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DER SPIEGEL

INVESTORENMärchenhafter Reichtum

Mit den Milliarden aus dem Rohstoffgeschäft drängen russische Unternehmen auf den deutschen Markt. Sie kaufen Beteiligungen an Kosmetikfirmen, Modehäusern, Touristikkonzernen oder, wie zuletzt, an Ostseewerften. Was wollen die Investoren: bloß Rendite oder politischen Einfluss?
Mit allem hatte Harald Ruschel, Betriebsrat bei der Aker-Werft in Rostock-Warnemünde, gerechnet: mit Pfiffen, mit Tränen, mit Buhrufen. Nur nicht damit, dass die 450 Arbeiter der Frühschicht, die sich am vergangenen Mittwoch in einer Werkhalle eingefunden hatten, applaudieren würden, als der Werften-Chef Tom Einertsen zu ihnen sprach. Bei solch einer Nachricht.
Einertsen teilte der Belegschaft mit, dass die norwegische Aker Yards die Mehrheit an den Werften in Warnemünde und Wismar an russische Investoren verkauft habe, an einen Fonds namens FLC West. Bei Personal, Gehalt und Sozialleistungen werde es aber keine Abstriche geben, so der Werften-Boss, das hätten die neuen Herren aus Moskau versprochen.
"Man glaubt fast gar nicht, dass es so gut ablaufen soll", kommentiert der Betriebsrat Ruschel die Erleichterung unter den Kollegen. Sie haben seit der Wende schon so viele Eigentümer gesehen, so oft wurden ihre Erwartungen enttäuscht.
Diesmal aber können die Arbeiter einigermaßen gelassen in die Zukunft schauen. Die Auftragsbücher sind auf Jahre prall gefüllt, in drei Schichten wird hier rund um die Uhr geschweißt, gebohrt, gehämmert. Im Dock sind sie gerade dabei, das Heck eines Frachters mit Aufbauten zu bestücken. Sind Mittelschiff und Bug montiert, wird ein Objekt von 170 Metern Länge entstehen, das 1700 Container fasst. Um solche Transporter für die globalisierte Welt reißen sich die Reeder.
So begehrt sind die Schiffe, dass sich die russischen Investoren nicht mehr damit begnügen, bloß ein paar davon zu kaufen - sie wollen gleich die ganze Werft. Rund 292 Millionen Euro sind ihnen die beiden Standorte in Warnemünde und Wismar wert, ein stolzer Preis. Aber sie haben es ja.
Seit Monaten sind Russen in Deutschland unterwegs und kaufen sich in Unternehmen ein. Die Investoren nehmen fast jede Branche ins Visier: Sie beteiligen sich an Kosmetikfirmen und Modehäusern, an Baubetrieben und Touristikkonzernen. Das russische Finanzinstitut Sberbank soll sich kürzlich sogar Teile der zum Verkauf stehenden Dresdner Bank angeschaut haben. Der Werften-Deal ist nur das jüngste Beispiel für die Einkaufstour, die sie quer durch die deutsche Unternehmenslandschaft führt. Zu Hause finden sie kaum lohnende Objekte. Also drängen sie ins Ausland, gern auch nach Deutschland. Der Rubel rollt - gen Westen.
Die Zahl der Fälle, in denen russische Unternehmen bei ausländischen Firmen eingestiegen sind, ist seit 2001 erheblich gestiegen. Damals lag das Beteiligungsvolumen noch bei 500 Millionen Dollar. Im vergangenen Jahr dürfte es auf etwa 24 Milliarden Dollar angestiegen sein.
Zwar investieren noch immer deutsche Firmen mehr in Russland als russische Unternehmen in Deutschland: Fahrzeughersteller wie Volkswagen oder BMW bauen Produktionsstätten in Kaluga und Kaliningrad auf, um vom boomenden Automarkt zu profitieren. Doch schon bald dürfte sich der Investitionsstrom wenn schon nicht umkehren so zumindest doch ausgleichen. Das allein hätte vor kurzem noch kaum jemand für möglich gehalten.
Russland - das war das chronisch verschuldete Riesenreich, geplagt von einer schwindsüchtigen Währung: mehr Dritte-Welt-Land als Industrienation, stets abhängig von den Krediten und Bürgschaften des Westens. Diese Zeit scheint eine gefühlte Ewigkeit her zu sein.
Heute präsentiert sich das Land als globale Wirtschaftsmacht, es strotzt vor Dynamik und Kapitalkraft, seine Unternehmensführer sind geschäftstüchtig, selbstbewusst, vor allem: Sie sind wohlhabend. Denn sie besitzen, wonach der Rest der Welt giert und wofür er teuer bezahlt.
