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DER SPIEGEL

ZEITGESCHICHTE„Hinsinken mit blasser Stirne“

Am 31. Juli 1914, am Vorabend des Ersten Weltkriegs, schrieb in Frankreich der Schriftsteller André Gide ahnungsvoll in sein Tagebuch: "Man macht sich bereit, in einen langen Tunnel voll Finsternis und Blut einzutreten." Am selben Tag notierte sich in Deutschland sein Kollege Gerhart Hauptmann: "Das wohlbekannte ,Zeitalter' ist nicht mehr: Nichts von allem ist noch, was als fest und unumstößlich gegolten." Das alles scheint weit weg zu sein, und doch war der Erste Weltkrieg das erste "maschinelle Massenschlachten" (Walter Kempowski): ein moderner Krieg, in dem geballt neue Technik, Geräte und Maschinen eingesetzt wurden - Funk und Telefon, Panzer, Autos und Flugzeuge. Und Fotoapparate. Auf deutscher wie auf französischer Seite entstanden die ersten farbigen Kriegsfotos. Diese verblüffenden Aufnahmen sind nun in der Ausstellung "Endzeit Europa" im Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum auf Schloss Rheinsberg zu sehen - und parallel in Frankreich. Auszüge aus Briefen und Tagebüchern deutschsprachiger und französischer Künstler und Intellektueller ergänzen die Ausstellung. In ihrer Gegenüberstellung lässt sich die Stimmung zwischen 1914 und 1918 gut nachvollziehen - von anfänglich weitverbreiteter Begeisterung und Aufbruchseuphorie hin zu Resignation und Schrecken. Nachzulesen und zu betrachten ist das alles außerdem in einem opulenten Begleitband ("Endzeit Europa", herausgegeben von Peter Walther, Wallstein-Verlag, 29,90 Euro). Darin sind nur die deutschsprachigen Texte enthalten, die dafür aber ausführlicher als in der Ausstellung. Auf deutscher Seite war es der Stuttgarter Fotograf Hans Hildenbrand (1870 bis 1957), der zerstörte Städte und Szenen im Schützengraben mit Autochrom-Technik festhielt - allerdings musste er der langen Belichtungszeiten wegen die Soldaten zum Ausharren auffordern, bis die Aufnahme im Kasten war. Schon im September 1913 ahnte der junge Bertolt Brecht Schlachten voraus, "in denen Tausende hinsinken mit blasser Stirne". Für Stefan Zweig zeigte sich Ende 1915 "absolute Ermattung auf allen Seiten, Gleichgültigkeit jedes Einzelnen, Erschlaffen des Ideals, der Gemeinsamkeit". Es gebe nur noch ein "Fortbeharren aus Trägheit in der Qual", schrieb er im Tagebuch. Überall aber würde man das Ende scheuen, ein Ende, "das keiner Nation jetzt mehr genügen kann, denn jede Entschädigung ist zu gering für die Opfer".

DER SPIEGEL 46/2008
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