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ESSAY

DIE ÜBERFLÜSSIGEN

Unterschichtdebatten gibt es in Deutschland periodisch, meist leben die Menschen am unteren Rand im Schatten der Öffentlichkeit, doch wenn sie zum Gegenstand des öffentlichen Interesses werden, dann sind Politiker und Medien immer wieder erstaunt, wie arm und ungebildet die da unten sind. In der vergangenen Woche sorgte eine neue Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung für Aufregung.

VON CORDT SCHNIBBEN Von Schnibben, Cordt

Eigentlich müsste es schon im Treppenhaus nach Verelendung riechen. Eigentlich müsste der Mann im Unterhemd die Tür öffnen, die Frau morgens vor dem Fernseher sitzen und die Tochter Chips essen. Eigentlich müsste der Mann arbeitsscheu sein und ausländerfeindlich und Nichtwähler, eigentlich müsste die ganze Familie resigniert im Wohnzimmer hocken und ihre Sorgen zählen. Eigentlich ist hier in Hamburg-Billstedt das Prekariat zu Hause, jenes Schreckgespenst aus der Gosse der Republik, das in der letzten Woche in die Suchscheinwerfer der Öffentlichkeit geraten ist.

Im Treppenhaus hängt ein Schreiben der Hausverwaltung, das das Spielen auf den Grünflächen regelt; Ralf Kühn trägt Jeans und eine blaue Baumwolljacke; seine Frau ist nicht da, seine Tochter, 13 Jahre alt, liegt morgens um zehn Uhr noch im Bett, sie hat Herbstferien. Im Wohnzimmer läuft nicht der Fernseher, ein Aquarium erleuchtet den halbdunklen Raum.

1998 hat Ralf Kühn, damals 50 Jahre alt, seinen Arbeitsplatz bei den Hauni-Maschinenbauwerken verloren. Seither versucht er, Arbeit zu finden, hat er versucht, muss man sagen, denn nach 150 Bewerbungen gehört er nun zur Gruppe der Resignierten, die nicht mehr daran glauben, Arbeit zu finden - er gehört zum "abgehängten Prekariat", wie diese Leute von der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in einer neuen Studie genannt werden. Gesellschaftlich im Abseits, auf der Verliererseite, vom Staat alleingelassen, so beschreiben die Sozialforscher die Abgehängten im Keller der Nation, und nachdem der SPD-Vorsitzende Kurt Beck diese Erkenntnisse in der Formulierung zusammenfasste, die Gesellschaft habe an Durchlässigkeit verloren, "manche nennen es ,Unterschichtenproblem'", reagierten Politiker so, als sei etwas Obszönes ausgesprochen worden. Und viele Medien berichteten so, als sei mitten in unserer Gesellschaft eine bisher im Verborgenen lebende Spezies entdeckt worden.

Politiker und Medien haben ein schweres Unterschichtproblem, sie machen sich - wiederkehrend wie der Herbst - vor, es gäbe am unteren Rand der Gesellschaft immer wieder die Armut zu entdecken. Nun gut, Leute wie Ralf Kühn sitzen nicht regelmäßig bei Christiansen oder Illner, sie spielen keine Rolle bei "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", sie melden sich nicht bei Wahlveranstaltungen zu Wort, aber dass Millionen Deutsche wie Ralf Kühn seit Jahrzehnten in dieser Gesellschaft leben und dabei sind, aus ihr herauszurutschen, ist keine neue Erkenntnis.

Die Unterschicht gehört zu diesem Wirtschaftssystem seit 200 Jahren. Wenn der Arbeitsmarkt entscheidet, wer Arbeit bekommt und wer nicht und wer wie viel Geld dafür bekommt, dann wird es Hunderttausende und Millionen Menschen geben, die keine Arbeit haben oder so wenig Geld dafür bekommen, dass sie in Armut leben.

