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Absurder Wettbewerb

CNN-Talk-Legende Larry King, 73, über sein 50-Jahr-Jubiläum im Mediengeschäft, den Nachrichtenwert von Anna Nicole Smith und TV-Manager, die nur noch der Profit interessiert Von Hornig, Frank und Rosenbach, Marcel

SPIEGEL: Mr King, Ihre letzte Operation war etlichen Organen der Weltpresse Meldungen wert. Wie geht es Ihnen?

King: Ich hatte Probleme mit einer verstopften Arterie, aber die Schwellung hier am Hals geht schon zurück. Der Arzt meinte, ich hätte wohl kurz vor einem Schlaganfall gestanden, ich kam noch in derselben Woche unters Messer.

SPIEGEL: Drei Tage später standen Sie wieder vor der Kamera und interviewten den schwarzen US-Präsidentschaftskandidaten Barack Obama.

King: Obama? Großes Charisma. Gewaltige Präsenz. Ich mag ihn. Ich hatte allerdings eine ziemlich stressige Woche. Neben der täglichen Sendung habe ich noch zwei Reden gehalten und meine Frau nach Las Vegas begleitet. Sie tritt dort als Sängerin auf.

SPIEGEL: Sie sind seit nunmehr 50 Jahren fast täglich auf Sendung. Geht's überhaupt noch ohne Kamera und Mikrofon?

King: Schwer. Eigentlich gar nicht. Aber ich werde im April ausnahmsweise mal

eine Woche auf Hawaii urlauben. Meine zehn Zeitungen am Morgen lese ich natürlich auch dort.

SPIEGEL: Woher kommt Ihre Faszination an den Medien?

King: Ich wusste immer, dass ich zum Radio wollte. Schon mit fünf Jahren. Ich habe 1938, 1939 vor dem Gerät gesessen und so getan, als wäre ich Moderator. Später hatte ich dann verschiedene Lieblings-Radioshows, die ich im Badezimmer nachgespielt habe. Manche dieser Shows in New York fanden vor Publikum statt, also habe ich mich da reingesetzt und zugeguckt.

SPIEGEL: Ein Weg, den einfachen Verhältnissen zu entfliehen, aus denen Sie stammen?

King: Mein Vater ist früh gestorben, wir lebten zeitweise von Sozialhilfe. Ich habe mich zuerst als Verkäufer in Kaufhäusern durchgeschlagen, dann als zweiter Mann auf einem Paketdienstlaster.

SPIEGEL: Wie haben Sie es von dort vor das Mikrofon geschafft?

King: Ich habe in New York einen CBS-Menschen kennengelernt. Er sagte: Versuch es in Miami! Viele Radiostationen, keine Gewerkschaften, Anfänger und Alte kurz vor der Rente kommen da am besten unter. Also bin ich dort zu einem dieser kleinen Sender und habe einfach gefragt. Sie hatten keinen Job, aber ich bekam immerhin einen Mikrofontest. Der Manager sagte: Ich mag deine Stimme. Wenn etwas frei wird, bekommst du eine Chance. Also trieb ich mich da rum, hatte nichts zu tun und putzte deshalb die Fenster. Ich glaube, ich habe alle genervt. Aber zwei Wochen später hörte ein Kollege auf. Ich bekam meine Chance und nutzte sie.

SPIEGEL: Und dann haben Sie einfach drauflos geplaudert?

King: Ich dachte nach all meinem Badezimmertraining, ich sei ganz cool. Aber dann brachte ich gleich nach dem ersten Song kein Wort raus. Mein Chef schrie mich an: Sag was! Wir sind hier im Kommunikationsgeschäft! Also hab ich etwas gemacht, was ich bis heute tue: komplette Offenheit vor meinem Publikum. Ich habe gesagt: Hey, das ist heute meine erste Sendung, ich bin ein bisschen nervös, und der Manager hat mir vorhin auch noch einen neuen Namen verpasst.

SPIEGEL: Sie heißen eigentlich Lawrence Harvey Zeiger.

King: Mein Vater war Österreicher, und dem Manager war der Name irgendwie zu schwierig. Er hatte eine Zeitung auf dem Tisch liegen, und da war eine Anzeige für "King's Wholesale Liquor", also Schnaps. Okay, sagte er, du bist jetzt Larry King.

SPIEGEL: Glück gehabt. Besser als Larry Liquor, oder?

King: (lacht mit seiner sonoren TV-Stimme) This is Larry Liquor Live. Klingt doch eigentlich auch nicht schlecht.

SPIEGEL: Was hat sich im Mediengeschäft seither verändert?

