein wenig Wein getrunken hatte. Vater brachte sie zu Bett, tröstete sie, und Mama sagte zu ihm: "Aber ein wenig liebst du mich doch, nicht wahr?"
Kurz vor ihrem Tode -- es war das letztemal, daß ich sie sah -- rief sie mich in ihr Zimmer, ließ mich auf ihrem geliebten kaukasischen Ruhebett Platz nehmen und redete mir lange zu, wie ich mich benehmen müsse und was ich einmal werden solle.
"Trinke keinen Wein", sagte sie mir, "trink nie Wein." Es war gewissermaßen ein Echo ihres ewigen Streites mit dem Vater, der nach kaukasischer Sitte den Kindern immer von dem guten Wein zu trinken gab. Weil solche Begegnungen mit Mama so selten waren, erinnere ich mich so gut an dieses letzte Beisammensein.
Ihre harte Selbstdisziplin, die starre Haltung und furchtbare Anspannung wirkten sich unter der Belastung, der ihr Innenleben ausgesetzt war, so aus Neben Kirow: unbekannte Personen.
wie eine Feder, die immer fester und fester zusammengedrückt wird -- es mußte schließlich zur Auslösung kommen, die Feder mußte mit ungeheurer Gewalt zurückschnellen.
Und so geschah es auch. Der Anlaß aber war gar nicht bedeutend und fiel als solcher auch keinem Menschen besonders auf; es war gewissermaßen "gar kein Anlaß vorhanden".
Es war ein kleiner Streit bei dem Festbankett zu Ehren des XV. Jahrestages der Oktoberrevolution am Abend des 8. November 1932. Alles in allem hatte der Vater ihr nur gesagt: "He, trink!" Und sie hatte darauf nur laut gerufen: "Ich bin für dich keine, zu der man "he" sagt" -- stand auf und ging vor aller Augen aus dem Saal.
Karolina Wassiljewna Tiel, unsere Haushälterin, pflegte Mama jeden Morgen zu wecken. Der Vater schlief in seinem Arbeitszimmer oder in dem kleinen Zimmerchen mit Telephon neben dem Eßzimmer. Er schlief auch in jener Nacht dort, nachdem er sehr spät von dem Festessen heimgekehrt war. Mama war früher nach Hause gekommen und hatte sich in ihr eigenes Schlafzimmer zurückgezogen.
Die Zimmer lagen weit entfernt von den Räumen der Dienerschaft, man mußte, um zu ihnen zu gelangen, über einen kleinen Korridor an unserem Kinderzimmer vorbei.
Karolina Wassiljewna bereitete am frühen Morgen, wie jeden Tag, in der Küche das Frühstück und ging dann zu Mama, um sie zu wecken. Zitternd vor Schrecken kam sie zu uns ins Kinderzimmer gelaufen, holte die Kinderfrau heraus, außerstande, ein Wort zu sagen.
Die beiden gingen zusammen hin: Mama lag blutüberströmt neben ihrem Bett, in ihrer Hand lag noch die kleine Walther-Pistole, die ihr (der Bruder) Pawluscha seinerzeit aus Berlin mitgebracht hatte. Die Detonation des Schusses war zu schwach gewesen, als daß man sie im Haus, wo alles in tiefem Schlaf lag, gehört hätte.
Die Tote war schon kalt. Die beiden Frauen, von der Furcht gelähmt, daß etwa der Vater eintreten könnte, legten die Leiche auf das Bett und richteten sie her. Dann rannten sie zum Telephon -- wen sollten sie anrufen? Diejenigen, die für sie die wichtigsten waren: Awel Sofronowitsch Jenukidse, den Kommandanten der Wache und Polina Semjonowna Molotowa, Mamas vertraute Freundin.
Bald kamen alle angefahren. Der Vater schlief noch immer in seinem Zimmerchen links vom Eßzimmer. Wjatscheslaw Molotow und Kliment Woroschilow erschienen. Alle waren tief erschüttert. Endlich war auch Vater erwacht und kam ins Eßzimmer. "Jossif -- Nadja ist nicht mehr unter uns", sagte man ihm.
Polina Semjonowna Molotowa erzählte mir ihre Seite der Geschichte. Sie war ebenfalls bei jenem Festbankett gewesen und zugleich mit Mama von der Tafel aufgestanden, einfach um sie nicht ganz allein zu lassen. Sie waren ins Freie gegangen und einige Male um den Kremlpalast herumspaziert, bis Mama sich wieder gefaßt hatte.
Sie beruhigte sich und sprach dann von ihren Angelegenheiten in der Akademie, von ihrer künftigen Arbeit, auf die sie sich sehr freute, mit der sich ihre Gedanken sehr beschäftigten. Der Vater war grob, sie hatte es schwer mit ihm, das wußten alle. Aber Vater und Mutter hatten doch schon so viele Jahre miteinander gelebt; es waren Kinder da, das Haus, die Familie. Und alle liebten doch Nadja so sehr.