Kein anderes Land profitiert so vom Höhenflug an den Rohstoffmärkten: Russland ist die Nummer eins unter den Erdgasexporteuren, neben Saudi-Arabien steht es an der Spitze der weltgrößten Ölförderer. Im Geschäft mit Industriemetallen, mit Stahl oder Nickel, sind gewaltige Konglomerate entstanden, mit märchenhaft reichen Oligarchen an der Spitze.
Inzwischen verfügt Moskau mit seinem Stabilitätsfonds und den dritthöchsten Devisenreserven der Welt über rund 420 Milliarden Euro. Der Staatshaushalt weist seit Jahren Überschüsse auf. "Das Geld ist da, und irgendwo müssen sie es ja anlegen", bemerkt Hans-Henning Schröder, Russlandexperte der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, lakonisch. Mit diesem Luxusproblem haben derzeit viele Nationen zu kämpfen.
Einstmals arme Staaten wie China, Indien oder eben Russland transferieren Milliardensummen in die Industrieländer, unbeirrt von der globalen Kreditkrise. Gewaltige Geldströme fließen durch die Welt, auf der Suche nach Anlagechancen. Längst bieten Investmentbanken der neureichen Kundschaft ihre Vermittlungsdienste an, sie bauen ihre Filialen in Moskau oder St. Petersburg aus und fahnden weltweit nach Einstiegskandidaten für die Herren mit den tiefen Taschen. Und dabei werden sie immer öfter auch in Deutschland fündig.
Den Anfang machte der Kosmetikhersteller Kalina aus Jekaterinenburg: Vor drei Jahren übernahmen die Russen die Mehrheit am angeschlagenen Eislinger Körperpflegespezialisten Dr. Scheller Cosmetics. Von da an ging es Schlag auf Schlag. Die Akquisitionswelle erfasst Objekte jeder Größenordnung.
Sie reicht vom geplanten Kauf eines kleinen Flugplatzes in Strausberg für 4,6 Millionen Euro durch Moskauer Investoren über den Einstieg des Geschäftsmanns Andrej Melnischenko beim Kasseler Düngemittelkonzern K+S bis hin zur Zehn-Prozent-Beteiligung des Aluminiumkönigs Oleg Deripaska beim Essener Baukonzern Hochtief.
Sogar in Dax-Konzerne ist bereits eine Menge Geld geflossen. Im November erst kaufte sich der russische Stahlindustrielle Alexej Mordaschow bei TUI ein, inzwischen nimmt er mit seinen fünf Prozent am Touristikriesen spürbar Einfluss auf die Firmenstrategie: Mordaschow unterstützt die Abspaltung der Schiffstochter Hapag-Lloyd und die Konzentration auf das Reisegeschäft.
Auch sein Kollege Rustam Axjonenko, Großaktionär bei Escada, ist alles andere als ein stiller Gesellschafter. Fast 27 Prozent gehören ihm am Modekonzern, er sitzt im Aufsichtsrat. Axjonenko war maßgeblich am Rauswurf des alten Vorstandsvorsitzenden Frank Rheinboldt beteiligt und an der Installierung des Nachfolgers. Jetzt ringt er mit Apax, einem potentiellen weiteren Großinvestor, darum, welchen Kurs der Münchner Edelschneider einschlagen soll.
In beiden Fällen, bei Escada wie bei TUI, verfolgen die Akquisiteure das klassische Beuteschema: Sie beteiligen sich an renommierten, aber leicht lädierten Konzernen, krempeln sie um und hoffen, dass es sich auszahlt. Mit anderen Worten: Sie wollen Rendite sehen. Anders verhält es sich im Fall der Ostseewerften.
Hier geht es den Investoren vor allem um den Erwerb von Know-how. Der Investor FLC West will in Warnemünde und Wismar Spezialschiffe für die Öl- und Gasförderung in der Arktis bauen lassen. Auf dem Werksgelände lässt sich besichtigen, was die Russen so begeistert.
Dort steht ein weißer Schiffsturm mit Kommandobrücke. Seine Besonderheit: Er gewährt gleichermaßen Ausblick auf Bug und Heck. Später wird der Turm auf einem Frachter thronen, der Eisbrecherqualitäten besitzt: Bleibt er in den Schollen stecken, kann der Kapitän zurücksetzen, wenden und mit dem verstärkten Heck die Eiswand durchbrechen - ein Spezialschiff, wie gemacht für das Polarmeer. Und tatsächlich: Aker hat es für den russischen Rohstoffriesen Norilsk Nickel entwickelt.
Für solche aufwendigen Wunderwerke fehlt es den russischen Werften an Expertise. "Russland hat keine fähige Werftenindustrie", sagt Einar Brønlund, Geschäftsführer von Aker Yards in Deutschland, die Unterschiede im Wissensstand seien groß. So wird das Hochtechnologieland Deutschland gleichsam zur verlängerten Werkbank für das reiche Russland.
