Lade Daten...
Inhaltsverzeichnis

ÄGYPTEN

Die Brautjungfer vom Nil

Nach fast 30 Jahren der Mubarak-Herrschaft zweifelt Kairo an seiner Mission: Das Land ist kein Modell mehr für die arabische Welt. Auch die Nachfolge im Präsidentenamt ist offen. Doch Washington baut auf seinen großen Verbündeten. Von Windfuhr, Volkhard und Zand, Bernhard

Wenn kein Smog über der Stadt liegt, ist Huda Nassers Kairo-Panorama konkurrenzlos. Im Westen wachsen die Pyramiden von Giseh aus dem Horizont, im Osten ragen die Minarette der Fatimiden-Moscheen empor. Und aus dem Süden fließt der Nil nach Norden, wie seit Jahrtausenden blähen sich die Segel der Feluken im Wind.

Ein brauner Spaniel tapst über das Parkett im 28. Stock, ein junger Mann trägt türkischen Kaffee auf. Teuer gerahmte Gemälde hängen an der Wand, ein Teakholz-Ensemble mit grünen Kissen steht auf dem Balkon. Huda Nasser, 63, trägt Jeans, ein schwarzes Escada-Top und ein Hemd darüber. "Gamal Mubarak kann nicht Präsident von Ägypten werden", sagt sie. "Er ist zu abgehoben. Er kennt das Volk nicht. Ich weiß, wovon ich spreche."

Ein Hauch von Größe und Vergangenheit weht durch die Stadt, das Land und die Wohnung von Huda, der Tochter von Gamal Abd al-Nasser. Ägypten hatte nur drei Präsidenten seit 1954: den Volkshelden Nasser, der die Monarchie in eine souveräne Republik verwandelte und mit einer antikolonialistischen Rhetorik zum panarabischen Idol aufstieg; Anwar al-Sadat, der Krieg führte und Frieden mit Israel schloss; und Husni Mubarak, 80, der den Nachlass seiner Vorgänger verwaltet.

Seit fast 28 Jahren ist er an der Macht, so lange wie Nasser und Sadat zusammen. 2011 endet seine fünfte Amtszeit, und kein politisches Gespräch in Ägypten endet ohne die Frage, wer danach an die Macht komme: Sohn Gamal, 45, die Muslimbrüder, ein Militär - oder noch einmal Mubarak? Er wäre 83, wenn er erneut anträte, und 89, wenn er bis zum Ende bliebe.

"Unter meinem Vater hat Ägypten der Welt Impulse gegeben", sagt Huda Nasser, die als Politologin an der Universität Kairo lehrt, "den Afrikanern die Idee der Unabhängigkeit, den Muslimen den Traum der Freiheit, den Arabern Selbstbewusstsein. Was ist davon übrig? Was hat Mubaraks Ägypten noch zu bieten?"

Drei Fragen kommen auf Kairo zu, jetzt, da in Washington Barack Obama regiert und die schlichte Nahost-Politik der Bush-Regierung Geschichte ist:

Hat Kairo noch die Kraft für einen neuen Anlauf im Nahost-Konflikt, oder ist das Regime zu müde und zu abgekämpft, um die Palästinenser zu versöhnen?

Wollen die Ägypter die Führungsrolle, die sie einst innehatten und die Amerika ihnen jetzt wieder zuteilt, überhaupt noch? Und wer wird Husni Mubarak, den alten Fahrensmann des Nahen Ostens, ablösen?

Seit Jahren spüren die Ägypter mit jeder neuen Krise, wie Kairos Einfluss schwindet. Exakt sagte Mubarak der US-Regierung 2003 voraus, was ihr im Irak bevorstünde - doch die kümmerte das so wenig wie der Widerstand der Europäer. Eine Überlebensfrage ist für das Nil-Land Ägypten die Einheit des Sudan, doch am Abkommen zwischen Khartum und dem Südsudan 2005 hatte Kairo keinen Anteil.

Dringend will Ägypten auch die von Iran gestützten Islamisten im Libanon und in Palästina aus dem Weg haben, doch davon ungerührt brachen Hisbollah und Hamas 2006 und 2008 Kriege mit Israel vom Zaun. Während Mubarak der Frieden mit Israel heilig ist, ließ dessen heutiger Außenminister Avigdor Lieberman ihn wissen, er könne auch "zur Hölle" fahren.

