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FILM

Showdown in der 9a

Das Doku-Kino entdeckt die Schule: Wie Hauptschüler um ihre letzte Chance ringen, erzählen neue Filme wie "Klassenkampf" engagiert und ohne falsches Pathos. Von Festenberg, Nikolaus von

Cowboys sehen auf der Leinwand gefährlicher aus als Fahri, 16, in der Wirklichkeit. Matt, müde und lustlos hängt der Junge im Schulgestühl, dem Feind blickt er nicht ins Auge, und cool klingt sein Gestammel wirklich nicht.

Dennoch erinnert die Stimmung in Fahris Klasse, der 9a an der Wittelsbacher Hauptschule in München, an klassische Western, vielleicht an "High Noon" - es ist ein verbissenes Warten auf den Showdown, die Atmosphäre angeheizt durch die Ahnung drohender Gefahr.

Die jugendlichen Cowboys ahnen, dass sie vor ihrer letzten Chance stehen: Entweder schaffen sie den qualifizierenden Hauptschulabschluss, finden eine Lehrstelle und den Weg in eine gesicherte Zukunft. Oder ihnen drohen der soziale Untergang, Hartz IV und ein Leben ohne Stolz. Gary Cooper hatte immerhin schon ein halbes Leben hinter sich, als er in "High Noon" in die Entscheidungsschlacht zog.

Gerade liefen auf dem Münchner Filmfest zwei außerordentliche Beiträge, die den um alles oder nichts kämpfenden Jugendlichen auf der untersten Stufe der Bildungsleiter ein Gesicht geben. Der Eröffnungsfilm war der diesjährige Cannes-Sieger "Entre les murs", ein Spielfilm von Laurent Cantet, der auf den Erfahrungen eines Lehrers im Elendsmilieu des 20. Pariser Arrondissements beruht und im Herbst ins Kino kommt.

Der zweite Beitrag, "Klassenkampf", stammt von dem deutschen Filmemacher Uli Kick, 50. Im Gegensatz zu "Entre les murs" ist "Klassenkampf" eine reine Dokumentation, und sie kann ihr manchmal begeistertes und manchmal blutendes Herz über das, was da im letzten Hauptschuljahr in München abläuft, zum Glück nicht verbergen.

Beide Filme verabschieden sich von jener Romantik, mit der das Kino die Desperados des Schulsystems immer gern verklärt hat. Nur allzu leicht wird ja das Thema der süffigen Dramaturgie einer Rettungsoper unterworfen, in Filmen von "Blackboard Jungle" (1955) über "Dangerous Minds" (1996) bis zu "Music of the Heart" (2000) und "Take the Lead" (2006). Pädagogik erscheint bei solcher ästhetischen Behandlung nicht als mühsamer, unendlich langsamer Prozess, sondern wird auf ein Läuterungswunder reduziert - auf den Einschlag einer Erfahrung, den ein heldenhafter Lehrer herbeiführt und der die Schüler aus ihrer aggressiven Dumpfheit erweckt. Denn im Grunde gut, unzerstört und genial sind ja alle jungen Menschen, so lautet die Ideologie solcher Filme.

Mal reicht wie in "Freedom Writers" (2007) die von der Lehrerin angebotene Lektüre des "Tagebuchs" von Anne Frank, schon spuren die Rangen auf moralisch einwandfreien Gleisen; mal exerziert Arnold Schwarzenegger als "Kindergarten Cop" (1991) frühmilitärisch durchs Gelände, und die mutlosen Kleinen sind auf Zack gebracht, womöglich für ihr ganzes Leben.

Ganz ohne diese Wohlfühldramaturgie, dafür mit großer Geduld beschreiben immer mehr Fernseh- und Kinofilme, wie der schulische Alltag in den Brennpunktvierteln, Slums oder Banlieues europäischer Großstädte wirklich aussieht.

Die SPIEGEL TV-Reporterinnen Amai Haukamp und Kathrin Sänger etwa zeigten 2006 in "S.O.S. Schule - Hilferuf aus dem Klassenzimmer", ihrer aufrüttelnden sechsteiligen Reihe für das ZDF, den Sisyphuskampf um disziplinäre Mindeststandards an der Charlottenburger Pommernschule: darum etwa, dass Schüler so gnädig sind, überhaupt zum Unterricht zu erscheinen, und ihn nicht, wenn es ihnen gerade passt, zu verlassen. Darum, dass sie den Lehrer zur Kenntnis nehmen, dass sie drinnen die Mütze vom Kopf nehmen und die Windjacke ausziehen, weil in einem Durchreise-Outfit immer auch ein Ausdruck der Nichtachtung steckt.

