Lade Daten...
Inhaltsverzeichnis

Titel

Die DDR genoss keinen Heldenstatus

Der frühere Innenminister und Rechtsanwalt Otto Schily, 76, über den Stasi-Spitzel Kurras Von Stark, Holger

SPIEGEL: Sie haben die Familie Ohnesorg als Nebenkläger gegen Karl-Heinz Kurras vertreten. Wie sehr hat Sie der Aktenfund überrascht?

Schily: Das hätte ich mir nie vorstellen können, dazu fehlte mir jede Phantasie. Die Frage ist, was die Stasi mit Kurras wollte. Wollte sie nur Informationen aus dem Innenleben der Polizei gewinnen? Oder sollte Kurras gezielt die Funktion eines Agent provocateur erfüllen? Da können wir heute nur spekulieren.

SPIEGEL: Der 2. Juni 1967 war ein Fanal für die außerparlamentarische Linke. Müssen nun wichtige Teile der westdeutschen Nachkriegsgeschichte umgeschrieben werden?

Schily: Ohnesorgs Tod war eine Zäsur, da kulminierte ein brutaler Polizeieinsatz mit einem Todesfall, das hat viele Menschen wie mich damals sehr aufgeschreckt. Aber Sie können das nicht nur als singuläres Ereignis betrachten. Am Abend vorher fand eine große Veranstaltung in der Freien Universität Berlin statt, wo über die Foltermethoden des Schah-Regimes berichtet wurde, dann kam am nächsten Tag der Schah nach Berlin. Nach Ohnesorgs Tod verschwanden Beweismittel, das Magazin aus Kurras' Pistole war unauffindbar, und Fernsehbilder waren plötzlich unbrauchbar. Kurras ist für diese historische Phase sicher eine wichtige Figur gewesen, aber man darf den Gesamtzusammenhang nicht aus den Augen verlieren. Wer jetzt meint, man müsste die gesamte Geschichte der 68er-Bewegung neu schreiben, der liegt falsch.

SPIEGEL: Was wäre passiert, wenn Kurras' Stasi-Tätigkeit damals schon bekanntgeworden wäre?

Schily: Wenn damals die "Bild" mit der Schlagzeile erschienen wäre: "Stasi-Spion erschoss

Benno Ohnesorg", dann hätte das natürlich für einigen Aufruhr gesorgt, davon muss man ausgehen. Es hätte sicherlich jede Menge Verschwörungstheorien gegeben. Die entscheidende Frage für mich ist, ob sich der Polizeibeamte Kurras aufgrund seiner Stasi-Verpflichtungen in dieser Krisensituation anders verhalten hat, als er es sonst getan hätte.

SPIEGEL: Dafür haben sich in den Akten bislang keine Indizien gefunden.

Schily: Natürlich hat die Stasi immer wieder versucht, Einfluss auf die Studentenbewegung zu nehmen. Auf der anderen Seite war die 68er-Bewegung eher kritisch zur DDR eingestellt. Ich selbst habe damals an einer Demo vor der tschechischen Militärmission in Berlin teilgenommen, um gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in Prag zu demonstrieren. Das war ein Punkt, wo sich die 68er massiv gegen die DDR gestellt haben. Insofern hätte eine solche Schlagzeile gar nicht unbedingt zur Desillusionierung beigetragen. Die DDR genoss keinen Heldenstatus.

SPIEGEL: Ohnesorgs Tod war die Geburtsstunde der deutschen Stadtguerilla. Mit der "Bewegung 2. Juni" hat sich eine der Gruppen sogar nach dem Ereignis benannt. Hätte es diese Vereinigungen so gegeben, wenn bekannt gewesen wäre, dass der Schütze ein Stasi-Spitzel war?

Schily: Das ist schwer zu sagen, aber ich glaube nicht, dass das etwas Entscheidendes geändert hätte. Das kann man nicht von einem einzigen Vorgang abhängig machen.

SPIEGEL: Empfinden Sie es als Ironie der Geschichte, dass jemand wie Till Meyer, der Mitglied der "Bewegung 2. Juni" war und später für die Stasi spitzelte, letztlich für die gleiche Organisation gearbeitet hat wie der Todesschütze Kurras?

Schily: Auf der einen Seite der Guerillero, auf der anderen der Kriminalbeamte, der das Ganze ausgelöst hat - das ist schon eine makabre Situation. Das sollte uns aber nicht zu dem Schluss verführen, dass dieser Teil der Geschichte von der Stasi gesteuert wurde. So einflussreich war die Stasi dann doch nicht, auch wenn sie immer davon geträumt hat.

SPIEGEL: Sie sind damals vor Gericht gescheitert, Kurras ist nie verurteilt worden. Wäre der Prozess mit den heutigen Kenntnissen anders verlaufen?

Schily: Davon bin ich überzeugt. Man muss schon fragen, ob das Verschwinden der Beweismittel und die merkwürdigen Zeugenaussagen anderer Polizisten alles Zufälle waren. Wenn die Polizei gewusst hätte, was es mit diesem Herrn auf sich hatte, hätte sie den Fall ganz anders angefasst. Dann wäre Ohnesorgs Tod richtig aufgeklärt worden. Deshalb wäre das Material damals entscheidend gewesen.

SPIEGEL: Kurras war vor allem ein Waffennarr, der noch 2007 bekannt hat, er hätte auf Ohnesorg so oft schießen sollen, "dass die Fetzen geflogen wären, nicht nur ein Mal". Als was für einen Menschen haben Sie ihn kennengelernt?

Schily: Ich empfand ihn als einen undurchdringlichen Angeklagten, aus dem keiner schlau wurde. Aber diese Äußerungen von Kurras wären eigentlich ein Grund, das Verfahren noch mal aufzurollen. Bisher ging es vor Gericht immer um fahrlässige Tötung. Bei solchen Sätzen muss man davon ausgehen, dass er das bewusst getan hat und seine Aussage, es habe sich um ein Versehen und Notwehr gehandelt, nicht stimmt.

SPIEGEL: Hoffen Sie auf ein Wiederaufnahmeverfahren, um späte Gerechtigkeit zu erreichen?

Schily: Daran glaube ich nicht. Da müsste in der Stasi-Akte schon stehen, dass die DDR ihn beauftragt hatte, einen Studenten zu erschießen. Ich fürchte, 42 Jahre nach dem tragischen Tod ist die Geschichte über dieses Verfahren hinweggegangen. INTERVIEW: HOLGER STARK

* 1972 mit Hans-Christian Ströbele und Horst Mahler in Berlin.

DER SPIEGEL 22/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

Inhaltsverzeichnis
Top

© SPIEGEL ONLINE 2013 Alle Rechte vorbehalten