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HANDEL

Angepöbelt und geschlagen

Bei einem großen Lieferanten der Metro AG in Bangladesch sollen schlimme Zustände herrschen: Eine Arbeiterin starb, immer wieder sollen Vorarbeiter geprügelt haben. Von Klawitter, Nils

Am 7. Dezember morgens gegen zehn Uhr spielte der Körper von Fatema Akter nicht mehr mit. Die 18-jährige Arbeiterin aus Bangladesch kauerte sich nach Augenzeugenberichten auf eine Pappe am Boden der Textilfabrik in der Millionenstadt Chittagong. Dass mit ihr etwas nicht stimmte, merkten selbst die Vorarbeiter. Auf die sonst oft üblichen Schläge sollen sie verzichtet haben. Sie hätten Fatema Akter einfach liegenlassen, sagen Kolleginnen. Als nach gut einer Stunde keine Hilfe kam, protestierten einige Näher. Mit einer Rikscha wurde die leblose Frau ins Krankenhaus gebracht. Dort starb sie wenige Stunden später.

Auf dem Totenschein ist von wässrigem Durchfall und schwerer Dehydrierung die Rede. Seine Tochter habe schon länger an Durchfall und Fieber gelitten, berichtet der Vater Abdul Khalek. "Mehrmals bat sie ihren Vorarbeiter um einen Tag Auszeit", erinnert er sich. Als Antwort habe sie Schläge bekommen.

Fatema Akter wusste es nicht, aber sie arbeitete viel für die Metro AG. Der deutsche Handelskonzern ist Hauptkunde der Fabrik RL Denim, so steht es stolz auf deren eigener Internet-Seite. 600 Arbeiter nähen dort jeden Monat 124 000 Jeans zusammen. Die junge Frau war erst seit einigen Wochen als Hilfsarbeiterin in der Fabrik beschäftigt. Sie schleppte Stoffe vom Erdgeschoss zu den Näherinnen und musste die fertigen Teile im Akkord entfusseln und säubern.

An den harten Arbeitstakt gewöhnte sich ihr Körper offenbar nicht: Über 70 Stunden in der Woche musste sie arbeiten, oft eine ganze Woche am Stück, erzählt eine Mitbewohnerin. 2200 Taka (24 Euro) bekam sie dafür im Monat.

Die Fabrik RL Denim gehört zur Gruppe Jeans Express des Unternehmers Ratan Datta. Der ist seit über 30 Jahren im Geschäft - ein "integrer" Mann, der über einen "vertikal integrierten" Konzern herrscht und "Ja sagt zum Kampf gegen Kinderarbeit". So zumindest seine Werbung in eigener Sache.

Datta verfügt auch über einen Anwalt. Der ließ vergangene Woche wissen, die Recherche des SPIEGEL sei "eine Verletzung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948". Die kranke Arbeiterin sei von ihren Vorgesetzten sogar ins Krankenhaus begleitet worden, wo auch die Krankenhausrechnung bezahlt worden sei.

Man halte sich an die Gesetze. Auch geschlagen werde in der Fabrik nicht. Noch kein Arbeiter habe sich bisher bei der BGMEA beschwert - ausgerechnet an den Unternehmerverband der Branche wird sich aber auch kaum jemand wenden.

"Von außen wirkt Jeans Express wie ein Musterunternehmen", sagt Charles Kernaghan vom amerikanischen National Labour Committee, einer auf Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern spezialisierten Nichtregierungsorganisation. Die Gruppe habe "zertifizierte Vorzeigefabriken, in denen sogar Marken wie Wrangler produziert werden".

Kernaghan war im Februar in der Hafenstadt Chittagong. Er sammelte gerade Material zu Arbeitsbedingungen bei Schiffsabwrackern, als örtliche Gewerkschaftsvertreter ihn auf RL Denim aufmerksam machten. Nachts organisierten sie Treffen mit den Arbeitern. Kernaghan kopierte Arbeitskarten der Näherinnen - mit Wochenarbeitszeiten von 67,5 und 82 Stunden.

Das Trinkwasser, berichteten Arbeiterinnen, habe nach Öl gerochen. Oft müssten sie "sieben Tage durcharbeiten, für umgerechnet 11 US-Cent pro Stunde. Mutterschutz wird ihnen verwehrt, stattdessen werden sie angepöbelt und geschlagen", so Kernaghan. Etwa 13 US-Cent erhalten Näherinnen seiner Rechnung nach für eine Metro-Jeans.

Der Düsseldorfer Handelsriese lässt seit 2003 bei RL Denim fertigen. Der Betrieb, so ein Metro-Sprecher, liefere gute Qualität und sei 2005 kontrolliert worden - im Rahmen von Metros BSCI-Engagements. BSCI steht für Business Social Compliance Initiative. Es ist eine Art sozialer Vollkaskoschutz, den Unternehmen wie C&A, Karstadt und Metro für sich erfanden.

Seit 2005 versucht die Initiative, die Arbeitsbedingungen bei Textilzulieferern zu verbessern. Die Regeln allerdings haben die Mitglieder selbst bestimmt, die Kontrollen werden vorher angemeldet. RL Denim fiel sogar bei dieser eher lauen BSCI-Prozedur schlecht auf. Zwar gab es im Hinblick auf Diskriminierung, Kinder- und Gefangenenarbeit keine Beanstandungen. Aber "die Kriterien Arbeitszeiten, Bezahlung, Gesundheit und Sicherheit wurden nach BSCI-Standard als kritisch bewertet", so Metro-Sprecher Rüdiger Stahlschmidt. Eine Nachuntersuchung steht vier Jahre später noch aus. Das soll nun im ersten Halbjahr 2009 passieren, versichert Metro.

