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Altes Geld

Global Village: Warum im krisengeplagten London ausgerechnet beim teuersten Herrenausstatter die Geschäfte anziehen Von Hüetlin, Thomas

Wie man schon an den beiden Hirschen an der Wand sieht, handelt es sich um den Verkaufsraum eines älteren Gewerbes. Der eine Zwölfender ist seit 89 Jahren tot, der andere seit 88. Zwischen den Jagdtrophäen prasselt ein Kaminfeuer. Alles wirkt gediegen. Sogar die "Financial Times" vor dem schweren braunen Ledersofa sieht aus, als wäre sie frisch gebügelt.

Im Ankleideraum, der groß genug ist, um einen Lastwagen darin zu parken, hängen die Anzugschnitte von Gregory Peck, Peter Ustinov, Peter Sellers, Paul Newman und jener englischen Nationalmannschaft, die 1966 Fußball-Weltmeister wurde.

Auch die Maße des früheren US-Präsidenten F. D. Roosevelt sind vertreten. Der Staatsinterventionist und Kapitalismuskritiker, der in der gegenwärtigen Krise gern wieder als Vorbild zitiert wird, ließ hier arbeiten. Ein durchaus kostspieliger Zeitvertreib; der Einstiegspreis für einen Maßanzug bei Huntsman, Herrenschneider in der Londoner Savile Row, liegt bei 4000 Euro.

Das ist viel Geld im London von heute, wo die Wirtschaftskrise gerade dabei ist, die Zukunftsaussichten vieler Menschen erheblich zu verdüstern. Mindestens bis zum Jahr 2030, so hat ein Think-Tank gerade ausgerechnet, wird das Land brauchen, um seine Staatsfinanzen wieder auf den Stand zu bringen, den es hatte, bevor die Finanzströme einfroren.

Wer leistet sich in solch einer Zeit einen Anzug für 4000 Euro?

Die rötliche Gesichtsfarbe von Peter Smith, Generalmanager von Huntsman, wird noch ein wenig dunkler. "Wir sind sehr diskret hier", sagt er, "und verraten nur die Namen jener Kunden, die traurigerweise nicht mehr unter uns weilen." Vertrauen zähle zum wichtigsten Kapital in der Savile Row.

Die kleine Straße der Schneider nahe dem Piccadilly Circus gilt noch immer als die weltexklusivste Adresse der Herrenausstatter. Ab 1731 angelegt auf dem Garten des Grafen Burlington, ist sie bis heute ein Synonym für den kostspielig, aber understated gekleideten Gentleman. Als der Dandy "Beau" Brummell, ein Freund Georges IV., im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts die elegante Schlichtheit zum Ideal der höheren Gesellschaft erhob, begann der "style anglais" seinen globalen Siegeszug auch in den besseren Kreisen anderer Länder.

Weil Stil und Mode eng beieinanderliegen, gab es über die Jahre immer wieder Versuche, die ehrenwerten Traditionswerkstätten dem Geschmack der Zeit anzunähern. Am wildesten trieb es vielleicht ein Schneider namens Tommy Nutter, der mit breitem Revers und weiten Schlaghosen ab 1969 Kunden wie die Beatles und die Jaggers zufriedenstellte. Seine Erben zuletzt hießen Ozwald Boateng und Richard James, neumodische Designer, die mit Angeber-Schnitten und lauten Farben Rockstars und Schauspieler anlockten. Es dauerte nicht lange, bis auch die neuen Stars der Stadt, die Finanzjongleure des Londoner Bankenviertels, ihre Ferraris bei den schicken Läden abstellten. Da sich jetzt, dank der Zockerlust dieser Neureichen, die schlimmste Wirtschaftskrise seit den dreißiger Jahren ausbreitet, gibt es wieder freie Parkplätze bei den Läden der Emporkömmlinge.

Huntsman dagegen vertritt die reine Lehre. Das Jackett tailliert, die Ärmel hoch oben angesetzt, damit der Besitzer stets mühelos ein Gewehr heben kann, wie zu jener Zeit, welche die überwiegende Zahl der Kunden wahrscheinlich als die "gute alte" bezeichnet. Huntsman ist ein Refugium des alten Geldes. Noch vor ein paar Jahren, erzählt Manager Peter Smith, habe man auf Neukundschaft keinen großen Wert gelegt. Wer kühn genug war, den Laden das erste Mal zu betreten, durfte sich bestenfalls in ein Buch eintragen und musste zu Hause warten, bis Huntsman mit ihm Kontakt aufnahm.

Es ist wahrscheinlich diese Atmosphäre unerschütterlicher Diskretion, die das alte Geld bei Huntsman tief durchatmen lässt. In einer Zeit, in der sich selbst Bosse großer Firmen mit öffentlichen Opfergesten von ihren Privatjets trennen müssen, rettet man bei Huntsman die Privilegien der oberen Stände. Das alte Geld hat noch Geld, und ein Anzug ist Privatsache.

Auch sonst geht es leise zu hier im Laden, weil wie zu Beau Brummells Zeiten nicht mit der Maschine genäht wird, sondern mit der Hand. 60 Stunden Arbeit wird für einen Maßanzug veranschlagt.

"Es ist erstaunlich, wie man die Erscheinung eines Menschen durch einen guten Anzug manipulieren kann", sagt Patrick Murphy, der Oberschnittmeister bei Huntsman. Er beugt sich über ein Sakko, zieht zwischen Futter und Tuch einen Einlagestoff aus Rosshaar hervor. "Man kann Rundrücken und Bauch eines Gentleman fast verschwinden lassen."

Murphy, rote Haare, kein Bauch, zaubert auf diese Weise seit 25 Jahren in der Savile Row. Schon sein Vater war hier beschäftigt. Beide haben viel gesehen. Die Stars und die Präsidenten, aber auch die miesen Zeiten, die Anfang der achtziger Jahre begannen, ausgerechnet unter Margaret Thatcher.

Die marktfromme Premierministerin hob damals den Mietschutz auf, Schneidereien gingen pleite, andere mussten stark verkleinern. Als ein paar Mutige beim zuständigen Minister vorsprachen, riet er ihnen umzuziehen, zum Flughafen Heathrow, dort könnten sie Kunden bei der Durchreise abfangen.

Die Krise dauerte fast zwei Jahrzehnte. Große Textilketten wie die amerikanische Freizeitmodefirma Abercrombie & Fitch zogen in die Savile Row. Sie wollten profitieren vom vornehmen Flair der Straße und trieben die Mieten weiter nach oben. Huntsman mit seinem rigorosen Klassizismus überlebte.

Über abgetretene Linoleumtreppen steigt Murphy jetzt in den Keller. Nächste Woche fährt er zum Maßnehmen nach New York, 40 fertige Anzüge im Gepäck. Ein paar davon hängen schon hier.

THOMAS HÜETLIN

DER SPIEGEL 6/2009
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