STREIKS IN KITAS
Ich unterstütze eine bessere Bezahlung
SPIEGEL: Tausende berufstätige Eltern dürften diese Woche vor geschlossenen Kitas stehen. Haben Sie Verständnis dafür, dass Erzieherinnen für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen?
Roth: Grundsätzlich ja. Aber der Streikaufruf der Gewerkschaften zum jetzigen Zeitpunkt ist völlig unnötig, weil die Arbeitgeber Verhandlungen über den Gesundheitsschutz gar nicht abgelehnt haben. Richtig ist: Wir müssen den Erzieherberuf in Deutschland aufwerten. Dazu gehört, wie es bei den meisten europäischen Nachbarn längst Standard ist, zum Beispiel die Diskussion um eine bessere Ausbildung angesichts der Bildungsanforderungen im frühkindlichen Bereich. Schon jetzt gibt es in vielen Regionen Deutschlands einen Mangel an Fachkräften für frühkindliche Bildung. Der wird mit dem Ausbau der Betreuungsangebote für Kinder unter drei Jahren zunehmen. In Frankfurt überlegen wir deshalb momentan, das Problem selbst in die Hand zu nehmen und eine kommunale Schule mit hohem fachlichen Niveau für Erzieherinnen und Erzieher zu gründen.
SPIEGEL: Und die qualifizierten Erzieher werden dann von den Kommunen mit Mini-Löhnen abgespeist?
Roth: Davon kann keine Rede sein. Ich unterstütze eine bessere Bezahlung, so wie sie die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände in den aktuellen Tarifverhandlungen angeboten hat. Mittelfristig müssen wir auch über bessere Ausbildung und die Qualität in den Einrichtungen reden. Aber wir können nicht alles auf einmal schaffen. Gerade nach der Steuerschätzung der vergangenen Woche sind die finanziellen Spielräume für die Kommunen sehr eng geworden.
SPIEGEL: Also ist jetzt Sparen auf Kosten der Kitas angesagt?
Roth: Auf keinen Fall! Bei der Bildung und dem Ausbau der Kinderbetreuung dürfen Bund, Länder und Kommunen auch in Zeiten knapper Kassen nicht den Rotstift ansetzen. Im Gegenteil: Ich wünsche mir, dass jene Städte, die das trotz Wirtschaftskrise können, ihre Mittel klug umschichten und gerade im Zukunftsbereich Bildung und Erziehung investieren. Das ist sehr wichtig - ganz einfach, weil wir alle Kinder von Anfang an für die Wissensgesellschaft fit machen müssen. Sonst verschwenden wir in Deutschland unsere wichtigste Ressource. Im Übrigen ist gute Kinderbetreuung längst ein echter Standortfaktor geworden. Ich kenne in Frankfurt Spitzenmanager aus dem Ausland, die gar nicht zu uns gekommen wären, wenn wir ihrer Familie nicht eine sehr gute Kindertagesstätte hätten bieten können.