SPIEGEL-GESPRÄCH
Zack, rum, rein
SPIEGEL: Herr Kerner, spätestens Anfang 2010 wollen Sie zum Privatsender Sat.1 wechseln. Warum verlassen Sie nach zwölf Jahren das öffentlich-rechtliche Gebührenparadies ZDF?
Kerner: Ich hab's, ehrlich gesagt, nie als Gebührenparadies empfunden, weil ich ja immer versucht habe, meiner Gage auch durch eine saubere Leistung gerecht zu werden.
SPIEGEL: Die "FAZ" attestierte dem Verhältnis zwischen Ihnen und den Mainzern einen "Ermüdungsbruch".
Kerner: Ich bin in medizinischen Fragen nicht versiert, aber die eine oder andere Durchblutungsstörung hat es im Vorfeld meines Wechsels wohl gegeben.
SPIEGEL: Am Freitag vorvergangener Woche soll es zum Showdown gekommen sein. Sie trafen sich in Rüsselsheim, dem Heimatort Ihrer Frau, mit ZDF-Intendant
Markus Schächter und -Programmdirektor Thomas Bellut.
Kerner: Ein angenehmes und offenes Gespräch über alles, was wichtig war. Mehr kann ich dazu nicht sagen.
SPIEGEL: Dem Vernehmen nach war man sich eigentlich am Ende unter anderem einig, dass Sie in Zukunft 100 Talkshows jährlich fürs ZDF moderieren sollten. Wenige Tage später soll auf dem Lerchenberg wieder nur von 90 die Rede gewesen sein.
Kerner: Noch mal, das sind Interna, die ich nicht kommentiere. Der Sender und ich sind uns aber einig, dass wir die langjährige Zusammenarbeit nun zu einem für alle Seiten guten Ende führen werden.
SPIEGEL: Fakt ist, dass Sie am Ende doch sehr schnell und überraschend bei Sat.1 anheuerten. Das Verhältnis zum ZDF muss zerrüttet gewesen sein.
Kerner: Das ist Quatsch. Vom Datum her begehen Sender und ich bald "Petersilienhochzeit", die im Norden nach zwölfeinhalb Jahren Ehe gefeiert wird. Dieses Jubiläum bedeutet, dass die Eheleute eigentlich gar nicht feiern, sondern die Freunde das Paar mit einer Party überraschen.
SPIEGEL: Klingt, als habe man Sie nicht gebührend hochleben lassen.
Kerner: Ach wo! Wir waren jedenfalls nicht beim Eheberater, und es hätte auch gar keinen Anlass für irgendeine Therapie gegeben. Das ZDF ist ein toller Sender. Die gemeinsame Zeit war wunderbar. Ich bereue da nichts.
SPIEGEL: Haben Sie selbst Fehler gemacht?
Kerner: Ja, ich habe längst nicht alles richtig gemacht.
SPIEGEL: Zum Beispiel?
Kerner: Ich will da nicht ins Detail gehen. Das Leben ist ein permanenter Lernprozess, Fehler inklusive. Man muss sie sich aber auch eingestehen.
SPIEGEL: Die Senderspitze baut in letzter Zeit Markus Lanz als neuen Star auf.
Kerner: Auf einem Riesentanker wie dem ZDF ist nun wirklich Platz für mehr als einen Conférencier. Zu Lanz habe ich ein völlig entspanntes Verhältnis. Er ist ein sehr netter Kollege und super Moderator, der mich im Sommer wieder vertreten soll.
SPIEGEL: Wird Lanz der nächste Kerner?
Kerner: Keine Ahnung. Ich weiß aber nicht einmal, ob ich ihm das wünschen soll.
SPIEGEL: Das ZDF wollte Sie angeblich weniger häufig einsetzen. Der öffentlichrechtliche Apparat mischte sich immer wieder ein. Sie selbst wollten auch einen länger laufenden Vertrag, heißt es.
Kerner: Das meiste von dem, was jetzt kolportiert wird, ist völliger Unsinn. Fakt ist, dass ich für mein Redaktionsteam Sicherheit schaffen wollte und musste über die Frage, wie es weitergeht. Das hat in diesem Jahr nicht so rechtzeitig geklappt wie sonst üblich.
SPIEGEL: Normalerweise bespricht man sich ja schon ein Jahr vor Ablauf eines Vertrages.
Kerner: Stimmt. Aber das ZDF hat seine eigene Agenda. Und da wurden manche Dinge plötzlich intern wichtig, die andere Leute überhaupt nicht auf der Tagesordnung hatten.