In seinen guten Zeiten war dieses System so dynamisch, dass es immer wieder neue Arbeitsplätze schuf, die den Verlust vieler anderer Arbeitsplätze ausgleichen konnten; nun ist es so dynamisch und vor allem so globalisiert, dass es sehr viele neue Arbeitsplätze schafft, aber nicht da, wo es sehr viele andere Arbeitsplätze vernichtet.

Die Maschinen, an denen Ralf Kühn 20 Jahre lang sein Geld verdiente, stehen jetzt in Tschechien und China. Der Maschinenbauer hat miterlebt, wie sie abgebaut und weggeschafft wurden, er saß in der Rationalisierungskommission, die die übriggebliebene Arbeit auf weniger Beschäftigte verteilte. Er zählte nicht zu denen, die bleiben durften. Er schildert seinen Weg aus der Mitte der Arbeit und der Mitte der Gesellschaft an den Rand und immer tiefer nach unten mit der Verwunderung eines Mannes, der immer noch nicht versteht, warum das so wenige empört, warum Politiker so wenig tun können, warum es offenbar nur die aufregt, denen es so geht wie ihm.

Seinen Abstieg in die Katakomben der Gesellschaft beschreibt er im Schnelldurchgang so: die Umschulung zum Datenverarbeiter abgelehnt, zu alt; übers Arbeitsamt nur erfolglos Bewerbungen; selbst Minijob gefunden als Kurierfahrer, Firma nach einem Jahr pleite; Hausmeisterjob gefunden, Betrieb pleite; Ein-Euro-Job zugesagt, Stelle gestrichen. Seine acht Jahre auf dem Arbeitsmarkt haben seinen Blutdruck so hochgeschraubt, dass er chronisch Betablocker nimmt und Beruhigungsmittel und in Schüben so viel Alkohol, dass er dann nicht mehr weiß, wer er ist. Seit einem halben Jahr sei er trocken, sagt Kühn. Er hat nicht das Gesicht eines Trinkers, er wirkt sportlich und tatendurstig.

Seinen Tag verbringt er damit, aufzustehen, sauberzumachen, seinen kranken Vater (Pflegestufe III) zu besuchen, auf der Parzelle herumzugraben, sich mit seinen Fischen zu unterhalten, "sie wedeln mit dem Schwanz, wenn ich zur Tür hereinkomme". Seine Frau, 35 Jahre alt, war Haushaltshilfe, sie lässt sich nun vom Arbeitsamt zur Bürokauffrau ausbilden, "aber Arbeit wird sie nicht finden". Seine Tochter, 13 Jahre alt, besucht die Gesamtschule, "mit dem Gymnasium hat's nicht geklappt". Kühn spricht über sein Leben, als wolle er mit jedem Satz sagen, ich habe mich nicht aufgegeben, aber die Gesellschaft hat mich fallengelassen.

Jeden Freitag hilft er in einer Einrichtung für Hartz-IV-Empfänger bei der Essenverteilung, dort werden privat gespendete Lebensmittel an Bedürftige verschenkt; Kühn entlädt den Lkw, macht ihn sauber, verteilt Obst, Gemüse, Brot. Ihm ist wichtig, sagen zu können: "Das Essen, das ich mir nach Hause mitnehme, das habe ich mir verdient."

Kühn hat so etwas wie eine Unterschichtehre, er weiß, dass er nun im unteren Fünftel der Gesellschaft lebt, das lässt ihn nicht an sich verzweifeln, aber an der Gesellschaft. Denn wenn er sich umschaut in Hamburg-Billstedt, dann sieht er sie überall, bei Aldi, auf der Straße, in der Nachbarschaft, die Leute aus der Unterschicht. Nicht weit entfernt liegt die Siedlung Sonnenland, in den sechziger Jahren gebaut für die von der großen Sturmflut vertriebenen Arbeiterfamilien; auch Mümmelmannsberg ist nicht weit, wo Helmut Schmidt 1970 den Grundstein legte für die Mustersiedlung der aufstrebenden Arbeiter, 7000 Wohnungen, 20 000 Menschen, wo die Straßennamen noch heute künden vom Aufstiegstraum der kleinen Leute, die damals noch "Arbeiterklasse" genannt wurden: Kandinskyallee, Kollwitzring, Paul-Klee-Straße. Heute sind Sonnenland und Mümmelmannsberg Mustersiedlungen der Abgehängten, inzwischen Synonyme für soziale Sackgassen wie Köln-Kalk, Duisburg-Marxlohe, Berlin-Neukölln oder Essen-Katernberg.

