Lade Daten...
Inhaltsverzeichnis

Fußball ist manchmal brutal

Adidas-Vorstandschef Herbert Hainer, 51, über das Sponsorenspektakel der Weltmeisterschaft und die neue Fähnchenfreude der Deutschen, seinen erbitterten Kampf gegen den Rivalen Nike und die Frage, ob Fifa-Boss Sepp Blatter das Bundesverdienstkreuz bekommen sollte Von Tuma, Thomas und Schulz, Thomas

SPIEGEL: Herr Hainer, haben Sie schon ein schwarzrotgoldenes Wimpelchen am Auto?

Hainer: Nein, aber ich finde diese neue Unbefangenheit eigentlich angenehm. Wie Sie wissen, haben wir kürzlich die US-Marke Reebok übernommen. In der Zentrale dort werden Sie von einer riesigen amerikanischen Flagge empfangen. Mit der deutschen würden wir uns so was hier nie trauen. Umso charmanter finde ich diesen neuen Fähnchenboom.

SPIEGEL: Wenn man ehrlich ist, geht es bei dieser Fußball-WM weder um Patriotismus noch um die Spiele selbst, weil auch die nur Petersiliensträußchen auf der Schweinskopfsülze des Fifa-Spektakels sind. Es geht um ein Milliardengeschäft.

Hainer: Das sehe ich natürlich anders. Ganz Deutschland ist jetzt in friedlich-fröhlicher Partystimmung. Wer hätte uns vor ein paar Wochen so viel Lockerheit zugetraut? Die Zuschauer sind begeistert. Unsere Gäste aus aller Welt fühlen sich wohl. Dass Konzerne wie wir Geld ausgeben für diese WM - und auch mit ihr verdienen -, können Sie uns kaum vorwerfen.

SPIEGEL: Bis zur Eröffnung sah es so aus, als gehe der ganze Spaß im Kommerz-Geschrei unter - Fifa-Größenwahn, Sponsoren-Gebolze und Ticket-Geschacher inklusive.

Hainer: Wie hätte man das Kartengeschäft anders organisieren sollen, als so, dass jedes Teilnehmerland Kontingente bekommt ...

SPIEGEL: ... die zum Teil dann wieder auf dem Schwarzmarkt verscherbelt wurden?

Hainer: So etwas können Sie bei einem Ereignis dieser Größe gar nicht verhindern. Im Übrigen: Deutschland hat 82 Millionen Einwohner, die komplette WM aber nur drei Millionen Karten. Selbst wenn die alle im Land geblieben wären, hätte man viele Fans unglücklich gemacht.

SPIEGEL: Auch die Sponsoren kassierten große Kontingente.

Hainer: Ja und? Wir zahlen dafür. Sponsoren sind doch keine gesichtslosen, kartenfressenden Monster. Unsere Tickets kommen letztlich ebenso den Fans zugute. Adidas hat allein 5000 Karten zum Selbstkostenpreis an Mitarbeiter vergeben. Letztlich sind das typisch deutsche Debatten - ähnlich wie dieser Stadion-Aufruhr der Stiftung Warentest im Vorfeld: Wir haben weltweit die modernsten Stadien; es muss nur einer kommen und sagen: An der linken Kellertür in Block C3 fehlt ein Feuerlöscher. Sofort war Riesengeschrei - und die Stiftung in aller Munde. Die WM ist auch die Zeit der Trittbrettfahrer.

SPIEGEL: Adidas hat die WM jedenfalls schon gewonnen: Ihre Fußballumsätze sollen in diesem Jahr um mehr als 30 Prozent ansteigen. Ist es für Sie überhaupt noch wichtig, wer Weltmeister wird?

Hainer: Natürlich wünsche ich mir, dass eine Adidas-Elf gewinnt, am liebsten Deutschland. Aber es stimmt schon: Der Großteil unseres Geschäfts ist gemacht, die Ware ist ausgeliefert oder geordert.

SPIEGEL: Sie wollen allein vom offiziellen WM-Ball "Teamgeist" 15 Millionen Stück verkaufen. Experten sagen, er flattere.

Hainer: Das stimmt so nicht. Jens Lehmann behauptet, der Ball wäre eher für Stürmer gemacht. Damit habe ich kein Problem. Fußball wurde erfunden, damit Tore geschossen, nicht, damit sie verhindert werden.

