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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE

Lillys Sendung

Warum eine Katze Rundfunkgebühren zahlen sollte Von Hardinghaus, Barbara

Es ist ein ganz gewöhnlicher, sonniger Tag, an dem Karl Heinz Gahlert mal wieder etwas Besonderes einfällt. Er zieht seine Filzpantoffeln aus, nimmt seinen Anorak vom Haken, verlässt das Haus und kauft gelbe Fingerfarbe. Er will der GEZ einen Brief schreiben, der Gebühreneinzugszentrale in Köln, diesem großen Unternehmen, das mehr als 1100 Mitarbeiter beschäftigt, das rund 43 Millionen Gebührenkonten aus 94 Prozent der Haushalte in Deutschland führt und das, damit es noch mehr werden, immer viele Briefe verschickt. Manchmal versteht man diese Briefe aber nicht.

Das erste der beiden Schreiben, die Karl Heinz Gahlert nicht versteht, erreicht sein kleines Einfamilienhaus im November, es ist adressiert an Frau Lilly Gahlert, wohnhaft in der Maarer Straße 32a, 13435 Berlin.

Das Schreiben trägt auch ein Aktenzeichen, die Nummer 196 198 3545. Mit dem Brief fordert die GEZ Frau Gahlert auf, ihre Rundfunkgebühren zu zahlen, sie soll angeben, welche Art von Geräten sie besitzt, einen Fernseher oder ein Radio, einen Radiowecker, ein Autoradio, ein Mobiltelefon, ein Navigationsgerät oder einen Computer. Auf dieses Schreiben bekommt die GEZ keine Antwort, sie schickt einen zweiten Brief. "Sehr geehrte Frau Gahlert, Sie haben uns nicht geantwortet."

Frau Gahlert hört tatsächlich gern Radio. Sie sitzt manchmal stundenlang auf dem Stuhl in der Küche vor dem kleinen Gerät, sie ist, das kann man sagen, sogar ein besonders aufmerksamer Zuhörer. Zahlen tut sie dafür nichts.

Sie mag den Sender Berlin/Brandenburg, sie mag melodische Titel, besonders Schlager. Nur moderne Musik, die mag sie nicht. Da haut sie schon mal ab.

Auf dem Stuhl in der Küche, auf dem, wenn das Radio läuft, sonst Lilly sitzt, sitzt jetzt Karl Heinz Gahlert, 71 Jahre alt, weiße Haare, weißes T-Shirt, Brille, früher Schichtleiter bei Kunert-Strümpfe. Ein älterer Herr, der allein lebt, mit Tieren, vier Hunden, einem Hamster, einem Hasen, der Hasi heißt, und seiner Katze, Lilly.

Lilly hockt auf dem Boden, eine Hauskatze mit schwarz-weißem Fell, zwölf Jahre alt. Auf dem Sofa sitzt sie selten. Da sitzen die Hunde, wenn sie fernsehen.

"Die Hunde sehen gern Tierfilme", sagt Karl Heinz Gahlert. Wenn im Film ein Tier von links nach rechts durch das Bild läuft, suchen die Hunde es hinter dem Gerät; Ramses, einer von ihnen, hört auch gern Radio, "Filmmusiken, Monumentales, 'Ben Hur'", sagt Karl Heinz Gahlert. Post von der GEZ bekam Ramses bislang aber noch nicht.

Karl Heinz Gahlert hat früher manchmal Rätsel mit Gewinnfragen aus Zeitschriften gelöst. Er trug, um seine Chancen zu erhöhen, schon mal die Namen der Familienmitglieder ein, möglicherweise, sagt er, auch die der Tiere.

Rundfunkgebühren zahlt Gahlert nur für sich, für den Fernseher und das Radio, vierteljährlich 53,94 Euro. Er sieht Radrennen im Sommer, Skifahren im Winter. Er hängt an den Tieren, Minski, der verstorbene Kater, steht in einer Urne auf dem Kamin. Er hat fünf Kinder aus zwei Ehen. Und je mehr Kinder aus dem Haus gingen, desto mehr Haustiere kamen hinzu.

Zuletzt ging auch die zweite Frau. Karl Heinz Gahlert wirkt nicht so, als würde ihm etwas fehlen.

Er hat die Tiere, die beschäftigen ihn, er beschäftigt sie. Er kauft ein für sie, "Lux"-Huhn-Dosen für Lilly, ihr gespülter Napf liegt auf der Spüle, Gahlert hat zu tun. Ihm sei eigentlich nie langweilig, sagt er, weil ihm immer etwas Besonderes einfalle.

Das erste Schreiben der GEZ an Lilly liest er und schmeißt es weg. Dem zweiten Schreiben legt die GEZ, ein paar Wochen später, einen Anmeldebogen bei. Frau Lilly Gahlert soll darauf nun endlich aufführen, welche Art von Rundfunkgeräten sie besitze, wie sie dafür zahlen wolle, per Lastschrift oder Bankeinzug.

Es ist ein ganz gewöhnlicher, sonniger Tag, an dem Karl Heinz Gahlert das Haus verlässt und gelbe Fingerfarbe kauft. Er streicht sie an seinem Küchentisch auf ein Stück Papier, er ruft seine Katze, Lilly, setzt sie auf seinen Schoß, nimmt ihre rechte Vorderpfote, taucht die Pfote in die Farbe, setzt sie über dem Bogen wieder ab, unten auf dem letzten freien Feld, dem für die Unterschrift.

Daneben schreibt Gahlert mit Kugelschreiber, in Schreibschrift: "PS: Ich bin eine Katze." Danach kam keine Post mehr von der GEZ.

Gahlert hat inzwischen eine Ahnung, wie Lilly zu ihrem Brief gekommen sein könnte. Wahrscheinlich hatte es mit den Preisausschreiben zu tun.

Die Gebühreneinzugszentrale arbeitet nach genauen Richtlinien, eine davon heißt: "Die GEZ ist gesetzlich berechtigt, im Markt erhältliche Adressen von großen Adressanbietern anzumieten. Dabei kann es vorkommen, dass Adressen von Haustieren, die zum Beispiel aus Gewinnspielen stammen, in diese Bestände einfließen."

Karl Heinz Gahlert hat auch in Zukunft nicht mehr mit Post von der GEZ zu rechnen. Der Brief mit der Unterschrift von der Katze Lilly ist bei der GEZ eingetroffen, er wurde von einem der 1100 Mitarbeiter zu den Akten genommen. "Nachdem wir in der Zwischenzeit den vollständigen Namen der Katze in Verbindung mit der dazugehörenden Adresse genannt bekommen haben, konnten wir diese in eine interne Sperrdatei aufnehmen lassen." BARBARA HARDINGHAUS

DER SPIEGEL 18/2009
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