King: Zuerst mal haben damals noch alle im Studio geraucht. Auf Sendung, hinter den Kulissen, alle haben sie gequalmt. Johnny Carson, Mike Wallace. Ed Murrow hat jeden Tag nur eine Zigarette angezündet. Und an der dann alle anderen. Er ist an Lungenkrebs gestorben. Wir haben alle gequalmt, ich auch. Ansonsten natürlich vor allem die Technik. Kabel und Satellit haben die Welt verändert. Als Kind hätte ich mir nie träumen lassen, einmal live in Deutschland und rund um die Welt auf Sendung sein zu können - aus einem kleinen Studio in Los Angeles. Das ist doch Wahnsinn! Der Vietnam-Krieg wurde noch auf echtem Film gedreht. Den musste man zum Flughafen fahren, entwickeln - das hat gedauert. Heute zeigen wir Kriege in Echtzeit. Womit Kinder heute aufwachsen, unglaublich ...

SPIEGEL: Merken Sie das an Ihren eigenen beiden jüngsten Söhnen?

King: Die werden überschüttet mit Informationen. Das nennt sich dann Fortschritt. Ich habe gerade darüber nachgedacht. Was, wenn es nie Flugzeuge gegeben hätte? Es wären eine Menge Menschenleben nicht verloren worden. Mit dem Fortschritt ist das so eine Sache. Oder meine Operation. Mein Arzt hat ein Gerät, mit dem er erkennen kann, wie viel Prozent der Arterie frei sind. Früher wäre ich an einem Schlaganfall gestorben. Also: Alles hat gute und schlechte Seiten. Auch das heutige Mediensystem.

SPIEGEL: Die größten Stars Hollywoods waren in Ihrer Show, Sie hatten Legenden wie Frank Sinatra und Marlon Brando.

King: Brando hatten wir zweimal, das war wirklich was. Er empfing uns in seinem Haus, es gab Champagner für die Crew, und er legte sein eigenes Make-up auf. Am Ende der Sendung hat er mich auf den Mund geküsst. Dann gingen wir essen. Tausende Paparazzi. Keine Ahnung, wer die angerufen hatte - ich war's nicht. Brando beobachtete jeden im Lokal. Der Kellner, sagte er, sei unglücklich mit seinem Job. Das könne er an dessen Gang erkennen. Und das Paar in der Ecke. Auch unglücklich. Der Mann schaue ihr ständig über die Schulter. Ein echter Schauspieler, ein Genie.

SPIEGEL: Wie bereiten Sie sich auf Ihre Gäste vor?

King: Möglichst wenig. Apropos (er wendet sich an seine Assistentin): Bridget, was machen wir heute Abend?

Assistentin: Anna Nicole Smith. Ihr Autopsiebericht kommt heute.

King: Oh no, nicht schon wieder! Ich hasse diese Show. Aber es ist die Nachricht des Tages, also muss man es machen. Sobald die Scheinwerfer angehen, werde ich mein Bestes geben. Übrigens kommt man mit so einer Was-soll's-Haltung leichter durch die Sendung.

SPIEGEL: Warum lehnen Sie solche Boulevardthemen nicht einfach ab?

King: Klar kann ich nein sagen. Aber dann sagen mir die Produzenten, wir müssen auf die Quoten achten. Ich verstehe ja, welchem Druck die ausgesetzt sind. Wenn sie es allerdings übertreiben würden, würde ich mich dem energisch entgegenstellen. Ein Kollege sagte mir mal: "Wenn ich um 21 Uhr ein Paar beim Geschlechtsverkehr zeige, gewinne ich jede Quote."

SPIEGEL: Das Nachrichtengeschäft hat sich wirklich verändert ...

King: ... und zwar zum Schlechten.

SPIEGEL: Und selbst ein Star wie Sie kann das nicht aufhalten?

King: Manchmal ist es fürs Management einfacher, den leichteren Weg einzuschlagen. Mit dem Nahen Osten zum Beispiel macht man schlechtere Quoten. Obwohl man ja wohl mit Sicherheit sagen kann, dass der Nahe Osten wichtiger ist als Anna Nicole Smith.

SPIEGEL: Wie kommen Sie mit Ihren Konkurrenten klar?

