ARMUT
Angebot schafft Nachfrage
Der Andrang auf die "Arche" beginnt pünktlich um 12.30 Uhr. Drei- bis Vierjährige stolpern die steile Treppe vor dem Eingang hoch, Grundschüler mit großem Tornister auf dem Rücken, 15-jährige Mädchen, die vier Geschwister und ihr eigenes Baby mitbringen. Manche Kinder fahren mit dem Fahrrad vor, manche reisen mit der Straßenbahn aus benachbarten Stadtteilen an. Schnurstracks laufen sie in den Speiseraum, wo es heute Nudeln mit Putengeschnetzeltem gibt.
Wenn am frühen Nachmittag die letzte Portion über den Tresen gegangen ist, wird Deutschlands bekannteste Armenküche, die Arche in Berlin-Hellersdorf, wieder etwa 500 Mädchen und Jungen mit kostenlosem Mittagessen versorgt haben. Die Einrichtung, in der zu DDR-Zeiten eine Schule untergebracht war, ist längst ein gastronomischer Großbetrieb geworden, der mehr Esser satt machen muss als die meisten deutschen Firmenkantinen. Etwa 200 000 Portionen gaben die drei Köche und ihre Helfer 2008 an ihre kleinen Kunden aus, 20 Prozent mehr als im Jahr zuvor.
Der rapide Anstieg deckt sich mit den Erfahrungen der knapp hundert Suppenküchen und ähnlichen Einrichtungen der "Deutschen Tafel". Deren Chef Gerd Häuser schätzt, dass mittlerweile fast eine Viertelmillion Mädchen und Jungen zu Stammkunden der bundesweiten Filialen und ihrer angeschlossenen Gratis-Verköstigung gehören. Es ist eine erschreckende Zahl, und sie sagt eine Menge aus über Deutschland, über seine Menschen an der Armutsgrenze und über das Versagen der Politik.
Häuser hält den Ansturm der Kinder für eine direkte Folge der niedrigen Hartz-IV-Sätze. Derzeit gibt es 211 Euro für jedes Kind unter 14 Jahren. Im Grunde, meint Häuser, sei die Politik längst auf Armenküchen angewiesen, um diesen Betrag überhaupt verantworten zu können.
Anfang der vergangenen Woche gab das Bundessozialgericht bekannt, es halte den Hartz-IV-Kindersatz für verfassungswidrig - weil der Gesetzgeber dereinst nicht den tatsächlichen Bedarf ermittelte, sondern willkürlich den Erwachsenenbetrag um 40 Prozent kürzte. Nun wird das Bundesverfassungsgericht die entsprechenden Gesetzesparagrafen prüfen müssen. Experten erwarten, dass es danach zu einer Erhöhung der Bezüge kommen wird.
Viele Familien haben sich von derlei Überlegungen, wie viel Geld etwa ein achtjähriges Kind im Monat an Essen und Trinken kostet, längst abgekoppelt. Sie finden nichts mehr dabei, ihren Nachwuchs in die Suppenküche zu schicken. Dass 20 Euro mehr pro Monat diese Mütter und Väter wieder zum Selberkochen animieren, glaubt unter den Versorgern keiner.
Im Gegenteil: Je mehr Gratis-Restaurants eröffnen, umso mehr Kundschaft werde mobilisiert. "Das Angebot schafft sich seine Nachfrage zum Teil auch selbst", urteilt "Tafel"-Chef Häuser.
Arche-Gründer Bernd Siggelkow sieht seine Einrichtung inzwischen als eine Art "Standortfaktor". Immer häufiger höre er davon, dass Familien eigens wegen der Arche-Angebote nach Hellersdorf zögen. Etwa 40 Euro können Eltern pro Monat einsparen, wenn sie ein Kind zum Essen herschicken.
Einem All-inclusive-Angebot kommt das Angebot im "Löwenhaus" in Hamburg-Harburg gleich. In der Initiative des Arbeiter-Samariter-Bundes werden neben drei kostenlosen Mahlzeiten pro Tag auch Hausaufgabenhilfe und Ausflüge offeriert.
Der Tag im Löwenhaus beginnt gegen 6.30 Uhr, wenn Rentnerin Elke Schumacher das Licht in der Küche anschaltet, Butter auf hundert Scheiben Graubrot schmiert und vier Kilogramm Wurst und Käse schneidet. Zum Schluss legt sie noch Äpfel oder Mandarinen zu den fertigen Stullen, wegen der Vitamine. Für die muslimischen Kinder bereitet sie seit einiger Zeit Schulbrote mit Geflügelwurst vor, "die Eltern sind da kritisch", sagt Elke Schumacher.
Fast 35 000 kleine Frühstücksbeutel haben die 67-Jährige und vier weitere ehrenamtliche Helferinnen im vergangenen Jahr gepackt, um die stetig steigende Nachfrage zu befriedigen. Und wenn Geld und Lebensmittelspenden ausreichen, werden es 2009 "garantiert wieder mehr", vermutet sie.