SPIEGEL: Sie meinen den parteipolitischen Streit um die Zukunft von Chefredakteur Nikolaus Brender. Jedenfalls gehören Sie nicht zu denen, die sich für Brender stark gemacht haben.
Kerner: Ich habe es bedauert, dass ich nicht gefragt worden bin von den Leuten, die eine Unterschriftenliste für Brender starteten.
SPIEGEL: Das überrascht uns ...
Kerner: ... aber ich glaube, da wurde vor allem nach Hierarchie geschaut, Hauptredaktionsleiter eben.
SPIEGEL: Auch die ZDF-Moderatorinnen Maybrit Illner und Marietta Slomka haben unterschrieben.
Kerner: Noch mal: Ich bin leider nicht gefragt worden.
SPIEGEL: Sie und Brender gelten nicht als Freunde.
Kerner: Es gab nur in einer Frage einen Dissens. Er steht auf dem Standpunkt: Ein Journalist wirbt nicht, und wer wirbt, ist kein Journalist.
SPIEGEL: Angesichts Ihrer eigenen Lust an Werbeverträgen sehen Sie das sicher anders.
Kerner: Erstens haben Herr Brender und ich uns da mal ausführlich ausgetauscht. Wir sind immer noch nicht einer Meinung, aber es war dennoch ein fruchtbares Gespräch. Ich hege keinen Groll gegen ihn. Und zweitens habe ich immer nur zwei Werbeverträge gleichzeitig.
SPIEGEL: Haben Sie das Reklame-Geld wirklich nötig?
Kerner: Unabhängig von der wirtschaftlichen Komponente, die das Thema auch hat, bringt mir Werbung Aufmerksamkeit, wo ich keine habe. Mit meiner nächtlichen Talkshow beispielsweise werde ich im ZDF, einem Sender mit eher älterem Publikum, nur von einer bestimmten Zielgruppe wahrgenommen.
SPIEGEL: Sie kokettieren.
Kerner: Gar nicht.
SPIEGEL: Und mit Reklame für Geflügelwurst reißen Sie jetzt am Kühlregal den eigenen Promi-Wert hoch?
Kerner: Es gibt auch viele Kinder, die Thomas Gottschalk nicht als "Wetten, dass ...?"-Moderator kennenlernen, sondern als Gummibärchen-Onkel. Dieses Phänomen kenne ich.
SPIEGEL: Sie waren doch im Sender eher omnipräsent. Das wurde Ihnen oft zum Vorwurf gemacht.
Kerner: Wir reden hier schließlich über viele Programmplätze, die auch andere gern bespielen würden. Mir ist aber durchaus klar: Es gibt Leute, die das nicht mögen, was ich mache. Damit muss ich leben. Im Übrigen habe ich ja vieles aus freien Stücken abgegeben, wie etwa die freitägliche Kochshow.
SPIEGEL: Sie hatten ja auch immer politische Ambitionen.
Kerner: Keine parteipolitischen. Aber ich bin der Meinung, dass Politiker eine zentrale Rolle in unserem Gemeinwesen spielen. Deshalb habe ich sie auch immer mal wieder in meine Talkshow eingeladen.
SPIEGEL: Beim ZDF ein sensibles Terrain.
Kerner: Natürlich, der Sender hat ja auch eine phantastische Polit-Berichterstattung. Da gab es intern auch Diskussionen ...
SPIEGEL: ... wie zuletzt über Ihre Talk-Einladung von Bundespräsidenten-Kandidatin Gesine Schwan.
Kerner: Das wurde alles rechtzeitig ausgeräumt. Generell spricht gar nichts dagegen, wenn von Reinhold Beckmann in der ARD oder mir mal ein Politiker befragt wird.
SPIEGEL: Gehörte das zum Credo Ihrer Talks?
Kerner: Die Mischung macht's. Die feste Vereinbarung mit dem ZDF war immer, dass meine Sendung auch als Plattform fungiert, um Menschen einzuladen, die wiederum dem ZDF ein Publikum bringen, das es sonst nicht hat.
SPIEGEL: Verstehen wir nicht.
Kerner: Extrembeispiel Dieter Bohlen. Dessen Fans gucken meist nicht ZDF. Aber man hoffte, damit den einen oder anderen Bohlen-Fan eben auch mal ins Zweite zu locken. In Einzelfällen wurde meine Gästeauswahl natürlich hinterfragt. Aber das ist doch auch verständlich, denn in diesem gemeinsamen Auto sitzt das ZDF schließlich auf dem Fahrersitz. Das ist auch richtig so. Und das habe ich nie angezweifelt. Meine Rolle war es lediglich, von der Rückbank aus Vorschläge zu machen.