King: Es ist ein absurder Wettbewerb unter Talkshows entbrannt. Die haben den Bruder von Anna Nicole? Wir brauchen den Arzt. Oder die Schwester. Dabei ist das alles total unwichtig. Das hat doch keinerlei Einfluss auf unser Leben. In meinen Radiotagen oder der frühen Fernsehzeit hätte man vielleicht eine einzige Sendung über den Tablettentod von Anna Nicole gemacht, mehr nicht. Sie wäre damals nie zu einer derart prominenten Figur aufgestiegen. Sie hat ja eigentlich nichts geleistet. Es

ist eine Story, weil darüber berichtet wird. Das hat sich im Übrigen in den letzten Jahrzehnten am massivsten gewandelt: Die Manager waren einst selbst noch Medienmenschen, die wussten, worüber sie sprachen. Heute sind das alles Buchhalter. Und worum geht es Buchhaltern? Nicht um eine gute Sendung, sondern ums Ergebnis, um den Profit.

SPIEGEL: Was ist für einen Politiker heute wichtiger: eine gute Rede im Kongress oder ein Auftritt bei Ihnen?

King: Wenn er im Wahlkampf ist, sicher der TV-Auftritt.

SPIEGEL: Alle Präsidenten seit Nixon waren in Ihrer Show, und sehr viele der Präsidentschaftskandidaten. Wer ist härter - Bill oder Hillary Clinton?

King: Gute Frage. Hillary hat eine Seite, die die Öffentlichkeit nicht kennt: Sie hat einen großartigen Sinn für Humor. Man muss sie einfach mögen. Bill? Der charismatischste Politiker meines Lebens. In seiner Liga gibt es keinen anderen. Wenn er noch mal kandidieren dürfte, würde er sofort gewinnen.

SPIEGEL: Welchen der beiden Bushs haben Sie als cleverer erlebt?

King: Den Begriff würde ich für beide nicht verwenden. George Bush senior ist ein wunderbarer, kluger, sensibler Mann, sehr emotional. Er ist beweglicher, man kann ihn dazu bringen, seine Position zu ändern. George W. ist ernsthaft, sehr von seiner Sache überzeugt. Wir sind beide große Baseballfans. Barbara Bush ist die härteste von allen.

SPIEGEL: In Deutschland gibt es eine Debatte darüber, was es eigentlich bedeutet, wenn Talkshows zur beherrschenden politischen Arena werden. Wie sehen Sie das?

King: Fernsehen ist ein unglaublich starkes Medium. Es hängt davon ab, was Sie daraus machen. Mir fällt dazu eine Geschichte über das nordamerikanische Handelsabkommen Nafta ein. Al Gore wollte es unbedingt, aber es sah nicht so aus, als würde er damit durchkommen. Er hat das Thema, ich glaube, es war 1993, dann bei mir in der Sendung mit Ross Perot diskutiert. Es war das erste Mal, dass ein amerikanischer Vizepräsident sich für sein Thema derart in einer Talkshow stark machte. Das hat das Repräsentantenhaus offensichtlich beeindruckt, jedenfalls ging das Ding durch. Bill Clinton rief mich am nächsten Tag an und sagte: "Du hast einen bei mir gut."

SPIEGEL: Auch die Politik wird zunehmend als Show inszeniert, Politiker zeigen sich gern von ihrer privaten Seite.

King: Tatsächlich sind Politiker heute offener und sprechen auch über private Dinge. Der demokratische Kandidat John Edwards zum Beispiel über das Krebsleiden seiner Frau. Das ist aber nicht nur schlecht - und war früher anders. Die Mehrheit der Amerikaner wusste nicht einmal, dass Franklin D. Roosevelt im Rollstuhl saß. Das wurde regelrecht versteckt. Man muss sich das mal vorstellen. Schon eine Scheidung galt für Politiker mit höheren Ambitionen als Problem. Das ist vorbei.

SPIEGEL: Machen Ihnen der eigene Bekanntheitsgrad, Ihr Einfluss und die Vorstellung, dass weltweit von Auckland bis Zürich Millionen zuschauen, manchmal Angst?

King: Die Wahrheit ist, ich denke darüber gar nicht nach, wenn ich vor der Kamera sitze.

SPIEGEL: Sie haben in fünf Jahrzehnten geschätzte 40 000 Interviews geführt. Wer fehlt noch auf Ihrer Liste?

King: Ich hätte wahnsinnig gern den letzten Papst interviewt. Und Fidel Castro, den am längsten amtierenden Regierungschef. Daran arbeiten wir mit Hochdruck. Natürlich will auch ich die besten Gäste zuerst. Ansonsten ist mir der typische Berufsneid in meinem Alter und nach all den Jahren eher fremd.

SPIEGEL: Jetzt feiern Sie erst mal Jubiläum.

King: Der Sender hat sich was ausgedacht, es gibt eine "King Sized Week" mit Gästen wie Bill Clinton und Oprah*.

