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KUNST

Die beschleunigte Boheme

Der Countdown läuft. Bald eröffnen die Documenta in Kassel, die Monumenta in Paris, die Biennale in Venedig und zig andere Großausstellungen in Europa. Ist die historisch einzigartige Ballung der Shows ein grandioser Aufbruch - oder droht Übersättigung? Von Knöfel, Ulrike

Schnell kommt Roger Buergel an diesem Abend in der Hamburger Kunsthalle auf den deutschen Maler Gerhard Richter und die RAF zu sprechen. Mehr als tausend Leute sitzen auf Stühlen und Treppenstufen. Bei dem, was der Mann in Nadelstreifen gerade sagt, raunen sie.

Buergel hat als Leiter der nächsten Documenta in Kassel einen Topjob inne. Egal, wo er am Rednerpult steht, ob in Paris oder vor kurzem in Hamburg: Jeder Hinweis darauf, was er demnächst in Kassel anstellt, wird mit Andacht aufgenommen.

Zurzeit ist er so etwas wie der König der Kunstwelt. Aber vielen gilt er auch als Rätsel. Noch.

Im Juni bricht in Europa der aufregendste Kunstsommer aller Zeiten an. Das rekordverdächtige Angebot an Ausstellungen lässt das Jahr 2007 unter Garantie in die Geschichte eingehen. Diese Ballung zieht Hunderttausende, sogar Millionen Besucher aus der ganzen Welt an. Auch und gerade nach Deutschland.

Unter den Überblicksschauen von Weltformat ragt die Documenta in Kassel - auch vor der etwa zeitgleich anlaufenden Biennale in Venedig - als die bedeutendste heraus. Dass diese heilige Messe des internationalen Ausstellungswesens bloß alle fünf Jahre gefeiert wird, steigert die Hysterie nur. Alles starrt also auf Buergel, auch hier in der Kunsthalle.

Mit Hilfe eines Laptops projiziert er Bilder an die Wand. Eines gibt ein Gemälde Richters wieder, entstanden im politisch dramatischen Jahr 1977, und es zeigt die damals etwa zehn Jahre alte Tochter des Malers. Sie liegt auf einer Tischplatte, sie wirkt seltsam erstarrt. Richter habe seine Tochter in den Posen der toten RAF-Häftlinge aus Stammheim fotografiert, nach einer der Aufnahmen sei dieses Gemälde entstanden, kommentiert Buergel. Dann spricht er vom "säkularisierten humanistischen Blick" des Malers auf ein Opfer. Wie heikel.

Irritierte Mienen im Publikum. Buergel hat sein Ziel erreicht, er hat anderthalb Stunden viel erklärt, wenig verraten und die Neugier gesteigert. Ihm gefallen Wörter wie "delikat", und Richters Malerei hält er auf jeden Fall dafür.

Viele Zuhörer sehen aus, als wollten sie sich gleich auf den Weg nach Kassel machen. Allein Namen wie der von Richter wirken magisch. Der Maler selbst schreibt seinem Bild von 1977 übrigens "einen Stich Grausamkeit" zu.

Im Jahr 2007 ist Richter mal wieder der Überstar der Saison. Auch die Biennale von Venedig hat bei ihm angefragt. Er macht sich sozusagen selbst Konkurrenz, und das scheint ihn zu amüsieren.

Weniger berühmte Künstler erwartet in diesem Sommer ein Kampf, damit sie überhaupt bemerkt werden. In Kassel werden gut 480 Werke von 100 Künstlern zu sehen sein. Venedig zeigt ein Vielfaches.

Die Legende Documenta materialisiert sich alle fünf, die Biennale Venedig alle zwei Jahre - und die ebenfalls renommierten Skulptur-Projekte in Münster nur alle zehn Jahre. Im Juni starten alle drei Ereignisse, innerhalb weniger Tage. Wie passend, dass der globale Kunstzirkus wegen der Schweizer Kunstmesse Art Basel sowieso einfliegt.