SPIEGEL: Der Originalball wird für wahrscheinlich 5 Euro in Thailand produziert, kostet im Laden aber 110 Euro. Ihre Gewinnspanne muss gewaltig sein.

Hainer: Erstens verdienen nicht nur wir, sondern auch der Handel. Zweitens ist der Forschungs- und Materialaufwand durchaus hoch. Wie unsere Marge aussieht, kann ich Ihnen nicht sagen. Aber ein wenig Gewinn werden Sie uns zugestehen. Und zugegeben: Selten zuvor wurde ein Produkt so gekonnt vermarktet wie dieser Ball, der nun überall ist.

SPIEGEL: Zwei Jahre lang haben rund 110 Adidas-Mitarbeiter nichts anderes gemacht, als diese WM vorzubereiten. Wie schafft man es zum Beispiel, zwischen Reichstag und Kanzleramt eine Nachbildung des Berliner Olympiastadions für 10 000 Gäste aufbauen zu dürfen?

Hainer: Erst mal muss man überhaupt auf die Idee kommen. Dann muss man die auch noch mit guten Argumenten Berliner Senat, Bundestag und -regierung näherbringen. So eine Show an so einem Ort ist ja nicht nur für Adidas gut, sondern auch für Stadt und Land. Billig ist das nicht.

SPIEGEL: Wieso rüsten Sie bei all dem Perfektionismus dann nur sechs Teams aus, Nike aber acht und Puma zwölf?

Hainer: Weil der Sport letztlich nicht berechenbar ist. Manche unserer Teams wie etwa China oder Nigeria sind im Vorfeld rausgeflogen. Natürlich hätte ich mir ein paar mehr in der Endrunde gewünscht. Aber warten wir mal ab, welche Mannschaften das Achtelfinale erreichen.

SPIEGEL: Adidas hat Deutschland, Frankreich, Argentinien und Spanien, Trinidad

und Tobago sowie Japan unter Vertrag. Nike hat unter anderem Portugal, die Niederlande und - vor allem - Brasilien.

Hainer: Wenn die Mannschaft ihrer Favoritenrolle gerecht werden sollte, wird sie am Ende verdient Weltmeister. Übrigens wuchs Adidas auch ohne die Nationalelf in Brasilien zuletzt um rund 30 Prozent.

SPIEGEL: Nikes raffiniertester Zug im Kampf der Giganten: Der Konzern hat einfach mal behauptet, Sie dieses Jahr im Fußballgeschäft erstmals zu schlagen.

Hainer: Der Wettbewerber hantiert mit teils absurden Zahlen. Wenn wir beispielsweise unseren "Superstar"-Schuh, von dem wir jährlich rund acht Millionen Paar produzieren, zum Basketballgeschäft rechnen würden, wären wir mit einem Schlag dort die Nummer eins. Alle seriösen Untersuchungen zu Marktanteilen zeigen: Adidas ist und bleibt die Nummer eins im Fußball. Aber Nike wird vielleicht auch langsam nervös, weil sie seit dem Reebok-Deal unseren Atem im Nacken spüren. Und wir haben den Ehrgeiz, nicht nur in einzelnen Feldern die Nummer eins zu sein, sondern komplett.

SPIEGEL: Warum ist dieses Wir-sind-die-Größten-Geprotze eigentlich so wichtig?

Hainer: Das müssen Sie Nike fragen.

SPIEGEL: Wir fragen aber Sie: Ist schiere Masse beim Kampf um die Vormachtstellung im globalen Sportgeschäft doch so bedeutsam?

Hainer: Nein, sicher nicht. Aber wir dürfen doch auch Zahlen richtigstellen, wenn wir sie für falsch halten, oder?

SPIEGEL: Dürfen Sie - zum Beispiel die hier: Ihr Konzern pumpt rund 14 Prozent des Umsatzes ins Marketing, also fast eine Milliarde Euro?

Hainer: Könnte hinkommen.

SPIEGEL: Wie viel davon fließt dieses Jahr ins Fußballgeschäft?

Hainer: Ein großer Brocken, wenn auch sicher eher ein Viertel als die Hälfte.

SPIEGEL: Also mindestens 250 Millionen Euro nur für Fußballreklame. Sie haben einzelne Top-Athleten unter Vertrag, aber auch Mannschaften wie demnächst den FC Chelsea, Nationalmannschaften oder komplette Verbände. Sind Adidas-Medienstars wie Michael Ballack oder David Beckham immer auch die besten Sportler?