SPIEGEL: Vielleicht sahen Sie sich zu sehr auf dem Beifahrersitz.
Kerner: Vielleicht habe ich mich auch eher gefühlt, als läge ich auf der Hutablage.
SPIEGEL: Welche Kritik an Ihrer Person können Sie gelten lassen?
Kerner: Dass ich zu ehrgeizig bin. Ich bin gelegentlich zu drängend, mit mir und anderen. Manchmal wünschte ich mir noch ein wenig mehr Gelassenheit.
SPIEGEL: Sie müssten doch auch nicht immer alles machen - da noch eine Gala und dort noch ein Sport-Event. Die Dosis macht das Gift.
Kerner: Stimmt nicht immer. Aber bei Sat.1 trete ich ja künftig auch etwas kürzer, weil es dort keine werktägliche Talkshow mehr geben wird, sondern nur noch eine pro Woche.
SPIEGEL: Auch das ZDF wollte, dass Sie kürzertreten. Dann hätten Sie gleich dort bleiben können.
Kerner: Der entscheidende Unterschied war: Meine dreimal wöchentlich präsentierte Talkshow war das Fundament des Erfolgs. Es wurde aber immer wieder mit dem Sender diskutiert, ob das aufgebrochen werden soll. Ich war dagegen.
SPIEGEL: Fühlten Sie sich vom ZDF zu wenig ernst genommen?
Kerner: Ich hatte jedenfalls seit kurzem mit Sat.1 eine echte Option. Das hat geholfen.
SPIEGEL: War es für Sie ein zusätzlicher Anreiz, dass es bei dem Privatsender mal ganz schnell und unbürokratisch ging?
Kerner: Piloten, die einen rauen Anflug erwarten, nennen das spaßig "Zulu, Romeo, Romeo". Das steht im Fliegeralphabet für ZRR und meint: Zack, rum, rein! Das hat schon was.
SPIEGEL: Warum wechseln Sie ausgerechnet zu dem ausgebluteten Familiensender Sat.1, dessen Holding hoch verschuldet ist und dessen Eigentümer Finanzinvestoren sind, also die vielgescholtenen "Heuschrecken"? Boten die wider Erwarten mehr Geld?
Kerner: Geld war überhaupt kein Thema, übrigens auch nicht in den Gesprächen mit dem ZDF. Und es war auch nicht der Grund für meinen Wechsel.
SPIEGEL: Also bietet Sat.1 Ihnen einfach mehr Freiheiten?
Kerner: Der Sender will jedenfalls helfen. Das ist ein durchaus gutes Gefühl.
SPIEGEL: Dass Sat.1 zudem bis 2012 die Free-TV-Fußballrechte von Champions League und Uefa-Cup hat, war für Sie ...
Kerner: ... sehr wichtig. Ich moderiere ja gern Fußballspiele.
SPIEGEL: Gerade erst hat sich Sat.1 Oliver Pocher gesichert. Inwieweit hängen die beiden Neuzugänge zusammen?
Kerner: Nur insofern, als beide von der gleichen Produktionsfirma unterstützt werden - SPIEGEL TV Infotainment ...
SPIEGEL: ... an der Sie auch geringfügig beteiligt sind. Die Redaktionen bei ProSiebenSat.1 erleben derweil eine Sparrunde nach der anderen. Und da kommen nun zwei teure Top-Neuzugänge eingeritten.
Kerner: Ich habe den Eindruck, dass man sich bei Sat.1 auf uns freut.
SPIEGEL: Der Sender wird Sie für alles Mögliche einsetzen wollen, um Sie schnell als Sendergesicht aufzubauen.
Kerner: Ein paar Shows könnten schon noch dazukommen. Klar.
SPIEGEL: Bis Sie auch dort wieder allgegenwärtig sind.
Kerner: Keine Angst, die Gefahr besteht nicht.
SPIEGEL: Was ist an Ihnen in den zwölf Jahren öffentlich-rechtlich geworden?
Kerner: Ich habe ein geradezu erotisches Verhältnis zu Organigrammen entwickelt. Beim ZDF war das besonders raffiniert gestaffelt, wer da wem zugeordnet ist. Ohne Quatsch: Das finde ich toll, weil diese Organigramme ja einerseits total transparent sind, andererseits aber ein Buch mit sieben Siegeln.
SPIEGEL: Herr Kerner, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.