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BILDUNG

Abstimmung mit den Füßen

Noch nie hatten die Hauptschulen so wenig Schüler wie heute - einige Länder basteln zwar noch an Rettungsplänen, aber Experten halten das Ende der Schulform für unausweichlich. Von Bartsch, Matthias; Brandt, Andrea; Meyer, Cordula; Neumann, Conny

Die Einschläge drohen überall, sogar in Bayern, der Trutzburg des dreigliedrigen Schulsystems. An der Friedrich-Wilhelm-Herschel-Hauptschule in Nürnberg wollten Polizisten Mitte Februar eine Massenkeilerei zwischen Schülern beenden, doch die stemmten ein Polizeiauto auf - prügelten einen Beamten zu Boden. Die Männer mussten sich mit Tränengas verteidigen.

Schon war sie wieder da, die Debatte über die Hauptschule, das schlechte Image ihrer Schüler, die miserablen Berufschancen, die sie ihren Absolventen bietet: Nur 15 bis 20 Prozent seiner knapp tausend Schüler bekämen anschließend einen Ausbildungsplatz, klagt Jan Titgemeyer, der Nürnberger Schulleiter. Und für ihn ist klar, wozu das führt: zu Aggressionen. "Die Schüler auf der Hauptschule fühlen sich wertlos, die Frustration ist groß", sagt auch Roland Storath, Leiter der Schulberatungsstelle Mittelfranken. Ihn wundert es nicht, dass immer weniger Eltern ihre Kinder auf die Hauptschule schicken.

Die Hauptschule, ehemals Fundament des deutschen Bildungssystems, steckt seit Jahren in einer Abwärtsspirale. Auf sie gehen nur noch zehn Prozent aller deutschen Schüler, so eine Auswertung, die das Statistische Bundesamt jetzt vorgelegt hat - gerade mal 953 000 Kinder sind das bundesweit. Allein in den vergangenen fünf Jahren sank die Zahl um 14,4 Prozent. In vielen Regionen führt die Hauptschule nur noch ein Schattendasein als unbeliebte Restschule. In fast allen europäischen Ländern gibt es ohnehin keine Hauptschulen.

Immer mehr Bundesländer ziehen die Reißleine und schaffen sie, wie jetzt Schleswig-Holstein, als eigenständige Schulform ab; in Hamburg etwa sollen bei einer grundlegenden Schulreform die Hauptschulen 2009 komplett verschwinden. Selbst in Baden-Württemberg, das die Hauptschule getreu CDU-Kurs verteidigt, sollen inzwischen mehr Haupt- mit Realschulen kooperieren. Und führende Experten vom sogenannten Aktionsrat Bildung, die vergangene Woche ein in manchen Punkten etwas exotisches Bildungskonzept vorlegten, forderten ebenfalls die Abschaffung der Hauptschule.

Dabei war die in den sechziger Jahren aus der Volksschule hervorgegangene Hauptschule einst das Brot-und-Butter-Modell des deutschen Bildungswesens. Volks- und Hauptschule bildeten zeitweise mehr als zwei Drittel der Schüler aus und ermöglichten sogar Karrieren wie die von Kurt Beck, der sich nach seinem Abschluss und anschließender Elektromechanikerlehre bis zum Ministerpräsidenten und SPD-Vorsitzenden hocharbeitete.

Heute müsste Beck schon großes Glück haben, um mit dieser Schulausbildung eine vergleichbare Lehrstelle zu ergattern. Gerade mal 3 von 100 Absolventen ihrer Schule hätten im vergangenen Jahr einen Ausbildungsplatz gefunden, sagt Irmtraud Rehwald, 48, Lehrerin an der Pestalozzischule in Ludwigshafen. An den anderen sechs Hauptschulen der Stadt sehe es kaum besser aus. "Das ist eine Katastrophe, wir versündigen uns an einer ganzen Generation", sagt Rehwald.

Hauptschüler auf Ausbildungsplatzsuche erleben derzeit fast überall in der Republik das Gleiche. Man nehme "grundsätzlich keine Hauptschüler", erfuhr die 16-jährige Dragana aus der neunten Klasse einer Hauptschule aus Bochum-Wattenscheid, als sie sich nur um einen Praktikumsplatz bei einer großen Parfümeriekette bewerben wollte.

Mit derselben Begründung bekam Liam aus der 10 a eine Absage als Industriemechanikerlehrling - obwohl er einen Notendurchschnitt von 2,6, ein "Sehr gut" im Fach Technik und einen ordentlichen Eignungstest vorweisen kann. "Ich fühle mich verarscht", sagt der 16-Jährige. Es gehe ihr nahe, sagt Schulleiterin Ute Herbstreit, "wenn ich solche Träume platzen sehe".

Obwohl sie eigentlich eine "überzeugte Hauptschulpädagogin" sei, so Herbstreit, könne sie sich inzwischen vorstellen, dass Haupt- und Realschulen wie in anderen Bundesländern zusammengelegt werden und dann als "Regel-" (Thüringen), "Mittel-" (Sachsen), "Regional-" (Schleswig-Holstein) oder "erweiterte Realschulen" (Saarland) firmieren. Denn Kinder von reinen Hauptschulen seien "gebrandmarkt", meint die Schulleiterin.

Einer ihrer erfahrensten Lehrer, Gert Schäfer, 63, sagt nach gut 30 Hauptschuljahren: "Nur mit der Abschaffung der Hauptschule können wir die Stigmatisierung der Kinder beenden."

Ähnlich sieht das Robert Stratmann, Leiter der Erich-Fried-Hauptschule in Gladbeck. Er hat kürzlich mit ehemaligen Schülern Fußball gespielt, alles "Jungs mit gutem Abschluss, die richtig anpacken können". Über die Hälfte von ihnen aber

ist ohne Job oder in Überbrückungsmaßnahmen. Stratmann: "Wir bilden de facto den Großteil unserer Schüler für die Arbeitslosigkeit aus."