In "S.O.S. Schule" schienen sich manche Schüler in der Rolle des Bürgerschrecks zu gefallen. Es war die Zeit der Vorgänge um die Berliner Rütli-Schule, als Lehrer vor der Gewalt kapitulierten.

Kicks neuer Film "Klassenkampf" hält dagegen Abstand zu allem Alarmismus beim Thema Jugendgewalt und Schulverzweiflung. Ein Jahr hat der Dokumentarist an seinem Film gearbeitet. Nach eingehenden Recherchen entschied er sich für die Klasse 9a an der Wittelsbacher Hauptschule, weil ihm hier noch die Erwartung der Jugendlichen, dass vor einer Kamera immer eine fette Selbstdarstellungsshow à la "Big Brother" herauszukommen hat, überwindbar schien.

"Die Kamera hatten die Schüler schnell vergessen", erinnert sich Kick. Man sieht es. Sie haben gemerkt, dass es etwas Größeres gibt als "Big Brother". Freude, Schwächen, Aggression, Weinen - alles erscheint ungefiltert. Erziehung ist zäh, ein ständiges Wiederholen der immer gleichen Ermahnungen und ein permanentes Überschreiten der Regeln. Zu spät kommen, Material vergessen, Kappe auf dem Kopf lassen, ein Schläfchen halten, eigentlich geht es für die Schüler um alles, aber sie sind Meister der coolen Fassade.

Die Wittelsbacher Schule, so wie sie der Film zeigt, ist eine ganz normale Restschule, ohne Schülermonster und größere Krawalle, aber doch ein illusionsloser Ort, in dem die Aussichtslosigkeit in jedem Raum hängt. Im Karzer zum Beispiel, der hier euphemistisch Trainingsraum heißt, einem Strafort für störende Schüler, in dem die Delinquenten - von einer Lehrkraft bewacht - zu ihren Verfehlungen schriftlich Stellung nehmen müssen.

Man merkt, die Restschul-Cowboys sind empfindlich und verletzlich. Einsicht ist das knappste Gut, nur selten kann ein Lehrer diese erwecken. Die Jugendlichen können wenig zugeben, dazu sind sie zu unsicher. Wir lernen den albanischen Jungen Fahri näher kennen, der täglich für seinen blinden Vater kochen muss. Wir hören von einem Mädchen, das sich für die krebskranke Mutter um den Bruder kümmert. Wir schütteln den Kopf über die Unbedarftheit einer Schülerin, die Kosmetikerin werden will und im Bewerbungstraining nichts über ihre Noten zu sagen weiß.

Dann aber deutet der Film eine Erklärung an: Die Eltern der Schülerin arbeiten den ganzen Tag. Die vereinsamte Tochter schminkt sich gern und hält das in ihrer kindlichen Naivität für ausreichend, um einen Arbeitgeber dazu zu bewegen, ihr eine Lehrstelle zu geben. Wozu braucht es Noten?

Wenn der Hausmeister einen notorischen Schulschwänzer zu Hause aus dem Bett klingelt, hört man aus dem Inneren der Wohnung einen verschlafenen Gruß - dass Eltern und Schule gemeinsam an einem Strang zur Einhaltung von Grundregeln ziehen, erweist sich oft als frommer Wunsch.

Und doch bleibt die Klassenlehrerin unermüdlich. Im Dienst ergraut, mahnt sie und kämpft, verzweifelt manchmal und gibt doch nicht auf, wie ein Sheriff, der sein kleines Reich nicht der Gesetzlosigkeit überlassen will.

An Helden fehlt es im Bildungswestern gewiss nicht.

Am Ende von 97 Minuten "Klassenkampf" sitzen die matten Cowboys zusammen und ziehen Bilanz.

Die "glorreichen Sieben", na klar, haben es besser gemacht, perfekt wie man eben ist, wenn man aus Hollywood stammt. Die 25 Wittelsbacher Schüler sind aber auch nicht ganz ohne: 20 von ihnen haben den qualifizierenden Hauptschulabschluss geschafft. Manche machen weiter, steuern den Aufstieg in die Realschule an. Sechs Lehrstellen hat die Klasse ergattert. Ein Mädchen musste mehr als 120 Bewerbungen schreiben, dann durfte es das Anstreichen lernen.

Hat Gary Cooper in "High Noon" wirklich mehr erreicht?

NIKOLAUS VON FESTENBERG

DER SPIEGEL 27/2008
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