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USA

Die unbekannten Soldaten

Sie sterben im Irak wie die GIs, aber sie sind Angestellte von Sicherheitsfirmen. Sie wollen schnell viel Geld verdienen, und deshalb fühlt sich niemand für sie zuständig. Von Mascolo, Georg

Es war ein grausamer Lynchmord, eine Hinrichtung, deren Bilder um die Welt gingen: verstümmelte Leichen, zerstückelt, verbrannt, die Gliedmaßen grotesk verrenkt, kopfüber aufgehängt am Stahlgerippe einer Brücke über den Euphrat. Darunter tanzte der Mob. So war das in Falludscha, der Stadt 50 Kilometer westlich Bagdads, damals im März 2004.

An einem Mittwochmorgen drei Jahre später kämpfen sich vier Frauen gegen den eisigen Wind den Hügel hinauf zum Kapitol in Washington. Es sind die Mütter, Ehefrauen und Töchter der Ermordeten, sie sind gekommen, um Anklage zu erheben. Ein Ausschuss des Repräsentantenhauses hat sie eingeladen. Das ganze Land soll hören, was sie zu erzählen haben.

In Falludscha starben ihre Männer, Väter und Söhne, vier hochdekorierte Amerikaner. Sie waren erst Spezialisten in Eliteeinheiten und arbeiteten dann als Ange-

stellte der Blackwater Security Consulting, einer Firma, die im Irak tausend Schwerbewaffnete im Einsatz hat. Sie ist einer der Branchenriesen, das Trainingsgelände in Moyock, North Carolina, ist fast halb so groß wie Manhattan. Blackwater lebt gut vom Krieg.

Die vier gehörten zu einer Privatarmee, die den US-Botschafter in Bagdad beschützt, Konvois und Firmen abschirmt. Es ist ein lebensgefährlicher Job - im Januar etwa stürzte ein Hubschrauber der Firma ab, fünf Angestellte starben. Das US-Außenministerium entschädigte die Firma seit 2004 mit 320 Millionen Dollar.

Im großen Sitzungssaal des Abgeordnetenhauses hebt Kathryn Helvenston-Wettengel die Hand zum Schwur, sie trägt eine schwere Goldkette und hat Tränen in den Augenwinkeln. Mit heiserer Stimme erzählt sie die Geschichte ihres toten Sohnes.

Scott Helvenston, 38, war eine Größe bei den Navy Seals, einer Spezialeinheit der Marine, die verdeckte Operationen oder Sabotage ausführen darf. Die Helvenstons sind seit Generationen eine patriotische Familie, Scotts Urgroßonkel war Kriegsminister gewesen, er bekam sogar den Friedensnobelpreis.

Mit 17 schaffte Scott als jüngster Rekrut die Aufnahmeprüfung. Zwölf Jahre war er bei den Seals, dann verdiente er sich mit Fitnessvideos und als Hollywood-Konsultant seinen Lebensunterhalt; zu den Kunden gehörte Demi Moore. 2004 dann heuerte Helvenston bei Blackwater an, nach seiner Scheidung brauchte er Geld.

Beim Einsatz, der ihn und drei Kameraden das Leben kostete, sollte er einen Konvoi mit Küchengerät für die US-Armee schützen. Allerdings fehlte bei dieser Tour so ziemlich alles, was im Irak heutzutage dazugehört: Die Fahrzeuge waren nicht gepanzert, es gab keine schweren Waffen, ja nicht einmal eine anständige Straßenkarte.

Kathryn Helvenston-Wettengel hat die letzte E-Mail ihres Sohnes mitgebracht. In der Nacht vor der Abfahrt beschwerte er sich über "extreme Unprofessionalität" des Blackwater-Managements. "Das sind die Huren des Krieges", sagt sie mit bebender Stimme, "sie haben keine Moral."

Die Abgeordneten im Repräsentantenhaus werden in nächster Zeit noch etliche Geschichten von großem Geld und großem Leid zu hören bekommen. Die Demokraten sind entschlossen, ihre Mehrheit zu nutzen, um ein vernachlässigtes Kapitel des Irak-Desasters aufzuarbeiten - die Privatisierung des Krieges.

Die Idee stammt von Richard Cheney, als er - Anfang der neunziger Jahre - noch Verteidigungsminister war: Outsourcing zur Entlastung der Streitkräfte. So wird der Traum des Pentagon von einer schlanken

Invasionsarmee möglich. Mindestens 100 000 sogenannte Contractors - das sind Angestellte der Firmen, mit denen die US-Regierung Verträge abschließt - arbeiten zwischen Basra und Bagdad. Allein 48 000 von ihnen stehen im Dienst von 181 Sicherheitsfirmen, das entspricht etwa der Stärke dreier Divisionen.