Sie wurden als Hoffnungsquartiere konzipiert, als Hochburgen einer nivellierten Gesellschaft, als Versprechen einer sozialen Durchlässigkeit, die tatsächlich bis in die achtziger Jahre so zunahm, dass viele Arbeiter und Angestellte sich nicht mehr unten in der Gesellschaft sahen, sondern auf einem stetigen Weg nach oben. Seit allerdings das Wirtschaftswachstum zurückging, sich die Einkommensschere zwischen oben und unten wieder mehr öffnete und zudem die Wiedervereinigung diesen Prozess beschleunigte, begannen auch konservative Soziologen wie Paul Nolte von einer "neuen Klassenbildung" zu sprechen und davon, dass "Klassenunterschiede unsere Gesellschaft fundamental und vielfältig prägen - vom Schulbesuch bis zur Gesundheitsvorsorge, vom Einkommen bis zur politischen Macht".

Die einen nennen es Klassen, die anderen Schichten, wieder andere sprechen von Milieus, doch Sozialwissenschaftler sind sich darin einig, dass die deutsche Gesellschaft - bei aller Individualisierung - die Menschen wieder zunehmend in soziale Gruppen treibt. Und da ist es besonders die gemeinsame Erfahrung, über längere Zeit arbeitslos zu sein, die unter den Deklassierten das gemeinsame Bewusstsein entstehen lässt, aus der Gesellschaft herausgefallen zu sein. Acht Prozent der Deutschen, so die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, sehen sich selbst so, "abgehängtes Prekariat" nennen die Sozialforscher diese Gruppe der Resignierten. Sie leben in prekären, unsicheren Verhältnissen, ohne große Hoffnung; "Lumpenproletariat" wurde diese Gruppe am Anfang des letzten Jahrhunderts genannt; und das Prekariat soll sich vom Proletariat dadurch unterscheiden, dass die einen vereinzelt und schwach sind und die anderen organisiert und kämpferisch waren.

Tatsächlich ist die Unterschicht von heute anders als die Unterschicht von damals; der moderne Unterschichtler hat den Aufstiegsglauben verloren und das Klassenbewusstsein; das Proletariat konnte sich darauf verlassen, gebraucht zu werden, das Prekariat lebt in der Gewissheit, überflüssig zu sein; die moderne Armut kann viele Gruppen der Gesellschaft treffen, auch Akademiker, Selbständige, Mittelständler, aber: Der Arme von heute ist reicher als der von damals, absolut und relativ, er kann konsumieren wie ein Facharbeiter in den Fünfzigern, er kann via Fernsehen und Computer zumindest kulturell in soziale Schichten vordringen, zu denen ein Arbeiter früher keinen Zugang hatte.

Das Internet ist für Ralf Kühn das Vehikel, jeden Morgen (nachdem er auf der Webseite der Arbeitsagentur den Mangel an Angeboten bestaunt hat) Hamburg-Billstedt zu entkommen, die digitale Welt steht ihm offen, und er bewegt sich inzwischen in ihr so geschickt, dass er sich sogar seinen Computer selbst zusammenbauen konnte. Seinen kleinen Fiat, 45 PS, 6 Liter Verbrauch, musste er nach sieben Jahren verkaufen, nun fährt er einen kleinen Roller, steuerfrei, 2 Liter Verbrauch. Im Monat 1230 Euro hat die Hartz-IV-Familie Kühn, 670 Euro gehen für die Wohnung, 73 Quadratmeter groß, drauf.

