BILDUNG
Zurück auf Los
Die Versammlung im Mehrzweckraum der Grundschule in Berlin-Neukölln hat schon begonnen, da schiebt sich zaghaft eine schmächtige Person durch die große Eingangstür. Petra Eggebrecht, 59, kommt als Letzte zu der Sondersitzung der Hauptschullehrer des Problembezirks. Doch kaum wird sie von den ersten Kollegen bemerkt, da bricht tosender Beifall los. Sie, bis vor kurzem die kommissarische Leiterin der Rütli-Hauptschule, ist die Heldin der rund 200 Lehrer und Lehrerinnen, die sich versammelt haben. Sie habe, erklärt eine Kollegin feierlich, "endlich das an die Öffentlichkeit gebracht, was wir alle erleben, worüber wir aber immer stillschweigen sollten".
Eine Beratung war geplant, eine Debatte über all das, was nun seit Tagen bundesweit Thema ist - die Gewalt an der Schule, die Probleme mit ausländischen Kids, kurz: der Notstand an den Hauptschulen. Doch das Treffen am vergangenen Mittwoch wird eine Siegesfeier. Es ist der Triumph über die zuständigen Politiker und Beamten, die man nun kräftig auf Trab gebracht hat, eine Abrechnung mit den jahrelangen Versäumnissen der Schulpolitik, über die jeder irgendwo schon mal sprach, aber immer mit dem Gefühl, kaum etwas ändern zu können.
Eine Woche nach jenem Brandbrief des Kollegiums der Rütli-Hauptschule, den Eggebrecht initiiert und in dem ein ganzes Kollegium die Zustände an der eigenen Lehreinrichtung angeprangert hatte, steht plötzlich die ganze Misere zur Debatte. Überall im Land schlagen Pädagogen und Sozialarbeiter Alarm. Gewalt, Respektlosigkeit, Verrohung - Rütli-Schulen gibt es an vielen Orten. Doch das Schweigen darüber hat diese Frau nach 36 Jahren Schuldienst gebrochen.
"Uns wurde gedroht", sagt die weißhaarige Aufrührerin, der nun die Kolleginnen Blumen schenken. "Wenn der Brief öffentlich wird", sei ihr gesagt worden, "will keiner mehr an unsere Schule!"
Das Gegenteil ist eingetreten. Binnen weniger Tage erhielt die geplagte Hauptschule einen neuen kommissarischen Direktor, zwei Schulpsychologen und drei schon länger beantragte Sozialarbeiter, darunter einen, der Arabisch, und einen, der Türkisch spricht. Plötzlich, wundert sich eine Lehrerin, "ist ganz neues Leben im Lehrerzimmer".
Die Politik - allen voran Berlins angeschlagener Bildungssenator Klaus Böger (SPD) - wollte ein Signal setzen. Die Symbolfigur wurde mit dem neuen Rütli-Direktor Helmut Hochschild überraschend schnell präsentiert. Der Neue wirkt dynamisch, ein Jeansträger, der auf dem Motorrad zur Schule kommt, das Gespräch mit allen sucht und bei seinem Amtsantritt überrascht in die Kameras und Blitzlichter sagt: "Sie sind sich schon im Klaren darüber, dass ich nicht der Bundeskanzler bin, sondern nur ein einfacher Schulleiter?"
Auf Symbolsuche war auch jene Kanzlerin, mit der sich der neue Schulleiter beiläufig verglich. Angela Merkel (CDU), kündigte - "besorgt" - einen "Integrationsgipfel" an, Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) verordnete - "aufgeschreckt" - Ausländerkindern den Kindergartenbesuch. Nur: Kindertagesstätten gibt es nahezu flächendeckend bislang lediglich im weitgehend ausländerfreien Ostdeutschland, aber nicht in Bayern. Pragmatische und populistische Vorschläge wurden von einer aufgescheuchten politischen Klasse diskutiert, die offenbar die Wirklichkeit in diesem Land nur in Teilen kennt - und deren Aufmerksamkeit womöglich schon bald vom nächsten Problemfall absorbiert wird.
Die Rütli-Schule aber wird, allen Forderungen nach Auflösung der Hauptschulen zum Trotz, weiterbestehen. Sie muss einen Neuanfang wagen. Zurück auf Los ist das Motto.
Wenn nach den Osterferien die Kameras wegbleiben und die Schule zur Besinnung kommt, muss der neue Chef, der mehr wie ein Trainer denn wie ein Pauker wirkt, schnell handeln. Denn die neuen Helden haben wenig Zeit: Hochschild, abgezogen von einer erfolgreichen Hauptschule, schickte die Schulverwaltung vorerst nur
für drei Monate, die Psychologen wurden aus einer anderen Berliner Schule für wenige Tage abkommandiert, die Finanzierung der drei Sozialarbeiter ist nur bis Dezember geklärt. "Ein Interventionsteam von rascher Vergänglichkeit", urteilt eine Rütli-Lehrerin, "aber immerhin."
Interimsdirektorin Eggebrecht, die nun wieder normale Lehrerin sein wird, hofft, jetzt endlich eine Cafeteria in der Schule einrichten zu können, und Troubleshooter Hochschild will sich auf "die neue pädagogische Arbeit konzentrieren". Er hat die Klassensprecher um Unterstützung gebeten und will, dass ein Ruck durch die Schüler und das Kollegium geht. Viele Grundschullehrer aus den Ostbezirken wurden hierher gegen ihren Willen versetzt, nun sollen ein paar neue Lehrer freiwillig kommen.