Arabiens Bildungs- und Wirtschaftseliten zieht es heute an den Golf statt an den Nil. Die Akzente im Nahen Osten, sei es die Integration des politischen Islam oder der Aufbau einer exportstarken Industrie, setzt die Türkei, und die Parolen, die einst der Panarabist Nasser für die Region ausgab, kommen nun aus Teheran. So sehr fordert Iran die alternde Regionalmacht Ägypten heraus, dass sich Außenminister Ahmed Abu al-Ghait vorvergangene Woche zu einer Bemerkung hinreißen ließ, die tiefsitzende Ängste verrät: "Iran und seine Anhänger", kommentierte er mit Blick auf die Hisbollah, Syrien und die Hamas, "hätten Ägypten gern zur Brautjungfer, wenn Iran als neue Königin des Nahen Ostens auftritt."

Doch Amerika baut auf Ägypten. Vorige Woche lud Präsident Obama Israels Premier Benjamin Netanjahu, Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und Mubarak nach Washington ein. Obamas Sondergesandter George Mitchell hatte vorher ausgiebig mit den drei Herren konferiert. Während er die Gespräche mit Netanjahu und Abbas sehr vorsichtig kommentierte, tat er in Ägypten enthusiastisch: Kairo, sagte er, komme eine "entscheidende Rolle" bei der Schaffung eines souveränen Palästinenserstaats zu. Aber teilen die Ägypter diesen Enthusiasmus?

Ende März haben Mustafa, 56, und sein Sohn Mohammed Sabri, 28, ein paar Gäste zu Besuch, der Vater ein Unternehmensberater, der Sohn Manager einer Werbeagentur. Wie in Ägypten üblich, läuft im Hintergrund der Fernseher. Präsident Mubarak hat nach einem langen Streit mit Katar seine Teilnahme am jährlichen Gipfel der Arabischen Liga abgesagt und den unbedeutendsten seiner Minister nach Doha geschickt. "Großartig", lobt ihn Mustafa Sabri; sein Sohn sagt: "Bei diesen Arabertreffen muss ich immer an die Simpsons denken - eine Familie mit Freude am Schwachsinn. Ägypten hat andere Probleme."

Mubaraks Vorgänger Sadat habe richtig entschieden, als er vor 30 Jahren einen Separatfrieden mit Israel schloss und damit bewusst Ägyptens Ächtung und den Auszug der Arabischen Liga aus Kairo in Kauf nahm: "Mubarak hätte sie 1990 gar nicht erst wieder zurückkommen lassen sollen. Seht euch doch um in diesem Land. Hier kann es nur eine Losung geben: Nicht die Araber, sondern Ägypten zuerst!"

Als Mubarak antrat, hatte Ägypten 43 Millionen Einwohner, heute sind es 82 Millionen. Mubarak hat sie in keinen Krieg verwickelt, er hat sie leidlich gut ernährt, er hat den Tourismus, das Straßennetz und den Baumwollexport ausgebaut, seine Regierung subventioniert Benzin und viele Grundnahrungsmittel. Gemessen an manchen arabischen und afrikanischen Nachbarländern ist das eine bemerkenswerte Leistung.

Doch die Bevölkerung wächst jährlich um gut eine Million weiter, jeden Sommer drängen 700 000 junge Menschen auf den Arbeitsmarkt. Ägyptens Analphabetenrate beträgt fast 30 Prozent, die Korruption blüht, die Verhältnisse in den staatlichen Krankenhäusern sind miserabel, die Krebsstatistik, die Verkehrstotenrate, die Zahlen der Arbeitsunfälle dramatisch. Wenn es, wie vor einem Jahr, zu Engpässen beim Weizennachschub kommt, muss die Armee zum Brotbacken ausrücken.

