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DER SPIEGEL

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEDas Lügenmodel

Wie sich ein Mann in eine Gucci-Anzeige mogelte
An seinem letzten großen Tag, bevor alles aufflog, setzte sich Juan Isidro Casilla ins Rathaus-Café in Zürich, direkt an die Limmat. Es war ein Sonntagmorgen. Er schlug die Zeitung auf und sah sich selbst.
Da war er, vierfarbig, auf einer Doppelseite, den nackten Oberkörper aufgestützt, der rote Schmollmund von Bartstoppeln umrahmt, ein tiefer Blick aus braunen Augen, er warb für ein Parfum von Gucci. Juan Isidro Casilla fand, dass er toll aussah. Was seine Freunde wohl dazu sagen würden!
Einem Grafiker wäre vielleicht aufgefallen, dass Flakon und Schriftzug unscharf gesetzt waren und an einer seltsamen Stelle über dem Bizeps standen. Die Anzeigenprofis der "Sonntagszeitung", Auflage 202 000, Preis für eine Doppelseite gut 60 000 Franken, hatten nichts gemerkt.
Er hatte es wieder einmal geschafft.
Die Anzeige hatte er am Computer selbst fabriziert und am Freitagnachmittag nach Anzeigenschluss an die Zeitung gemailt. Er schrieb, sein Name sei Andrew Watson von Gucci, er wolle eine Doppelseite, bitte diesen Sonntag noch. Es machte niemanden misstrauisch, dass die Mail voller Rechtschreibfehler war. Beim Verlag der "Sonntagszeitung" heißt es, Rechtschreibfehler seien heute üblich.
Es wunderte auch niemanden, dass Andrew Watson schrieb, seine E-Mail-Adresse bei gucci.com funktioniere gerade nicht, man solle ihn auf dem Handy anrufen. Um genau zu prüfen, ob die Anzeige echt war, reichte die Zeit nicht, aber sie sah ja ziemlich echt aus.
Als die Sache nach ein paar Tagen aufflog, war Juan Isidro Casilla, der Mann, der sich selbst zum Gucci-Model gemacht hatte, plötzlich ein Held. Es hieß, er sei der Rächer aller Normalos, ein Robin Hood. Dass er die gleiche Nummer vorher bei zwei anderen Zeitungen abgezogen hatte, als Armani-Model, machte das Ganze noch besser.
Ein Redakteur der betrogenen "Sonntagszeitung" schrieb: "Deine Köpenickiade war phantastisch." Casilla trat in einer Talkshow im Sender "TeleZüri" auf. Er trug ein enges T-Shirt und hatte diesen jungenhaften Charme, er sprach Schweizerdeutsch mit spanischem Einschlag, er entschuldigte sich und lächelte. Als er danach in die Schwulenbar Männerzone stolzierte, klopften ihm viele auf die Schultern.
Dabei war da schon längst klar, dass Juan Isidro Casilla gar kein Held ist.
Er sitzt auf einem schwarzen Sofa in seiner Zweizimmerwohnung in Zürich, er ist 22 oder 25, man weiß es nicht genau, man kann ihm nichts glauben. Er erzählt, dass er ein Apartment in New York besitze, er sagt, seine Schwester sei eine berühmte Sängerin und heiße Thalia. Er sagt, er sei gerade in Las Vegas und Barcelona und bei der Oscar-Verleihung gewesen, er erzählt lauter Geschichten.
Er wurde in der Dominikanischen Republik geboren. Das zumindest stimmt, er kam als kleiner Junge in die Schweiz, die Mutter hatte einen Schweizer geheiratet. Sein Stiefvater mochte ihn nicht, Juan war schwul, es gab Ärger in der Schule, er kam in ein Heim. Er war ein liebenswerter Schelm, schon damals.
Damals fing es an, dass Juan lieber ein anderer gewesen wäre, ein berühmter Artist, ein Sänger, er probte Trampolinsprünge, er schwärmte für Chayanne, einen Latino-Superstar. Er begann eine Lehre zum Koch in der Kantine von IBM in Zürich, aber er kam immer zu spät und flog, er arbeitete mal da, mal dort, es dauerte nie lange.
In seiner Phantasie war er da längst ein anderer. Wenn er Männer kennenlernte, in Clubs, im Internet, gab er sich als Chayanne aus, den Sänger. Zum Beweis schenkte er ihnen Chayanne-CDs mit gefälschten Booklets, auf denen sein Gesicht zu sehen war.
Er begann als Chayanne aufzutreten, im Sommer 2003 in einem Zürcher Schwulenclub, er druckte Poster von sich als Chayanne, im Internet gibt es Musikvideos, in denen er die Lippen zu Chayanne-Songs bewegt. Die Musikfirma Sony BMG warnte Veranstalter, es gibt dort einen dicken Ordner mit der Aufschrift "falscher Chayanne".
Manchmal, zur Abwechslung, war er auch John Gallagher, "chef du département des accessoires" des berühmten Cirque du Soleil. In einem Gay-Portal lernte er den Verkaufsleiter einer Textilfabrik kennen und bestellte bei ihm Jacken mit Zirkuslogo, die Rechnung, 2000 Franken, zahlte er nie.
Was er tat, war nie schlimm genug, um ihn zu stoppen.
Im vergangenen Herbst, als er zum ersten Mal versuchte, seine gefälschten Anzeigen in einem Schwulenmagazin unterzubringen, verhaftete ihn die Polizei, am nächsten Tag war er wieder auf freiem Fuß.
100 000 Franken schuldet er den Verlagen nun wegen der Gucci-Anzeige, aber die sind vorsichtig, sie wollen nicht als Spielverderber dastehen. Sie sagen, sie schickten jetzt mal eine Rechnung.
Juan Isidro Casilla sagt, es gebe einen Juan eins und einen Juan zwei, und Juan zwei gehöre in eine Therapie. Er werde eine Therapie machen, ganz bestimmt, versprochen.
Das war vor ein paar Wochen. Inzwischen hat er sich in einem Blog gemeldet. Er schreibt, er habe jetzt einen echten Modelvertrag. In Paris und in Milano. MATHIEU VON ROHR
Von Mathieu von Rohr

DER SPIEGEL 17/2007
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