Hochschild weiß aber auch, dass an den drei, vier Hauptschulen, die in Berlin gegenwärtig als Vorbilder gehandelt werden, oft jahrelang herumexperimentiert wurde und nur "glückliche Konstellationen die Dinge verändert haben". Immerhin widerlegen sie den vermeintlichen Automatismus, dass jede Hauptschule zum Absturz verdammt ist.
Nicht weit von seinem neuen Dienstsitz liegt so ein Vorbild, die Kurt-Löwenstein-Schule, ebenfalls im Norden Neuköllns. Wenige Schritte von ihr entfernt wurde vor kurzem ein Berliner Polizist auf offener Straße erschossen. Wenn die Schüler hier morgens zum Unterricht gehen, kommen sie an der Stelle vorbei, wo die Tat geschah. Verwelkte Blumen liegen noch auf dem Bürgersteig.
Auch in dieser Schule ist die Mehrzahl der 300 Schüler "nichtdeutscher Herkunft", im Amtsdeutsch der Schulbehörde "83 Prozent n.d.H." Und dennoch ist hier vieles anders: Ein Förderverein organisierte vor gut zwei Jahren das Geld für die Einstellung eines Sozialarbeiters. Gesponsert wird die Arbeit auch vom Deutsch-Türkischen Unternehmerverband.
An der Löwenstein-Schule ist nun der Mann täglich unterwegs, der die Verwahrlosung verhindern soll. "Schuldistanziertenarbeit" nennt Paul Kleinert seine Hausbesuche, die er oft mit dem Jugendamt abstimmt. Ziemlich erfolgreich bewegt er Schulschwänzer zurück ins Klassenzimmer. Manche Schüler hatten bis zu 64 Fehltage, ohne ihn wäre da nicht viel passiert.
Zu den Neuerungen, die die Gewalt eindämmen sollen, gehört an der Löwenstein-Schule auch ein "Trainingsraum". Er dient als Anlaufstelle für Schüler, die wiederholt schwerwiegend stören. Flippt ein Schüler aus, bekommt er vom Lehrer eine Art Laufzettel in die Hand gedrückt. Darauf stehen sein Name, der des Lehrers, die Uhrzeit und der Grund für den Unterrichtsausschluss. Im Trainingsraum erwartet ihn ein Lehrer, der mit ihm über den Vorfall spricht. Erst wenn der Schüler dem von ihm gestörten Pädagogen in seiner Klasse schriftlich gibt, dass er über den Konflikt nachgedacht hat, darf er wieder zurück in die Klasse.
In Berlin-Moabit dagegen schwört der Schulleiter der Heinrich-von-Stephan-Schule, Jens Großpietsch, darauf, dass seine Schüler jede Woche ein Gedicht auswendig lernen müssen und dazu angehalten werden, "bitte" und "danke" zu sagen. Wöchentlich erhalten die Kinder ein "Elternblatt" mit Informationen über ihre Leistungen und ihr Verhalten. Unterschrieben muss es dann wieder vorgelegt werden.
Es sind solche Konzepte, die sich nun nach den Geschichten von der "Terrorschule" Rütli herumsprechen: Die Berichte von geglücktem Konfliktmanagement, von Schulstationen, in denen Sozialarbeiter Problemkids betreuen - oder eben auch Problemfälle unter den Lehrern.
Die Erfahrungen der Breitscheid-Schule in Berlin-Moabit werden nun ebenfalls diskutiert. Dort gibt es einen der wenigen Arabisch sprechenden Lehrer an Berliner Hauptschulen, den syrischstämmigen Shlemon Jonan, 56. Mit "Elternseminaren" will er Defizite, die es in den Familien gibt, ausgleichen. Väter und Mütter sollen etwa lernen, dass es Deeskalationsmöglichkeiten gibt. Nicht die Schüler, sondern die Eltern erhalten Hausaufgaben - etwa zum Thema: "Wie bleibt man ruhig, wenn das Gegenüber aggressiv ist?"
Meist arbeiten an den Vorzeigeschulen engagiertere Lehrer als anderswo, meist haben sie es geschafft, eine bessere Ausstattung durchzusetzen - mehr Lehrer, mehr Projekte, mehr Ausnahmegenehmigungen. Bei diesem Kampf um die Ressourcen, der mit einer überbordenden Schulbürokratie ausgefochten werden muss, gehörte die Rütli-Schule bisher zu den Verlierern.
Selbst der Hilfeschrei der Schule, der Brandbrief, wäre fast in der Schulverwaltung steckengeblieben, in der es selbstverständlich ein "Formular zur Formularbestellung" gab. Weil das Protestschreiben eben nicht formgerecht war, rief eine Mitarbeiterin der Schulaufsicht, Abteilung "08 II E 3.1", zurück und verlangte aktenkonforme Erklärungen: "Nennen Sie uns bitte genaue Gründe, warum Sie einen Sozialarbeiter brauchen." Außerdem wurde der Schulleitung mitgeteilt, "dass sie nicht befugt ist, unter Missachtung des Dienstweges Briefe durch die Gegend zu schicken".
So wollen sich die Lehrer nun nicht noch einmal abwimmeln lassen. "Irgendwie anders" sei nun das Klima, freut sich eine Lehrerin der Rütli-Schule. Beim Studieren des Pressespiegels seien sich Schüler und Lehrer nahegekommen. Welche Story stimme, welche nicht, sei nun das Hauptthema an der Schule.
Mit erstaunlichen Konsequenzen: Gegen das schlechte Image ihrer Schule wollten sogar Kids etwas unternehmen, die bislang kaum positiv aufgefallen waren. Sie möchten ein Transparent malen, erklärten Schüler einer achten Klasse ihrer Lehrerin vergangenen Donnerstag. Vorschlag für die Aufschrift: "Wir sind gar nicht so doof." PETER WENSIERSKI