Doch ob sich die Vollverpflegung der Kinder auf Dauer finanzieren lässt, erscheint fraglich. Seitdem immer mehr Einrichtungen um den Ausschuss der Supermärkte buhlen, verschärft sich vielerorts der Wettbewerb um den Nachschub. Und die Zuschüsse des Arbeiter-Samariter-Bundes, klagt Löwenhaus-Leiter Rainer Micha, reichten längst nicht aus, um alles anzukaufen, was die Kinder so verzehren.
So stecken das Löwenhaus und vergleichbare Gratis-Kantinen je nach Kassenlage in einem moralischen Dilemma: Eigentlich müsste die Zahl der Esser begrenzt werden. Zumal es, so Micha, auch Mütter und Väter gebe, die nicht nur Geld, sondern auch Zeit sparen wollen, indem sie ihre Kinder in die Umsonst-Versorgung schicken: "Manchmal geht es auch darum, Verantwortung wegzudelegieren."
Aber sollte man die Kinder für mutmaßliche Schwächen ihrer Eltern bestrafen? Am frühen Mittag steht plötzlich ein kleiner Junge im Vorraum des Löwenhauses am Kickertisch und dreht schüchtern an den Stangen. Keiner kennt ihn, erst nach einiger Zeit sagt er "Eugen" und zeigt sieben Finger, damit alle wissen, wie alt er ist. Dann folgt der Junge den anderen Kindern, stellt sich in die Reihe und lässt sich Reis und Gemüse auf den Teller geben. "So einem Kind können Sie doch nicht sagen: Sorry, geh wieder nach Hause", sagt Micha.
Immer wieder hat der Pädagoge bei Hamburgs Behörden um Zuschüsse gebeten. Das für Harburg zuständige Jugendamt legt bedürftigen Familien zwar gern nahe, ihre Kinder zum Essen ins Löwenhaus zu schicken. Doch die nachhaltigste Folge von Michas Behördenkontakten war von sehr deutscher Art: Das Löwenhaus wurde angewiesen, die gültigen Auflagen zu erfüllen und zwecks Vermeidung belastender Küchengerüche über dem Herd eine leistungsfähige Dunstabzugshaube anzubringen.
Weil das System der Umsonst-Versorgung in Zeiten wachsender Arbeitslosigkeit und nachlassender Spendierfreude zu kollabieren droht, sehen die Sozialverbände nur einen Ausweg: Bedürftige Kinder sollten endlich in der Schule kostenlos verpflegt werden. Eine staatlich finanzierte Schulspeisung habe anders als jede Hartz- IV-Aufstockung den Effekt, dass sie garantiert den Kindern diene. Denn leider, so berichtet Arche-Gründer Siggelkow, komme es in den Familien oft genug vor, dass die Eltern Zuschüsse für ihre Kinder in Alkohol, Zigaretten oder technische Geräte investierten.
Doch was allen sinnvoll erscheint, ist in Deutschland noch lange nicht machbar. Seit Jahren diskutieren Politiker darüber, wer die Kosten einer verbindlichen Schulspeisung zu tragen hätte. Die Länder halten das Essen nach dem Unterricht für eine sozialstaatliche Regelaufgabe und damit für eine Sache des Bundes. Der Bund verweist beharrlich darauf, dass Schulpolitik nun mal Ländersache sei.
So kommt es, dass die Filialen der Deutschen Tafel und die Arche immer häufiger ihr Gratis-Essen in Schulkantinen anbieten. Siggelkows Team unterstützt beispielsweise seit neuestem die Grundschule am Priesterweg in Potsdam, gelegen in einem Stadtteil, in dem viele Eltern arbeitslos und alleinerziehend sind. Vergebens hatte sich die Rektorin Elvira Eichelbaum um öffentliche Gelder für eine kostenlose Schulverpflegung bedürftiger Kinder bemüht.
Den Anstoß dazu gab eine weinende Erstklässlerin, die vor einigen Monaten in ihr Büro gebracht wurde. Das Mädchen war im Unterricht entkräftet vom Stuhl gefallen. Als es die Tasse Tee und eine Scheibe Brot auf dem Schreibtisch der Rektorin sah, bekam es große Augen. Eichelbaum bot der Kleinen Frühstück an, das Kind griff zu und hörte zu weinen auf. Das Mädchen hatte offenbar seit Tagen kein Essen mehr bekommen.
Damit sich so etwas nie mehr wiederhole, organisierte Eichelbaum einen Mittagsservice, für das jedes Kind pro Tag 2,70 Euro zahlen sollte. Die Resonanz blieb jedoch mäßig, die 2,70 Euro waren den meisten Eltern zu viel. Um die Preise zu senken, bat sie bei Stadt und Land um Zuschüsse. Doch Eichelbaum blitzte ab.
Nach einem Termin im Brandenburger Schulministerium wurde sie immerhin zum Essen in die Behördenkantine gebeten. Dort, so lernte die Rektorin, kommen die Ministerialbeamten in den Genuss subventionierter Speisen - das Hauptgericht zwischen 80 Cent und 1,60 Euro.
GUIDO KLEINHUBBERT