Hainer: Wir versuchen zumindest, die Besten zu kriegen, auch wenn man nie weiß, wie die sich dann entwickeln.

SPIEGEL: Anders gefragt: Wenn Ballack genauso gut Fußball spielen würde, aber aussähe wie eine Mischung aus Geisterbahn und Quasimodo - würden Sie ihn sponsern?

Hainer: Er hätte es schwerer. Denn auch die Fans achten ja heute nicht nur auf die Leistung, sondern auch auf gutes Aussehen, Auftreten, Lebenswandel.

SPIEGEL: Ihnen gehört quasi die deutsche Nationalelf. Wird das Geschäft nicht sehr kompliziert, wenn Einzelstars wie Miroslav Klose Nike-Verträge haben? Nun jammert er über Blasen in seinen Adidas-Tretern ...

Hainer: ... wogegen wir ihm längst helfen. Glauben Sie mir: Wir können für jeden Fuß auf dieser Welt einen passenden Fußballschuh machen. Kloses Manager geht es womöglich weniger um die Füße als die Finanzen seines Schützlings. Oder schlichter: Er hat Angst um Millionenwerbeverträge.

SPIEGEL: Ist es nicht unsportlich, Athleten ihr Handwerkszeug vorzuschreiben?

Hainer: Da wir einen entsprechenden Vertrag mit dem DFB haben und dazu das beste Material liefern, ist das gar kein Problem. Aber im Ernst: Klose scheint ja auch in Adidas zu treffen. Vor der Europameisterschaft 1996 schrieben mal ein paar Nike-Spieler an den DFB, sie könnten in Adidas nicht spielen. Die Verbandsspitze antwortete: Dann bleibt ihr eben zu Hause. Bingo! Natürlich haben dann alle problemfrei gespielt.

SPIEGEL: Eine Ihrer Werbe-Ikonen ist Oliver Kahn. Welchen Einfluss hatte Adidas darauf, dass er nach seiner Degradierung

nicht hinschmiss, sondern sich noch als Nummer zwei zur Verfügung stellte?

Hainer: Wir hatten zumindest keinen Einfluss auf die Frage, wer die Nummer eins im deutschen Tor wird. Natürlich haben wir mit Kahn geredet. Ich hätte ihn genommen. Aber ich respektiere die Entscheidung von Bundestrainer Jürgen Klinsmann.

SPIEGEL: Bei solchen Entscheidungen müssen Sie doch in die Tischkante beißen. Kahn ist Adidas-Mann, auf den alles zugeschnitten war. Lehmann steht bei Nike unter Vertrag.

Hainer: Wir hätten genug Zeit gehabt, unsere riesige Kahn-Figur am Münchner Flughafen nicht aufzubauen. Aber für uns verliert er als Nummer zwei auf der Bank nicht an Wert. Adidas steht zu seinen Sportlern. Und ich glaube, bei den Fans hat Kahn sogar noch gewonnen.

SPIEGEL: Weil er als gebrochener Held noch besser vermarktbar ist?

Hainer: Weil er sich treu ist.

SPIEGEL: Und Lehmann muss nun seine Nike-Handschuhe abkleben?

Hainer: Das wäre ja noch schöner! Der spielt natürlich in unseren, solange er das Nationaltrikot trägt.

SPIEGEL: Ist Klinsmann eigentlich der beste Trainer, den wir bekommen konnten?

Hainer: Muss er ja sein. Wenn es nach der vergeigten Europameisterschaft 2004 einen besseren gegeben hätte, wäre der es doch geworden, oder? Klinsmann hat frischen Wind und neue Begeisterung in die Nationalmannschaft gebracht. Er macht schon deshalb einen hervorragenden Job ...

SPIEGEL: ... und wirkt mitunter rechthaberisch, arg machtbewusst und einsam.

Hainer: Die Führung der Nationalelf ist keine demokratische Veranstaltung. Da müssen Entscheidungen gefällt werden - gele-

gentlich auch einsame. Das war früher übrigens nicht anders. Da mischen wir uns aber nicht ein. Das ginge auch gar nicht.

SPIEGEL: Wie sähe der deutsche Fußball aus, wenn er ein Gesicht hätte? Wie Klinsmann? Wie DFB-Boss Theo Zwanziger?