Damit gewinnt das Geschäft auch eine politische Dimension. Hinter den drei Buchstaben FLC, der Abkürzung für "Finanz-Leasing-Unternehmen", verbirgt sich der russische Staat. Die Firma, zu 43,7 Prozent in Landesbesitz und zu 40,6 Prozent Eigentum der Staatsholding OAK (Vereinigte Flugzeugbau-Gesellschaft), wurde vor zwei Jahren von Präsident Putin gegründet. Mit ihr erhoffte er Anschluss an die Weltliga von Airbus und Boeing zu gewinnen. Das ist bislang nicht geglückt.
OAK habe sich schon früher nicht richtig um die Serienproduktion von Flugzeugen gekümmert, sagt der Bankier und Luftfahrtindustrielle Alexander Lebedew: "Jetzt kaufen sie auch noch Werften", wundert er sich. Und die Wirtschaftszeitung "RBK Daily" spottet: "Schiffe lernen fliegen."
Doch Moskau lässt solche Kritik unbeeindruckt. Die Gelegenheit zum Einstieg in den Schiffbau schien offensichtlich so günstig, dass man kurzerhand das Geschäftsfeld von OAK erweiterte. Dabei dient der Finanzableger FLC dem Staat als Portemonnaie, um Auslandskäufe in strategisch wichtigen Sektoren zu finanzieren.
Schon vor einiger Zeit hatte Putin die Losung "Go West" ausgegeben. "Wir kommen nicht mit Kalaschnikows, sondern mit Geld", flachste er bereits vor zwei Jahren während eines Deutschlandbesuchs. Sein Nachfolger Dmitrij Medwedew, der im Mai sein Amt antritt, will diesen Kurs fortsetzen. Das hat er bereits angekündigt.
Für Medwedew gilt es als "Pflicht des Staates", russische Unternehmen "im globalen Konkurrenzkampf zu unterstützen, insbesondere im Bereich der Hochtechnologie und Energie". Das populäre Internet-Portal KM brachte es auf den Punkt: "Medwedew ruft dazu auf, den Westen zu kaufen."
Solche Ambitionen sind vielen unheimlich. Auch in Deutschland existiert ein diffuses Unbehagen gegenüber den Geldgebern aus dem Osten. Genährt wird es von der zweifelhaften Art und Weise, in der viele Oligarchen in den neunziger Jahren zu ihrem Vermögen gekommen sind. Noch immer gilt Russland als einer der korruptesten Staaten der Welt, es liegt unter 179 Ländern, die Transparency International auflistet, auf dem 143. Platz. Die Furcht ist groß, dass Moskau die Beteiligungen missbrauchen könnte, um politische Interessen durchzusetzen.
Dass der Kreml nicht zimperlich ist, hat er oft genug bewiesen, etwa als der staatsnahe Energieriese Gasprom der Ukraine und Weißrussland den Gashahn zudrehte und halb Mitteleuropa in Mitleidenschaft geriet. Oder als unlängst der russische Geheimdienst unter fadenscheinigen Gründen in der Zentrale der Ölgesellschaft BP-TNK eine Razzia durchführte und 148 Mitarbeiter wegen angeblicher Visaprobleme das Land verlassen mussten.
Wenn es um den Schlüsselsektor Energie geht, kennt Moskau kein Pardon und lässt sich allein von nationalen Erwägungen leiten. Andererseits: In diesem Punkt verliert auch die deutsche Bundesregierung ihre Weltoffenheit.
Mit der aktuellen Novellierung des Außenwirtschaftsgesetzes will Berlin ausländischen Investoren den Zugang zu strategisch sensiblen Industrien erschweren. In erster Linie sollen damit Energiekonzerne wie E.on oder RWE vor fremdem Einfluss geschützt werden. Bloß: Wo beginnt der sensible Bereich? Könnte vielleicht schon die Werftindustrie strategische Bedeutung besitzen? Und gelten nur Staatsfonds als verdächtig oder auch private Investoren?
Es sind heikle Fragen, die das russische Engagement in Deutschland aufwirft - und der Warnemünder Deal wird gewiss nicht das letzte transeurasische Geschäft gewesen sein. Die Finanzkrise drückt den Wert westlicher Konzerne, einige sind zu Schnäppchenpreisen zu haben. Die hohen Rohstoffpreise wiederum garantieren den russischen Firmen den Kapitalfluss, um solche Beteiligungen zu finanzieren.
Der schwedische Wirtschaftswissenschaftler Anders Åslund, einer der Vordenker der Wirtschaftsreformen der neunziger Jahre in Russland, ist jedenfalls überzeugt, dass die Akquisitionswelle nun überhaupt erst in Schwung kommen wird. "Die russische Regierung und russische Unternehmer", so seine Prognose, "werden im großen Stil westliche Unternehmen aufkaufen." ALEXANDER JUNG,
MATTHIAS SCHEPP, BENJAMIN TRIEBE
Von Alexander Jung, Matthias Schepp und Benjamin Triebe

DER SPIEGEL 14/2008
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