Hirn und Hantel
Man hört ihn, bevor man ihn sieht. Er ruft: "Armumfang! Wer hat hier 42 Zentimeter Armumfang?" Er ruft: "Brustumfang! Wer hat hier 122 Zentimeter Brustumfang?" Es klingt wie ein Code, aber alle verstehen ihn.
Es ist Montag kurz vor zwölf, der Body Club in Bremen-Tenever ist so voll wie nie zuvor, mit Halbstarken, Schülern und Absolventen des Schulzentrums an der Koblenzer Straße. Sie wollen Ralf Moeller sehen, den Muskelmann, Bodybuilding-Weltmeister und Hollywood-Helden, der als "Botschafter" der Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen gegen Gewalt und Verwahrlosung an deutschen Schulen kämpft.
Er hat sich Bremen-Tenever als Abschluss seiner Deutschlandtour ausgewählt, einen der traurigeren Orte der Republik. Etwa 11 000 Menschen leben hier, die meisten in Wohnsilos, zwei Drittel sind Ausländer, jeder Dritte lebt von staatlichen Transfers. Allein die Postleitzahl macht aus Menschen Problemfälle.
Aber an diesem Tag wollen die jungen Männer von Bremen-Tenever Musterschüler sein, sie spannen die Muskeln an, sie zeigen ihren Brustkorb, ihren Bizeps, die Umfänge ihrer Muskelmasse in Zentimetern. Sie wollen Moeller, dem Gast, die Antwort nicht schuldig bleiben.
Deshalb rücken sie näher an ihn heran. Sie wollen, dass er fühlt, tastet, prüft und drückt, er soll sehen, was sie in den letzten Monaten geleistet haben. Es hat sie der Ehrgeiz gepackt. Was Muskeln betrifft, ist er eine Instanz, und sie wollen ihn nicht enttäuschen. Ohne es zu merken, sind sie Streber geworden.
Moeller lobt sie, es fällt ihm ganz leicht. "Nur Durchtrainierte" sieht er, "starke Typen, die an sich glauben, nicht aufgeben, immer weitermachen".
Moeller soll ihnen von seinem Leben erzählen, dem Erfolg, dem Aufstieg aus dem Arbeitermilieu von Recklinghausen nach Los Angeles, wo er heute neben Arnold Schwarzenegger wohnt, der natürlich sein Freund ist.
"Starke Typen" heißt sein Projekt, und jeder, der sich jetzt nicht wehrt, wird zu einem starken Typen erklärt.
Moeller findet die Menschen "phantastisch", die Muskeln, die Wohnsilos von Bremen-Tenever, das Schulzentrum auch und den Schulleiter, der ihn nun offiziell vorstellen darf, ein korrekter Mann im Anzug und mit Krawatte, der bei seiner Ansprache nur den Fehler begeht, den Ehrengast dauernd "Herrn Müller" zu nennen, und zu den 200 Hauptschülern im Saal sagt: "Wir als Schule haben die Aufgabe, für kognitive Wertzuwächse zu sorgen."
Moeller ist 47, braungebrannt, sein Körper ist fest und massiv, er steht da wie fleischgewordener Fleiß. "Auch ich", sagt er, "hatte einmal einen normalen Beruf. Ich war Schwimmmeister. Dann habe ich Englisch gelernt." Es reicht nicht, wenn man nur träumt.
Moeller will, dass ihm die Kinder versprechen, ihre Hausaufgaben zu machen. "Ich komme wieder, in einem Jahr."
Nebenan im Jugendfreizeitzentrum von Tenever findet er sich dann wieder auf einem Podium mit Wirtschaftsvertretern, die von "Bildungslandschaften" sprechen und "Defiziten der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit". Stumm hören die Schüler zu. Einer erzählt von seiner Stellensuche, er hat den Erweiterten Hauptschulabschluss und will Bürokaufmann werden, er hat sich Gedanken gemacht und über 200 Bewerbungen geschrieben. Ohne Erfolg. Er ist nicht der Einzige, dem es so erging. "Wir haben es so oft versucht", sagt er. "Bei mehr als 200 Bewerbungen kann es nicht mehr an uns liegen, es liegt am System."
Moeller nickt. Er will jetzt was tun. Ralf Moeller, ehemaliger Bodybuilder, Hauptdarsteller in Fernsehfilmen und -serien wie "Conan" und "Der Superbulle und die Halbstarken"; er soll Mut machen, vielleicht, weil es sonst niemanden mehr gibt, der das kann.
Neben ihm sitzt Ralf Schumann, Geschäftsbereichsleiter eines Bremer Immobiliendienstleisters, ein kleiner Herr mit Vollbart und Krawattennadel, ein wichtiger Mann, der Einzige hier, der Praktikumsplätze zu vergeben hat.
Schumann spricht von dem Jungen, der mehr als 200 Bewerbungen geschrieben hat. "Der ist natürlich, das muss man knallhart sagen, aus den Büroberufen raus. Mit Erweitertem Hauptschulabschluss hat der in Büroberufen keine Chance. Gärtner, das könnte er werden. Ich sage ja, das Leben ist so knallhart, wie es ist."
Er klingt müder als der Junge, lethargischer, Moeller legt den Arm um Schumann, und aus Herrn Schumann wird jetzt "der Ralf".
"Ralf", sagt Moeller und senkt vertraulich die Stimme, "die haben mehr als 200 Bewerbungen geschrieben. Jetzt müssen wir ihnen zeigen, dass wir was machen können." Schumann erstarrt neben Moeller. Wie hypnotisiert sitzt er da.
Moeller sagt, er solle den Jungs seine Visitenkarte geben, damit sie ihn anrufen können. Schumann rührt sich nicht. Moeller sagt "Darf ich mal" und greift sich den Terminkalender, der vor Schumann liegt. Die Jungs sollen ihre Telefonnummern aufschreiben, damit Schumann sie anrufen kann. "Was meinste, Ralf?"
Schumann sagt noch etwas vom Gärtnerberuf, er hat Informationsblätter dazu, sie liegen ordentlich vor ihm auf dem Tisch, aber die interessieren jetzt keinen.
Moeller gibt ihm die Hand. Man muss was machen. Es reicht nicht, wenn man nur träumt.
Er wird sich melden bei Schumann, in einer Woche. Er spricht jetzt im Ton eines Arbeitsvermittlers, der einen Langzeitarbeitslosen in einen Job treiben muss. "Du hörst von mir, Ralf!" Schumann wehrt sich nicht mehr. MARC HUJER