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EHRUNGEN

Das verdiente Glück

Mit der Vergabe des Literatur-Nobelpreises an den türkischen Schriftsteller und Essayisten Orhan Pamuk ist das schwedische Komitee dieses Mal auf Nummer sicher gegangen. Von Hage, Volker

Sein Arbeitszimmer in Istanbul mit Blick auf den Eingang des Bosporus und die Altstadt, auf die Hagia Sophia und die Blaue Moschee liegt gewissermaßen symbolisch zwischen den Welten, zwischen Asien und Europa, Osten und Westen, Islam und Christentum: Orhan Pamuk, 54, ist ein aufgeklärter Muslim und ein großartig begabter Erzähler und Essayist.

Mit dem türkischen Schriftsteller hat die Stockholmer Nobelpreisjury vergangene Woche einen Autor ausgezeichnet, dessen Stimme weltweit gehört wird und von dem als Künstler noch viel zu erwarten ist - gewürdigt wird kein abgeschlossenes Werk, sondern eine äußerst aktive Stimme der vermittelnden Vernunft und einer durch Fabulierkraft gestützten und beglaubigten Rationalität.

Das größte Glück des Menschen sei, "nichts für sein persönliches Glück zu tun", so glaubt der Held mit dem einsilbigen Namen Ka aus Pamuks Roman "Schnee", der im vergangenen Jahr auch in deutscher Sprache erschien (das Original kam drei Jahre früher heraus). Ka ist ein Schriftsteller, der in die türkische Provinz reist, um einer Reihe von Selbstmorden junger Frauen auf die Spur zu kommen, "die sich weigerten, ihr Kopftuch abzulegen", und deshalb an der Hochschule ein Hausverbot hatten.

Der Held reist nicht nur in eine magisch aufgeladene Schnee- und Seelenlandschaft - von Pamuk in wunderbaren Bildern evoziert -, sondern auch ins Zentrum der Zerrissenheit einer Gesellschaft zwischen strenger Gläubigkeit und politisch verordneter Säkularisierung, und er reist einer früheren Freundin aus eigenen Studientagen hinterher, auf der schwierigen Jagd nach dem Verlorenen und immer noch in ihm Lebendigen. Mit diesem Buch spätestens hat sich der Autor als großer europäischer Erzähler erwiesen.

Dieses Mal also trifft der Nobelpreis einen Würdigen - auch im Sinne des Stifters Alfred Nobel, der 1895 testamentarisch die Bedingungen festlegte: Sein üppig dotierter Preis (heute knapp 1,1 Millionen Euro) solle dem Autor zufallen, "der innerhalb der Literatur das Vorzüglichste in idealischer Richtung" geleistet habe. Pamuks Literatur ist beides: nah dem Ideal und vorzüglich. Nicht nur Pamuk hat gewonnen. Auch der Preis selbst hat profitiert. Immer wieder war er - wie in den Fällen Dario Fo oder Elfriede Jelinek - durch spektakuläre Fehlgriffe lädiert worden.

Die Entscheidung des Jahres 2006 wird auch als politisch kluge Wahl in die Annalen eingehen. Wohl aus Gründen der Opportunität kamen derzeit weder ein Amerikaner (immer wieder genannt: Philip Roth und John Updike) noch etwa ein Israeli (wie Amos Oz) für die Einladung nach Stockholm in Frage, doch dieser Romancier und Essayist aus Istanbul lässt Kritik daran für dieses Mal verstummen.

Pamuk, der dieser Tage in New York an der Columbia University lehrt, schlägt mit Werk und Wesen elegant die Brücke zwischen Ost und West, als Anhänger des Islam und engagierter Verfechter des EU-Beitritts seines Landes ist er keinem Lager eindeutig zuzuordnen.

Pamuk selbst freut sich über die Auszeichnung, vor allem, wie er dem SPIEGEL kurz nach der Verkündung sagte, weil nun nicht mehr ständig danach gefragt werden könne, ob er mit dem Nobelpreis rechne (siehe Seite 208). Wie er im vergangenen Jahr in der Frankfurter Paulskirche höchst würdevoll und sich der internationalen Aufmerksameit bewusst den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennahm, wird er auch im Dezember in Stockholm, so steht zu erwarten, eine wohlbedachte, glänzend formulierte Rede halten.

Selbst im persönlichen Gespräch ist der schlanke dunkelhaarige Mann ein stets bedachter, sorgsam formulierender Zeitgenosse - als wäre es ihm zur zweiten Haut geworden, jedes Wort daraufhin abzuwägen, wie es wohl in der Türkei aufgenommen werden könnte. Zu oft hat er es schon erlebt, dass Äußerungen von ihm gegenüber Journalisten bewusst falsch zitiert wurden, was zu Attacken in den heimischen Zeitungen oder gar der

Androhung einer Gefängnisstrafe führte.

Dabei nimmt er selbst bisweilen kein Blatt vor den Mund. Die Nationalisten seines Landes brachte er dadurch in Rage, dass er den Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich im frühen 20. Jahrhundert zur Sprache brachte und damit ein Tabu brach. Doch bisher hat sich die türkische Justiz nicht getraut, ihn, einen international derart renommierten Autor, zu verurteilen - und nun, nachdem Pamuk der erste türkische Literatur-Nobelpreisträger ist, wird sie es sich doppelt überlegen.

Pamuk liebt sein Land. In einem SPIEGEL-Gespräch (42/2005) betonte er schon vor einem Jahr, wie sehr er in der islamischen Kultur wurzele. Jedenfalls sei er kein Atheist. "Ich bin ein Muslim, den mit dieser Religion vor allem historische und kulturelle Identifikation verbindet." Er freue sich aber, "auf einer toleranten geistigen Insel zu leben, wo ich mich mit Dosto-

jewski und Sartre beschäftigen kann, die beide einen großen Einfluss auf mich hatten".

Kann man gleichzeitig behutsamer und unbeirrter den Griff der Mullahs nach der Kunstfreiheit zurückweisen? Als Bürger der Türkei klammert er sich bis heute an die Hoffnung, dass sein Land Fortschritte auf dem Weg in die EU mache.

Für Pamuks in vielen Sprachen verbreitete Romane - wie "Das schwarze Buch" (im Original 1990), "Das neue Leben" (1994) oder "Rot ist meine Name" (1998) - ist es ein großes Glück, dass ihnen nun noch mehr Aufmerksamkeit zuwachsen wird, ihnen und dem großen Thema, das sie antreibt: die Liebe, auch die zu ihrem Herkunftsland, der Türkei. VOLKER HAGE

* Im Dezember 2005 in Istanbul beim Verlassen des Gerichtsgebäudes.

DER SPIEGEL 42/2006
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