Kasper König, die quirlige Eminenz im deutschen Kunstbetrieb und im Hauptberuf Museumsdirektor, leitet das Projekt in Münster. König sagt, die Ausstellungen seien die Batterien, mit denen sich die Kunstwelt auflade. Weil derzeit eine Überhitzung droht, lobt er sich dafür, auf eine "gewisse Entschleunigung" zu setzen: Er präsentiert nur 37 Projekte und verteilt sie anstrengenderweise über die Stadt.

Trotzdem: Eine solche Gleichzeitigkeit der Anlässe, eine solche Energiezufuhr wie in diesem Sommer wäre Sensation genug. 2007 gruppieren sich außerdem unzählige ehrgeizige Satellitenschauen um die großen Kunstfeste herum. Die inhaltliche Erweiterung des Kunstbegriffs ist vollzogen. Jetzt folgt die geografische Ausdehnung, die flächendeckende Sucht nach der "Umarmung des Erfolgs" (König).

Kunst ist das gesellschaftliche und geistige Muss der Dekade, und als solches auch ein neuer Mythos. Jeder will die Deutungshoheit übernehmen, alle wollen mit Hilfe der Kunst reüssieren.

Sam Keller, als Chef der Art Basel auch so eine Berühmtheit, nennt 2007 einen einzigen großen Ausnahmezustand. "Es ist plötzlich dieses Jetzt-oder-nie-Gefühl in der Welt, alle scheinen zu denken, in diesem Jahr komme es darauf an."

Wenn sich ein Trend abzeichnet, dann tatsächlich dieser: Wo immer ein wichtiges Ereignis zelebriert wird, docken sich zeitnah weitere Spektakel an, das Umschlagtempo in der Kunst nimmt zu.

Nur ein paar Beispiele: Paris richtet in seinem Grand Palais erstmals eine Monumenta aus. Einziger Star der Schau: der deutsche Bildhauer Anselm Kiefer.

Berlin holt für 99 Tage französische Spitzenkunst aus dem New Yorker Metropolitan Museum (Met) in die Neue Nationalgalerie. Vorbild ist der MoMA-Ausstellungserfolg von 2004. Das Met-Gastspiel ist kürzer, kostet vor allem wegen der Leihgebühren stolze acht Millionen Euro und soll mindestens 500 000 Besucher anlocken. Das ist fast Documenta-Niveau. Selbstbewusst sagen die Initiatoren: "Kassel ist keine Konkurrenz."

Hannover breitet in drei Institutionen die Schau "Made in Germany" aus. Kunst aus Deutschland ist weltweit begehrt, davon will auch Niedersachsen profitieren.

Das alles ist dann aber doch nur Begleitmusik zu Venedig und Kassel. Zur drohenden Sättigung tragen dagegen die vielen neuen Biennalen und Messen in der einstigen Kunst-Peripherie bei; sie finden zwar zu anderen Terminen statt, binden aber Aufmerksamkeit, Geld und Zeit.

Selbst rastlose Vielflieger schaffen es nicht, überall dort zu sein, wo gerade der Zeitgeist an Kontur gewinnt: in Moskau, Istanbul, São Paulo, Sydney, in Shanghai und all den anderen Orten, die regelmäßig Gegenwartskunst zeigen. Was aber, wenn plötzlich Moskau die neue Lieblingsadresse der Szene würde und Kassel in Vergessenheit geriete? Der Druck wächst.

Noch gilt die mehr als 50 Jahre alte Documenta als der seriöseste, die mehr als 100 Jahre alte Biennale von Venedig als der sonnigste Pflichttermin. Die Skulptur-Projekte in Münster, vor 30 Jahren gegründet, sind ein selbstbewusstes Nischenprodukt.

An der Messe in Basel, diesem Einkaufsevent, kommt keiner vorbei - auch diese drei Veranstalter nicht. Also kooperiert man. Auf einer gemeinsamen Homepage können Unterkünfte oder Transfers gebucht werden. Das Angebot sei sinnvoll, sagt Kasper König. "Städte wie Kassel oder Münster liegen obskur, jedenfalls für Gäste aus Amerika oder Südostasien."