Wer hätte das gedacht! Natürlich, es war keine ideale Ehe, aber gibt es denn so etwas überhaupt? "Als sie sich vollkommen beruhigt hatte", so erzählte Polina Semjonowna, "trennten wir uns, um schlafen zu gehen. Ich war der vollen Überzeugung, daß alles wieder in Ordnung und der Streit beigelegt sei. Aber am Morgen rief man uns an und teilte uns die entsetzliche Nachricht mit ..."
Ich erinnere mich, wie man uns Kinder am Morgen des 9. November 1932 plötzlich zu ganz ungewohnter Zeit zu einem Spaziergang abholte. Ich erinnere mich, wie Natalia Konstantinowna sich während des Frühstücks immer die Augen mit einem Taschentuch wischte.
Dann brachte man uns auf einmal auf die Datscha in Sokolowka, in ein finsteres Haus. Gegen Ende des ersten Tages kam Kliment Jefremowitsch Woroschilow dort zu uns, er ging mit uns spazieren, versuchte mit uns zu spielen und weinte dabei die ganze Zeit.
Wie man mir den Tod der Mutter mitteilte und wie ich es aufnahm, davon weiß ich nichts mehr -- wahrscheinlich weil mir damals noch jegliche Vorstellung vom Tode fehlte.
Ich erhielt davon erst einen Begriff, als man mich in das Gebäude brachte, in welchem sich jetzt das (Zentrale Warenhaus) Gum befindet, wo aber damals irgendeine Behörde untergebracht war; im Saal stand der offene Sarg mit der Toten, an der die Menschen, die von ihr Abschied nahmen, vorbeizogen.
Und hier erfaßte mich Entsetzen, als Sina Ordschonikidse mich auf den Arm nahm und ganz nahe an Mamas Gesicht hob -- "um Abschied zu nehmen". Ich schrie laut auf und verbarg mich vor diesem Gesicht; irgendwer mußte mich rasch in einen anderen Raum bringen. Zum Begräbnis nahm man mich gar nicht erst mit, nur mein Bruder Wassilij war dabei.
Später, als ich bereits erwachsen war, erzählte man mir, daß Vater von dem, was sich ereignet hatte, tief getroffen gewesen sei. Er war erschüttert, weil er nicht begriff, warum es geschehen war. Warum hatte man ihm diesen entsetzlichen Schlag in den Rücken versetzt? Er wußte nicht, wofür man ihn denn so bestrafte.
* Hinter dem Leichenwagen: Jenukidse (X), links neben ihm Redens und Nadeschdas Sohn Wassilij.
Und er fragte die Menschen seiner Umgebung: Hatte er es wirklich an Aufmerksamkeit fehlen lassen? Hatte er sie nicht geliebt und geachtet, als Gattin, als Menschen? War es denn so wichtig, daß er manchmal nicht mit ihr ins Theater gehen konnte -- war das wirklich so wichtig?
Man hatte Angst, Vater in diesem Zustand allein zu lassen. Von Zeit zu Zeit überkam ihn eine Art Wut, ein Zorn. Das erklärt sich daraus, daß Mutter ihm einen Brief hinterlassen hatte. Sie hatte ihn offenbar in ihrer letzten Nacht geschrieben.
Ich habe diesen Brief nie zu Gesicht bekommen. Man hat ihn wahrscheinlich sogleich, auf der Stelle, vernichtet; doch es hat ihn gegeben, das haben mir alle bezeugt, die den Brief gesehen hatten. Er muß furchtbar gewesen sein, voll von Anklagen und Vorwürfen.
Es war kein rein persönlicher Brief, sondern ein teilweise politisches Schreiben. Und Vater mußte, nachdem er den Brief gelesen hatte, annehmen, daß Mama nur zum Schein neben ihm gelebt, in Wirklichkeit aber auf seiten der damaligen Opposition gestanden habe.
Das erschütterte und erzürnte ihn, und als er zur offiziellen Trauerfeier kam, um Abschied von der Toten zu nehmen, trat er für einen Augenblick an den Sarg, stieß ihn plötzlich mit den Händen von sich, wandte sich um und ging fort.
Er kam auch nicht zum Begräbnis. Und nie, nie, auch nicht ein einziges Mal, besuchte er Mamas Grab auf dem Nowodewitschi-Friedhof. Er brachte das einfach nicht über sich, und er hielt daran fest, daß Mama als seine persönliche Gegnerin von ihm gegangen war.
Erst in den letzten Jahren, kurze Zeit vor seinem Tod, begann er denn doch öfters mit mir darüber zu reden. Er suchte und suchte ringsum, wer daran schuld sei, wer Mama diesen Gedanken eingegeben habe. Vielleicht wollte er auf diese Weise irgendeinen sehr wichtigen, heimtückischen, persönlichen Feind entdecken.
IM NÄCHSTEN HEFT
Die Geheimpolizei überwacht den Haushalt des Diktators -- Stalins Briefe an Swetlana -- Jakob Stalin gerat in Gefangenschaft und wird von seinem Vater preisgegeben

DER SPIEGEL 39/1967
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.