Das liegt nicht nur am Lehrstellenmangel. Die Ansprüche der Unternehmen sind gestiegen: Wo früher per Hand gefeilt wurde, müssen heute Computer bedient werden. Da sind Realschüler und Gymnasiasten, die ebenfalls auf den Lehrstellenmarkt drängen, im Vorteil. Viele Ausbildungsjobs, die früher Hauptschulabgänger bekamen, gibt es gar nicht mehr.

Die Folge: "Wer irgendwie kann, meldet sein Kind hier nicht an", sagt Marie-Luise Bock, Leiterin der Martin-Luther-Hauptschule der Ruhrgebietsstadt Herten. In Nordrhein-Westfalen etwa wechselten 2006 nur noch 15,1 Prozent der Viertklässler auf eine Hauptschule - vor 20 Jahren waren es fast doppelt so viele. In Hessen sind es sogar nur noch 4 Prozent eines Jahrgangs.

Diese Abstimmung mit den Füßen zeuge von einem "hohen Realitätssinn", sagt Klaus Hurrelmann, Leiter der Shell-Jugendstudie 2006: Die Jugendlichen fällten zu Recht ein "ziemlich vernichtendes Urteil" über eine Institution, die ihnen nur sehr geringe Zukunftschancen biete.

Dass viele Problemschüler bei ihnen hängenbleiben, bekommen vor allem Hauptschullehrer an sozialen Brennpunkten zu spüren. Der Hilferuf der Berliner Rütli-Schule, die Klage ihres Kollegiums über Gewalt und Perspektivlosigkeit, schreckte vergangenes Jahr die Republik auf.

Hinzu kommen Sprachprobleme: 85 Prozent der Schüler hätten einen "Migrationshintergrund", so der Ludwigshafener Rektor Lothar Blase. Ein großer Teil sei nicht einmal in der Lage, die Antragsbögen zu verstehen, die man ausfüllen muss, um einen Beratungstermin bei der Agentur für Arbeit zu bekommen.

Bildungsexperte Hurrelmann hält den Wechsel zum zweigliedrigen System für einen Ausweg. Es reiche aber keinesfalls aus, nur neue Türschilder an die ehemaligen Haupt- und Realschulen zu hängen. Tiefgreifende Änderungen seien nötig.

Studieren lässt sich ein zweigliedriges System unter anderem in Sachsen. Dort war die Hauptschule nach der Wiedervereinigung erst gar nicht eingeführt worden. Stattdessen gibt es, neben dem Gymnasium, nach der vierten Klasse die Mittelschule, auf der die Kinder zunächst noch zwei Jahre gemeinsam lernen und dann, ab Klasse sieben, zum Haupt- oder Realschulabschluss geführt werden.

In der Mittelschule, sagt Sachsens Kultusminister Steffen Flath (CDU), "sacken die Jugendlichen weniger ab. Das ist der Grund für unsere Stärke": Bei den Pisa-Tests gehörte Sachsen im Bundesländer-Ranking stets zur Spitzengruppe.

Der Erfolg dieses Modells hat Bewegung auch in anderen Kultusministerien ausgelöst. Ausgerechnet der CDU-geführte Hamburger Senat unter Bürgermeister Ole von Beust will das dreigliedrige Schul- system nun abschaffen. Dabei galt das in der Union bislang als sakrosankt. Die Gymnasien bleiben aber unangetastet, schließlich sind sie bei Eltern beliebt wie nie. Für das Schuljahr 2007/2008 meldeten in Hamburg erstmals mehr als die Hälfte der Eltern ihre Fünftklässler auf Gymnasien an.

Alle anderen Schüler sollen in Zukunft aber auf sogenannte Stadtteilschulen gehen. Dort sollen die Kinder alle Schulabschlüsse machen können: von einem Bildungsgrad, der mit dem Hauptschulabschluss vergleichbar ist, bis zum Abitur nach 13 Jahren. Andere Schulformen soll es nicht mehr geben - so empfahl es eine Enquetekommission mit den Stimmen von CDU und SPD vor zwei Wochen der Bürgerschaft.

Unter Fachleuten werde das Modell der Hansestadt aufmerksam verfolgt, sagt der Erziehungswissenschaftler Reiner Lehberger, Mitglied der Kommission. "Andere Länder, gerade die CDU-regierten, schauen sehr genau darauf, da könnte Hamburg der Vorreiter werden". Schulsenatorin Alexandra Dinges-Dierig hält den "Befreiungsschlag" für dringend nötig; die Umsetzung der Reform wird nun entscheiden, ob das Ganze ein Erfolg wird. Ein paar Eckpunkte hat die CDU-Frau schon vorgestellt: Ab Klasse sieben sollen Schulen einen Schüler nicht mehr abschieben dürfen. Zudem sollen die Stadtteilschulen kleinere Klassen, mehr Lehrer und Sozialarbeiter bekommen. Dinges-Dierig will auch "Ausfädelungsmöglichkeiten" schaffen, indem etwa Jugendliche zwei Tage die Woche in Betrieben lernen können - was den Einstieg in einen Beruf erleichtern soll.

Für die CDU ist die Reform schon jetzt ein Erfolg: Die SPD hatte sich vor der Entscheidung über das Thema zerstritten, Wahlkampf wird sie in Zukunft kaum noch damit machen können. Beust hingegen, der Dinges-Dierigs Pläne zunächst skeptisch sah, kann sich als Reformer präsentieren.

MATTHIAS BARTSCH, ANDREA BRANDT,

CORDULA MEYER, CONNY NEUMANN

DER SPIEGEL 11/2007
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