Über die blaue Couch klagt Kühn, 17 Jahre alt sei sie, und darüber, dass die Familie nicht von den 1200 Euro Schulden auf dem Konto herunterkomme. Man kann hier überleben, sagt er sich,

wenn er im Fernsehen Berichte aus Afrika sieht; die Tochter hätte gern schickere Kleidung, aber Kühn jammert nicht.

2,8 Millionen Deutsche sind Hartz-IV-Empfänger, 4,2 Millionen sind arbeitslos, 11 Millionen gelten offiziell als arm; auffällig ist, dass über die Hälfte der Arbeitslosen Langzeitarbeitslose sind, also ohne Aussicht auf Besserung leben. Dieser Anteil steigt sogar, er hat sich in den letzten zehn Jahren bei denen, die mindestens zwei Jahre arbeitslos sind, versiebenfacht, während er in anderen EU-Ländern wie Spanien, Dänemark oder den Niederlanden sank. In Großbritannien sind inzwischen 0,5 Prozent dieser Erwerbspersonen Langzeitarbeitslose, in Deutschland 3,5 Prozent.

Dass der deutsche Unterschichtler es besonders schwer hat, aus dem sozialen Ghetto wieder herauszukommen, belegen auch die Armutsuntersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft und die Pisa-Tests. Demnach bestimmt die soziale Stellung der Eltern, wie gut die Kinder in der Schule sind, sie wird vererbt: Wenn die Schulleistungen nach dem Berufsstatus der Eltern differenziert werden, ergeben sich zwischen Kindern aus oberen und unteren Milieus - verglichen mit anderen Ländern - in Deutschland besonders große Leistungsunterschiede.

Die Sozialdemokratie wollte über Sozialtransfers und Bildungswege Klassenunterschiede nivellieren, in den sechziger und siebziger Jahren gelang es ihr, das Bildungssystem durchlässiger zu machen - darum reagiert die Partei nun so kopflos auf die Befunde ihrer eigenen Stiftung. "Unterschicht" sei eine Formulierung "lebensfremder Soziologen", kommentierte Vizekanzler Franz Müntefering so lebensfremd, als lebten wir in der klassenlosen Gesellschaft, "es gibt keine Schichten. Das stigmatisiert die, die schwächer sind."

Nicht das Wort Unterschicht störe ihn, sagt Ralf Kühn, sondern sein Leben. Er wählt SPD, "leider noch", und Gerhard Schröder hält er für den Besten, weil er es von ganz unten nach ganz oben geschafft habe, auch seine Mutter sei schließlich Putzfrau gewesen. Der Glaube an die Gesellschaft ist ihm nicht durch Hartz IV abhandengekommen, sondern viel früher, als er noch Arbeit hatte und in seinem Betrieb, "wo die besten und schnellsten Maschinen gebaut wurden", eine Maschine, computergesteuert, plötzlich zehn andere ersetzte und mit der alten Maschine sein Arbeitsplatz verschwand.

Eine "gemeinwohlorientierte Gesellschaft", das sei die Hoffnung des abgehängten Prekariats, heißt es in der sozialdemokratischen Studie, deren Ziel es eigentlich war, neue politische Zielgruppen für die SPD zu finden. 32 Prozent dieser Unterschicht wählen noch SPD, sie haben sich damit abgefunden, dass die Partei, die ihnen früher immer mehr Sozialleistungen versprach, nun immer öfter verbreitet, es sei zum Wohle der Gesellschaft, wenn einiges von dem beschnitten werde.

Der höchste Nichtwähleranteil bei der letzten Bundestagswahl war im Prekariat zu finden, 26 Prozent wählten ganz links, 6 Prozent ganz rechts; 26 Prozent versprachen sich von der CDU einen Ausweg aus ihrer Sackgasse. Die Bundeskanzlerin steuerte zur Unterschichtdebatte bei, die Regierung werde sich "nicht damit abfinden, diese Spaltung der Gesellschaft zu akzeptieren"; doch sie muss wissen, dass sie dieses Versprechen nicht halten kann. Mehr noch: Die CDU müsste den Leuten erklären, dass das Wirtschaftssystem, das sie seit Jahrzehnten preist, in Zeiten der Globalisierung zukünftig nicht mehr Wohlstand für alle produziert. Die Union muss einen Kapitalismus verteidigen, der nicht mehr so sozial ist, wie Ludwig Erhard das gepredigt hat, weil der Markt ein paar Millionen Menschen nicht mehr braucht.