Sie verdienen gut, auf bis zu 500 Dollar am Tag bringt es ein Blackwater-Spezialist. 100 000 Dollar jährlich, größtenteils steuerfrei, sind für die Fahrer der großen Versorgungstrucks drin.

Das dickste Geschäft machen natürlich die Firmen, die allein im vergangenen Jahr von der US-Regierung Beträge in Milliardenhöhe erhielten. "Coalition of the Billing" - Koalition der Abrechner - nennen sie sich selbst, und manche nehmen das offenbar wörtlich: Gegen 50 Firmen laufen Untersuchungen wegen Betrugs und überhöhter Preise. Das Chaos im Irak scheint zur Selbstbedienung geradezu einzuladen.

Nach den GIs stellen die Contractors das zweitgrößte Kontingent im Irak. Die US-Regierung lässt sie Burger braten, Latrinen reinigen, die Uniformen waschen, Feldpost austragen, Treibstoff transportieren und sogar Gefangene vernehmen.

Zehntausende Angestellte hat allein Kellogg, Brown & Root (KBR), eine Tochter des Öldienstleisters Halliburton, in der Region. 6500 Übersetzer stellt die L-3 Communications Corporation mit Sitz in New York City. Der Konkurrent DynCorp heuert besonders gern ehemalige Polizis-ten als Ausbilder an, 700 von ihnen sollen die notorisch unzuverlässigen irakischen Sicherheitskräfte auf Trab bringen.

Aber wie so vieles ging auch dieser Teil des Plans gründlich schief: In einem Krieg ohne Fronten dienen die Contractors nicht wie geplant in der sicheren Etappe, sie sind längst auch zur Zielscheibe geworden.

Keine offizielle Statistik gibt Auskunft darüber, wie viele von ihnen bereits ums Leben kamen oder verwundet wurden. Auf 800 Tote kommt das US-Arbeitsministerium. Eine offizielle Meldepflicht gibt es nicht, nur die Firmen wissen, welche ihrer Angestellten getötet oder verletzt wurden. Allein bei L-3 waren es bis Ende vergangenen Jahres 255 Tote.

Anders als gefallene Soldaten, denen eine Beerdigung auf dem Heldenfriedhof in Arlington zusteht, bleiben die ums Leben gekommenen Zivilisten anonym. "Wir sind verzichtbar", sagt der ehemalige Seal Thomas Pogue. "Wenn zehn von uns sterben, ist es etwas anderes, als wenn zehn Soldaten sterben." In der neuen Welt des

Krieges sind die Contractors die unbekannten Soldaten.

Steve Thompson hat den Irak überlebt. Seine Augen wandern unruhig hin und her. Eigentlich gibt es hier in Asheboro im Staat North Carolina nichts Bedrohliches: Sattgrün sind die Wiesen, beschaulich die Molkereien und Hühnerfarmen. Thompson aber sucht noch immer nach versteckten Bomben. Er hat den "Irak-Blick", so nennen das die Veteranen.

Sechs Monate steuerte Thompson einen KBR-Laster im Irak, der gefährlichste unter den gefährlichen Jobs. Er überlebte Granatwerferüberfälle, das Feuer von Scharfschützen und gleich mehrere "Road Bombs", per Funk gezündete gewaltige Explosionen. Die Aussicht auf das große Geld hat ihn gelockt. "Ich habe glänzend verdient", sagt Thompson, "1850 Dollar die Woche, doch das war es nicht wert."

Heute wohnt er in seinem Auto. Morgens wacht er schweißgebadet aus Alpträumen auf. Er schluckt Pillen gegen Depressionen, Halluzinationen, Krämpfe und um seine Aggressionen zu zügeln. Ein Wrack, das keinen Job findet. Thompson, diagnostizierten zwei Ärzte, leide unter einem schweren Trauma, einer Kriegskrankheit, die auch unter US-Soldaten weit verbreitet ist. Man kann sie behandeln, aber die Versicherung will nicht dafür aufkommen. Thompson ist ein Kriegsopfer zweiter Klasse.

Für zivile Opfer des Irak-Kriegs ist das Veteranenministerium nicht zuständig, die Spezialkliniken der Streitkräfte bleiben ihnen verschlossen. Manche von ihnen mussten trotz schwerer Versehrungen per Linienmaschine in die Heimat zurückkehren.

Zu Hause aber, so garantiert es der "Defense Base Act", ein Gesetz von 1941, steht ihnen eigentlich Unterstützung zu. Wer für das US-Militär Hilfsdienste leistet, genießt automatisch vollen Risikoschutz.

