Ausland
Wir brauchen einen Atatürk
Sawiris, 54, ist Chef des Mobilfunkunternehmens Orascom Telecom. Sein Vater, ein Bauunternehmer und koptischer Christ, wurde unter Staatschef Gamal Abd al-Nasser enteignet; seine Brüder leiten die Bau- und die Tourismussparte des Konzerns. Sawiris gilt als führender Liberaler Ägyptens.
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SPIEGEL: Worum sollte sich die ägyptische Führung zurzeit vorrangig kümmern - um die Entwicklung im Inneren oder die Sicherheits- und Außenpolitik, um Gaza und die Krisen der Araber?
Sawiris: Eindeutig um Ägypten. Wir haben so viel Zeit und Mühe für die Palästinenser aufgebracht, und was haben wir davon? Sie stürmen unsere Grenze und erschießen einen unserer Grenzoffiziere. Sie bezeichnen uns als Verräter, obwohl wir vier unnütze Kriege für sie führten. Jahrzehntelang hat Ägypten unter dieser Krise gelitten - und dafür beleidigen sie uns.
SPIEGEL: Sie sprechen von der Hamas, die Ägypten angeklagt hat, während des Gaza-Krieges die Grenze nicht aufgemacht zu haben.
Sawiris: Wir wollen nicht, dass alle herüberstürmen und Israel das Land überlassen. Was wäre schöner für die Israelis, als wenn die ganze Bevölkerung Gazas nach Ägypten umsiedelte? Wie töricht diese Hamas-Führung ist! Sie spielt mit unserer nationalen Sicherheit, durch die Hamas hat Iran einen Fuß in unserer Tür. Das geschmuggelte Geld, das wir den Hamas-Leuten an der Grenze abnehmen, trägt buchstäblich den Stempel der iranischen Zentralbank. Was ist das für eine Nachbarschaft?
SPIEGEL: Finden Sie, dass Ägyptens Führung sich richtig verhält?
Sawiris: Ich verstehe jedenfalls, dass sie den Extremismus sehr ernst nimmt - und ich beneide sie für ihre Geduld. Ich hätte diese Geduld nicht. Ich würde keinen Palästinenser nach Ägypten hereinlassen, bevor die Hamas-Führung nicht die Mörder dieses ägyptischen Offiziers herausrückt.
SPIEGEL: Ägypten hat viel von seinem Einfluss in der arabischen Welt eingebüßt - am Golf machen sich manche bereits lustig über den "kranken Mann am Nil".
Sawiris: Ob wir in den letzten zehn Jahren unsere Karten richtig gespielt haben, darüber kann man streiten. Aber was passiert denn in Katar, in den Emiraten, in Saudi-Arabien, wenn Ägypten fällt - wenn es einen iranisch unterstützten Putschversuch gibt, wenn die Muslimbrüder oder eine andere Gruppe hier schwere Unruhen stiften? Die Länder am Golf haben keine militärische Macht, keine Substanz, sie sind in Gefahr, zu einer iranischen Einflusszone zu werden. Deshalb ist es dumm, Ägypten zu erniedrigen.
SPIEGEL: Einem stärkeren Ägypten gegenüber würde man sich solche Respektlosigkeiten vielleicht gar nicht erlauben.
Sawiris: Wir halten uns für die Wiege der Zivilisation, den Hort der Stabilität. Aber unser Präsident ist manchmal zu tolerant. Die Sudanesen haben versucht, ihn umzubringen, und trotzdem verteidigt er jetzt diesen Mann ...
SPIEGEL: ... Sudans Präsidenten Omar al-Baschir, gegen den ein internationaler Haftbefehl vorliegt ...
Sawiris: ... und der diese Verteidigung nicht verdient hat. Dass Mubarak den jüngsten Arabergipfel in Katar nicht besucht hat, war jedenfalls richtig. Es war eine Botschaft.
SPIEGEL: Jahrzehntelang war Ägypten der politische, soziale, kulturelle Impulsgeber der Region.
Sawiris: Ägypten hat sich sehr zurückgezogen. Lassen Sie es mich als Geschäftsmann sagen: Ich bin bald 55, ich bin verantwortlich für 35 000 Mitarbeiter, ich muss mein Haus bestellen. Da kann ich mir keinen Egoismus leisten, also habe ich mit großer Umsicht einen Nachfolger bestimmt. Das gilt auch für mein Land. Es muss wissen, wie seine Zukunft aussieht.
SPIEGEL: Ist Mubaraks Sohn Gamal der richtige Mann?
Sawiris: Wenn er in einer ehrlichen Wahl, in einem freien Wettbewerb gewinnt, dann ja. Die viel entscheidendere Frage aber ist: Ist das Land für eine solche Wahl heute bereit? Und da ist meine Antwort leider nein.
SPIEGEL: Warum?
Sawiris: Weil das Nasser-Regime und alle seine Nachfolger sichergestellt haben, dass es keine Konkurrenz, keine säkularen, liberalen Parteien mehr gibt. Die einzige politische Gruppierung, die heute auf eine Wahl vorbereitet wäre, sind die Muslimbrüder, denn die haben im Untergrund gearbeitet. Wenn wir heute eine wirklich demokratische Wahl hätten, dann wäre das eine Katastrophe.
SPIEGEL: Was muss der nächste Präsident vor allem tun?
Sawiris: Er muss den säkularen Charakter Ägyptens wiederherstellen. Der Fundamentalismus gewinnt an Boden, weil der Mut fehlt, ihm entschieden entgegenzutreten. Was wir brauchen, sind nicht mehr Gefängnisse und mehr Polizei. Wir brauchen eine massive Verbesserung unserer Schulen, Krankenhäuser, der sozialen Fürsorge und unserer Medien. Heute haben wir nur Einzelkämpfer: Schriftsteller, die verjagt oder als Ketzer verunglimpft oder gar ermordet werden, Männer, die eine Zeitung oder, wie ich, einen liberalen, prowestlichen Fernsehsender gründen und dafür attackiert werden. Aber das ist alles Stückwerk. Wir brauchen ein Gesamtkonzept. Wir brauchen einen Atatürk.
SPIEGEL: Ist das kein Widerspruch? Einerseits wollen Sie einen starken Mann, andererseits sind Sie für die Demokratie.
Sawiris: Nein. Wir benötigen ein starkes Regime, das verbindlich auf eine demokratische Öffnung hinsteuert. Das mag fünf oder zehn Jahre dauern, in denen wir hart arbeiten, die Wirtschaft reformieren und behutsam unseren Sicherheitsapparat neutralisieren müssen - bevor demokratische Wahlen mit echten Parteien stattfinden.