Die offiziellen Kontrollen, berichten mehrere Arbeiterinnen von RL Denim, seien ein Witz. Die Vorarbeiter warnten vorher alle, sich nur ja nicht zu beschweren. Ausnahmsweise sei an solchen Tagen immer pünktlich Schluss.

Vorbildlich wirke etwa das Schwarze Brett in der Fabrik, das auf den gesetzlichen Mutterschutz hinweist. "Aber den hat nie eine bekommen", so Fatema Begum*, die nach der Geburt ihres Sohnes neu anfangen musste. Aisha Kondaker*, 21, wurde nach acht Jahren in der Fabrik gefeuert. Sie hatte um Mutterschutz gebeten. Dasselbe, so Begum, passiere mit Arbeitern, die versuchen, sich zu organisieren. Von Schlägen berichten beide.

"Der BSCI-Code ist ein Werbemittel für uns Verbraucher, den Arbeitern bringt er nichts", sagt Maik Pflaum von der Christlichen Initiative Romero, Mitbegründerin der internationalen Clean Clothes Campaign (CCC). Mit dem Kodex, so Pflaum, sollen höhere Standards unterlaufen - etwa der der Fair Wear Foundation, die in die Überprüfungen auch örtliche Gewerkschaften einbezieht - und das Einkaufsgebaren vor Ort kontrolliert werden.

Weder bei Metro-Lieferanten (SPIEGEL 24/2005) noch bei denen der Otto-Tochter Heine-Versand oder von Esprit konnten die Kontrollen Kinderarbeit verhindern. Diese Fälle seien jedoch "weiter unten in der Lieferkette" aufgetreten, sagt ein BSCI-Sprecher. Metro gibt allerdings zu, auch bei den Kontrollen von Hauptlieferanten in Bangladesch bereits zweimal auf Kinderarbeit gestoßen zu sein.

Dass diese Missstände dann beim zweiten Besuch, dem Re-Audit, abgestellt wa-

ren, belege "die positiven Auswirkungen der BSCI-Prüfungen", sagt die Metro. Vielleicht aber auch nur die schnelle Reaktion der Manager.

Insgesamt besuchten Kontrolleure in den vergangenen drei Jahren 481-mal Zulieferer in Bangladesch. 80 Prozent der Firmen fielen dabei durch. Die Berichte spiegeln die Zustände eines Landes, das seit über 30 Jahren versucht, mit Nähen, Wirken und Färben der Armut zu entkommen - und dessen Bewohner kaum etwas davon haben. Und sie verraten etwas über die Firmen, die sich hinter Gesetzen verschanzen, die in der Realität nichts zählen. Denn rein juristisch gilt in Bangladesch eine 48-Stunden-Woche (mit höchstens 12 Überstunden). Es gibt das Recht auf 16 Wochen bezahlten Mutterschutz, 2 Wochen bezahlten Urlaub - und auf sauberes Wasser am Arbeitsplatz. Wenn 14-Jährige beschäftigt werden, dürfen sie nicht acht Stunden an den Nähmaschinen hocken.

Solche Grundsätze akzeptiert von Lidl bis zum Textildiscounter KiK inzwischen jedes westliche Unternehmen - "social responsibility" ist ein Trend. Dass die Einkäufer der Firmen die örtlichen Produzenten gegeneinander um die günstigsten Preise antreten lassen, passt weniger ins Bild der sich sorgenden Unternehmen. Dass die Näher wegen rasch wechselnden Modetrends und Eilbestellungen 80-Stunden-Wochen einlegen müssen, ebenso wenig.

"Das Schlechteste, was Metro jetzt tun kann, ist, einfach abzuhauen", sagt Fachmann Kernaghan. Metro solle helfen, RL Denim in eine Fabrik zu verwandeln, in der sich spürbar etwas ändert und Arbeitsrechte eingehalten werden. Konzernsprecher Stahlschmidt ließ Ende vergangene Woche wissen, man habe eine umfassende Untersuchung des Falles der toten Arbeiterin Fatema Akter eingeleitet. Bisher gehe man davon aus, dass der Lieferant seiner Sorgfaltspflicht nachgekommen sei.

Der Familie der Toten ist Hilfe von der Firmenleitung versprochen worden. "Bis heute haben wir nichts bekommen", sagt der Vater. Seine Tochter wollte eigentlich zur Feier des Opferfestes zu ihnen aufs Land kommen. Für die Fahrt hatte sie etwas von ihrem Lohn zurückgelegt. NILS KLAWITTER

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DER SPIEGEL 21/2009 vom 18.5.09:

Der SPIEGEL berichtete ...

... in Nr. 20/2009 "Handel - Angepöbelt und geschlagen" über die prekären Zustände bei einem Metro-Zulieferbetrieb in Bangladesch, wo eine Arbeiterin verstarb.

Auf der Jahreshauptversammlung der Metro AG bedauerte Metro-Chef Eckhard Cordes vergangenen Mittwoch den Tod der Arbeiterin. Cordes gestand ein, Metro habe nach einer Überprüfung des Zulieferers 2005 jahrelang eine Nachprüfung versäumt. Eigentlich hätte dies spätestens nach zwölf Monaten erfolgen sollen. Während ein Metro-Sprecher vorvergangene Woche noch davon ausging, der Zulieferer sei seiner Sorgfaltspflicht nachgekommen, kündigte Cordes nun an, die Geschäftsbeziehungen sofort zu beenden.

* Namen von der Redaktion geändert.

DER SPIEGEL 20/2009
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