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HANDEL

Brutale Neuordnung

Die Läden sind trist, die Waren oft Plunder. Dennoch gewinnen Textildiscounter immer mehr Kunden - allen voran KiK, der gerade einen neuen Umsatzrekord aufstellt. Von Kerbusk, Klaus-Peter

Woanders", raunt eine sonore Männerstimme, "bekommen Sie für 1,99 vielleicht ein crazy Handy-Logo. Bei KiK bekommen Sie für 1,99 ein Dreierpack Socken, ein T-Shirt oder eine Damen-Micro-Shorts mit Gummiband."

Die Farbpalette ist oft gewöhnungsbedürftig, die Qualität nicht unbedingt erste Wahl, vielleicht nicht mal zweite. Viele Verbraucher würden solche Angebote Plunder oder Ramsch nennen. Doch die Ware, die der KiK-Textil-Diskont unter dem Slogan "Kleidung clever kaufen" regelmäßig via TV-Werbung und Zeitungsbeilagen anpreist, verkauft sich besser denn je.

KiK ist der Vorreiter einer rasant wachsenden Gruppe von Ladenketten, die mit ihren Billigstangeboten die nicht totzukriegende Geiz-ist-geil-Mentalität der Deutschen haargenau trifft und den angestammten Textilhändlern inzwischen existentielle Probleme bereitet. Gerade in dieser Branche hat die Sparwut einschneidende Spuren hinterlassen.

Gaben die Deutschen 1992 noch gut 64 Milliarden Euro für Textilien und Bekleidung aus, so waren es 2005 nur noch 55 Milliarden. "Hinter der drastischen Marktschrumpfung verbirgt sich eine brutale Neuordnung zu Lasten des klassischen Textilhandels", sagt Andreas Maquet von der Unternehmensberatung Rölfs Partner. Der Umsatz der Traditionalisten habe sich "seit 1992 mehr als halbiert".

Zum einen setzen Modeketten wie Hennes & Mauritz oder Zara die Fachhändler mit durchgestylten Filialen und schnell wechselnden Kollektionen unter Druck. Zum anderen gewinnen auch die Discounter immer mehr Marktanteile. Denn seit die Billigheimer nicht nur angejahrte Restposten zu Schleuderpreisen verkaufen, gibt es für die Kunden kaum noch Berührungsängste bei der Wahl des Ladens.

Davon profitieren nicht nur Tchibo, Aldi und Co. Mit Ketten wie Bon Prix, Ernstings Family, NKD, Takko, Vögele oder Zeeman sind jene Händler stark im Kommen, die das Aldi-Prinzip fast nahtlos auf den Verkauf von Hemden, Hosen, Blusen und Röcken übertragen. Deren Filialnetze werden jeden Tag engmaschiger.

Ein besonders atemberaubendes Expansionstempo legt dabei die KiK-Textilien und Non-Food GmbH vor, die 1994 von der Handelsgruppe Tengelmann und dem damals gerade 31-jährigen Kaufmann Stefan Heinig gegründet wurde. Nur sieben Jahre nach dem Start regierte Heinig schon über 1000 Läden mit dem feuerwehrroten Signet.

Inzwischen zählt KiK ("Kunde ist König") mehr als 2000 Geschäfte in Deutschland und Österreich mit insgesamt rund 750 000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Die erst vor fünf Jahren in Bönen bei Dortmund gebaute Firmenzentrale ist schon wieder zu klein. Und auch bei den Einnahmen sprintet Heinig von Rekord zu Rekord. In nur zehn Jahren schoss der Umsatz auf 818 Millionen Euro. Im aktuellen Geschäftsjahr, das am 30. April endet, hat KiK mit 1,1 Milliarden Euro einen neuen Rekordumsatz angepeilt.

Damit hat der Billigheimer aus Bönen, der einst mit dem Slogan "Nur nackt ist billiger" antrat, alle Konkurrenten hinter sich gelassen. Und fast täglich kommen weitere Läden hinzu - 300 pro Jahr lautet die Vorgabe.

Wurden sie anfangs überwiegend an den Stadträndern angesiedelt und waren kaum mehr als 400 Quadratmeter groß, so drängt Heinig jetzt mit immer größeren Geschäften auch in die Innenstädte. Neben jungen Müttern mit schmalem Geldbeutel werden auch zunehmend Senioren als Zielgruppe geködert. Ein Ende der Expansion erwartet der medienscheue KiK-Gründer erst 2010 - bei dann rund 4000 Filialen.

Über Gewinne schweigt der Konzern. Doch Insider raunen von Profiten, die klar über dem Branchenschnitt liegen. Denn gespart wird an allem, was nicht unbedingt nötig ist. Teure Regale, Glasvitrinen oder Musikberieselung erwartet man in den vollgestellten Läden vergebens. Beratung ist nicht vorgesehen, Tüten kosten extra. Oft gibt es nicht einmal Umkleidekabinen. Stattdessen bietet KiK einen "Umtausch ohne Diskussion" an und lockt damit, dass sich jeder für weniger als 30 Euro von Kopf bis Fuß komplett einkleiden könne.

Inzwischen jedoch hat auch Heinig erkannt, dass der Preis nicht alles ist. Ein eigenes Labor in Bönen soll stärker auf die Qualität achten. Seine Lieferanten in Fernost und der Türkei sollen sich verpflichten, keine Kinder zu beschäftigen. "Wir wollen KiK als Marke ausbauen, die gleichermaßen für Preis und Qualität steht", sagt der Chef.

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Bei einer Umfrage, bei der fast 6000 Verbraucher das Preis-Leistungs-Verhältnis von 25 bundesweit agierenden Bekleidungsanbietern beurteilten, landete KiK ganz weit hinten. Nur Woolworth und Wal-Mart bekamen noch miesere Noten.

Ein gutes oder gar sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis attestierten KiK nur 50 Prozent der Befragten. 82 Prozent waren es bei den Spitzenreitern: Tchibo und C&A. KLAUS-PETER KERBUSK

DER SPIEGEL 18/2006
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