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Ausland

Tod auf der Burg

Global Village: Ein traditioneller böhmischer Industriezweig fällt der Globalisierung zum Opfer. Von Puhl, Jan

Jirí Sifta macht in letzter Zeit immer pünktlich Schluss, so auch heute. Er steht vor der großen Textilfabrik im nordböhmischen Semily und blinzelt in die Abendsonne. Sifta trägt verwaschene Hosen und einen ausgebeulten Anorak, einen in den Farben der späten achtziger Jahre: giftgrüne und violette Streifen auf dunklem Blau. Man kann sicher nicht behaupten, dass er ein Gewinner des Umbruchs von 1989 ist. "Aber besser", sagt Sifta, "ging es uns danach schon."

Der Wind entfaltet die Fahnen vor dem Werkstor. "Hybler Group" steht auf ihnen, und: "Seit 1894". Die langgestreckten Fabrikgebäude stammen noch aus dieser Zeit, alte, schöne Industriearchitektur. In der Nähe plätschert die Iser, das Flüsschen treibt Turbinen an, die Strom liefern für die Webereien und Spinnereien der Umgebung. Nordböhmen war berühmt für seine Textilindustrie.

Das Haupthaus der Hybler-Fabrik in Semily hat fünf Stockwerke, die Leute nennen es "die Burg", weil hier die Direktoren sitzen. In Prag residiert der Präsident ja auch auf einer Burg.

Sifta wird nicht mehr oft hierherkommen. Vor ein paar Tagen hat er seine Kündigung erhalten, wie alle anderen auch: Das Hybler-Werk in Semily wird geschlossen. Es ist das Ende eines 114 Jahre währenden Kapitels und das Ende vieler Hoffnungen hier im Tal.

Im Westen war die Textilindustrie schon vor der Wende tot, nach 1989 wurde der Osten mit seinen niedrigen Löhnen zu Europas Näherei. Inzwischen ist die Karawane der Globalisierung längst weitergezogen: Chinesen und Inder setzen sich für noch weniger Geld an die Maschinen als die Menschen im Isertal.

Sifta hat hier 41 Jahre lang die Technik gewartet: "Ich habe noch gar nicht richtig verstanden, was jetzt passiert", sagt er. Er braucht einen Schnaps, wenn er die letzten Wochen an sich vorbeiziehen lässt und wenn er von seinem Chef erzählt. Denn Milan Mládek ist tot.

Mládek war vor 25 Jahren in die Fabrik gekommen. Er hatte die Textilmittelschule in Jilemnice besucht. So begannen damals viele Karrieren am Fuße des Riesengebirges, der Textilindustrie schien die Zukunft zu gehören. Die Tischtücher und die Bettwäsche aus Semily verkaufte die Tschechoslowakei gegen Devisen in den Westen.

Mládek fing gleich als Meister an, in der Weberei. Mehr als 200 Menschen arbeiteten im Werk, es gehörte damals zum Kolor-Kombinat. Das Wort Arbeitslosigkeit existierte nicht im Isertal, und daran änderte auch die Wende vorerst nichts. Die "samtene Revolution" der Tschechen stellte die alten Grundwahrheiten nicht in Frage, zumindest nicht in Semily.

Doch dann, Anfang der neunziger Jahre, forderten die Nachfahren von Josef Václav Hybler ihr nach dem Krieg enteignetes Werk zurück. Sie setzten die Produktion fort, Mládek wurde Direktor der Weberei, Sifta machte eine Zusatzausbildung als Heizer. Einmal im Jahr traf man sich bei Bier und Spanferkel zur Betriebsfeier im Grünen.

"Mládek war nach wie vor der Chef, das war klar, aber wir waren nach so vielen Jahren so etwas wie Freunde geworden", sagt Sifta. Es war eine sorglose Zeit. Tschechien war bestens aufgestellt für das, was nun begann und in der Sprache der Politiker "Globalisierung" hieß. Es besaß ein gutes Straßen- und Schienennetz, verhältnismäßig moderne Maschinen und vor allem gut ausgebildete, aber billige Arbeiter. Solche wie Mládek und Sifta.

Aber dann kam die Wende doch noch ins Isertal, die Zahl der Angestellten im Werk von Semily nahm plötzlich ab. Zuerst wurden zehn Leute aus der Weberei entlassen, dann schloss die Spinnerei. Für die Geschäftsführung war es nun billiger geworden, Garn in Asien zu kaufen und nach Semily zu bringen.

Tschechien und die Hybler-Group wurden Opfer des eigenen Erfolgs. Die Krone gewann gegenüber dem Euro an Wert, der Westexport von Textilien lohnte sich nicht mehr. Mit dem Boom aber stiegen die Löhne, ein Billiglohnland ist Tschechien schon lange nicht mehr. Zumindest keines, das es mit den Asiaten aufnehmen kann. Chinesische Textilien überschwemmen nun den europäischen Markt.

Mládek sah auch für seine Weberei das Ende kommen. Immer wieder ging er auf die Burg, zur Geschäftsführung, protestierte, schlug Einsparungen vor. Es nutzte nicht viel. "Er wurde immer verschlossener, sprach nur noch, wenn es unbedingt nötig war", erinnert sich Sifta. Mládeks Ehe war schon vorher in die Brüche gegangen.

Am Morgen des 21. September war er wie verändert. Er blieb hie und da stehen, wechselte ein paar freundliche Worte mit den Kollegen, so, als wolle er sich verabschieden. Dann ging er auf die Burg.

Es war schon Mittag, als am Hauptgebäude ein Krankenwagen mit Blaulicht vorfuhr, Sanitäter stürzten die Freitreppe hinauf. Durch ein Fenster der Weberei beobachtete Sifta, wie sie das Haus wenig später wieder verließen, ein Leichenwagen kam. Unter den Angestellten sprach sich die Nachricht sofort herum: Mládek ist tot. Er hatte ein letztes Mal versucht, seinen Betrieb zu retten, sich dann ins Treppenhaus gesetzt, eine Pistole an die Schläfe gesetzt und abgedrückt.

Sifta leert die Neige seines Schnapsglases. In ein paar Tagen ist er arbeitslos. "Hier gibt es keinen Job mehr für einen in meinem Alter, ich weiß also nicht, was kommen wird." Sieben Jahre verbleiben ihm noch bis zur Rente, die Abfindung macht umgerechnet wohl höchstens 2100 Euro aus. "Es wird schon irgendwie gehen", sagt er. Er hat ein Haus mit Garten, in dem baut er Gemüse an.

Von der Weberei wird nicht viel bleiben. Hybler wird die Maschinen demontieren und verkaufen. Wahrscheinlich nach Indien. JAN PUHL

DER SPIEGEL 52/2008
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