Hainer: Am ehesten wie Franz Beckenbauer, glaube ich. Der repräsentiert diesen Sport in all seinen Facetten - vom Amateurfußball bis zu den Bundesligamillionären.

SPIEGEL: Das WM-Getrommel übertönt jedenfalls eine Menge offener Rechnungen im deutschen Fußball. Wann ist Zahltag?

Hainer: Wenn die deutsche Mannschaft früh rausfliegt, kommen alle Kritiker, die es immer schon gewusst haben. Wenn wir es bis ins Finale schaffen, fanden alle Klinsmann und seine Methoden immer schon toll. So einfach ist das. Fußball ist nun mal so schlicht, klar und manchmal brutal.

SPIEGEL: Besser als mit Klinsmann kommt Adidas mit Fifa-Boss Sepp Blatter klar, der in früheren Zeiten sogar auf der Gehaltsliste Ihres Konzerns gestanden haben soll.

Hainer: Adidas hat der Fifa meines Wissens nach nur mal ein paar Räume zur Verfügung gestellt, als die noch keine eigenen Büros hatte.

SPIEGEL: Die Bande sind jedenfalls dick. Horst Dassler, Sohn des Adidas-Gründers Adi Dassler, soll die Fifa in den siebziger Jahren quasi erfunden haben.

Hainer: Das ist vielleicht übertrieben, aber er hat sie unterstützt. Das ist ein Geben und Nehmen. Da entstand über die Jahrzehnte aber auch ein großes Vertrauensverhältnis.

SPIEGEL: Soll Blatter das Bundesverdienstkreuz bekommen?

Hainer: Wenn es das für Verdienste um den Fußball gäbe: ja. Da ich die Kriterien nicht kenne, überlasse ich die Entscheidung den zuständigen Fachleuten aus der Politik.

SPIEGEL: Auch dank Blatter wirkt die Fifa mitunter wie ein Milliardenkonzern, der nach Gutsherrenart von ein paar sinistren Senioren geführt wird. Sie, als einer der Hauptsponsoren, müssten daran interessiert sein, dass sich das endlich ändert.

Hainer: Ich weiß, dass es über das Image der Fifa unterschiedliche Ansichten gibt. Man muss aber auch klar sehen, dass es Verdienst der Fifa ist, dass Fußball heute so populär ist - mit enormen Wachstumsraten in Asien, Afrika und Nordamerika. Oder dass die Fifa Millionen in soziale Projekte steckt, etwa gemeinsam mit Unicef. Oder nehmen Sie Deutschland: Vor 15 Jahren hätte sich zum Beispiel noch kaum einer der Münchner Promis in ein Stadion gewagt. Fußball war ein Sport für Proleten, heute gilt er als schichtenübergreifend populär.

SPIEGEL: So nett müssen Sie jetzt sein, weil sich Adidas bei der Fifa-WM noch großflächig mit seinen drei Streifen präsentieren darf - anders als etwa bei den Olympischen Spielen oder etlichen großen Tennisturnieren, die Ihnen das verbieten. Könnte Ihr Erkennungsmerkmal schon in Wimbledon vom Platz verschwinden?

Hainer: Nein. Das hat der High Court in London gerade entschieden. Bis zur Hauptverhandlung im Oktober dürfen wir die drei Streifen weiter nutzen. Und natürlich versuchen wir, auch mit Verbänden wie dem IOC einvernehmliche Lösungen zu finden. Man sieht jetzt bei der WM: Die anderen dürften Werbeflächen wie etwa an den Schultern oder Armen der Athleten auch nutzen, machen es nur nicht immer. Aber es uns deshalb zu verbieten wäre ein merkwürdiger Kurzschluss. Die drei Streifen - das ist doch unsere Identität.

SPIEGEL: Herr Hainer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Oben: Am 13. Februar im Berliner Olympiastadion mit den Spielern Marco Bresciano (Australien), DaMarcus Beasley (USA), Ji Sung Park (Südkorea), Ruud van Nistelrooy (Niederlande), Adriano (Brasilien), Luis Figo (Portugal), Dado Prso (Kroatien), Javed Borgetti (Mexiko); unten: Thomas Tuma und Thomas Schulz in der Adidas-Zentrale im fränkischen Herzogenaurach.

DER SPIEGEL 25/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

Inhaltsverzeichnis
Top

© SPIEGEL ONLINE 2013 Alle Rechte vorbehalten