DOKUMENTATION
Weinend am Lehrerpult
SPIEGEL: Frau Sänger, wie kam es zu dem Projekt?
Sänger: SPIEGEL TV hat zwei soziale Betreuer engagiert und eine Schule gefunden, die interessiert war, sich helfen und sich dabei filmen zu lassen. Wir wollten zeigen, wie es im Klassenzimmer zugeht, denn was da wirklich los ist, wissen ja nicht mal die Eltern. Und wir wollten wissen, ob es etwas bringt, Sozialarbeiter einzuschalten. Der Direktor und einige Lehrer der Pommern-Schule waren aufgeschlossen und haben uns sehr unterstützt.
SPIEGEL: Was haben die Schüler gesagt?
Sänger: Erst mal haben wir Elternabende gemacht, um die Mütter und Väter zu überzeugen. Die Schüler fanden es im Prinzip gut, aber manche hatten natürlich auch Angst, dass wir sie als blöd vorführen könnten. Da musste viel Vertrauensarbeit geleistet werden.
SPIEGEL: Wie viele Stunden haben Sie gedreht?
Sänger: Man kann sagen, rund um die Uhr. An Material waren es am Ende ungefähr 1800 Stunden - für 6 mal 45 Minuten Sendezeit. Wir haben uns als Teil des Projekts empfunden. Da kannst du nicht irgendwann nach Hause gehen und einfach abschalten.
SPIEGEL: Was durften Sie drehen, wann musste die Kamera draußen bleiben?
Sänger: Bei den Lehrern, die sich grundsätzlich zur Zusammenarbeit bereiterklärt hatten, durften wir alles drehen. Aber wir haben nicht alles gezeigt.
SPIEGEL: Zum Beispiel?
Sänger: Persönliche Geschichten über sexuellen Missbrauch und Drogen. Wenn man das dokumentieren will, muss man einen anderen Film machen.
SPIEGEL: Eine Lehrerin bricht weinend an ihrem Pult zusammen ...
Sänger: ... und bestand darauf, dass wir weiterdrehen. Sie fand es in Ordnung, dass die Zuschauer sehen, wie weit die Auseinandersetzungen gehen können.
SPIEGEL: Welchen Einfluss hatte die Anwesenheit des Fernsehens auf die Schüler?
Sänger: Am Anfang waren sie lammfromm. Und haben sich dann in den Stunden ausgetobt, in denen wir nicht dabei waren. Aber irgendwann hatten sie uns vergessen.
SPIEGEL: Wie lange hat das gedauert?
Sänger: Monate.
SPIEGEL: Und keiner hat extra aufgedreht, weil die Kamera dabei war?
Sänger: Nachdem die Anfangssensation vorbei war, hatten wir das Gefühl, dass sie sich authentisch verhielten.
SPIEGEL: Hat das Projekt die Lage an der Schule verbessert?
Sänger: Auf jeden Fall. Bis auf drei besonders aufsässige Schüler ist es wieder möglich, in den Klassen zu unterrichten. Diese drei haben an einem Intensivprogramm mit Berufspraktika und gesondertem Unterricht teilgenommen. Sie werden, wenn alles gutgeht, ihren Hauptschulabschluss machen und eine Ausbildung beginnen. Für einen Schüler kam die Hilfe zu spät. Er kann sich nicht mehr integrieren. Gelegentlich kommt er noch zum Unterricht, aber was aus ihm wird - wahrscheinlich ist er verloren. Dafür hat sich seine kleine Schwester berappelt. Die war Monate nicht zur Schule gegangen. Jetzt geht sie hin und hat im Computerkurs sogar eine Eins.
SPIEGEL: Wie geht es nun an der Schule weiter?
Sänger: Die beiden Coaches bleiben bis Ende des Schuljahres. Der Senat hat der Schule einen Sozialarbeiter genehmigt. Und wir werden zum Ende des Projekts noch einmal drehen, um zu zeigen, was aus den Leuten geworden ist.