Die "frühkindliche Förderung" müsse verbessert werden, ließ die Kanzlerin verlauten, das kann nicht schaden; aber noch so viele Kindergärten und Ganztagsschulen können nichts daran ändern, dass die dann besser Gebildeten und Ausgebildeten irgendwann irgendwelche Arbeitsplätze finden müssen. Schon jetzt ist zu beobachten, dass mehr Abiturienten - abgeschreckt durch Studiengebühren - Lehrstellen suchen und sie so den guten Realschülern und Hauptschülern wegnehmen.

So wie die Politik daran gescheitert ist, mit mehr Geld Armut zu beseitigen, so wird sie daran scheitern, mit mehr Bildung Arbeitslosigkeit zu beseitigen. Natürlich muss man Kinder gut und besser bilden, in allen Schichten, aber der Unterschicht zu versprechen, das sei der Weg zu sicheren Arbeitsplätzen, ist so wirklichkeitsfremd wie die Behauptung, es gebe keine Unterschicht.

Der Blick der Öffentlichkeit auf die Unterschicht ist immer der Blick der Mittelschicht. Sie schaut meist weg, aber wenn sie hinschaut, entdeckt sie Florida-Rolf, Viagra-Kalle und andere "Sozialschmarotzer". "Die offizielle Gesellschaft", sagt Ralf Dahrendorf, "hat den Armen noch stets ihre Lebenslage zum Vorwurf gemacht." Und manchmal klingt das schon wie der Aufstand der Reichen gegen die Armen. Zu glauben, mangelnde Bildung, schlechtes Essen und rüdes Benehmen seien der Kern des Unterschichtproblems, ist nicht mehr als der Lebenstrost der Mittelschicht.

Der Kern des Problems ist die Massenarbeitslosigkeit, und sie ist nicht wesentlich politisch verursacht, deshalb sollten die Parteien die Rahmenbedingungen für Wirtschaftswachstum verbessern und aufhören, in ihren Wahlkämpfen "Arbeit für alle" oder die Halbierung der Arbeitslosenzahl zu versprechen. Daran ist schon der letzte Bundeskanzler gescheitert.

Die Parteien sollten vielmehr die Einsicht verbreiten helfen, dass der Arbeitsmarkt nicht für jeden einen Job bereithält, und so vielen Arbeitslosen die Last nehmen, dies für ihr persönliches Versagen zu halten; sie sollten ein sinnvolles Leben abseits des Arbeitsmarktes fördern, für die, die sich nachweislich erfolglos um Arbeit bemüht haben; und sie sollten so sich selbst von der Last befreien, ihren Wählern etwas vorzumachen.

Ralf Kühn ist schon so weit, er erwartet vom Arbeitsmarkt keine Jobs mehr, die ihm Geld und einen Sinn geben. Er sucht sich seine Aufgabe nun jenseits des deutschen Arbeitsmarkts, er hat einen neuen Stein erfunden, ein Materialgemisch aus Zement, Sand, Wasser und Reisschalen. Der Stein hat den Vorteil, sehr gut zu kühlen und Sonnenwärme weniger aufzunehmen als normale Steine, ein guter Baustoff für heiße Länder. In Deutschland würde das Patent 30 000 Euro kosten, das Geld hat er natürlich nicht; er möchte seine Erfindung im Geburtsland seiner Frau, den Philippinen, produzieren, er möchte in zwei, drei Jahren mit ihr dorthin ziehen, er möchte also - auf der Suche nach Sinn und auf der Flucht vor der Globalisierung - sich selbst globalisieren.

Was für ein stolzer, kluger Prekarier.

DER SPIEGEL 43/2006
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