SPIEGEL: Nach den Attentaten des 11. September sind die Medien stark auf den Anti-Terror-Kurs der Bush-Regierung eingeschwenkt, Kritik galt plötzlich als unpatriotisch, auch CNN blendete ständig die amerikanische Flagge ein. War das richtig?

King: Es gab so eine Phase unmittelbar nach den Anschlägen, aber ich finde das auch verständlich. Ein Angriff im eigenen Land, damit mussten auch wir Medien erst einmal fertig werden. Inzwischen hat sich das längst normalisiert. Wobei der Irak-Krieg das alles beherrschende Thema bleibt, auch für die nächsten Präsidentschaftswahlen. Wer den Krieg fortsetzen will, hat schon verloren. Die Amerikaner sind bereits leidenschaftlicher gegen den Irak-Krieg, als sie jemals gegen Vietnam waren.

SPIEGEL: Sowohl Präsidentschaftskandidat Obama als auch Hillary Clinton nutzen massiv das Internet für den Wahlkampf. Erwächst Ihnen, ja dem Fernsehen insgesamt, da eine neue Bedrohung?

King: Wir erreichen immer noch viel mehr Zuschauer.

SPIEGEL: Waren Sie überhaupt schon mal im Web?

King: Ich hab es mir inzwischen angeschaut, weil sich alle über mich lustig gemacht haben. Aber ich schreibe keine E-Mails. Ich mag Faxe und den guten alten Brief. Ich bin kein Opfer der neuen Technik. Aber ich beobachte sie interessiert. Zum Beispiel meine Assistentin hier, mit ihrem - wie heißt das Ding? - Blackberry. Das Gerät kontrolliert sie, nicht umgekehrt. Nichts für mich.

SPIEGEL: Haben Sie mit Ihrer Sendung eigentlich Macht?

King: Wahlergebnisse können wir sicher nicht herumreißen. Aber Henry Kissinger hat mir mal gesagt, ich könnte auch als Diplomat arbeiten: Wenn dein Name international bekannt ist wie meiner, kommen die Leute. Wir haben das mal versucht, mit einer Nahostrunde - damals hatten wir Arafat, Rabin und König Hussein von Jordanien. Eigentlich machen wir das viel zu selten.

SPIEGEL: Zu diplomatisch, zu sanft: Genau das werfen Ihnen viele vor. King kriegt alle, weil er keine kritischen Fragen stellt.

King: Ich glaube nicht daran, dass man durch Konfrontation mit seinen Gästen weiterkommt. Ich will etwas erfahren und mich nicht selbst profilieren. Gerade jüngere Kollegen gehen oft sehr mit ihrer eigenen Überzeugung hausieren und geben sich aggressiv, schreien Gäste sogar an. Das sind für mich falsche Fünfziger. Mit dir am Tisch die nettesten Menschen, und kaum ist die Kamera an, werden sie zu Berserkern. Das ist nicht mein Ding. Larry King hier am Tisch ist derselbe Larry, den Sie heute Abend bei CNN sehen. Auch das habe ich schon damals beim Radio in Miami gelernt: Sei und bleibe du selbst. Wenn die Zuschauer dich mögen, mögen sie dich. Es hat keinen Sinn, sie dazu bringen zu wollen. Das ist wie bei Frauen ...

SPIEGEL: ... die zumindest privat eines Ihrer großen Themen sind. Wir wurden beim Nachzählen nicht schlau: Ist es aktuell Ihre fünfte, sechste oder schon die siebte Ehe?

King: Es sind fünf, aber eigentlich sechs. Ich habe eine Frau zweimal geheiratet. Und meine allererste Ehe wurde annulliert. Da hatte ich ja gerade erst die Highschool verlassen. Ich bin in einer Umgebung aufgewachsen, in der man nicht einfach mit jemandem zusammengelebt hat. Man hat gleich geheiratet. Richtig verliebt war ich in meinem ganzen Leben aber nur dreimal. Und eine von diesen Lieben hab ich nie geheiratet. Ich habe einen Freund, in meinem Alter, der nie richtig verliebt war. Vielleicht ein Glückspilz.

SPIEGEL: Welche Frage haben Sie in all den Jahren und all Ihren Interviews am meisten bereut?

King: O je, das war schon sehr früh, noch im Radio, als ich gerade zwei Wochen auf Sendung war. Da habe ich einen katholischen Priester gefragt, wie viele Kinder er hat.

SPIEGEL: Mr King, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten die Redakteure Frank Hornig und Marcel Rosenbach in Los Angeles.* "King Sized Week" vom 16. bis 20. April. "Larry King live" jeweils Montag bis Sonntag um 11 Uhr auf CNN.

DER SPIEGEL 14/2007
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