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DER SPIEGEL

ITALIEN / FLORENZSchlamm im Bett

Der Arno-Stadt Florenz droht eine neue Flut. In diesem Monat werden die ersten von über 10 000 Wechseln fällig, mit denen die Florentiner ihre von der Überschwemmungskatastrophe im vorigen November heimgesuchten Läden, Werkstätten und Wohnungen wieder aufgebaut haben.
"Die Wechsel-Flut, die auf uns zukommt, kann für Florenz schlimmere Folgen haben als die Arno-Überschwemmung", warnte der christdemokratische Bürgermeister Piero Bargellini, 70. "Wir stehen vor einer Wirtschaftskatastrophe. Und Rom rührt keinen Finger."
Als der Arno am 4. November letzten Jahres die Dämme zerbrach, versank Florenz im Unrat. Von den Äckern des Arnotais schwemmte die Flut eine halbe Million Tonnen Schlamm in die Altstadt. Eine dicke Naphtaschicht, die aus aufgebrochenen Heizöllagern emporquoll, überzog Häuser, Kirchen und Museen.
9750 Läden, 8000 Werkstätten und 600 Industrieanlagen wurden verwüstet; 21 000 Wohnungen beschädigt. Das Wasser vernichtete 77 Prozent aller in Florenz lagernden Waren und Vorräte. 15 000 Autos hatten nur noch Schrottwert.
Eine offizielle Schadensbilanz gibt es bis heute nicht. Schätzungen schwanken zwischen 1,3 und 1,6 Milliarden Mark -- nicht eingerechnet die in Museen und Kunstgalerien angerichteten Verheerungen.
Die römische Regierung appellierte an die Nation und erhöhte die Steuern. Doch von der versprochenen Hilfe sahen die Florentiner nur wenig. Händler, Handwerker und Hoteliers erhielten Aufbauzuschüsse von 3000 bis 3500 Mark und wurden im übrigen auf Kredite verwiesen, die der Staat zu 8(1 Prozent garantierte.
Da ihre Stadt hauptsächlich vom Fremdenverkehr und vom Kunsthandwerk lebt, mußten die Florentiner Kaufleute ihre Läden, Hotels und Werkstätten auf Pump wiederherrichten. Sie nahmen Kredite für über eine halbe Milliarde Mark auf und konnten so schon drei Monate nach der Überschwemmung melden, daß Industrie und Handwerk wieder zu 90 Prozent einsatzfähig seien. Dafür waren die Schulden der Florentiner auf eine Million Lire (6400 Mark) pro Kopf gestiegen.
D r erwartete Touristenstrom blieb jedoch aus. "Die Italiener sind gekommen, aber nicht die Ausländer, die auch Geld hier lassen", sagt Bürgermeister Bargellini. "Vielleicht lag das am Umsturz in Griechenland, am Nahostkonflikt oder an der Krise in Deutschland und England. Vielleicht auch am schönen Wetter in Nordeuropa.
Als Werbeagent für den Florentiner Fremdenverkehr reiste Bürgermeister Bargellini nach Amerika, England und Frankreich. In Amerika half ihm Jacqueline Kennedy: Sie erfand und propagierte den Slogan "Die ganze Welt ist Schuldner von Florenz. Dennoch kamen nur wenige Amerikaner in die Stadt am Arno.
Da die Umsätze auch in der Florentiner Industrie und beim Kunsthandwerk dürftig blieben, droht der Arno-Stadt jetzt ein "Fiasko von Konkursen" (Bargellini).
Zur Finanzmisere kommt die Angst vor einer neuen Hochwasserkatastrophe. Denn bisher hat die Regierung nur wenig getan, um Florenz zu schützen. Die Uferbefestigungen am Arno sind immer noch provisorisch, und die 30 Milliarden Lire (192 Millionen Mark), die das Kabinett seinerzeit für öffentliche Arbeiten bewilligt hatte, sind auf 13,5 Milliarden (86 Millionen Mark) zusammengestrichen worden.
Nach Meinung seines Bürgermeisters ist Florenz zehn Monate nach der großen Flutkatastrophe "weitaus gefährdeter als im letzten Herbst".
Bargellini: "Die Nebenflüsse, die den Arno speisen, hat man mustergültig befestigt, nicht aber die Arno-Ufer hier in der Stadt. Wenn jetzt ein Dauerregen kommt, läuft gleich das ganze Wasser in die Stadt und nicht -- wie bisher -- zunächst einmal in die Campagna. Die lächerlichen Mäuerchen" die man gebaut hat, können keinem Hochwasser standhalten."

DER SPIEGEL 38/1967
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