Für KBR, Thompsons Arbeitgeber, und die Versicherungsfirma American International Group ist der Patient damit eigentlich kein Risiko: Die Versicherung bezahlt und darf die Rechnung zuzüglich 15 Prozent Bearbeitungsgebühr an die Regierung weiterleiten.

"Aber das System ist einfach kollabiert", sagt Gary Pitts, ein Anwalt in Houston, der 200 Veteranen vertritt. Die Kosten seien wegen der vielen Verwundeten explodiert; die Regierungsbürokratie weigere sich oft, dafür aufzukommen. "Es herrscht Guerillakrieg, dafür war das Gesetz nie gedacht", sagt Pitts. "Die Versicherungen lassen sich lieber verklagen, als dass sie bezahlen."

Auf jeden der bislang 3228 getöteten GIs kommen 7 Verwundete. Da liegt es nahe, dass die Regierung sich nicht auch noch für Zivilisten zuständig fühlt.

Die medizinische und psychologische Behandlung verletzter Soldaten gilt als patriotische Pflicht. Die gutverdienenden Contractors dagegen gelten als Kriegsprofiteure - und deshalb seien ihre Wunden in den Augen der Öffentlichkeit auch ihr Problem, sagt Jana Crowder, die in Tennessee eine Selbsthilfegruppe für Contractors betreibt. Der Ansturm ist enorm, Hunderte Mails bekommt sie an manchen Tagen.

"Ich bin nicht wegen des Geldes gegangen", sagt Clyde Nipper, "ich wollte helfen, das war auch mein Krieg." Ihm fehlen ein Auge und ein Teil des Gehirns. Die Tage zu Hause in Kearns bei Salt Lake City verbringt er am Küchentisch. Wenn der Arm nicht zu sehr zittert, löst er einfache Rechenaufgaben. Wie viel ist 15 Prozent Trinkgeld auf eine 25-Dollar-Rechnung?

Nipper, 57, ist Veteran des Vietnam-Kriegs. Einen Job als Operations-Manager wollte KBR ihm erst geben, wenn er ein Jahr lang als Truck-Fahrer einspränge.

Es ging gut, bis im November 2005 im Norden von Bagdad fünf 155-Millimeter-Granaten neben seinem Konvoi explodierten. Die wenigsten KBR-Laster sind gepanzert, für den Schutz ist das US-Militär verantwortlich. Nipper hatte Glück, er

lebt noch. Doch seine Kreditkarte ist gesperrt, seiner Frau wurde die Krankenversicherung gekündigt. Und Nipper hofft, dass ein Richter die Versicherung verpflichtet, die anstehenden Operationen zu bezahlen.

Er hat Anspruch auf eine Auszeichnung wie viele seiner ehemaligen Kollegen, denen man landauf, landab auf diese Weise noch etwas Genugtuung verschafft. Bei den Ehrungen spricht ein amerikanischer Offizier ein paar warme Worte und überreicht dann den "Orden zur Verteidigung der Freiheit". Das polierte Stück Metall mit der Inschrift "Im Namen einer dankbaren Nation" wird seit den Terroranschlägen am 11. September 2001 vom Pentagon an zivile Helden verliehen.

Inzwischen aber sind Erklärungen aufgetaucht, mit denen Firmen ihre im Dienst verwundeten Angestellten vor der Auszeichnung verpflichten, auf Klagen zu verzichten. Ob die Unternehmen sich so aus der Verantwortung stehlen können, gehört zu den Fragen, denen sich der Kongress jetzt widmen will.

Deshalb hat das Repräsentantenhaus auch die vier Frauen eingeladen, die Geschichte der Toten von Falludscha zu erzählen. Sie haben Blackwater verklagt, doch bis heute weigert sich die Firma, einen internen Untersuchungsbericht herauszugeben oder die bohrenden Fragen der Angehörigen zu beantworten. Blackwater erhebt Anspruch auf Immunität wie das Militär - man diene ja im Irak im Auftrag der Regierung.

Im Abgeordnetenhaus haben die vier Frauen für eine Gesetzesänderung geworben. Ginge es nach ihnen, sollten die Privatarmeen wie das Militär behandelt und deshalb durch den Kongress kontrolliert werden. Sie argumentierten: Nur wenn die Firmen sich für ihre Fehler verantworten müssten, würden sie künftig nicht allein auf Profit achten, sondern auch auf die Sicherheit. "Sie müssen verstehen", sagt Helvenston-Wettengel, "dass sie mit Menschenleben handeln." GEORG MASCOLO

* Kristal Battalona, Kathryn Helvenston-Wettengel, Rhonda Teague und Donna Zovko am 7. Februar vor einem Untersuchungsausschuss des Repräsentantenhauses.

DER SPIEGEL 13/2007
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