Die Fragen des Sommers lauten auch: Was erwartet das Publikum? Und, genauso spannend: Auf welches Publikum müssen sich die Veranstalter gefasst machen?

Auf ein geteiltes. Die einen Besucher, die Wissbegierigen, erhoffen sich einen

Wegweiser durch die Verschlingungen der Gegenwartskunst, einen Kanon dessen, was zählt. Im Grunde erwarten sie bei ihren kulturellen Pilgerfahrten ein Erweckungserlebnis. Sie bilden die Mehrheit, viele hunderttausend.

Die anderen, ein paar hundert, sind die Leute mit dem Entdeckertrieb und den VIP-Pässen, begehrte Gäste, die sich meistens nur an den Eröffnungstagen blicken lassen. Von ihnen, von der VIP-Dichte, hängt der Ruf jeder Veranstaltung ab. Für sie stehen schon einmal Sonderzüge bereit, die sie von einer Vernissage zur nächsten, von Kassel nach Münster bringen. Mit ihnen verbindet man Einfluss oder Kaufkraft oder beides.

Zu dieser zweiten Gruppe gehören die Direktoren, Kuratoren und Mäzene der großen Museen. Dazu zählen aber auch die Kunden von Lisa Schiff. Die New Yorkerin ist Art Consultant, eine Beraterin in Sachen Kunst, und sie begleitet im Juni ein paar Sammler nach Europa. Der Trip führt nach Venedig, Kassel und Münster - Hauptattraktion sei aber die Messe in Basel. Ihre Kunden, verrät Schiff, kämen "weniger zum Gucken, mehr zum Kaufen".

Schiff verabredet für ihre Schützlinge Dinner mit den Wichtigen der Szene und gestaltet alles möglichst stressfrei, "weil das für meine Sammler auch ein Urlaub ist".

Das New Yorker Ehepaar Susan und Michael Hort besitzt bereits mehrere tausend Arbeiten und fliegt dennoch nach Europa - "wir sind auf der Suche nach neuen Künstlern, die wir noch nicht kennen".

Für die Ausstellungschefs stellt dieser Sommer daher die Herausforderung ihres Lebens dar. Alle suchen nach dem für sie richtigen Verhältnis von Unterhaltung und Tiefsinn, ein Balanceakt, der wohl für das Jahr 2007 charakteristisch sein wird. Sie werden, im Kampf um die Aufmerksamkeit, Erwartungen erfüllen und zugleich Traditionen brechen.

Venedig steht mit seinem Wettbewerb der Nationen und den ergänzenden Überblicksschauen für fröhliches Durcheinander. Hauptaustragungsort sind die Giardini, die Gärten am Wasser. Vergangene Woche wucherte auf dem Gelände noch Unkraut, der US-Pavillon war verbarrikadiert, in anderen wird hart gearbeitet.

Viele Länder lassen sich dieses Mal im Kampf um den ersten Preis von Künstlern repräsentieren, die eine ansehnliche Karriere vorweisen können. Frankreich tritt mit Sophie Calle an, die bekannt ist für listige Konzeptkunst (und die den landeseigenen Pavillon gerade ummauern lässt). Österreich wird vom Maler Herbert Brandl vertreten, England von der Skandal-Ikone Tracey Emin. Titel ihrer venezianischen Darbietung: "Sleeping with You". Deutschland konkurriert mit der eigenwilligen Bildhauerin Isa Genzken und ihrem Projekt "Oil". Der Pavillon ist bereits - als Teil der Kunst - eingerüstet und mit einem roten Netz verhüllt. Noch sieht das rätselhaft aus.

Die Sponsoren, von Deutscher Bank bis Chanel, nutzen Venedig für PR-Auftritte. Ansonsten wird gerade der Biennale eine heimliche, aber osmotische Nähe zum Kunstmarkt nachgesagt. Und die lässt sich immer schwerer wegretuschieren. Galeristen verstehen das Giardini-Areal als Showroom.

