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Rückwärts in die Moderne

Nahaufnahme: Wie Christoph Lieben-Seutter versucht, Hamburg mit der Elbphilharmonie zur Klassik-Metropole zu machen Von Kronsbein, Joachim

Noch haust er in einem Mietbüro über einem Hamburger Geschäft für Babyausstattung. Kinderwagen, Strampler, Schnuller und Krabbeldecken sind im Angebot. Der Blick aus dem Fenster geht auf einen maroden Altbau.

Johannes Brahms, Hamburgs größter Komponist, wurde hier in diesem Innenstadtviertel in der Nähe des Gänsemarkts geboren. Das Geburtshaus steht nicht mehr. In Hamburg ist die Abrissquote hoch.

Christoph Lieben-Seutter, ein schlaksiger Mann mit Hornbrille, sitzt ein paar Etagen über dem Baby-Geschäft an seinem großen Schreibtisch und entwirft Strategien, mit denen er den spektakulärsten Neubau, den sich die Stadt seit Jahrzehnten leistet, vermarkten will - Konzepte und Pläne für die futuristische Elbphilharmonie in der Hafencity. Sie ist ein Kulturklotz von modernistischer Schönheit und mit rückwärtsgewandtem Programm: Sie soll Europas aufregendste Arena für klassische Musik werden.

Der Entwurf der Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron wirkt wie ein transparent schimmerndes schneeiges Gebirge, das im Sommer 2010 bezugsfertig auf einem alten Kaispeicher am Hafen thronen wird. Schon jetzt gilt der Bau - er kostet mindestens 240 Millionen Euro - als Hamburgs neues Wahrzeichen. Die meisten freuen sich freilich mehr auf die Aussicht von der zentralen Plaza auf den Schiffsverkehr im Hafen als auf die Musik.

Der japanische Akustiker Yasuhisa Toyota tüftelt derweil an einem großen Modell des Saals am idealen Klangbild für die Philharmonie. 2150 Plätze hat der große Saal und noch einmal 550 der kleine. Die Carnegie Hall in New York fasst 2800 Besucher, der Goldene Saal im Wiener Musikverein 1744. Mit dem Tag der Eröffnung der neuen Philharmonie steigt Hamburg, bislang nicht gerade ein Dorado der Klassik, in eine neue Liga auf. Die Stadt will partout eine Musikmetropole sein, wenigstens was das Platzangebot betrifft.

Mit einem Schlag wird sich in gut zwei Jahren die Zahl der Plätze verdoppeln, die Hamburg für klassische Konzerte anbietet. Denn die bisherige, altmodischgemütliche Konzerthalle vom Anfang des 20. Jahrhunderts, nach der Stifterfamilie Laeiszhalle genannt, fasst mit ihren zwei Sälen schon jetzt ungefähr ebenso viele Besucher wie dann die Elbphilharmonie.

Lieben-Seutter, 43, der in seiner Heimatstadt Wien elf Jahre lang sehr erfolgreich das Konzerthaus gemanagt hat, ist seit dem 1. September Generalintendant in Hamburg. Von 2010 an muss er beide Hallen füllen. Nach seinen Vorstellungen könnte die Laeiszhalle eher die Moderne und den Jazz aufnehmen, die Elbphilharmonie wäre dann für Bach, Beethoven, Mozart und Mahler zuständig.

Dumm nur, dass die Zahl der Besucher klassischer Konzerte seit Jahren nahezu stagniert. Die Abonnenten werden sogar von Jahr zu Jahr weniger. In Hamburg spielen schon heute selbst Weltstars vor etlichen leeren Plätzen.

"Im ersten Jahr wird es leicht", sagt Lieben-Seutter, "da wollen natürlich alle in den neuen Saal." Aber dann? Der Intendant setzt auf das schlummernde Sozialprestige der Kultur: "Ich will, dass es wieder schick wird, ein Abo zu haben." Irgendwie hört sich das an, als wolle er die Klassik sexy machen.

Lieben-Seutter geht das Projekt Elbphilharmonie systematisch an. Er will wis-

sen, wer sein Publikum ist. Menschen, die im Internet Karten kaufen, sollen erfasst werden. Per Newsletter und Werbeaktionen werden ihnen Konzerte angeboten, die ihren Geschmack treffen. Wer einmal in die Fänge der Marketingabteilung gerät, soll für die Veranstalter ein immer präziseres Profil bekommen. Und als Kunde möglichst lange dabeibleiben.

Internationaler Glamour soll helfen. Bedeutende Orchester, etwa die Philharmoniker aus New York, die bislang nur für ein Tourneekonzert Station machen, will Lieben-Seutter überzeugen, gleich für mehrere Abende mit unterschiedlichen Programmen zu bleiben.

Ein teurer Spaß, aber der Intendant bekommt im Jahr auch 2,8 Millionen Euro Subventionen von der Stadt, kassiert von anderen Nutzern satte Saalmieten und hofft auf 800 000 Euro Kapitalertrag aus einer Stiftung. Die örtlichen privaten Konzertveranstalter schäumen, sie halten das für Wettbewerbsverzerrung. Lieben-Seutter glaubt, "dass letztlich aber alle davon profitieren, wenn wir das Klima für die Klassik in dieser Stadt verbessern".

Dazu reaktiviert er Konzepte, die schon längst in London, Berlin und New York, aber auch in Weimar, Meiningen oder Köln praktiziert werden. Er will etwa "artists in residence" gewinnen, Künstler also, die sich mehrmals im Jahr in einer eigenen Konzertreihe vorstellen. Es soll Einführungsveranstaltungen für schwierige Programme und Nachwuchsarbeit geben sowie Vorkonzerte von Jugendorchestern.

In Wien, einer Stadt mit jahrhundertealter Musiktradition, musste Lieben-Seutter nur geschickt bündeln, was schon da war, in Hamburg ist er Missionar.

An den Dinner-Tafeln der diskreten hanseatischen Gesellschaft scheint die Pionierarbeit jedenfalls zu gelingen. Da, so erzählt Lieben-Seutter, könne es passieren, dass nach dem Essen "ein Bankier schon mal 500 000 Euro" für die Stiftung der Elbphilharmonie lockermacht. Und nur eine Bedingung hat: "Aber nennen Sie bitte nicht meinen Namen." JOACHIM KRONSBEIN

* In dem Modell des großen Konzertsaals der Elbphilharmonie.

DER SPIEGEL 50/2007
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