Politisch liegt das System Mubarak wie Mehltau über dem Land. Seit seinem Antritt gilt der Ausnahmezustand; Mubarak ist, wie sein Gefolgsmann, der ehemalige Weltbank-Vize Ismail Serageldin, unumwunden zugibt, "praktisch der Militärgouverneur von Ägypten". Liberale, säkulare Parteien, die auf eine große Vergangenheit zurückblicken, werden so konsequent drangsaliert, dass sie bedeutungslos geworden sind. Ägypten hat anderthalb Millionen Polizisten und Geheimpolizisten, dreimal so viele wie Soldaten. Obwohl die Presse relativ frei berichtet, wird organisierter politischer Dissens schon im Keim erstickt und in den Gefängnissen systematisch gefoltert. Vor allem junge Leute, die in Weblogs über die Lage klagen, werden regelmäßig festgenommen und sitzen oft wochenlang ohne Anklage im Gefängnis.

Die Politologin Hala Mustafa, 50, hat es weit gebracht. Sie sitzt in der Chefetage von "al-Ahram", der größten Regierungszeitung, und gibt eine Vierteljahreszeitschrift mit dem Titel "al-Demokratija" heraus. Wenn sie Besuch hat, schaltet sie eine Stereoanlage ein. Auch weil sie Vivaldi und Walzermusik von Johann Strauß mag, vor allem aber, weil sie sicher ist, dass ihr Büro von der Staatssicherheit abgehört wird.

Vor vier Jahren war die damalige US-Außenministerin Condoleezza Rice in Kairo. Hala Mustafa hatte die Ehre, sie dem Publikum an der Amerikanischen Universität vorzustellen, und Rice hielt eine Rede, die ihr und vielen ägyptischen Demokraten gefiel: Sie lobte Mubarak für vorsichtige Schritte zu einer demokratischen Öffnung und kritisierte den allgegenwärtigen Geheimdienst. Niemand, so Rice, sollte fürchten müssen, "um Mitternacht von der Sicherheitspolizei" aus dem Schlaf gerissen zu werden.

An diese Botschaft glaubt Hala Mustafa heute noch, auch wenn von den demokratischen Blütenträumen der Bush-Jahre nicht viel übrig ist. "Ägypten", sagt sie, "ist kein Beispiel mehr, nicht am Golf, nicht an der Levante, nicht im Maghreb." Sich stets nur auf Stabilität hinauszureden, um in Wahrheit den Status Quo zu sichern, werfe Ägypten immer weiter zurück. Der Staat als Vater aller Dinge, als Ernährer, Beschützer und Aufpasser - diese Philosophie habe eine große Vergangenheit am Nil, aber das sei kein Modell der Zukunft.

Wer immer Mubarak folgt - das Sicherheits-Establishment wird ihn schwerlich allein regieren lassen. Das gilt vor allem für den Präsidentensohn Gamal, der seit Jahren systematisch auf diesen Job vorbereitet wird, während alle Beteiligten das stets bestreiten. Der gelernte Banker ist inzwischen zur wichtigsten Figur in der Staatspartei NDP aufgestiegen, er hat, wenn auch sehr spät, geheiratet, und er genießt die stille Unterstützung einer zuletzt sehr erfolgreichen Gruppe von jungen Ökonomen. Und, so spekulieren Diplomaten, die seiner einflussreichen Mutter Suzanne.

Nur wenige, die öffentlich über Mubaraks Nachfolge sprechen, würden eine dynastische Lösung akzeptieren. Antoine Sedhum, Chefredakteur der koptischen Zeitung "al-Watan", sagt resigniert: "So, wie sein Vater Ägypten hinterlässt, ist Gamal vielleicht die einzige Lösung."

Für Nasseristen, Liberale und Demokraten wie Alaa al-Aswani, den erfolgreichsten arabischen Schriftsteller der Gegenwart, geht es bei der Nachfolge Mubaraks um Würde. "Eine Dynastie zu bilden wäre, als wenn der alte Vater zu seinem Sohn sagt: 'Hier hast du meinen Hühnerstall, kümmere dich gut um die Tiere.' Wir sind aber keine Hühner. Wir sind Ägypter. Wir haben lange genug unter der Diktatur gelitten." VOLKHARD WINDFUHR,

BERNHARD ZAND

DER SPIEGEL 18/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

Inhaltsverzeichnis
Top

© SPIEGEL ONLINE 2013 Alle Rechte vorbehalten