Weil zu viel neopostmoderne Lockerheit auch wieder rufschädigend ist, reserviert der neue Biennale-Leiter Robert Storr Platz für die Benachteiligten. Der Amerikaner plant unter anderem eine Sonderschau zur oft vernachlässigten Kunst aus Afrika. Nur macht er sich keine allzu großen Umstände und lässt die Kollektion eines angolanischen Sammlers anliefern, schlüsselfertig sozusagen.

In Kassel dagegen galt der weltpolitische Ansatz, die weltkritische Untermalung und Theorielast, lange als oberstes Dogma. 2002 war etwa der Postkolonialismus das beherrschende Thema.

Buergel aber wagt einen Seitenhieb auf seine Vorgänger und betont, für seine zwölfte Documenta müssten die Besucher nicht bereits ein Soziologiestudium absolviert haben, damit sie die Kunst auch verstünden. Verkehrte Welt? Ganz sicher ist Buergel ein Symbol dafür, dass man eine gewisse Abkehr vom Berechenbaren wagt. Der Kunstboss versteht sich als Mann fürs Feinsinnige; er wünsche sich, sagt er, dass sich eine neue Boheme etabliert. Boheme: Das ist Aufruhr, Provokation und gesittete Muße zugleich.

Schon Buergels Berufung nach Kassel 2003 verblüffte. Die wenigsten kannten den Namen des freien, in Wien ansässigen Kurators. Dann ernannte er seine Ehefrau Ruth Noack zur Mitkuratorin: Ein solches Ehegatten-Arbeitssplitting hatte es auf der Documenta noch nie gegeben.

Er hat einiges verändert, auch Details wie die (nun grüne) Farbe einiger Wände. Zusätzlich zu den üblichen Quartieren, wie dem Museum Fridericianum, ließ er Pavillons in der Anmutung von Gewächshäusern aufstellen. Vor allem präsentiert er nicht ausschließlich Gegenwartskunst, sondern auch eine eigene Geschichte der Kunst; das älteste Exponat stammt aus dem 14. Jahrhundert. Die Besucher können über eine ausgestopfte Giraffe aus Palästina rätseln, die der Wiener Künstler Peter Friedl entdeckt hat. Sie dürfen gespannt sein auf den Beitrag des katalanischen Starkochs Ferran Adrià, der sich mit Picasso vergleicht. Ob das Publikum mal kosten darf? Abwarten.

Den teuersten Auftritt verursacht der Chinese Ai Weiwei. Er will 1001 seiner Landsleute in die Stadt bringen, was 3,1 Millionen Euro kostet. Zwei Schweizer Stiftungen und eine Galerie aus Luzern bezahlen die Rechnung. Ihr Refinanzierungsplan sieht so aus: Fotos und Videos der Aktion sollen fix in den Verkauf gelangen.

Überhaupt das Geld, die Nähe zum Markt und zu eigensinnigen Mäzenen: Es ist überall ein Thema. Der Kernetat der Documenta liegt bei 19 Millionen Euro, doch werden viele weitere Millionen benötigt. Noch jetzt, kurz vor dem Start, hofft man auf zusätzliche private Geldgeber. Sammlerin Francesca von Habsburg finanziert immerhin gleich zwei Arbeiten.

Einige Teilnehmer haben Documenta-Erfahrung. Der Ire James Coleman wird zum vierten Mal in Folge dabei sein. Viele Künstler, wie die junge Tschechin Katerina Sedá, sind erstmals vertreten. Zurzeit arbeitet Sedá an ihrem Documenta-Werk, einem Film, den sie in einer alten Textilfabrik dreht. Die steht als Symbol für die Relikte des Kommunismus in ihrem Land.

Da ist sie doch wieder, die inhaltliche Schwere. Und sie wird am Ende wohl beherrschend bleiben. Zum Glück. Wer nach Kassel (oder Münster) fährt, will nicht das Gefühl haben, tatsächlich auf einer Verkaufsschau gelandet zu sein.

Es geht auf der Documenta um den Widerstand gegen die zunehmende Harmlosigkeit in der Kunst. ULRIKE KNÖFEL

DER SPIEGEL 20/2007
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