ENERGIE
Schwere Schlappe
Energiekosten stellt Stephan Kohler seinen drei Mietern gar nicht erst in Rechnung. "Der Aufwand würde sich nicht lohnen, wir machen das mit einer Pauschalmiete", sagt der Besitzer eines Mehrfamilienhauses in Augsburg. So gut sei seine Immobilie auf Energiesparen getrimmt, "dass es ziemlich wurst ist, ob die Russen das Gas abdrehen oder die Scheichs bald wieder 100 Dollar für das Barrel Erdöl verlangen".
Ginge es nach dem Willen der Regierung, müsste es eigentlich viel mehr Hauseigentümer vom Schlage Kohlers geben. Mehr als vier Milliarden Euro hat die Große Koalition im Zuge ihrer verschiedenen Klima- und Konjunkturpakete für die sogenannte energetische Gebäudesanierung für 2009 bereitgestellt - ein Rekordwert.
Doch bislang hat das viele Geld wenig daran geändert, dass die Deutschen einen Großteil ihrer Heizenergie zum Fenster hinausblasen. Nur wenige Prozent des Gebäudebestands sind bislang saniert. Selbst wenn Runderneuerungen an Häusern anstehen, denken die Besitzer laut Deutscher Energie-Agentur (Dena) nur in der Hälfte der Fälle
daran, auch beim Heizen und Isolieren etwas zu verbessern. Bleibt es dabei, so hat der Fachverband "Haus & Grund" ausgerechnet, würde es 185 Jahre dauern, bis alle Gebäude auf Vordermann gebracht sind.
Die Deutschen verschwenden wertvolle Wärme - und verschärfen damit sowohl das Klimaproblem als auch die Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen. Bis heute hat es die Regierung nicht fertiggebracht, klare Spielregeln für Mieter und Vermieter zu schaffen.
Jetzt rächt sich, dass der Klimaplan der Regierung von Beginn an im Dauerkrach zwischen Umweltminister Sigmar Gabriel und Wirtschaftsressortchef Michael Glos zerredet wurde. Monatelang stritten die beiden Kabinettskollegen über nahezu jedes Detail ihres Förderpakets. Nur um die Frage, wie ihr Programm bundesdeutschen Hausbesitzern nahegebracht werden könnte, kümmerte sich niemand.
Entsprechend mickrig fallen nun die Investitionen deutscher Immobilieneigner aus. Für viele Hausbesitzer hat die Energie-Sanierung keine Priorität, weil sie nicht verpflichtend ist, zu kompliziert erscheint oder der eigene Vorteil nicht eindeutig ist. Viele denken, sie müssten bezahlen, während allein der Mieter von späteren Einsparungen bei den Nebenkosten profitiert.
Zwar weist der Deutsche Mieterbund darauf hin, dass es schon heute möglich sei, elf Prozent der Kosten auf die Kaltmiete umzulegen. Doch die Hausbesitzer-Lobby klagt, dies scheitere meist an rechtlichen Unklarheiten. Bis heute hat es die Regierung nicht vermocht, die Streitfrage zu schlichten.
Genauso unklar ist, wer für den Service externer Dienstleister aufkommen muss. Viele Hausbesitzer würden gern neue Heizkessel anschaffen, wenn sie die Sanierung und den Betrieb in die Hand eines erfahrenen Ingenieur- oder Energieberatungsbüros legen könnten. Will der Immobilieneigentümer die Rechnung aber später seinen Mietern aufdrücken, geht er ein hohes Risiko ein: Sie können dieses sogenannte Contracting per Einspruch verhindern.
Geklärt werden müsste auch, ob Umbauten am Dach oder an der Fassade den Mieter weiterhin berechtigen, seine Zahlungen zu kürzen. Auch das schreckt viele Eigentümer ab, die Sanierung anzupacken.
Am stärksten demotiviert wohl, dass es nur für Neubauten scharfe gesetzliche Vorgaben gibt, für Altbauten aber nur lasche Mindeststandards. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) will zwar durchsetzen, dass Mieter ihre Betriebskosten kürzen können, wenn Vermieter diese Mindestanforderungen nicht erfüllen. Effektiver wäre es aber, von vornherein für alle Altbauten moderne Energiestandards vorzuschreiben und dies von Behörden prüfen zu lassen.
Der Vorgang zeigt, woran das Regierungsprogramm vor allem krankt: SPD-Minister Gabriel agiert einseitig als Anwalt der Mieter. CSU-Ressortchef Glos vertritt die Interessen der Immobilienwirtschaft. Im Gerangel der Interessengruppen bleiben praktikable Lösungen auf der Strecke.
Wie sehr das den Klimaschutz behindert, weiß niemand besser als der Augsburger Immobilienbesitzer Kohler. Der Mann ist im Hauptberuf Chef der Dena in Berlin. Würden in den Häusern der Republik flächendeckend moderne Heizanlagen eingebaut, kleine Umbauten vorgenommen und die Wände effektiv gedämmt, so hat er errechnet, ließen sich rasch bis zu 90 Prozent des Wärmeenergieverbrauchs der Haushalte vermeiden. CHRISTIAN SCHWÄGERL